--- name: stellplatzsatzung-bay-bauordnung description: "Mandant wendet sich gegen Stellplatzsatzung einer Gemeinde oder deren Anwendung bei Bauantrag. Art. 47 BayBO § 9 Abs. 1 Nr. 4 BauGB Art. 81 BayBO Stellplatzsatzung. Prüfraster: Reduzierung Stellplatzschluessel durch örtliche Bauvorschrift sachliche Rechtfertigung Mobilitaetskonzept Parkdruck-Verl..." --- # Stellplatzsatzung — Art. 47 BayBO ## Schritt 1 — Grundregel Art. 47 BayBO ### Stellplatzpflicht - Bei der Errichtung von baulichen Anlagen sind Stellplätze in ausreichender Zahl auf dem Baugrundstück oder in zumutbarer Entfernung herzustellen ### Bemessungsgrundlage - Ein Stellplatz je Wohnung als Grundwert - Bei Nicht-Wohnnutzung nach Verwaltungsvorschriften - Konkrete Zahl in Garagen- und Stellplatzverordnung (GaStellV) oder kommunaler Satzung ## Schritt 2 — Reduzierung durch örtliche Bauvorschrift Art. 81 Abs. 1 Nr. 4 BayBO ### Befugnis - Gemeinden können durch örtliche Bauvorschrift die notwendige Zahl der Stellplätze abweichend von Art. 47 Abs. 1 und 2 BayBO festsetzen ### Reduzierungsfaktoren - 0,5 typisch in innerstädtischen Quartieren mit guter ÖPNV-Anbindung - 0,3 sehr ambitionierte Reduzierung - 0,1 Pilotprojekte autoarmes Wohnen ### Voraussetzungen - Sachliche Rechtfertigung erforderlich - Empirische Datenbasis - Begründung in der Satzung oder Plan-Begründung ## Schritt 3 — Mobilitätskonzept als Voraussetzung ### Anforderungen Mobilitätskonzept - Substanzielle Untersuchung Bewohnerverhalten - ÖPNV-Anbindung — Frequenz, Erreichbarkeit, Tarifsystem - Fahrradinfrastruktur — Abstellplätze, Wege, Diebstahlsicherung - Car-Sharing-Stationen vor Ort - Lieferverkehr und Müllabfuhr - Bewohnerparken-Regelung - Notfall- und Rettungsanfahrt ### Verbindlichkeit - Mobilitätskonzept muss in textlichen Festsetzungen abgesichert sein, sonst leeres Versprechen - Häufige Treffer: - Konzept nicht in Festsetzungen übernommen - Konzept verweist nur auf "Bemühungen" - Vermieter-/Bauträger-Konzepte ohne rechtliche Bindung ## Schritt 4 — Verkehrsmodellierung ### Anforderung - Verkehrsuntersuchung mit Prognose Mehrverkehr - Berücksichtigung Pendler, Anwohner, Besucher - Spitzenzeit-Analyse - Worst-case-Annahmen statt Bestcase ### Audit - Wer hat das Gutachten erstellt? Investor-Beauftragung? - Sind die Annahmen plausibel? - Sind reale ÖPNV-Frequenzen berücksichtigt? - Sind Sonderveranstaltungen am Standort berücksichtigt? ## Schritt 5 — Parkdruck-Verlagerung ### Verbraucherbelang Anwohner - Bestehende Anwohner haben einen abwägungserheblichen Belang, dass nicht das Parkraumangebot durch Plan-Verdichtung knapper wird - BVerwG zur Berücksichtigung verkehrlicher Auswirkungen ### Audit - Sind die umliegenden Straßen bereits jetzt zu Spitzenzeiten ausgelastet? - Wurde die Auslastung erhoben? Stichproben? - Wurde Anwohnerparken vorgesehen? - Bewohnerparken-Lizenzen ausreichend? ### Strategischer Angriffspunkt - Wenn die Stadt den Parkdruck-Effekt ausblendet — Abwägungsdefizit - Wenn die Stadt den Effekt erkennt, aber bagatellisiert — Fehlgewichtung - Wenn der Effekt im Ergebnis die Anwohner massiv belastet — Disproportionalität möglich ## Schritt 6 — Stellplatzfestsetzung im B-Plan ### § 9 Abs. 1 Nr. 4 BauGB - B-Plan kann Stellplätze und Garagen festsetzen - Pflicht zur Herstellung Stellplätze auf bestimmten Flächen ### Tiefgaragen-Festsetzungen - Tiefgaragen-Zufahrten auf Plan - Begrünungsverpflichtung Tiefgaragen-Decke - Höhe Tiefgarage / Abstand zur Grundstücksgrenze ### Häufige Treffer - Tiefgaragen-Zufahrt durch Wohnstraße ohne Lärmausgleich - Tiefgarage unter Grundwasserspiegel ohne Begründung - Festsetzungen für Stellplätze ohne Bezug zur Reduzierungssatzung ## Schritt 7 — Stellplatzbilanz prüfen ### Tabellarisches Audit | Position | Wert | Quelle | |---|---|---| | Wohneinheiten Plan-Anzahl | n | Begründung | | Stellplatz-Soll Art. 47 BayBO | n × 1,0 | Verordnung | | Stellplatz-Festsetzung Plan | x | Festsetzung | | Reduzierungsfaktor | x/n | Berechnung | | Begründung der Reduzierung | Mobilitätskonzept ja/nein | Begründung | | Verkehrsgutachten Datum | dd.mm.yyyy | Anlage | | ÖPNV-Frequenz Realwert | min/Takt | Stadtwerke | | Parkdruck-Untersuchung | ja/nein | Anlage | ## Schritt 8 — Innenstadt-Sonderlage Bahnhof ### Argumente Stadt für Reduzierung - ÖPNV-Hauptknoten mit Bahn, Tram, Bus - Bahnhofsnähe als ÖPNV-Privilegium - Junges Klientel mit geringerer Autoaffinität - Klimaschutz / Verkehrswende ### Gegenargumente Mandantenseite - Hauptbahnhof-Nutzer parken trotzdem dort (Park-and-Ride umgekehrt) - Verlagerung in angrenzende Wohnstraßen - Bewohner-Klientel nicht steuerbar (Mietverträge) - Auto-Abhängigkeit für Besucher, Pflege, Lieferung ## Schritt 9 — BayBO 2023-Novelle Stellplätze ### Aktuelle Entwicklung - Tendenz zur stärkeren Flexibilisierung - Förderung autoreduzierter Quartiere - Aber: Anwohnerbelange weiterhin abwägungserheblich - BayVGH-Rechtsprechung zur Anwohner-Klagebefugnis bei Stellplatz-Knappheit ## Quellen - BayBO Art. 47, Art. 81 Abs. 1 Nr. 4 - BauGB § 9 Abs. 1 Nr. 4 - GaStellV (Bayerische Garagen- und Stellplatzverordnung) - BVerwG, Urteil vom 26.5.2004 – 9 A 6.03 (Verkehrsbelang) - BayVGH, Urteil vom 17.12.2018 – 15 N 16.2373 (Stellplatzreduzierung) - BayVGH, Urteil vom 23.6.2015 – 1 BV 13.2336 (Mobilitätskonzept) ## Ergänzende Rechtsprechung - Rechtsprechung: keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren.