--- name: urheberrechts-versand-interessen-streitwert description: "Urheberrecht: Zahlen, Schwellen und Berechnungen. Schöpfungshöhe, Schutzfristen (70 Jahre p.m.a.), Lizenzanalogie, Filesharing-Schadensersatz, Vergütungsansprüche nach VGG/GEMA und typische Streitwert- und Schadensberechnung im Gewerblicher Rechtsschutz." --- # Spezial: Urheberrecht – Zahlen, Schwellen und Berechnung ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: die im Fachgebiet einschlägigen Verfahrens-, materiellen und Anmeldefristen vorab markieren und nicht aus Modellwissen finalisieren (insbesondere Widerspruch 1 Monat, Klage 1 Monat, Verjährung §§ 195, 199 BGB / spezialgesetzlich). - Tragende Normen verifizieren: die im Plugin-Kontext einschlägigen Normen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, eur-lex.europa.eu und die amtlichen Bundes-/Landesportale live prüfen — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. ## Zweck und Mandatsbezug Dieser Skill behandelt die **quantitativen Aspekte des Urheberrechts** – Schutzfristen, Schöpfungshöhe, Schadensberechnungen, Lizenzanalogie und typische Streitwerte. Diese Zahlen und Schwellen sind in der Praxis entscheidend für die Bewertung eines Falls, die Formulierung einer Abmahnung und die Bezifferung von Schadensersatzforderungen. Mandatsbezug: Mandant fragt: Wie viel Schadensersatz kann ich verlangen? Oder: Fotografin wurde abgemahnt, weil ein Blogbetreiber ihr Bild verwendet hat – was kostet das typischerweise? ## Schutzdauer (§§ 64–69 UrhG) | Werkart | Schutzdauer | Berechnung | |---|---|---| | Allgemein (§ 64 UrhG) | 70 Jahre nach Tod des Urhebers (p.m.a.) | Ablauf am Ende des Todesjahres + 70 | | Filmwerk (§ 65 Abs. 2 UrhG) | 70 Jahre nach Tod des letztverstorbenen Hauptbeteiligten | Regisseur, Drehbuchautor, Komponist | | Anonymes/pseudonymes Werk (§ 66 UrhG) | 70 Jahre nach Veröffentlichung | Wenn Urheber unbekannt bleibt | | Lichtbild (nicht Lichtbildwerk) (§ 72 UrhG) | 50 Jahre nach Veröffentlichung | Einfacher Schutz ohne Schöpfungshöhe | | Tonträgerhersteller (§ 85 UrhG) | 70 Jahre nach Veröffentlichung | Leistungsschutzrecht | | Filmhersteller (§ 94 UrhG) | 50 Jahre nach Veröffentlichung | Leistungsschutzrecht | | Presseverleger (§ 87f UrhG) | 1 Jahr nach Veröffentlichung | Leistungsschutzrecht (sehr kurz) | **Berechnung:** Frist läuft bis Ende des Jahres (§ 69 UrhG); 70 Jahre p.m.a. eines 1950 verstorbenen Urhebers: Schutz bis 31.12.2020. ## Schöpfungshöhe (§ 2 Abs. 2 UrhG) ### Anforderungen - **Allgemein:** Persönliche geistige Schöpfung; eigene schöpferische Gestaltung. - **Kleine Münze:** Mindestmaß individueller Prägung ausreichend; BGH hält Anforderungen niedrig. - **Rein technische Leistungen:** Kein Urheberrecht (z.B. rein maschinell generierter Text). - **Handwerksleistungen:** Umstritten; BGH: auch handwerkliche Routineleistungen können Schöpfungshöhe erreichen. ### Werkarten und Schöpfungshöhen-Praxis | Werkart | Schöpfungshöhe | Beispiel | |---|---|---| | Literarisches Werk | Gering bis mittel | Kurztext mit individuellem Ausdruck ausreichend | | Computerprogramm (§ 69a UrhG) | Niedrig | BGH: Eigenentwicklung ausreicht; keine besondere Kreativität nötig | | Lichtbildwerk (§ 2 Abs. 1 Nr. 5) | Mittel | Eigene Bildkomposition, Licht, Perspektive | | Lichtbild (§ 72 UrhG) | Keine Schöpfungshöhe nötig | Einfacher Schutz für alle Fotos | | Datenbankwerk (§ 4 UrhG) | Mittel | Auswahl und Anordnung individuell | | Datenbankherstellerrecht (§ 87a UrhG) | Kein Schöpfungserfordernis | Investitionsschutz | ## Schadensberechnung (§ 97 Abs. 2 UrhG) ### Drei Berechnungsmethoden **1. Tatsächlicher Schaden (§ 97 Abs. 2 Satz 1 UrhG):** - Entgangener