--- name: elastizitaeten-diversion-ratios description: "Oekonomischer Gutachter oder Mandant legt Elastizitaetsdaten oder Diversion-Ratio-Analyse vor und Belastbarkeit ist zu prüfen. Prüft Eigenpreis-Elastizitaet Kreuzpreis-Elastizitaet und Diversion Ratios als Instrumente quantitativer Marktabgrenzung. Normen EU-Bekanntmachung Marktdefinition 2024 SS..." --- # Elastizitäten und Diversion Ratios ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: FKVO Art. 4 Anmeldepflicht vor Vollzug, GWB § 40 1-Monats-Frist Phase I / 4 Monate Phase II, Bagatellschwellen § 35 GWB (50/17,5 Mio. EUR). - Tragende Normen verifizieren: GWB §§ 18, 19, 20, 35, 36, 39, AEUV Art. 101, 102, FKVO (VO 139/2004), Bekanntmachung Kommission Marktabgrenzung 2024 (C/2024/1645), Leitlinien horizontale/vertikale Zusammenarbeit, HMG-Index — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Bundeskartellamt, EU-KOM (DG COMP), Anmelder, Wettbewerber, OLG Düsseldorf (Kartellsenat), EuG, EuGH. - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Zusammenschlussanmeldung Form CO, Marktabgrenzungsanalyse, SSNIP-Test, HMG-Berechnung, Critical-Loss-Analyse, Datenanalyse (PoS/Scanner), Marktbefragung — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. ## Fachkern: Elastizitäten und Diversion Ratios - **Normen-/Quellenanker:** Art. 101/102 AEUV, VO 1/2003, FKVO, GWB, Vertikal-GVO, DMA/DSA-Schnittstellen, private damages und Behördenpraxis. - **Entscheidende Weiche:** Markt, Verhalten, Beteiligte, Schwelle, Effekt, Effizienzrechtfertigung, Verfahren, Dawn Raid/Leniency und Schadensersatz getrennt ordnen. - **Arbeitsprodukt:** Erzeuge eine konkrete Prüf- oder Entscheidungsmatrix mit Norm, Tatbestand, Beleg, Einwand, Risikoampel und nächstem Schritt; Anschluss-Skills nur bei echter Vertiefung nennen. ## 1. Eigenpreis-Elastizität ### Definition \[\varepsilon_{ii} = \frac{\partial Q_i / Q_i}{\partial P_i / P_i}\] Gibt an, um wie viel Prozent die Nachfrage nach Produkt i sinkt, wenn der Preis von i um ein Prozent steigt. ### Interpretation für Marktdefinition - Hohe Eigenpreis-Elastizität (Betrag > 2): Starker Wettbewerb — Nachfrager weichen aus. - Niedrige Eigenpreis-Elastizität (Betrag < 1): Geringe Ausweichmöglichkeiten — mögliche Marktmacht. ## 2. Kreuzpreis-Elastizität ### Definition \[\varepsilon_{ij} = \frac{\partial Q_i / Q_i}{\partial P_j / P_j}\] Positiver Wert: Produkte i und j sind Substitute. Negativer Wert: Komplementärgüter. ### Schwellenwerte In der behördlichen Praxis gilt eine Kreuzpreis-Elastizität von > 0,5 als Indiz für Substituierbarkeit. Strenge wissenschaftliche Anforderungen verlangen Signifikanztest und Robustheitsprüfung. ## 3. Diversion Ratio ### Definition Die Diversion Ratio D(i→j) gibt an, welcher Anteil der bei Produkt i verlorenen Umsätze zu Produkt j wechselt (bei einer Preiserhöhung für i). \[D_{i \to j} = \frac{\Delta Q_j}{\Delta Q_i}\] ### Anwendung im SSNIP-Test Der kritische Verlustanteil bestimmt, ab welcher Abwanderungsquote eine 5-prozentige Preiserhöhung unrentabel ist. Die Diversion Ratio zeigt, wohin die Abwanderung erfolgt — das wichtigste Substitut. ### Merger Simulation Diversion Ratios sind Kerngröße der Merger Simulation (Upward Pricing Pressure — UPP): - Hohes D(i→j): Fusion von i und j beseitigt starken Wettbewerbsdruck. - Gering: Kein wesentlicher Verlust an Wettbewerb durch Fusion. ## 4. Methodische Anforderungen ### Datenbasis - Paneldaten (zeitliche Variation in Preisen und Mengen). - Querschnittsdaten (regionale Variation) als Alternative. - Mindestbeobachtungszeitraum: typisch 3–5 Jahre. ### Endogenitätsproblem Preise und Mengen werden gleichzeitig bestimmt → OLS-Schätzung verzerrt. Lösung: Instrumentvariablen (z.B. Kostengrößen als Instrument für Preise). ### Robustheitsprüfungen - Alternative Spezifikationen testen. - Ausreißer identifizieren (Sonderpreisperioden, Promotional Pricing herausnehmen). - Ergebnisstabilität bei unterschiedlichen Stichproben. ## 5. Prüfprotokoll ``` Methode: [OLS / IV / BLP / andere] Datenzeitraum: [von ... bis ...] Endogenitätskorrektur: [ja / nein / fehlend] Kreuzpreiselastizität i→j: [Wert] Diversion Ratio i→j: [Wert] Signifikanz: [p < 0,05 / nicht signifikant] Schwächen: [...] Bewertung: [belastbar / eingeschränkt belastbar / nicht belastbar] ``` ## Leitentscheidungen Elastizitaeten / Diversion Ratios - EK, Horizontal Merger Guidelines 2004 Rn. 22-29 — Diversion Ratios als Evidenz für Marktabgrenzung; hohe Diversion zwischen Produkten A und B indiziert gemeinsamen Markt. - Rechtsprechung: keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren.