--- name: halluzinations-handhabung description: "Halluzinationen von KI in juristischer Arbeit erkennen und Prozessbetrug vermeiden: Anwendungsfall Anwalt nutzt KI für Rechtsprechungs-Recherche und muss sicherstellen dass keine falschen Fundstellen in Schriftsatz oder Gutachten einfliessen. OLG Koblenz Haftung Halluzination, AG Köln 02.07.2025,..." --- # Halluzinations-Handhabung ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: die im Fachgebiet einschlägigen Verfahrens-, materiellen und Anmeldefristen vorab markieren und nicht aus Modellwissen finalisieren (insbesondere Widerspruch 1 Monat, Klage 1 Monat, Verjährung §§ 195, 199 BGB / spezialgesetzlich). - Tragende Normen verifizieren: BRAO, BORA, FAO, BNotO, StBerG, WPO, PAO; DSGVO — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. ## Spezialwissen Das sogenannte "Halluzinieren" von KI-Systemen — die Erzeugung von nicht existierenden, aber plausibel wirkenden Zitaten, Gerichtsentscheidungen und Fundstellen — ist das größte praktische Haftungsrisiko beim Einsatz von KI-Systemen in der anwaltlichen Arbeit. Die eiserne Regel lautet: Jede einzelne Fundstelle aus einem KI-System ist ausnahmslos zu verifizieren. ## Rechtlicher Hintergrund Rechtsprechung live prüfen: Keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über amtliche oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren. ## Strategische Optionen (vor dem Template entscheiden) Bevor das Template eins-zu-eins gefuellt wird, ist zu pruefen welche Variante zur Mandantenkonstellation passt. Das Template ist **eine** moegliche Form — nicht die einzige. | Konstellation | Empfohlener Weg | |---|---| | Standard — Halluzinations-Pruefprotokoll für KI-Output erstellen | Pruefprotokoll nach Schema; Template unten | | Variante A — Halluzination in bereits versandtem Dokument | Fehlerkorrektur-Protokoll; Mandant sofort informieren | | Variante B — Pruefung nicht moeglich keine Originalquellen | Quellenangaben-Luecke dokumentieren; Vorbehalt in Dokument | | Variante C — Routinemäßige Qualitaetssicherung kein Einzelfall | Systematisches Pruefverfahren einrichten; Checkliste standardisieren | Wenn die Mandantenkonstellation **nicht** ins Standardschema passt, ist das Template anzupassen oder durch ein anderes Skill abzuloesen — nicht das Mandat in das Schema zu pressen. ## Vorlagentext / Bausteine **Baustein Quellenprüfungspflicht:** Alle von KI-Systemen generierten Fundstellen, Zitate, Gesetzesangaben und Rechtsprechungshinweise sind vor ihrer Verwendung in Schriftsätzen, Gutachten oder Beratungsunterlagen ausnahmslos anhand der Originalquelle zu verifizieren. KI-Systeme können Fundstellen erfinden, die nicht existieren. Ein Unterlassen der Prüfung stellt eine Verletzung der anwaltlichen Sorgfaltspflicht nach § 43 BRAO dar und kann Haftungsansprüche des Mandanten begründen. **Baustein Vier-Augen-Prinzip:** Schriftsätze, die unter wesentlicher Mitwirkung von KI-Systemen erstellt wurden, sind vor Einreichung bei Gericht oder Weitersendung an Mandanten von einer zweiten Person inhaltlich zu überprüfen. Dabei ist besonderes Augenmerk auf die Korrektheit aller Zitate und Fundstellen zu legen. **Baustein