--- name: strafrecht-spezial-rechtsbeugung-339-stgb description: "Rechtsbeugung nach Paragraph 339 StGB: Sonderdelikt für Richter Schiedsrichter und sonstige Amtstraeger im Rechtsbeugungs-Sinne. Beugen des Rechts zugunsten oder zum Nachteil einer Partei. Sperrwirkung in der Praxis ho..." --- # Rechtsbeugung nach Paragraph 339 StGB ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: die im Fachgebiet einschlägigen Verfahrens-, materiellen und Anmeldefristen vorab markieren und nicht aus Modellwissen finalisieren (insbesondere Widerspruch 1 Monat, Klage 1 Monat, Verjährung §§ 195, 199 BGB / spezialgesetzlich). - Tragende Normen verifizieren: StGB §§ 13, 22, 23, 25, 32, 35, 46, 47, 56, 57, StPO §§ 100a, 102, 105, 112, 136, 137, 140, 147, 152, 153a, 244, 257c, 261, 264, 265, 267, 304, 341, 344, 349; StPO; StGB — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. **Fokus:** Rechtsbeugung nach Paragraph 339 StGB. Sonderdelikt für Richter Schiedsrichter und sonstige Amtstraeger im Rechtsbeugungs-Sinne. Beugen des Rechts zugunsten oder zum Nachteil einer Partei. Sperrwirkung in der Praxis hohe Anforderungen an Vorsatz BGH staendige Rspr. Verteidigung bei Verfahrenstaktik. ## Worum geht es Paragraph 339 StGB ist das **schwerste Amtsdelikt** im deutschen Strafrecht. Sanktioniert wird, wer als Richter, Schiedsrichter oder anderer Amtstraeger bei der Leitung oder Entscheidung einer Rechtssache **sich der Rechtsbeugung zugunsten oder zum Nachteil einer Partei schuldig macht**. Geschuetztes Rechtsgut: die innere Rechtsordnung und das Vertrauen in die unabhaengige Rechtspflege. Anwendungsfaelle: Richter erlaesst zugunsten eines Freundes oder Verwandten einen unrichtigen Beschluss; bewusste Falschdarstellung des Sachverhalts im Urteil; Staatsanwalt manipuliert Ermittlungsergebnisse; Schiedsrichter entscheidet wider die Beweislage gegen Bezahlung. **Die Schwelle in der Praxis ist sehr hoch**: BGH verlangt einen **schwerwiegenden, offensichtlichen Verstoss gegen das Recht** mit Vorsatz. ## Tatbestand und Auslegung ### Tauglicher Taeter - **Richter** im Sinne des GVG (Berufsrichter und ehrenamtliche Richter wie Schoeffen). - **Schiedsrichter** in einem privaten Schiedsverfahren. - **Anderer Amtstraeger** bei der Leitung oder Entscheidung einer Rechtssache. Erfasst sind insbesondere **Staatsanwaelte** bei der Anklageerhebung oder Verfahrensentscheidung, **Finanzbeamte** bei Steuerfestsetzungen, **Standesbeamte** in entsprechenden Verfahren. Streit besteht im Detail; **Rechtspfleger** sind im Bereich richterlicher Funktionen als Amtstraeger erfasst. ### Bei der Leitung oder Entscheidung einer Rechtssache Erfasst ist nicht nur die Endentscheidung, sondern jede Verfahrenshandlung mit rechtsgestaltender Wirkung — Beweisanordnung, Zeitpunkt der Hauptverhandlung, Aussetzungsentscheidungen. ### Rechtsbeugung — der elementare Verstoss Rechtsbeugung ist ein **bewusster, schwerwiegender Verstoss gegen geltendes Recht**. BGH staendige Rspr. fordert eine **offensichtliche, schwerwiegende Pflichtverletzung**. Ein blosser Rechtsirrtum oder Vertretbarkeitsstreit reicht nicht. Die Schwelle wurde nach den DDR-Justizverfahren bewusst hoch angesetzt, um die Unabhaengigkeit der Justiz zu schuetzen. Kriterien: - Verstoss gegen klar formulierte Gesetzesnorm. - Bewusstsein des Verstosses. - Nicht-Vertretbarkeit der Auslegung — nicht nur eine moegliche unter mehreren Auslegungen, sondern jenseits dessen, was juristisch noch vertretbar ist. ### Zugunsten oder zum Nachteil einer Partei Die Rechtsbeugung muss eine konkrete Partei beguenstigen oder belasten. Bei "neutralen" Fehlern ohne Parteibezug greift Paragraph 339 StGB nicht. ### Subjektiver Tatbestand **Direkter Vorsatz** bezueglich der Pflichtwidrigkeit ist nach hM erforderlich (Streitstand!). Dolus eventualis genuegt nach Teil der Lit. nicht; BGH fordert "sicheres Wissen um die Pflichtwidrigkeit". Hohe Schwelle als Schutz der richterlichen Unabhaengigkeit. ## Praktikertipps Verteidigung - **Vorsatz konsequent angreifen.** BGH staendige Rspr. fordert direktes Wissen um die Pflichtwidrigkeit; Mandant haette die Rechtsauffassung für vertretbar halten muessen. Bei Streitstand in der Lit. oder OLG-Rspr. ist Vertretbarkeit regelmaessig zu bejahen. - **Vertretbarkeitsspielraum nutzen.