--- name: strafrecht-spezial-toetung-auf-verlangen-216-stgb description: "Toetung auf Verlangen nach § 216 StGB: Privilegierter Tatbestand bei ausdruecklichem und ernstlichem Verlangen des Opfers. Abgrenzung zur straflosen Beihilfe zum Suizid sowie zu § 217 StGB (geschaeftsmäßige Förderung d..." --- # Toetung auf Verlangen nach § 216 StGB ## Arbeitsbereich **Subventionsbetrug Stgb Toetung Verlangen** ordnet den Fall über die tragenden Prüfungslinien: Subventionsbetrug § 264 StGB, Toetung auf Verlangen nach § 216 StGB, Totschlag nach § 212 StGB. Arbeite zuerst die tragende Rechtsfrage heraus; Nebenaspekte werden nur verarbeitet, soweit sie Frist, Zuständigkeit, Beweislast oder das konkrete Arbeitsprodukt tatsächlich beeinflussen. ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: die im Fachgebiet einschlägigen Verfahrens-, materiellen und Anmeldefristen vorab markieren und nicht aus Modellwissen finalisieren (insbesondere Widerspruch 1 Monat, Klage 1 Monat, Verjährung §§ 195, 199 BGB / spezialgesetzlich). - Tragende Normen verifizieren: StGB §§ 13, 22, 23, 25, 32, 35, 46, 47, 56, 57, StPO §§ 100a, 102, 105, 112, 136, 137, 140, 147, 152, 153a, 244, 257c, 261, 264, 265, 267, 304, 341, 344, 349; StPO; StGB — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. **Fokus:** Toetung auf Verlangen nach § 216 StGB. Privilegierter Tatbestand bei ausdruecklichem und ernstlichem Verlangen des Opfers. Abgrenzung zur straflosen Beihilfe zum Suizid sowie zu § 217 StGB (geschaeftsmäßige Förderung der Selbsttoetung, BVerfG-Nichtigkeit 2020). Strafrahmen sechs Monate bis fuenf Jahre. ### Toetung auf Verlangen § 216 StGB ## Worum geht es § 216 StGB ist die zentrale **Privilegierung** der vorsaetzlichen Toetung: Wenn der Taeter durch ein **ausdrueckliches und ernstliches Verlangen des Getoeteten** zur Toetung bestimmt worden ist, gilt ein Strafrahmen von sechs Monaten bis zu fuenf Jahren Freiheitsstrafe; in minder schweren Faellen sogar weniger. Praktische Relevanz hat § 216 StGB in der Sterbehilfe-Konstellation und in der Mitleidstoetung. Die Abgrenzung zur straflosen **Beihilfe zum Suizid** ist die zentrale Auslegungsfrage. § 217 StGB (geschaeftsmäßige Förderung der Selbsttoetung) wurde durch das BVerfG mit Urteil vom 26.02.2020 für nichtig erklaert; die Suizidassistenz ist seit 2020 grundsaetzlich straflos. Eine Neuregelung steht bislang aus. ## Tatbestand und Auslegung **Privilegierungsstruktur:** § 216 StGB ist gegenueber § 212 StGB privilegiert. Es handelt sich nach staendiger BGH-Rechtsprechung um einen selbststaendigen Tatbestand, der § 212 StGB verdraengt. **Tathandlung:** Toetung eines anderen Menschen wie bei § 212 StGB. Entscheidend ist die **Bestimmung durch das Opfer** zur Toetung. **Verlangen:** Mehr als blosse Einwilligung. Das Opfer muss aktiv die Toetung verlangen. Der Wunsch muss handlungsleitend für den Taeter sein. **Ausdruecklich:** Das Verlangen muss erkennbar geaeussert sein. Schweigen oder konkludentes Verhalten reicht nicht. Schriftform oder Patientenverfuegung iSd § 1827 BGB (ehemals § 1901a BGB a.F.) kann ausreichend sein. **Ernstlich:** Frei