Dokumentationsprotokoll:** Für jeden Schriftsatz oder jede Beratungsunterlage, bei der KI-Systeme wesentlich mitgewirkt haben, wird ein Prüfprotokoll angelegt mit folgenden Angaben: Datum der Prüfung, Name der prüfenden Person, geprüfte Fundstellen und Verifikationsquelle, Ergebnis der Prüfung. --- vor Versand klaeren --- 1. Welches Verhandlungsziel hat der Mandant? [Durchsetzung des Anspruchs / Vergleich / Reputationsschutz / schnelle Loesung] 2. Welche Kompromisslinien sind absolut? [Mindestforderung / Zeitrahmen / Formerfordernis] 3. Sind Anschlusswege erwuenscht? [Mediation / Direktgesprach / Einigung vor Fristablauf] Schlussabsatz Variante A (kooperativ): Wir regen eine guetliche Einigung an und stehen für ein klaerenden Gesprach zur Verfuegung. Eine einvernehmliche Loesung erspart beiden Seiten Zeit und Kosten. Schlussabsatz Variante B (formal-streng): Eine aussergerichtliche Einigung kommt nur in Betracht wenn die Gegenseite innerhalb von [X] Tagen einen akzeptablen Vorschlag unterbreitet. Anderenfalls werden wir alle rechtlichen Schritte einleiten. ## Hinweise zur Aktualisierung Gerichtliche Entscheidungen zum Umgang mit KI-generierten Fundstellen (insbesondere Entscheidungen zum Prozessbetrug oder zur anwaltlichen Haftung) sind laufend zu beobachten und in die Schulungsunterlagen aufzunehmen. BRAK und DAV werden ihre Stellungnahmen weiterentwickeln. ## Aktuelle Rechtsprechung (v14.2) - Rechtsprechung: keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren. ## Zentrale Normen (Paragrafenkette) - § 43 BRAO — Gewissenhafte Berufsausuebung (Sorgfaltspflicht) - § 263 StGB — Prozessbetrug bei wissentlich falschen Angaben - § 138 ZPO — Wahrheitspflicht der Parteien - § 280 BGB — Schadensersatz bei Verletzung anwaltlicher Sorgfaltspflichten - Art. 5 Abs. 1 lit. d DSGVO — Richtigkeit der verarbeiteten Informationen ## Triage zu Beginn 1. Wurden alle KI-generierten Rechtsprechungs-Fundstellen gegen amtliche Quellen verifiziert? 2. Ist ein Vier-Augen-Pruefungsprozess für Schriftsaetze mit KI-Inhalten etabliert? 3. Wurden Mitarbeiter auf Halluzinations-Risiken und die OLG-Koblenz-Linie hingewiesen? 4. Gibt es ein Protokoll-System zur Dokumentation der Pruefvorgaenge? 5. Werden KI-generierte Abschnitte im internen Arbeitsexemplar gekennzeichnet? - **Was will der Mandant wirklich erreichen?** (Nicht: was steht im Standardweg, sondern: welches Ergebnis ist für den Mandanten persoenlich/wirtschaftlich das beste? Manchmal ist der schnellere Vergleich besser als der formal "richtige" Weg.) ## Output-Template — Halluzinations-Pruefprotokoll **Adressat:** Kanzlei intern — Tonfall: strukturiert, dokumentierend ``` HALLUZINATIONS-PRUEFPROTOKOLL [DATUM] — [AKTENZEICHEN] — Sachbearbeiter: [NAME] Schriftsatz: [BEZEICHNUNG] — Datum: [DATUM] KI-generierte Abschnitte: 1. [ABSCHNITT / FUNDSTELLE — KI-Behauptung: BESCHREIBUNG] Verifiziert gegen: [QUELLE: juris / Beckonline / EUR-Lex / amtliche Sammlung] Ergebnis: [KORREKT / FEHLERHAFT — Korrektur: BESCHREIBUNG / NICHT GEFUNDEN — GESTRICHEN] 2. [WEITERE ABSCHNITTE analog] Vier-Augen-Pruefung: Geprueft von: [ZWEITE PERSON] Datum: [DATUM] Freigabe für Versand: [JA / NEIN — Korrekturbedarf: BESCHREIBUNG] ```