--- name: egmr-art-eugh-grch description: "Prüft Äußerungsfälle mit der EGMR-Linie zu Art 10 EMRK: öffentlicher Diskurs, Werturteil, Tatsachengrundlage, Reputation, Amtsträger, Anwälte, Hyperlinks und Plattformkommentare im Meinungspruefer." --- # EGMR-Art.-10-Rechtsprechung ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: die im Fachgebiet einschlägigen Verfahrens-, materiellen und Anmeldefristen vorab markieren und nicht aus Modellwissen finalisieren (insbesondere Widerspruch 1 Monat, Klage 1 Monat, Verjährung §§ 195, 199 BGB / spezialgesetzlich). - Tragende Normen verifizieren: StGB §§ 13, 22, 23, 25, 32, 35, 46, 47, 56, 57, StPO §§ 100a, 102, 105, 112, 136, 137, 140, 147, 152, 153a, 244, 257c, 261, 264, 265, 267, 304, 341, 344, 349; § 188 StGB, Art. 5 GG, Art. 10 EMRK, Art. 11 GRCh, EGMR — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. ## Wann einsetzen? - öffentlicher Diskurs, Kommunalpolitik, Behördenkritik oder berufliche Machtkritik. - Streit über Meinung/Tatsache, Werturteil und tatsächliche Grundlage. - Presse, Blog, Social Media, Hyperlink oder Kommentarspalte. - Unterlassung, Strafurteil, Geldentschädigung oder Plattformhaftung mit chilling-effect-Risiko. - Fälle, in denen Art. 8 EMRK und Art. 10 EMRK kollidieren. ## Prüfprogramm 1. **Speech-Kategorie:** politischer Diskurs, Frage öffentlichen Interesses, Presse/Watchdog, anwaltliche Kritik, Verbraucheräußerung, private Kränkung. 2. **Werturteil/Tatsache:** Werturteile sind nicht wahrheitsbeweisfähig, brauchen aber je nach Schwere eine hinreichende Tatsachengrundlage. 3. **Status der betroffenen Person:** Amtsträger, Politiker, public figure, Unternehmen, Privatperson; je öffentlicher die Rolle, desto weiter die Kritikgrenze. 4. **Form und Schärfe:** verletzend, satirisch, polemisch, persönlich, aber noch diskursbezogen? 5. **Kontext:** Anlass, Vorgeschichte, Replik, hitzige Debatte, begrenzter Empfängerkreis, journalistische Sorgfalt. 6. **Sanktion:** Strafrecht, zivilrechtliches Verbot, Schadensersatz, Plattformlöschung; Intensität und Abschreckungswirkung dokumentieren. 7. **Art.-8-Gegengewicht:** Reputation, Privatleben, Prangerwirkung, Schutz Minderjähriger, Rechte Dritter. ## Leitentscheidungen für die Arbeit - **EGMR, Urteil vom 07.12.1976 - 5493/72, Handyside/Vereinigtes Königreich:** Art. 10 schützt auch störende, schockierende und verletzende Äußerungen; Einschränkungen brauchen demokratische Notwendigkeit. - **EGMR, Urteil vom 08.07.1986 - 9815/82, Lingens/Österreich:** Politiker müssen weitergehende Kritik hinnehmen; Werturteile dürfen nicht wie Tatsachen bewiesen werden müssen. - **EGMR, Urteil vom 01.07.1997 - 20834/92, Oberschlick/Österreich Nr. 2:** Auch grobe Einzelbegriffe können im politischen Kontext geschützt sein, wenn sie als Reaktion und Werturteil verstanden werden. - **EGMR, Urteil vom 27.02.2001 - 26958/95, Jerusalem/Österreich:** Werturteile brauchen bei schwerem Vorwurf eine ausreichende faktische Grundlage. - **EGMR, Urteil vom 07.02.2012 - 39954/08, Axel Springer AG/Deutschland:** Art. 8/Art. 10-Abwägung mit Beitrag zur öffentlichen Debatte, Bekanntheit, Vorverhalten, Inhalt/Form/Folgen und Sanktion. - **EGMR, Urteil vom 23.04.2015 - 29369/10, Morice/Frankreich:** Anwaltliche und justizbezogene Kritik kann geschützt sein, wenn sie auf einer Tatsachengrundlage beruht und eine öffentliche Debatte betrifft. - **EGMR, Urteil vom 04.12.2018 - 11257/16, Magyar Jeti Zrt/Ungarn:** Hyperlinkhaftung braucht differenzierte Prüfung; Link ist nicht automatisch Billigung des verlinkten Inhalts. - **EGMR, Urteil vom 15.05.2023 - 45581/15, Sanchez/Frankreich:** Verantwortlichkeit für Drittkommentare kann in engen Kontexten möglich sein; Rolle des Accountinhabers, Kenntnis, Reaktionszeit und Schwere des Inhalts prüfen. ## Grenzen Keine automatische Übertragung amerikanischer free-speech-Standards. Der EGMR erlaubt Ehrschutz und Reputationsschutz stärker als die US-Linie, verlangt aber eine echte, kontextbezogene Verhältnismäßigkeitsprüfung.