--- name: kennzahlenset-und-ampelsystem-starug-konform description: "StaRUG-konformes KPI-Set und Ampelsystem für Krisenfrueherkennung definieren: Berater oder GF braucht messbare Schwellenwerte für Krisen-Monitoring. Normen: § 1 StaRUG (Frueherkennungspflicht), IDW PS 340 n.F. Prüfraster: Liquiditaetsreichweite, EBITDA-Coverage, Net-Debt-EBITDA, Covenant-Headroom..." --- # Kennzahlenset und Ampelsystem — StaRUG-konform ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: die im Fachgebiet einschlägigen Verfahrens-, materiellen und Anmeldefristen vorab markieren und nicht aus Modellwissen finalisieren (insbesondere Widerspruch 1 Monat, Klage 1 Monat, Verjährung §§ 195, 199 BGB / spezialgesetzlich). - Tragende Normen verifizieren: StaRUG; § 1 StaRUG — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. ## Spezialwissen Ein Ampelsystem ohne kalibrierte Schwellenwerte ist eine Farbenspielerei ohne Steuerungsnutzen. Das StaRUG-konforme KPI-Set verbindet betriebswirtschaftliche Standardkennzahlen mit klaren, numerisch definierten Auslösern — so dass jeder Geschäftsführer und jeder Berater sofort erkennt: Grün ist alles in Ordnung, Gelb ist Handlungsbedarf, Rot ist Krisenalarm. Die Schwellen sind nicht willkürlich, sondern aus der Rechtsprechung, IDW-Standards und Bankpraxis abgeleitet. --- ## Rechtsgrundlagen - § 1 StaRUG (Früherkennungspflicht mit KPI-basierter Überwachung) - § 18 InsO (drohende Zahlungsunfähigkeit — Liquiditätsreichweite als Schlüsselindikator) - IDW PS 340 n.F. (Risikobewertung, Schwellenwerte, Eskalationsstufen) - IDW S 6 Tz. 40 ff. (Leistungsfähigkeitsanalyse, Kennzahlen) - IDW S 11 (Beurteilung Insolvenzeröffnungsgründe — Liquiditätstest) - Rechtsprechung: keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren. --- ## Pflichten ### 1. Warum quantitative Schwellen unverzichtbar sind Qualitative Urteile wie "die Liquidität ist angespannt" genügen nicht. § 1 StaRUG verlangt rechtzeitiges Erkennen und Handeln — das setzt messbare Auslöser voraus. Ohne definierte Schwellen: - Keine objektive Eskalationspflicht auslösbar - Keine Beweissicherung für "rechtzeitig erkannt" - Kein Nachweis gegenüber Insolvenzverwalter oder Gericht ### 2. Das KPI-Set — Sieben Kern-Indikatoren Die folgenden sieben KPIs bilden das Rückgrat des Ampelsystems: **KPI 1: Liquiditätsreichweite** ``` Definition: Verfügbare Liquidität (Kasse + freie Kreditlinien) ÷ durchschnittl. monatl. Auszahlungen Einheit: Monate Grün: ≥ 6 Monate Gelb: 3 bis < 6 Monate Rot: < 3 Monate Bedeutung: Überleben-Indikator Nr. 1 — wie lange kann das Unternehmen ohne neue Einnahmen zahlen? ``` **KPI 2: EBITDA-Coverage (Zinsdeckungsgrad)** ``` Definition: EBITDA ÷ Zinsaufwand (rolling 12 Monate) Einheit: Faktor (x) Grün: ≥ 3,0x Gelb: 1,5x bis < 3,0x Rot: < 1,5x Bedeutung: Kann das Unternehmen aus dem operativen Ergebnis seine Zinsen bedienen? ``` **KPI 3: Net-Debt/EBITDA** ``` Definition: Nettofinanzverbindlichkeiten ÷ EBITDA (rolling 12 Monate) Nettoverschuldung = Bankschulden + Anleihen - flüssige Mittel Einheit: Faktor (x) Grün: ≤ 3,0x Gelb: 3,0x bis 4,5x Rot: > 4,5x Bedeutung: Wie viele Jahre EBITDA braucht das Unternehmen, um schuldenfrei zu werden? ``` **KPI 4: Covenant-Headroom** ``` Definition: Prozentualer Abstand der tatsächlichen Finanzkennzahl zur vertraglich vereinbarten Covenant-Grenze Headroom (%) = (Ist-Wert - Covenant-Grenze) ÷ |Covenant-Grenze| × 100 Einheit: Prozent (%) Grün: ≥ 25 % Gelb: 10 % bis < 25 % Rot: < 10 % (oder Covenant bereits verletzt) Bedeutung: Verletzung eines Financial Covenants löst typischerweise Kündigungsrecht der Bank aus ``` **KPI 5: DSCR (Debt Service Coverage Ratio)** ``` Definition: (EBITDA - CAPEX Erhaltung) ÷ (Zinsen + Tilgung, fällig im Planungszeitraum) Einheit: Faktor (x) Grün: ≥ 1,20x Gelb: 1,00x bis < 1,20x Rot: < 1,00x (Schuldendienstunfähigkeit) Bedeutung: Kann das Unternehmen Zinsen UND Tilgung aus dem operativen Cashflow bedienen? ``` **KPI 6: Eigenkapitalquote** ``` Definition: Eigenkapital ÷ Bilanzsumme × 100 Einheit: Prozent (%) Grün: ≥ 20 % Gelb: 10 % bis < 20 % Rot: < 10 % (oder negatives Eigenkapital → Überschuldungsrisiko) Bedeutung: Struktureller Schutzpuffer, insbes. relevant für § 19 InsO Überschuldung ``` **KPI 7: Cash-Conversion-Rate (CCR)** ``` Definition: Operativer Cashflow ÷ EBITDA × 100 Einheit: Prozent (%) Grün: ≥ 70 % Gelb: 40 % bis < 70 % Rot: < 40 % Bedeutung: Wie viel des Ergebnisses wird tatsächlich als Cash realisiert? Niedrige CCR signalisiert Working-Capital-Probleme oder Bilanzrisiken ``` --- ## Templates ### Muster: KPI-Datenblatt für Monatsreporting ``` KPI-DATENBLATT — MONATLICHES REPORTING Gesellschaft: [Firma GmbH] Berichtsmonat: [MM/JJJJ] Erstellt: [Name, Funktion] Freigegeben GF: [Name, Datum] 1. LIQUIDITÄTSREICHWEITE Kassenbestand per Monatsende: EUR [___] Freie Kreditlinien: EUR [___] Verfügbare Liquidität gesamt: EUR [___] Monatl. Ø Auszahlungen (letzte 3 Monate): EUR [___] Reichweite: [x,x] Monate → AMPEL: [GRÜN/GELB/ROT] 2. EBITDA-COVERAGE EBITDA rolling 12 Monate: EUR [___] Zinsaufwand rolling 12 Monate: EUR [___] EBITDA-Coverage: [x,xx]x → AMPEL: [GRÜN/GELB/ROT] 3. NET-DEBT/EBITDA Bankschulden + Anleihen: EUR [___] ./. Liquide Mittel: EUR [___] Nettoverschuldung: EUR [___] EBITDA rolling 12 Monate: EUR [___] Net-Debt/EBITDA: [x,xx]x → AMPEL: [GRÜN/GELB/ROT] 4. COVENANT-HEADROOM Vereinbarter Covenant: [KPI] ≤ [Wert] Ist-Wert: [Wert] Headroom: [x] % → AMPEL: [GRÜN/GELB/ROT] 5. DSCR EBITDA: EUR [___] ./. Erhaltungs-CAPEX: EUR [___] Zinsen fällig: EUR [___] Tilgung fällig: EUR [___] DSCR: [x,xx]x → AMPEL: [GRÜN/GELB/ROT] KOMMENTAR ZU ABWEICHUNGEN: [___] MAßNAHMEN BEI GELB/ROT: [___] ``` --- ## Fallstricke 1. **KPI-Definitionen nicht abgestimmt** — EBITDA (vor/nach Sondereffekten?), Nettoverschuldung (mit/ohne Pensionen?) — unklare Definitionen machen den Vergleich mit Vorperioden oder mit Covenants wertlos. 2. **Schwellenwerte nicht branchenspezifisch kalibriert** — die oben genannten Schwellen sind Orientierungswerte. Kapitalintensive Branchen (z.B. Industrie) tolerieren höheres Net-Debt/EBITDA als servicebasierte Modelle. 3. **Covenant-Berechnung nicht mit Bankdefinition abgestimmt** — Banken haben oft modifizierte EBITDA-Definitionen (z.B. bereinigt um Sondereffekte). Abweichende interne Berechnung führt zu falscher Headroom-Einschätzung. 4. **DSCR ohne Erhaltungs-CAPEX** — wer Tilgung aus dem EBITDA bedienen will, aber keine laufenden Investitionen einrechnet, überzeichnet die Tragfähigkeit. 5. **Ampelsystem ohne Eskalationsprotokoll** — Gelb-Status, der nicht protokolliert und eskaliert wird, ist eine versäumte Haftungsentlastung. --- ## Weitere Leitentscheidungen - Rechtsprechung: keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren. ## Triage — Erste Einordnung Bevor losgelegt wird, klaere: 1. **Krisenstadium?** Ertragskrise (EBIT negativ), Liquiditaetskrise (Cashflow negativ) oder akute Insolvenznaehe (ZU/Ueberschuldung)? 2. **Insolvenzgrund?** § 17 InsO (ZU), § 18 InsO (drohende ZU), § 19 InsO (Ueberschuldung)? 3. **Fristen?** Antragspflicht § 15a InsO: 3 Wochen (ZU), 6 Wochen (Ueberschuldung). 4. **Sanierungs-Pfad?** StaRUG (drohende ZU), Schutzschirm, Eigenverwaltung oder Regelverfahren?