--- name: strafrecht-spezial-urheberrecht-108-urhg-unerlaubte-eingriffe description: "Unerlaubte Eingriffe in verwandte Schutzrechte nach Paragraph 108 UrhG: Lichtbildner Tontraegerhersteller Sendeunternehmen Filmhersteller Datenbankhersteller ausuebende Kuenstler. Verwe..." --- # Unerlaubte Eingriffe in verwandte Schutzrechte nach Paragraph 108 UrhG ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: die im Fachgebiet einschlägigen Verfahrens-, materiellen und Anmeldefristen vorab markieren und nicht aus Modellwissen finalisieren (insbesondere Widerspruch 1 Monat, Klage 1 Monat, Verjährung §§ 195, 199 BGB / spezialgesetzlich). - Tragende Normen verifizieren: StGB §§ 13, 22, 23, 25, 32, 35, 46, 47, 56, 57, StPO §§ 100a, 102, 105, 112, 136, 137, 140, 147, 152, 153a, 244, 257c, 261, 264, 265, 267, 304, 341, 344, 349; StPO; StGB — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. **Fokus:** Unerlaubte Eingriffe in verwandte Schutzrechte nach Paragraph 108 UrhG. Lichtbildner Tontraegerhersteller Sendeunternehmen Filmhersteller Datenbankhersteller ausuebende Kuenstler. Verwertung Vervielfaeltigung Verbreitung ohne Einwilligung. Strafrahmen bis 3 Jahre. Antragsdelikt Paragraph 109 UrhG. Abgrenzung zu Paragraph 106 UrhG. Verteidigungsstrategien Schutzfrist Beweis der Inhaberschaft. ## Worum geht es Paragraph 108 UrhG schuetzt strafrechtlich die Rechte aus den Paragraphen 70 bis 87m UrhG, also die sogenannten verwandten Schutzrechte: Lichtbildner (Paragraph 72), ausuebender Kuenstler (Paragraphen 73 ff.), Tontraegerhersteller (Paragraph 85), Sendeunternehmen (Paragraph 87), Filmhersteller (Paragraph 94), Datenbankhersteller (Paragraph 87a). Anwendungsfall: Verkauf von Live-Mitschnitten ohne Einwilligung des Kuenstlers, Verbreitung von Pressefotos ohne Lizenz, Mitschnitt und Wiederveroeffentlichung von Rundfunksendungen, unerlaubte Uebernahme von Datenbankinhalten (Webscraping mit Weiterverwertung). Der Tatbestand parallelisiert Paragraph 106 UrhG, schuetzt aber nicht den Urheber selbst, sondern den Inhaber des verwandten Schutzrechts. Strafrahmen bis drei Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe. Gewerbsmäßige Begehung wird ueber Paragraph 108a UrhG erfasst (bis fuenf Jahre). Antragsdelikt nach Paragraph 109 UrhG mit Ausnahme besonderes öffentliches Interesse. ## Tatbestand und Geltungsbereich Tathandlung ist die unerlaubte Verwertung. Geschuetzte Rechte und typische Verletzungshandlungen: - **Paragraph 72 UrhG Lichtbildner.** Verwertung einfacher Lichtbilder (kein Lichtbildwerk noetig). Schutzfrist 50 Jahre nach Erscheinen oder Herstellung. Anwendung: Pressefotos, Produktfotos, Social-Media-Bilder. Praxisrelevanteste Konstellation. - **Paragraphen 73 bis 83 UrhG ausuebende Kuenstler.** Bootlegs von Konzerten, Tonmitschnitt einer Theaterauffuehrung, Verbreitung einer Probe-Aufnahme. - **Paragraph 85 UrhG Tontraegerhersteller.** Mitschnitt einer Studioproduktion und Online-Vertrieb. Sampling-Faelle (BGH Metall auf Metall in Tateinheit mit Paragraph 106 UrhG, BVerfG zur Kunstfreiheit ist zivilrechtlich, nicht im Strafverfahren tragend). - **Paragraph 87 UrhG Sendeunternehmen.** Aufnahme und Wiederausstrahlung von TV- oder Radiosendungen. - **Paragraph 87a UrhG Datenbankhersteller.** Webscraping mit Uebernahme wesentlicher Teile einer Datenbank. - **Paragraph 94 UrhG Filmhersteller.