--- name: strafrecht-spezial-stalking-238-stgb description: "§ 238 StGB Nachstellung (Stalking): Aufbau des Tatbestandes nach Reform 2017 und 2021 (geltendes Recht: wiederholte Nachstellungshandlung und Eignung zur nicht unerheblichen Beeintraechtigung der Lebensgestaltung), Regelbeispiele, besonders schwere Faelle,..." --- # § 238 StGB Nachstellung (Stalking): Aufbau des Tatbestandes nach Reform 2017 und 2021 (geltendes Recht: wiederholte Nachstellungshandlung und Eignung zur nicht unerheblichen Beeintraechtigung der Lebensgestaltung), Regelbeispiele, besonders schwere Faelle, Todesfolge, Praktikertipps für die Verteidigung (Tatdokumentation, Affekt-/Schutzbehauptungen, GewSchG-Schnittstelle), Trade-offs Verteidigungsstrategie, Strafzumessung nach § 46 StGB, Mustertexte für Einlassung und Hilfsbeweisantrag, Verhaeltnis zu § 240 und § 241 StGB. ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: die im Fachgebiet einschlägigen Verfahrens-, materiellen und Anmeldefristen vorab markieren und nicht aus Modellwissen finalisieren (insbesondere Widerspruch 1 Monat, Klage 1 Monat, Verjährung §§ 195, 199 BGB / spezialgesetzlich). - Tragende Normen verifizieren: StGB §§ 13, 22, 23, 25, 32, 35, 46, 47, 56, 57, StPO §§ 100a, 102, 105, 112, 136, 137, 140, 147, 152, 153a, 244, 257c, 261, 264, 265, 267, 304, 341, 344, 349; StPO; StGB — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. **Fokus:** § 238 StGB Nachstellung (Stalking): Aufbau des Tatbestandes nach Reform 2017 und 2021 (geltendes Recht: wiederholte Nachstellungshandlung und Eignung zur nicht unerheblichen Beeintraechtigung der Lebensgestaltung), Regelbeispiele, besonders schwere Faelle, Todesfolge, Praktikertipps für die Verteidigung (Tatdokumentation, Affekt-/Schutzbehauptungen, GewSchG-Schnittstelle), Trade-offs Verteidigungsstrategie, Strafzumessung nach § 46 StGB, Mustertexte für Einlassung und Hilfsbeweisantrag, Verhaeltnis zu § 240 und § 241 StGB. ### § 238 StGB — Nachstellung (Stalking) ## Worum geht es konkret § 238 StGB sanktioniert die Nachstellung — umgangssprachlich "Stalking". Die Vorschrift wurde durch das Stalking-Bekaempfungsgesetz (2007), die Reform 2017 (Erfolgsdelikt aufgegeben, Eignungsdelikt) und die Reform 2021 deutlich verschaerft. Verteidiger muessen die Reform-Stufen kennen und das anwendbare Recht ueber den Tatzeitraum sauber abgrenzen. ## Tatbestand im Detail § 238 Abs. 1 StGB n.F.: Wer einem Menschen in einer Weise unbefugt nachstellt, die geeignet ist, dessen Lebensgestaltung nicht unerheblich zu beeintraechtigen, indem er **wiederholt** ... Die acht Regelbeispiele: 1. die raeumliche Naehe aufsucht 2. unter Verwendung von Telekommunikationsmitteln oder sonstigen Mitteln der Kommunikation oder ueber Dritte Kontakt herzustellen versucht 3. unter missbraeuchlicher Verwendung von dessen personenbezogenen Daten Bestellungen abgibt oder Dritte veranlasst, mit diesem Kontakt aufzunehmen 4. mit der Verletzung von Leben, koerperlicher Unversehrtheit, Gesundheit oder Freiheit droht 5. zulasten der betroffenen Person oder nahestehender Personen eine Tat nach §§ 202a, 202b oder 202c StGB begeht 6. eine Abbildung der betroffenen Person oder nahestehender Personen verbreitet oder oeffentlich zugaenglich macht 7. einen Inhalt verbreitet oder oeffentlich zugaenglich macht, der unter Vortaeuschung der Urheberschaft der betroffenen Person geeignet ist, diese veraechtlich zu machen oder herabzuwuerdigen 8. eine mit Nr. 1 bis 7 vergleichbare Handlung vornimmt Strafrahmen § 238 Abs. 1 StGB: Freiheitsstrafe bis 3 Jahre oder Geldstrafe. § 238 Abs. 2 StGB: besonders schwere Faelle der Nachstellung nach Abs. 1 Nr. 1 bis 7, Strafrahmen 3 Monate bis 5 Jahre. Hierhin gehoeren insbesondere verursachte Gesundheitsschaedigung, Gefahr des Todes oder einer schweren Gesundheitsschaedigung, eine Vielzahl von Tathandlungen ueber mindestens sechs Monate und bestimmte Cyber-/Bild-/Inhaltskonstellationen. § 238 Abs. 3 StGB: Todesfolge. Verursacht die Tat den Tod des Opfers, eines Angehoerigen oder einer anderen nahestehenden Person, betraegt der Strafrahmen 1 bis 10 Jahre. Schwere Gesundheitsschaedigung ohne Tod nicht in Abs. 3 ziehen, sondern Abs. 2 pruefen. ## Praktikertipps der Verteidigung - **Tatzeitraum sauber abgrenzen**: Vor der 2017er Reform war § 238 StGB als Erfolgsdelikt ausgestaltet (schwerwiegende Beeintraechtigung der Lebensgestaltung musste tatsaechlich eingetreten sein). Seit der Reform reicht die Eignung zur nicht unerheblichen Beeintraechtigung. Bei