** Auch fragwuerdige, aber juristisch begruendbare Entscheidungen sind nicht Rechtsbeugung. Sachverstaendigengutachten zur Vertretbarkeit der Entscheidungslinie kann entlastend wirken. - **Verfahrensfehler trennen von Materialer Rechtsbeugung.** Nicht jeder Verfahrensfehler ist Rechtsbeugung. Schlampige Verfahrensfuehrung ist Dienstvergehen, nicht Strafbarkeit. - **DDR-Justizverfahren als Praezedenz.** BGH hat in den Verfahren gegen ehemalige DDR-Richter (sog. Mauerschuetzen-Justiz) die Schwelle sehr hoch gesetzt; Bezugnahme moeglich. - **Parteibezug bestreiten.** Wenn die Entscheidung niemand konkret schaedigte, fehlt das Tatbestandsmerkmal. - **Disziplinarrecht ist Auffanglinie.** Wenn nicht strafrechtlich erfasst, droht Disziplinarverfahren mit Suspendierung oder Entlassung. ## Trade-off-Matrix | Pfad A Bestreiten Pflichtverletzung | Pfad B Bestreiten Vorsatz / Vertretbarkeit | Empfehlung | | --- | --- | --- | | Riskant, wenn objektive Pflichtverletzung klar; Sachverstaendigengutachten dafür noetig. | Hochwirksam: BGH verlangt direkten Vorsatz und Offensichtlichkeit; Vertretbarkeitsverteidigung trifft Kern der Rspr. | Pfad B ist die uebliche und meist erfolgreiche Linie. Vertretbarkeitsspielraum der Auslegung breit darstellen. | ## Konkurrenzen - **Paragraph 339 StGB und Paragraph 340 StGB Koerperverletzung im Amt.** Tatmehrheit moeglich, wenn neben Rechtsbeugung auch koerperliche Misshandlung. - **Paragraph 339 StGB und Paragraph 348 StGB Falschbeurkundung im Amt.** Tatmehrheit moeglich, wenn Rechtsbeugung durch Beurkundungsfehler erfolgt. - **Paragraph 339 StGB und Paragraph 263 StGB Betrug.** Tateinheit moeglich bei Vermoegensbezug. - **Paragraph 339 StGB und Paragraph 332 StGB Bestechlichkeit.** Tatmehrheit; oft gemeinsam (Bestechungsgeld + Rechtsbeugung). - **Paragraph 339 StGB ist primaer.** Andere Verfahrensdelikte des Amtstraegers treten zurueck. ## Strafzumessung und Folgen - **Strafrahmen:** Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu fuenfzehn Jahren. Geldstrafe nicht moeglich. - **Bewaehrungsfaehigkeit:** bei Mindeststrafe 1 Jahr nur in Ausnahmefaellen; bei Strafen ueber 2 Jahre nicht moeglich. - **Berufsverbot Paragraph 70 StGB** zwingend bei Verurteilung — Richter oder Beamter verliert Amt nach Paragraph 24 DRiG bzw. Paragraph 41 BBG. - **Disziplinarrechtliche Folgen** vorgesehen ueber Paragraph 33 BeamtStG (Entfernung aus dem Beamtenverhaeltnis). - BZRG-Eintrag zwingend. - **Sperre für Bestellung als Anwalt** ueber Paragraph 7 BRAO moeglich. ## Mustertexte **Schriftsatz-Snippet (Vertretbarkeit):** "Die meinem Mandanten zur Last gelegte Auslegung von Paragraph X im Beschluss vom DD.MM.JJJJ entspricht der von einem Teil der Lit. (Mueller in: Kommentar zu Paragraph X, Rn 12) und der OLG-Rspr. des OLG Y vertretenen Linie. Sie ist damit jedenfalls vertretbar; eine schwerwiegende, offensichtliche Pflichtverletzung im Sinne der BGH staendigen Rspr. liegt nicht vor." **Hilfsbeweisantrag:** "Es wird beantragt, ein Sachverstaendigengutachten eines Hochschullehrers für Strafrecht oder Strafprozessrecht einzuholen zum Beweis der Tatsache, dass die meinem Mandanten zur Last gelegte Verfahrensentscheidung vertretbar war." **Einlassungs-Snippet (Vorsatzausschluss):** "Ich habe die Entscheidung im guten Glauben getroffen, dass meine Auslegung der Norm rechtlich vertretbar sei. Ich habe vor der Entscheidung am DD.MM.JJJJ mit dem Vorsitzenden Richter X die Auslegungsfrage besprochen; er hat mir bestaetigt, dass die von mir gewaehlte Auslegung in seiner Spruchpraxis ebenfalls vorkommt." ## Quellen Stand 06/2026 - Paragraph 339 StGB im Wortlaut (gesetze-im-internet.de; dejure.org). - BGH staendige Rspr. zur hohen Schwelle der Rechtsbeugung (offensichtliche, schwerwiegende Pflichtverletzung). - BGH staendige Rspr. zum direkten Vorsatzerfordernis. - BGH-Linie aus den DDR-Justizverfahren (Mauerschuetzen-Justiz; Hochverratsverfahren). - Paragraph 24 DRiG Amtsverlust bei Verurteilung; Paragraph 41 BBG für Beamte. - Paragraph 33 BeamtStG Disziplinarrecht. - Paragraph 70 StGB Berufsverbot. - Paragraph 7 BRAO Sperre als Anwalt. - BVerfG staendige Linie zur Schutzwirkung der richterlichen Unabhaengigkeit (Art 97 GG).