** Vervielfaeltigung von Filmproduktionen ohne Lizenz, parallel zu Paragraph 106 UrhG für den Schutz des Filmwerks. Tatbestandsobjektiv: Vervielfaeltigung, Verbreitung oder öffentliche Wiedergabe entgegen dem ausschliesslichen Verwertungsrecht des Berechtigten ohne dessen Einwilligung. Subjektiv Vorsatz, mindestens dolus eventualis. Versuch ist strafbar (Paragraph 108 Abs 2 UrhG). ## Strafantrag und Antragsbefugnis Paragraph 109 UrhG: relatives Antragsdelikt. Antragsfrist Paragraph 77b StGB drei Monate ab Kenntnis von Tat und Taeter. Antragsberechtigt ist der Inhaber des verletzten verwandten Schutzrechts: Lichtbildner, ausuebender Kuenstler, Tontraegerhersteller, Sendeunternehmen, Filmhersteller, Datenbankhersteller. Bei juristischen Personen Vertretungsorgan. Praxiswichtig: Der ausschliessliche Lizenznehmer ist umstritten antragsberechtigt; sicher ist der originaere Rechtsinhaber, Erbe oder Rechtsnachfolger. Bei Unklarheit ist die Antragsberechtigung mit Lizenzkette und Inhaberschaftsnachweis zu belegen (Lichtbildner-Vertraege, Tontraeger-Pressing-Order, ISRC-Code). ## Praktikertipps der Verteidigung - **Schutzfristen pruefen.** Lichtbildner Paragraph 72 Abs 3 UrhG 50 Jahre nach Erscheinen oder Herstellung; Tontraeger Paragraph 85 Abs 3 UrhG 70 Jahre nach Erscheinen; ausuebender Kuenstler Paragraph 82 UrhG 70 Jahre; Sendeunternehmen Paragraph 87 Abs 3 UrhG 50 Jahre; Datenbank Paragraph 87d UrhG 15 Jahre ab Veroeffentlichung. Bei alten Aufnahmen ist die Schutzfrist die erste Verteidigungslinie. - **Inhaberschaftsnachweis verlangen.** Bei Verbreitung von Pressefotos ueber Bildagenturen muss die Anzeigeerstatter-Agentur die luekenlose Rechtekette belegen (Lichtbildner-Vertrag, Uebertragung, Sublizenz). Fehlt eine Stufe, fehlt die Antragsberechtigung. - **Zitatfreiheit Paragraph 51 UrhG.** Bei Verwendung in journalistischem Kontext, in Rezensionen, in wissenschaftlichen Arbeiten pruefen, ob Zitatzweck und Belegfunktion gegeben sind. Schranke gilt auch für verwandte Schutzrechte (Paragraph 51 UrhG iVm den verwandten Schutzrechtsabschnitten). - **Privatkopie Paragraph 53 UrhG.** Bei Tontraeger- und Bildmitschnitten für den privaten Gebrauch greift die Schranke, solange die Vorlage nicht offensichtlich rechtswidrig hergestellt oder oeffentlich zugaenglich gemacht wurde. - **Datenbank-Sonderregel.** Paragraph 87b UrhG schuetzt nur wesentliche Teile oder die wiederholte und systematische Entnahme unwesentlicher Teile. Quantitatives und qualitatives Kriterium streng pruefen. ## Trade-off-Matrix | Pfad A vollumfaengliches Bestreiten | Pfad B Teilgestaendnis | Empfehlung | | --- | --- | --- | | Bestreiten von Schutz, Inhaberschaft, Vorsatz; Risiko Sachverstaendigengutachten und lange HV | Tat einraeumen, Vergleich ueber Lizenzgebuehrenanalogie; Paragraph 153a StPO Einstellung gegen Geldauflage | Bei eindeutiger Inhaberschaft und nachweisbarer Verbreitung: Pfad B mit Bezifferung. Bei zweifelhafter Lizenzkette oder unklarer Schutzfrist: Pfad A. | Privatklage Paragraph 374 StPO ist nicht ausgeschlossen, jedoch praktisch selten. Verteidigung sollte Verweis auf den Privatklageweg pruefen, wenn StA nicht uebernimmt. ## Konkurrenzen - **Paragraph 108 UrhG und Paragraph 106 UrhG.** Bei Filmwerken parallel Schutz des Filmwerks (Paragraph 106) und des Filmherstellers (Paragraph 108 iVm Paragraph 94); Tateinheit moeglich. - **Paragraph 108 UrhG und Paragraph 108a UrhG.** Gewerbsmaessigkeit verdraengt den Grundtatbestand. - **Paragraph 108 UrhG und Paragraph 263 StGB.