Alttatzeitraeumen vor Inkrafttreten der Reform ist das Bestreiten des konkreten Erfolgs ein Verteidigungsansatz. - **"Wiederholt" statt altem Eingangselement**: Fuer aktuelles Recht nach der Reform 2021 ist "wiederholt" das gesetzliche Eingangselement. Aeltere Rechtsprechung zum frueheren Merkmal kann nur noch für Altrecht und als historischer Auslegungs- und Abgrenzungshintergrund helfen, ersetzt aber nicht den aktuellen Gesetzeswortlaut. Verteidigung daher nicht auf ein weggefallenes Merkmal stuetzen, sondern Anzahl, Dichte, Zeitraum, Zusammenhang und Eignung der konkreten Handlungen pruefen. - **Eignung zur Beeintraechtigung**: objektiver Massstab, nicht das subjektive Empfinden des Opfers. Verteidigung kann hier mit Lebensumstaenden des Opfers (Selbststaendigkeit, Mobilitaet, soziale Einbindung) argumentieren. - **Vorsatz**: bedingter Vorsatz genuegt. Bei einseitiger Liebe (Schwarmverliebtheit, Verfolgungswahn) Schuldfaehigkeit § 20 StGB pruefen. - **GewSchG-Schnittstelle**: zivilrechtliche Annaeherungsverbote (Familiengerichtsbeschluss § 1 GewSchG) und Strafverfahren laufen oft parallel. Verstoss gegen zivilen Beschluss = eigener Straftatbestand § 4 GewSchG. - **Pretrial-Massnahmen**: Kontaktverbot, Wohnungsverweisung — Verteidigung kann antiveriablen Plan vorlegen (Therapie, freiwillige Abstinenz). ## Trade-off-Matrix | Trade-off | Pfad A | Pfad B | Empfehlung | |---|---|---|---| | Tatbestand bestreiten vs. Tatzeitraum eingrenzen | Komplettbestreiten | Anerkennung einzelner Kontaktaufnahmen ohne ausreichende Wiederholung/Dichte/Eignung | je nach Beweislage; ohne Belege Pfad A, mit Kommunikationsprotokollen Pfad B | | § 238 vs. § 240 StGB | Stalking | Noetigung | § 238 bei wiederholtem Nachstellungsbild; § 240 bei Einzelfall mit noetigender Zwecktendenz | | § 153a StPO Einstellung gegen Auflage | Therapie + Geldauflage | Hauptverhandlung mit Freispruchsantrag | Pfad A bei Ersttaeter ohne schwere Folge | ## Konkurrenzen - § 238 StGB und § 240 StGB stehen in Tateinheit, wenn die Nachstellungshandlung auch noetigend wirkt. - § 238 StGB und § 241 StGB (Bedrohung): Tateinheit, wenn wiederholte Drohungen Teil des Nachstellungsbildes sind. - § 238 StGB und § 201a StGB (Verletzung des hoechstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen): nach Reform 2021 spezialgesetzlich auch in Regelbeispiel 5/6 erfasst. - § 238 StGB und § 4 GewSchG: Tatmehrheit, wenn ein gerichtliches Verbot besteht. ## Strafzumessung und Folgen - § 46 StGB allgemeine Strafzumessung: Vorgeschichte, Beziehungsdynamik, Therapieeinsicht massgeblich. - Berufsverbot § 70 StGB selten, aber bei einschlaegigen Berufsfeldern moeglich (Sicherheitsdienst, Lehrer). - BZRG: Eintrag bei Geldstrafe ueber 90 Tagessaetzen oder Freiheitsstrafe. - Faehigkeit zur Waffenbesitzkarte (§ 5 II Nr. 1c WaffG): regelmaessig negativ tangiert. ## Mustertexte **Einlassung-Entwurf** (Auszug): > Mein Mandant raeumt ein, dass es im Zeitraum [Tatzeitraum] Kontakte zur Geschaedigten gegeben hat. Diese erfolgten jedoch zunaechst auf gemeinsame Initiative im Rahmen einer noch bestehenden Beziehung. Erst nach der einseitigen Trennungserklaerung am [Datum] entstand ein Konfliktverhalten, das mein Mandant heute selbstkritisch reflektiert. Eine Nachstellung im Sinne des § 238 Abs. 1 StGB liegt jedoch nicht vor, weil [Begruendung — z.B. Kontaktversuche waren zeitlich isoliert, einvernehmliche Treffen zwischen den Kontakten, keine Wiederholung mit ausreichender Dichte, keine objektive Eignung zur nicht unerheblichen Beeintraechtigung der Lebensgestaltung]. **Hilfsbeweisantrag § 244 III StPO**: > Hilfsweise wird beantragt, das Gericht moege die Geschaedigte [Name] erneut vernehmen zu den Themen [Lebensumstaende vor und waehrend des Tatzeitraums; gemeinsame Treffen seit Trennung; konkrete Auswirkungen auf den Tagesablauf]. Die Vernehmung wird ergeben, dass die beanstandeten Handlungen nicht geeignet waren, die Lebensgestaltung der Geschaedigten nicht unerheblich zu beeintraechtigen. ## Quellen Stand 06/2026 - § 238 StGB in der seit den Reformen 2017 und 2021 geltenden Struktur. - § 4 GewSchG. - Aeltere BGH-Rechtsprechung zum frueheren Eingangselement nur für Altrecht/Tatzeitraeume vor der Reform 2021 oder als historischer Auslegungshintergrund verwenden; für aktuelles Recht immer den Wortlaut "wiederholt" zugrunde legen und die konkrete Linie vor Verwendung in Schriftsatz ueber bundesgerichtshof.de oder dejure.org verifizieren. - Bundestag-Drucksache 19/28679 zur Reform 2021 (verifizieren).