Gewinn + eigener Schaden. - Schwer bezifferbar; selten praktisch. **2. Lizenzanalogie (§ 97 Abs. 2 Satz 3 UrhG):** - Was hätte der Verletzer zahlen müssen, wenn er eine Lizenz erworben hätte? - Üblichste Methode in der Praxis. - Orientierung: GEMA-Tarife, MFM-Bildhonorar-Empfehlungen, Branchenüblichkeit. **3. Gewinnherausgabe (§ 97 Abs. 2 Satz 2 UrhG):** - Herausgabe des Verletzergewinns, der kausal auf Verletzung beruht. - Streitig bei mehrstufiger Nutzung. ### Lizenzanalogie in der Praxis | Werkart | Typische Ansätze | Quelle | |---|---|---| | Fotografie | MFM-Empfehlungen; 150–1.500 EUR je Bild | [mfm.de](https://www.mfm.de) | | Musik (Online) | GEMA-Online-Tarife | [gema.de](https://www.gema.de) | | Text (Blog/Website) | Keine offizielle Tabelle; ca. 1–5 EUR/Wort | Branchenpraxis | | Software | Lizenzgebühren vergleichbarer Software | Sachverständigengutachten | | Foto (fehlende Nennung Urheber) | Verdoppelung der Lizenz (BGH-Rechtsprechung) | Bgh.de | **Urheberrechtsvermerk vergessen:** BGH hat Verdoppelung der Lizenzgebühr bei fehlender Urhebernennung bestätigt (§ 13 UrhG-Verletzung). ## Filesharing-Schadensersatz ### Bereinigte Streitwerte und Schadensersatz nach BGH-Rechtsprechung | Kriterium | BGH-Praxis | |---|---| | Streitwert Unterlassung | 1.000–10.000 EUR je Werk; typisch 2.500–3.000 EUR (nach BGH „BearShare" 2014) | | Schadensersatz Filesharing | BGH: 200 EUR je musikfremder Titel als Mindestsatz (BGH 2016); höhere Beträge möglich | | Abmahnkostendeckelung Privat | § 97a Abs. 3 UrhG: max. 178 EUR Erstattung bei Privatperson; bei erstmaliger Abmahnung | | Abmahnkostendeckelung greift nur | Wenn: Privat, Erstverstoß, keine gewerbliche Tätigkeit | | **Berechnung Anwaltskosten-Erstattung (privater Bereich):** - Streitwert 2.500 EUR + RVG: 1,3 Geschäftsgebühr. - Deckelung auf 178 EUR nach § 97a Abs. 3 UrhG bei Privatperson, erstmaliger Abmahnung. ## Vergütungsansprüche (VGG – Verwertungsgesellschaftengesetz) | Organisation | Bereich | Ansprüche | |---|---|---| | GEMA | Musik (Komponist, Texter, Verleger) | Rundfunk, Online, Live | | VG Wort | Text (Autoren, Verleger) | Pauschalabgaben, Geräteabgaben | | VG Bild-Kunst | Bildende Kunst, Foto, Design | Ausstellungen, Reproduktionen | | GVL | Tonträgerhersteller, ausübende Künstler | Rundfunk, Online | | GVLI | Filmhersteller | – | **VGG (Verwertungsgesellschaftengesetz):** Regelt Aufgaben, Rechte und Pflichten von Verwertungsgesellschaften. [gesetze-im-internet.de/vgg](https://www.gesetze-im-internet.de/vgg/) ## Schätzung nach § 287 ZPO - Wenn exakte Berechnung nicht möglich: Gericht schätzt. - Kläger muss Grundlagen liefern (Anhaltspunkte, Tabellen, Sachverständigengutachten). - BGH: Auch bei dürftiger Grundlage Schätzung möglich; kein Klageabweisung wegen Unberechenbarkeit. ## Quellenregel - [§ 97 UrhG – dejure.org](https://dejure.org/gesetze/UrhG/97.html) - [§ 97a UrhG – dejure.org](https://dejure.org/gesetze/UrhG/97a.html) - [§ 64 UrhG – dejure.org](https://dejure.org/gesetze/UrhG/64.html) - UrhG vollständig: [gesetze-im-internet.de/urhg](https://www.gesetze-im-internet.de/urhg/) - MFM-Bildhonorarempfehlungen: [mfm.de](https://www.mfm.de) - BGH-Rechtsprechung zum Filesharing-Schadensersatz: [bgh.de](https://www.bundesgerichtshof.de); Gericht, Datum, AZ angeben. - Keine BeckRS-Blindzitate; konkrete Schadensangaben immer mit aktuellem Quellennachweis. ## Anschluss-Skills - `abmahnung-urheberrecht` – Urheberrechtliche Abmahnung - `spezial-klausel-beweislast-und-darlegungslast` – Beweislast Urheberrecht - `spezial-rechtsschutz-tatbestand-beweis-und-belege` – Tatbestand Urheberrecht - `verletzungs-triage` – IP-Verletzung Erstentscheidung