verantwortliche, dauerhafte und auf Toetung gerichtete Willensentschliessung. Das Opfer muss die Bedeutung erfassen und die Konsequenzen abwaegen koennen. Kein Affekt, kein voruebergehender Schwaechezustand. **BGH staendige Rspr.:** Bei psychischer Erkrankung, Depression oder Drogenintoxikation Zweifel an der Ernstlichkeit; restriktive Pruefung. **Bestimmt:** Das Verlangen muss handlungsmotivierend für den Taeter gewesen sein. Wenn der Taeter aus anderen Gruenden (Habgier, Hass) toetet und das Verlangen nur Anlass war, scheidet § 216 StGB aus. ## Tatbestandsmerkmale konkret **Abgrenzung zur Beihilfe zum Suizid:** Der Suizid ist im deutschen Recht straflos; folglich ist auch die Beihilfe straflos. Entscheidendes Abgrenzungskriterium ist nach staendiger BGH-Rechtsprechung die **Tatherrschaft ueber das unmittelbare Toetungsgeschehen**. - **Suizid:** Das Opfer hat die Tatherrschaft ueber den letzten lebensvernichtenden Akt. Beispiel: Patient nimmt selbst die Tabletten ein. Der Helfer ist straflos. - **§ 216 StGB:** Der Taeter hat die Tatherrschaft ueber den letzten Akt. Beispiel: Arzt setzt die Spritze. **Mitleidstoetung:** Die Toetung eines schwer leidenden Menschen ohne dessen Verlangen erfuellt § 212 StGB, ggf. § 213 StGB. Nicht § 216 StGB. **Sterbehilfe-Konstellationen:** - **Aktive direkte Sterbehilfe:** § 216 StGB (oder § 212 StGB, wenn kein Verlangen). Strafbar. - **Aktive indirekte Sterbehilfe (Schmerzbehandlung mit Risiko der Lebensverkuerzung):** Bei medizinischer Indikation und Einwilligung des Patienten straflos. - **Passive Sterbehilfe (Behandlungsabbruch):** Bei mutmasslichem oder erklaertem Willen des Patienten straflos (BGH staendige Rspr., Sterbehilfe-Entscheidung des 2. Strafsenats; live verifizieren). - **Assistierter Suizid (Verschaffen, Ueberlassen):** Grundsaetzlich straflos seit BVerfG-Urteil vom 26.02.2020 zu § 217 StGB; Aerzte haftpflichtrechtlich und berufsrechtlich pruefen. **Versuch:** § 216 Abs. 2 StGB – Versuch ist strafbar. ## Praktikertipps der Verteidigung - **Beweis des ernstlichen Verlangens:** Schriftliche Erklaerung, Patientenverfuegung, Audio-/Video-Aufzeichnung, Zeugenaussagen. Ohne dokumentiertes Verlangen droht § 212 StGB. - **Sachverstaendigengutachten zur freien Willensbildung:** Bei schwerer Erkrankung, Schmerz, Depression Zweifel an der Ernstlichkeit ausraeumen. - **Tatherrschaft pruefen:** Bei Sterbehilfe genau dokumentieren, wer den letzten Akt ausgefuehrt hat. Bei Suizid (Opfer fuehrt Akt aus) Straflosigkeit moeglich. - **Patientenverfuegung pruefen:** § 1827 BGB; bei passiver Sterbehilfe relevant. - **Notstand (§ 34 StGB):** In extremen Konstellationen denkbar, aber sehr restriktiv (Lebensgueterabwaegung). - **Schuldfaehigkeit:** Bei Pflegekraeften, Familienangehoerigen kann massive emotionale Belastung § 21 StGB begruenden. ## Trade-off-Matrix - **Schweigen vs. Aussage:** § 216 StGB erfordert die Darstellung des Verlangens. Schweigen erschwert die Privilegierung. Standard: Teileinlassung mit Fokus auf das Verlangen. - **Geststaendnis:** Mit Geststaendnis und dokumentiertem Verlangen oft Bewaehrungsstrafe