** Bei taeuschendem Verkauf von Bootlegs als angeblich legaler Lizenzware Tateinheit moeglich. ## Strafzumessung Strafrahmen Paragraph 108 Abs 1 UrhG: Freiheitsstrafe bis drei Jahre oder Geldstrafe. Versuch strafbar (Paragraph 108 Abs 2 UrhG). Zumessungsgesichtspunkte Paragraph 46 StGB: Schadenshoehe, kommerzieller Charakter, Bekanntheitsgrad des betroffenen Rechtsinhabers, Anzahl der verwerteten Werkstuecke, Aussoehnung mit Berechtigtem. - **Einziehung des Tatobjekts** Paragraph 74 StGB iVm Paragraph 110 UrhG: Datentraeger, Pressformen, Bildbestaende. - **Gewinnabschoepfung** Paragraph 73 StGB: Erloese aus Verkauf von Bootlegs, Werbeerloese aus illegalem Streaming-Vertrieb. - **Berufsverbot** Paragraph 70 StGB bei beruflicher Verflechtung (Bildagentur, Tontraegerlabel) denkbar. ## Mustertexte **Strafantrag-Snippet:** "Namens und mit Vollmacht des Lichtbildners Y, Inhaber der ausschliesslichen Rechte am Lichtbild (Anlage K 1), stelle ich gemaess Paragraph 109 UrhG Strafantrag wegen unerlaubter Verwertung verwandter Schutzrechte nach Paragraph 108 Abs 1 Nr 1 UrhG. Mein Mandant ist Lichtbildner im Sinne von Paragraph 72 UrhG; die Schutzfrist endet am DD.MM.JJJJ. Kenntnis von Tat und Taeter wurde am DD.MM.JJJJ durch die Veroeffentlichung auf der Website www.beispiel.de erlangt; die Frist nach Paragraph 77b StGB ist gewahrt." **Schutzschrift-Snippet:** "Die streitgegenstaendliche Tonaufnahme ist im Jahr 1972 erschienen. Die Schutzfrist nach Paragraph 85 Abs 3 UrhG (70 Jahre) ist zwar formal noch nicht abgelaufen, jedoch ist die Inhaberschaft an der Aufnahme unklar; der angebliche Tontraegerhersteller hat die ueber 50-jaehrige Lizenzkette nicht durchgaengig belegt. Es wird beantragt, den Anzeigeerstatter zur Vorlage der vollstaendigen Lizenzkette aufzufordern." **Hilfsbeweisantrag:** "Es wird beantragt, eine schriftliche Auskunft der Y GmbH einzuholen zum Beweis der Tatsache, dass die in Rede stehende Datenbank zum Tatzeitpunkt aelter als 15 Jahre war und der Schutz nach Paragraph 87d UrhG erloschen ist." ## Verfahrensschritte im Mandat 1. **Erstgespraech.** Vollmacht, Beschuldigtenbelehrung, Antrag auf Akteneinsicht Paragraph 147 StPO. 2. **Strafantrag und Schutzfrist pruefen.** Drei-Monats-Frist Paragraph 77b StGB; Schutzfristen 50 oder 70 Jahre je nach verwandtem Schutzrecht; bei abgelaufener Schutzfrist: Antrag auf Einstellung. 3. **Inhaberschaftsnachweis verlangen.** Lizenzkette des Anzeigeerstatters offenlegen lassen; bei Luecken Antrag auf weitere Aufklaerung. 4. **IT-Forensik und Beweissicherung** der Datentraeger. 5. **Schrankenregelungen anwenden.** Paragraph 51 UrhG (Zitat), Paragraph 53 UrhG (Privatkopie), Paragraph 87b UrhG bei Datenbank. 6. **Vergleich mit Rechteinhaber** und Antragsruecknahme Paragraph 77d StGB anregen. 7. **Schutzschrift / Verstaendigung Paragraph 257c StPO** je nach Beweislage. 8. **Hauptverhandlung** mit Sachverstaendigenbeweisantraegen zu Schutzfrist und Inhaberschaft. ## Quellen Stand 06/2026 - Paragraphen 108, 108a, 109, 110 UrhG im Wortlaut (gesetze-im-internet.de). - Paragraphen 70 bis 87m UrhG verwandte Schutzrechte (Lichtbildner, ausuebender Kuenstler, Tontraegerhersteller, Sendeunternehmen, Datenbankhersteller, Filmhersteller). - Paragraph 51 UrhG Zitat; Paragraph 53 UrhG private Vervielfaeltigung. - Paragraph 77b StGB Antragsfrist; Paragraph 374 StPO Privatklage. - BGH staendige Rspr. zum Schutz einfacher Lichtbilder unterhalb der Schoepfungshoehe (Pressefoto-Rspr.). - EuGH-Rspr. zum Lichtbildner- und Datenbankschutz (z. B. Painer C-145/10 und British Horseracing C-203/02 zum Datenbankschutz; vor Verwendung in der Akte mit konkretem Datum und Rn live verifizieren). - Paragraphen 73, 73c, 74 StGB Einziehung; Paragraph 110 UrhG Sondereinziehung.