--- name: methodenlehre-zivilrecht description: "Übt die zivilrechtliche Methodenlehre für Studierende — Anspruchsgrundlagen-Schema, AGL-Reihenfolge (vertraglich, vertragsähnlich, dinglich, deliktisch, bereicherungsrechtlich), Konkurrenzen, Auslegung von Willenserklärungen (§§ 133/157 BGB), Auslegung von AGB (§ 305 ff. BGB), Verkehrssitte. Lädt..." --- # Methodenlehre — Zivilrecht ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: DRiG § 5a Studiendauer 9 Semester (Regelstudienzeit), Freischuss-Frist (i.d.R. 8 Semester nach JAG), Wiederholungsfrist, Hausarbeit 4-6 Wochen. - Tragende Normen verifizieren: DRiG §§ 5, 5a, 5b (Erste Prüfung), JAG der Länder, JAPO Bayern, JAG NRW, BBesG (Referendariat), Hochschulgesetze, Studienordnungen — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Studierende, Justizprüfungsamt (Landesjustizverwaltung), Universität, Repetitorium, Klausurleiter, Mündliche-Prüfungs-Kommission. - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Klausurgutachten (Anspruchsgrundlage, Tatbestand, Subsumtion, Ergebnis), Hausarbeit, Aktenvortrag (Referendar), Probeklausur, Prüfungsprotokoll — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. ## Triage zu Beginn 1. Welche zivilrechtliche Methode wird erarbeitet: AGL-Reihenfolge, Willenserklärung, AGB, Auslegung? 2. Gibt es ein konkretes Fallbeispiel oder wird die Methodik abstrakt geuebt? 3. Ist die Konkurrenz-Frage relevant (z.B. § 823 BGB neben vertraglichem Anspruch)? 4. Geht es um objektive oder subjektive Auslegung einer Willenserklärung? ## Aktuelle Rechtsprechung - Rechtsprechung: keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren. ## Zentrale Normen - §§ 133, 157 BGB — Auslegungsmethoden: Grundlage der zivilrechtlichen Methodenlehre - §§ 305-310 BGB — AGB-Recht: spezielle Auslegungsregeln - § 280 Abs. 1 BGB — Schadensersatz: zentrale Anspruchsgrundlage - §§ 812-822 BGB — Bereicherungsrecht: Subsidiaritaet als methodisches Prinzip ## Eingaben - **Fall** oder **Sachverhaltsteil** - Optional: **dein Prüfungsentwurf** (Reihenfolge der AGL, gewählte AGL) - Optional: **konkretes Methodenproblem** (Willenserklärung, AGB, Konkurrenz) ## Die Anspruchsgrundlagen-Reihenfolge Eine zivilrechtliche Klausur ohne saubere AGL-Reihenfolge ist verloren. Die kanonische Reihenfolge: 1. **Vertragliche Ansprüche** (Primär-, Sekundär-, Begleitansprüche) - § 433 BGB, § 535 BGB, § 631 BGB, § 611 BGB usw. - Leistungsstörungen: §§ 280 I, 280 I, II, 286, 280 I, III, 281, 280 I, III, 283, 284, 311a II. - Rücktritt §§ 323, 326 V; Minderung § 441; Nacherfüllung § 439. 2. **Vertragsähnliche Ansprüche** - c. i. c. (§§ 280 I, 311 II, 241 II), Vertrag mit Schutzwirkung Dritter, GoA (§§ 677 ff.), Eigentümer-Besitzer-Verhältnis (§§ 985, 987 ff., 994 ff.). 3. **Dingliche Ansprüche** - Herausgabe § 985 BGB, Beseitigung/Unterlassung § 1004, § 894 (Grundbuchberichtigung). 4. **Deliktische Ansprüche** - § 823 I, § 823 II, § 826, §§ 824, 825, 831, 832, 833, 836, 839 BGB. - Quasideliktische Ansprüche: §§ 7 ff. StVG, ProdHaftG, UmweltHG. 