erzielbar (§ 56 Abs. 1 StGB bei Strafe bis zu einem Jahr; § 56 Abs. 2 StGB bei besonderen Umstaenden bis zu zwei Jahren). - **Glaubwuerdigkeit:** Die Aussage des Taeters muss konsistent mit den objektiven Beweisen sein (schriftliches Verlangen, Tatort, Reihenfolge). - **Anhörung der Angehoerigen:** Im Adhaesions- und Nebenklageverfahren wichtig. ## Konkurrenzen - **§ 212 StGB:** Wird durch § 216 StGB verdraengt (Privilegierungswirkung). - **§ 211 StGB:** § 216 StGB schliesst § 211 StGB nach staendiger BGH-Rechtsprechung aus – die Toetung auf ernstliches Verlangen ist auch dann § 216 StGB, wenn objektiv ein Mordmerkmal vorliegen koennte. - **§ 217 StGB a.F.:** Geschaeftsmäßige Förderung der Selbsttoetung – durch BVerfG 26.02.2020 für nichtig erklaert; Neuregelung steht aus. - **Beihilfe zum Suizid (§§ 26, 27 StGB):** Mangels rechtswidriger Haupttat straflos (Akzessorietaet). - **§ 323c StGB:** Unterlassene Hilfeleistung – Achtung bei nicht eingreifenden Aerzten; staendige BGH-Rechtsprechung mit restriktiver Linie nach BVerfG-Urteil 2020. ## Strafzumessung - **Strafrahmen § 216 Abs. 1 StGB:** Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fuenf Jahren. - **Versuch (§ 216 Abs. 2 StGB):** Strafbar; § 23 Abs. 2 StGB iVm § 49 Abs. 1 StGB Strafrahmenverschiebung moeglich. - **Geldstrafe:** Nicht moeglich (Mindeststrafe sechs Monate Freiheitsstrafe). - **Bewaehrung (§ 56 StGB):** Bei Strafe bis zu zwei Jahren moeglich. In der Praxis bei vollem Geststaendnis und dokumentiertem Verlangen regelmaessig Bewaehrung. - **§ 46a StGB / TOA:** Bei vollendeter Tat schwierig; gegenueber Angehoerigen pruefen. ## Mustertexte **Einlassung (Auszug):** > Der Angeklagte hat seine an unheilbarer Krebserkrankung leidende Ehefrau auf deren mehrfach geaeusserten und schriftlich niedergelegten Wunsch hin getoetet. Das Verlangen ist in der vom ... datierten Patientenverfuegung dokumentiert. Es wurde dem Angeklagten zuletzt am ... in Anwesenheit der Tochter und der behandelnden Aerztin wiederholt. Der Angeklagte hat das Verlangen mehrfach hinterfragt und die Tat erst nach laenger anhaltendem unveraendertem Wunsch ausgefuehrt. **Plaedoyer-Snippet:** > Die Voraussetzungen des § 216 StGB liegen vor. Das Verlangen war ausdruecklich, schriftlich dokumentiert und ernstlich. Die Patientin war einsichts- und urteilsfaehig. Der Angeklagte wurde durch das Verlangen zur Tat bestimmt. Eigene Motive (Habgier, Erbschaft) sind nicht ersichtlich. Es ist eine Freiheitsstrafe im unteren Bereich des § 216 Abs. 1 StGB tat- und schuldangemessen, die zur Bewaehrung auszusetzen ist. ## Quellen Stand 06/2026 - § 216 StGB Toetung auf Verlangen (gesetze-im-internet.de). - § 212 StGB, § 211 StGB. - § 217 StGB a.F. – BVerfG, Urteil vom 26.02.2020 – 2 BvR 2347/15 ua (BVerfG-Datenbank live verifizieren). - § 1827 BGB Patientenverfuegung (ehemals § 1901a BGB a.F.). - BGH staendige Rspr. zur Sterbehilfe und Abgrenzung Suizid / Toetung (2. Strafsenat – Sterbehilfe-Linie; live verifizieren). - §§ 26, 27 StGB Beihilfe; § 323c StGB unterlassene Hilfeleistung. - Verifizierung in amtliche Quellen empfohlen.