--- name: sklavenrecht-alr-ii-5-196-197 description: "Sklavenrecht im ALR — die beruehmten Bestimmungen ALR II 5 §§ 196 ff. zur Nichtanerkennung der Sklaverei in Preussen. Skill behandelt den Wortlaut der Schluesselparagraphen die Wirkung Sklavenstatus bei Grenzuebertritt zu enden die Frage nach einer 1-Jahres-Frist (mit kritischer Auseinandersetzun..." --- # Sklavenrecht im ALR — ALR II 5 §§ 196 ff. ## Norm und Kontext ALR Zweiter Teil, Fuenfter Titel (Vom Gesinde) enthaelt mehrere Bestimmungen zum Status auslaendischer Sklaven, die nach Preussen gelangen. Sie zaehlen zu den beruehmten Stellen des ALR und werden in der Diskussion um das "free soil"-Prinzip Europas regelmaessig zitiert. ### Schluesselparagraphen (Wortlaut sinngemaess) - **ALR II 5 § 196**: "Sklaverei soll in den koeniglichen Staaten nicht geduldet werden." - **ALR II 5 § 197**: "Sklaven, welche aus auswaertigen Ländern in die koeniglichen Staaten gebracht werden, sind, sobald sie die Grenze ueberschreiten, für frei zu erklaeren." - **ALR II 5 § 198 ff.**: ergaenzende Regelungen zu Pflichten der ehemaligen Herrschaft und zum spaeteren Aufenthaltsstatus. Wortlaut vor konkretem Zitat im Digitalisat (z. B. opinioiuris.de, Universitaetsbibliothek-Digitalisate) live verifizieren — die Paragraphennummerierung weicht zwischen Editionen 1794/1804 leicht ab. ## Rechtsfolge - Eintritt in das Staatsgebiet **eo ipso** beendet den Sklavenstatus. - Der frueher Versklavte wird ab Grenzuebertritt **frei** im Sinne des preussischen Personenrechts. - Eigentumsansprueche des frueheren Herrn am Menschen sind in Preussen rechtlich nicht durchsetzbar. - Die ehemalige Herrschaft hat allenfalls vertragliche Restansprueche (z. B. ueber Reisekosten Hausrat) — aber keine personenrechtliche Verfuegungsbefugnis. ## Die "1-Jahres-Frist" In der Diskussion (auch bei juristischen Laien) taucht haeufig die Vorstellung auf, der Sklavenstatus erloesche erst nach **einem Jahr Aufenthalt**. Dies ist im ALR **so nicht niedergelegt** — die Befreiung wirkt nach §§ 196/197 sofort mit Grenzuebertritt. Moegliche Quellen dieser Vorstellung: - **Verwechselung mit dem englischen Common Law**: dort wurde im Somerset-Fall (Court of King's Bench, **22.06.1772**, Lord Mansfield) entschieden, dass Sklaven auf englischem Boden frei seien. Eine ausdrueckliche Jahresfrist gab es dort ebenfalls nicht. - **Verwechselung mit dem franzoesischen Code Noir und der "freie Luft"-Klausel** im Edit de juin 1716 (geaendert 1738), wo eine **Drei-Jahres-Frist** für Reisende mit Sklaven aus den Kolonien zentral war, vor deren Ablauf der Sklavenstatus erhalten blieb. Diese Frist wirkte gegenlaeufig zum spaeteren ALR. - **Anlage und Aufenthaltsregelung**: Im ALR gab es Bestimmungen zur **gesinderechtlichen Bindung** des frueher Versklavten an die ehemalige Herrschaft als Dienender. Diese gesinderechtliche Bindung war typischerweise auf **ein Jahr** angelegt (Jahresvertrag des Gesindes). Daraus mag der "1-Jahres"-Eindruck stammen — er bezieht sich aber auf die **gesinderechtliche Folgebindung**, nicht auf den Sklavenstatus selbst. Im Ergebnis: Der Sklavenstatus erlischt im ALR **sofort** mit Grenzuebertritt. Eine etwaige Jahresfrist betrifft nur die gesinderechtliche Anschlussbindung nach altem Dienstrecht. ## Rechtshistorische Bedeutung Die ALR-Norm wirkte als **rechtspolitische Demonstration** — Preussen als aufgeklaerter Staat im europaeischen Konzert. Sie war zugleich **praktisch begrenzt**: die Zahl der tatsaechlich nach Preussen gelangten Sklaven war gering, und die Regelung wurde im 19. Jahrhundert in einzelnen Faellen tatsaechlich angewendet (z. B. bei mit ihren Herrschaften reisenden Bediensteten aus den Karibik-Kolonien oder den nordamerikanischen Suedstaaten). Spaetere Akte: - **Edikt zur Aufhebung der Erbuntertaenigkeit** (sog. Oktoberedikt vom **09.10.1807**) hob die preussische Gutsuntertaenigkeit auf — innerpreussische "Leibeigenschaft" entfaellt. - **Gesetz vom 09.03.1857**: Bestaetigung und Schaerfung des Verbots der Sklaverei. ## Verhaeltnis zu BGB / GG / Voelkerrecht - **Art. 1 Abs. 1 GG, Art. 2 Abs. 2 GG**: Menschenwuerde und koerperliche Unversehrtheit als heutige Anker. - **§ 138 Abs. 1 BGB**: ein Sklaverei-Vertrag ist sittenwidrig und nichtig. - **Art. 4 EMRK**: Verbot der Sklaverei. - **§ 233 StGB**: Menschenhandel. ## Pruefraster 1. Historische Fragestellung oder lebende Frage? 2. Quelle: ALR II 5 §§ 196 ff. (Wortlaut im Digitalisat verifizieren). 3. Sofortwirkung der Befreiung bei Grenzuebertritt klar darstellen. 4. "1-Jahres-Frist" kritisch einordnen (Verwechslung mit Code Noir oder mit gesinderechtlicher Anschlussbindung). 5. Heutige Norm (Art. 1 GG, § 138 BGB, § 233 StGB, Art. 4 EMRK).