5. **Bereicherungsrechtliche Ansprüche** - § 812 I 1 Fall 1 (Leistungskondiktion), § 812 I 1 Fall 2 (Nichtleistungskondiktion), § 813, § 816, § 822. **Faustregel**: Vertrag vor Delikt, Delikt vor Bereicherung. Aber: Die **Subsidiarität** ist anspruchsspezifisch (nicht jeder Anspruch ist gegen den anderen subsidiär). ## Auslegung von Willenserklärungen — §§ 133, 157 BGB Die wichtigste Methodenfrage des BGB AT. - **§ 133 BGB**: "der wirkliche Wille zu erforschen" — subjektiv. - **§ 157 BGB**: "nach Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte" — objektiv. - **Empfängerhorizont**: Maßgeblich ist, wie der **objektive Empfänger** in der Lage des konkreten Erklärungsempfängers die Erklärung verstehen durfte und musste. - Ausnahmen: **falsa demonstratio non nocet** (übereinstimmender innerer Wille schlägt Wortlaut); **interne Auslegung** zwischen Anwesenden ohne objektiven Empfängerhorizont in Sonderkonstellationen. Prüfungsschritte: 1. Wortlaut der Erklärung. 2. Begleitumstände (Vorgespräche, frühere Geschäftsbeziehung, Branchenüblichkeit). 3. Verkehrssitte (Handelsbrauch nach § 346 HGB im Kaufmannsverkehr). 4. Sinn und Zweck der Erklärung. 5. **Auslegungsgrenze**: Andeutung im Wortlaut bei formbedürftigen Geschäften (Andeutungstheorie). ## Auslegung von AGB - **§ 305c II BGB**: Unklarheitenregel — Zweifel gehen zulasten des Verwenders. - **Kundenfeindlichste Auslegung im Verbandsklageverfahren**: Bei der abstrakten Inhaltskontrolle (§§ 1, 3 UKlaG) wird die kundenfeindlichste Auslegung gewählt, damit die Klausel mit Sicherheit unwirksam ist. - Im **Individualprozess** dagegen normale Auslegung mit § 305c II als Tiebreaker. - AGB werden nach **objektivem Empfängerhorizont eines durchschnittlichen Kunden** ausgelegt, nicht nach dem konkreten Vertragspartner. ## Konkurrenzen - **Anspruchsgrundlagenkonkurrenz** ist die Regel: mehrere AGL nebeneinander prüfen. - **Subsidiarität**: gesetzlich (z. B. § 988 BGB), vertraglich oder dogmatisch (Spezialität). - **Spezialität**: Speziellere Norm verdrängt allgemeinere (z. B. ProdHaftG für Produktfehler statt § 823 BGB? — nein, beide nebeneinander, ProdHaftG verdrängt nicht). - **Konsumtion / Verdrängung**: § 280 I BGB neben § 823 BGB ist kein Streit, beide prüfen. ## Methodenfehler — typische Klausurfallen - **AGL springen** (von § 433 zu § 823 ohne Begründung). Pushback: Was hat dich überzeugt, dass § 433 nicht weiterhilft? - **"Es liegt ein Vertrag vor"** ohne §§ 145, 147 BGB zu prüfen. - **Auslegung übersehen**: Der Fall verlangt nach § 133 BGB; stattdessen wird subsumiert, was der Erklärende "eigentlich gemeint" haben muss — ohne Methode. - **AGB-Kontrolle in falscher Reihenfolge**: § 305 II (Einbeziehung) vor § 305c I (überraschende Klausel) vor §§ 307 ff. (Inhaltskontrolle). - **falsa demonstratio** wird zu früh angenommen: Voraussetzung ist tatsächlich **übereinstimmender** innerer Wille beider Seiten. ## Drill-Modus 1. Skill nennt Fall. 2. Studierender entwirft AGL-Reihenfolge. 3. Skill korrigiert ohne Vorgabe: "Warum prüfst du Bereicherung vor Delikt — woraus folgt das?" 4. Pro AGL prüft Studierender. Skill greift bei Subsumtionssprüngen, Auslegungsfehlern, Konkurrenzfehlern ein. ## Was diese Skill nicht tut - Sie schreibt keine Lösungsskizze. - Quellenregel: Literatur nur mit Nutzerquelle oder lizenziertem Live-Zugriff; keine Kommentar-, Handbuch- oder Aufsatzfundstellen aus Modellwissen.