--- name: 023-identitaetspruefung-videoident-und-praesenztermin-g description: "Notariat im Alltag: Identitätsprüfung – Videoident und Präsenztermin, Grenzen. Pflichten nach § 10 BeurkG, anerkannte Legitimationsdokumente, Videobeurkundung und Abgrenzung zur unzulässigen Fernbeurkundung im Notariat." --- # Notariat im Alltag: Identitätsprüfung – Videoident und Präsenztermin, Grenzen ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: die im Fachgebiet einschlägigen Verfahrens-, materiellen und Anmeldefristen vorab markieren und nicht aus Modellwissen finalisieren (insbesondere Widerspruch 1 Monat, Klage 1 Monat, Verjährung §§ 195, 199 BGB / spezialgesetzlich). - Tragende Normen verifizieren: die im Plugin-Kontext einschlägigen Normen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, eur-lex.europa.eu und die amtlichen Bundes-/Landesportale live prüfen — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. ## Zweck und Anwendungsbereich Die sichere Identifizierung aller Beteiligten ist eine Kernpflicht des Beurkundungsverfahrens. Dieser Skill klärt die Anforderungen nach BeurkG und GwG, die Möglichkeiten der Online-Identifikation und die Grenzen der Fernbeurkundung. Rechtsgrundlagen: § 10 BeurkG (Feststellung der Beteiligten), § 13 BeurkG (Vorlesen und Unterzeichnung), § 16 BeurkG (Behinderungen, Dolmetscher), GwG § 8 (Identifizierungspflichten), GwG § 12 (Fernidentifizierung), BNotO §§ 10a, 16a (Videobeurkundung, ab 2022), BeurkG §§ 40a–40e (Online-Beglaubigung), DONot §§ 10–12 (Beurkundungsverfahren). ## Identifizierungspflichten (§ 10 BeurkG) Der Notar muss sich über die Person der Beteiligten Gewissheit verschaffen. Zulässige Mittel: - Personalausweis (Lichtbildausweis, § 10 Abs. 1 BeurkG) - Reisepass mit weiteren Nachweisen bei Zweifeln - Aufenthaltstitel für Ausländer - Für juristische Personen: Handelsregisterauszug + Personalausweis des Vertreters - Vertrauenspersonen als Zeugen (§ 10 Abs. 2 BeurkG) bei fehlenden Legitimationsdokumenten ## GwG-Identifizierung (§§ 8–12 GwG) Ergänzend zur BeurkG-Pflicht: GwG verlangt Kopie des Identifikationsdokuments, Überprüfung auf Aktualität und Echtheit, PEP-Screening, Transparenzregisterabfrage. GwG-Identifizierung auch bei bloßen Beglaubigungen und Bescheinigungen. ## Online-Beurkundung und Videoidentifikation **Videobeurkundung (§ 16a BNotO n.F., ab 2022):** Mit Inkrafttreten der entsprechenden Rechtsverordnung können bestimmte Beurkundungsakte per Videokonferenz durchgeführt werden. Voraussetzungen (noch begrenzt): - Technische Anforderungen nach Verordnung - Eindeutige Identifizierung via Video + qualifizierter Videoident-Dienst - Nur für bestimmte Urkundenarten (noch nicht für alle Beurkundungen) - Notar und Beteiligter in Echtzeit im Bild **Online-Beglaubigung (§§ 40a–40e BeurkG, ab 2022):** Unterschriftsbeglaubigung per Video möglich für qualifizierte elektronische Unterschriften. Biometrische Identifizierung des Berechtigten nötig. ## Präsenztermin: wann zwingend? Alle Beurkundungen nach BeurkG (§§ 6–35) erfordern grundsätzlich die persönliche Anwesenheit (§ 13 BeurkG: Vorlesen in Gegenwart der Beteiligten). Die Videobeurkundung ist die gesetzte Ausnahme, die strenger Verordnung bedarf. Ausnahme: Genehmigungen können per Vollmacht auch ohne persönliche Anwesenheit des Genehmigenden erteilt werden (§ 182 BGB). ## Grenzen der Fernbeurkundung - Keine Beurkundung per E-Mail, schriftlichem Austausch oder Videokonferenz ohne gesetzliche Grundlage. - Notar, der Fernbeurkundung ohne gesetzliche Basis durchführt, begeht Amtspflichtverletzung (§ 17 BeurkG i.V.m. § 19 BNotO). - „Beurkundung" mit elektronischer Signatur allein ist unwirksam, wenn BeurkG-Präsenzerfordernis gilt. ## Prüfprogramm - Liegt ein anerkanntes Legitimationsdokument vor? - Ist das Dokument noch gültig (Ablaufdatum prüfen)? - Stimmt das Bild überein? (§ 10 Abs. 1 BeurkG: eigene Überzeugung) - Bei juristischen Personen: Registerauszug aktuell? - GwG: Kopie archiviert, PEP-Screening dokumentiert? - Ist die geplante Urkundsart für Online-Identifizierung/Video geeignet? ## Typische Fallen - Abgelaufener Ausweis → § 10 BeurkG-Mangel; Beurkundung anfechtbar. - Identifizierung per Vollmacht (GF der GmbH) ohne aktuellen Registerauszug. - GwG-Kopie vergessen → Dokumentationsmangel, Bußgeldrisiko. - Fernbeurkundungsversuch ohne gesetzliche Basis → Unwirksamkeit. - Vertreter ohne ausreichende Vollmacht als Beteiligter aufgeführt. ## Rechtsquellen - § 10 BeurkG: https://dejure.org/gesetze/BeurkG/10.html - § 16a BNotO (Videobeurkundung): https://dejure.org/gesetze/BNotO/16a.html - §§ 40a–40e BeurkG (Online-Beglaubigung): https://dejure.org/gesetze/BeurkG/40a.html - GwG §§ 8, 12: https://dejure.org/gesetze/GwG/8.html - BGH zur Identitätsprüfung: https://www.bgh.de - BNotK ERV und Video: https://www.bnotk.de ## Output-Formate - **Identifizierungsprotokoll** (BeurkG + GwG, je Beteiligter) - **Videoident-Checkliste** (technische + rechtliche Anforderungen) - **Präsenzpflicht-Entscheidungsbaum** (welche Urkundsart ist video-tauglich?) - **GwG-Dokumentationsblatt** - **Mandantenhinweis** (benötigte Ausweisdokumente) Quellen für Live-Check: https://dejure.org | https://openjur.de | https://www.gesetze-im-internet.de | https://www.bnotk.de | https://www.bgh.de | https://www.bverfg.de