--- name: launch-pruefung description: "Produktmanager oder Rechtsabteilung will vor dem Launch prüfen, ob das Produkt oder Feature produktrechtlich freigegeben werden kann. Vollständige rechtliche Freigabeprüfung gegen konfiguriertes Prüfrahmenwerk und Risikokalibrierung. Normen ProdSG Produktsicherheitsgesetz Marktüberwachung CE-Konf..." --- # Produkt-Launch-Freigabeprüfung ## Eingaben - **PRD / Produktbeschreibung** — als Datei, Link oder direkte Eingabe - **Technische Unterlagen** — Konstruktionszeichnungen, Stücklisten, Prüfberichte (soweit vorhanden) - **Marketingplan** — falls vorhanden; bei substanziellem Marketinginhalt Weiterleitung an `werbeaussagen-pruefung` - **Geplantes Markteinführungsdatum** — für die Dringlichkeitskalibrierung - **Zielmarkt(e)** — EU-Binnenmarkt, nationale Sonderregelungen, Drittstaaten - **Produktkategorie** — Verbraucherprodukt, Maschinenprodukt, Medizinprodukt, Lebensmittel, Kosmetikum usw. ## Rechtlicher Rahmen ### Kernvorschriften **Produktsicherheit und Marktüberwachung** - Produktsicherheitsgesetz (ProdSG) für nationale Bereitstellungs-, Vollzugs- und Sanktionsfragen - VO (EU) 2023/988 über die allgemeine Produktsicherheit (GPSR), anwendbar ab 13.12.2024 - Produkthaftungsgesetz (ProdHaftG), ggf. ab 09.12.2026 in der Fassung gemäß RL 2024/2853/EU - Maschinenverordnung (VO (EU) 2023/1230, MaschV) — für Maschinen und Sicherheitsbauteile - CE-Kennzeichnung: je nach Produktgruppe RL 2014/30/EU (EMV), RL 2014/35/EU (Niederspannung), RL 2014/53/EU (Funkanlagen RED), MDR VO (EU) 2017/745 (Medizinprodukte) - VO (EU) 305/2011 (Bauprodukte-VO) — wo anwendbar **Produkthaftung** - §§ 1–15 ProdHaftG: Haftung des Herstellers für fehlerhafte Produkte, unabhängig vom Verschulden - §§ 823 Abs. 1, 826 BGB: deliktische Haftung (Parallelweg) - Rechtsprechung: keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren. **Verbraucher- und Wettbewerbsrecht** - §§ 433 ff. BGB: Kaufvertrag, Gewährleistung, Beschaffenheitsgarantie (§ 443 BGB) - § 5 UWG: Irreführende Werbung (betrifft auch Produktbeschreibungen) - Rechtsprechung: keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren. **Marktüberwachung** - Marktüberwachungs-VO (EU) 2019/1020 - Zuständige Behörden: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) für den Geräte- und Produktsicherheitsbereich; Bundesnetzagentur für Funkanlagen und Elektromagnetische Verträglichkeit; Landesbehörden im Vollzug ### Quellenregel Quellenregel: Keine Kommentar-, Handbuch- oder Aufsatzfundstellen aus Modellwissen; Literatur nur mit Nutzerquelle oder lizenziertem Live-Zugriff. ## Ablauf ### Schritt 1: Eingaben erfassen Fehlende Dokumente beim Nutzer anfordern. Sofern ein Ticket-System (z. B. Jira, Linear) verbunden ist, Ticket und Kommentare abrufen — oft enthält die Kommentarhistorie Kontext, den das PRD nicht erfasst. ### Schritt 2: Produkt und Markteinführung verstehen Vor der Checkliste in klarer Sprache beantworten: - Was tut dieses Produkt? An wen richtet es sich (Verbraucher, gewerbliche Abnehmer, Mischnutzung)? - Was ist neu gegenüber bereits geprüften Versionen? - Neue Materialien, neue Nutzungsszenarien, neue Zielmärkte, neue Vertriebswege? - Handelt es sich um ein reglementiertes Produkt (Medizinprodukt, Lebensmittel, Kosmetikum, Spielzeug, Maschine)? **KI-Komponente — vor dem Rahmenwerk-Durchlauf prüfen.** Enthält das Produkt eine KI-Funktionalität — Drittanbieter-Modell, intern trainiertes Modell, automatisierte Klassifikation, generative Inhalte, Empfehlungen, Prognosen — auch wenn das PRD den Begriff "KI" nicht verwendet? Wörter wie "intelligent", "automatisiert", "personalisiert", "generiert", "vorgeschlagen" sind Hinweise. Sofern KI-Komponente erkannt → explizit kennzeichnen und ergänzend zum Rahmenwerk-Durchlauf nach dem KI-Rechtsrahmen (KI-VO (EU) 2024/1689) prüfen. ### Schritt 3: Prüfrahmenwerk durcharbeiten Für jede der nachfolgenden Kategorien prüfen. Auto-Überspringen nur mit einzeiliger Begründung. | Nr. | Kategorie | Leitfrage | Auto-Überspringen wenn | |---|---|---|---| | 1 | **Produktsicherheit / CE-Konformität** | Ist das Produkt sicher i. S. d. ProdSG/GPSR? CE-Kennzeichnung zutreffend? Technische Dokumentation vollständig? | Reine Softwareanpassung ohne Hardwarebezug | | 2 | **Produkthaftung** | Konstruktionsfehler, Fabrikationsfehler, Instruktionsfehler (§ 1 Abs. 2 ProdHaftG)? Waren- und Personenschadenspotenzial? | Dienstleistung ohne Produktkomponente | | 3 | **Kennzeichnung und Dokumentation** | Konformitätserklärung (DoC) vorhanden? Betriebsanleitung in DE? Hinweise auf Restrisiken? CE-Zeichen korrekt angebracht? | Unverändertes Altprodukt ohne neue Merkmale | | 4 | **Datenschutz / DSGVO** | Neue Datenerhebung, neue Zwecke, neue Empfänger? Datenschutz-Folgenabschätzung erforderlich? | Keine personenbezogenen Daten verarbeitet | | 5 | **Gewerbliche Schutzrechte / IP** | Drittanbieter-IP, Open-Source-Lizenzen, Designschutz, Patente von Wettbewerbern? | Keine neuen technischen Merkmale, keine Drittsoftware | | 6 | **Vertragliche Zusagen und Garantien** | Widerspruch zu bestehenden AGB, SLA, Beschaffenheitsgarantien (§ 443 BGB), Werbeversprachen? | Keine kundenwirksamen Änderungen | | 7 | **Marketingaussagen** | Prüfungsbedürftige Werbebehauptungen? Substantiierungspflicht? Bei substanziellem Marketinginhalt → Weiterleitung an `werbeaussagen-pruefung` | Kein Marketingmaterial vorhanden | | 8 | **Sektor-spezifische Regulierung** | Berührt die Markteinführung einen regulierten Sektor (Medizinprodukte, Lebensmittel, Kosmetika, Spielzeug)? Spezialrecht anwendbar? | Kein geregelter Sektor betroffen | **Sektor-Overlays.** Falls eine der folgenden Produktgruppen betroffen ist, ergänzend prüfen: | Produktgruppe | Zusätzliche Prüfpflichten | |---|---| | **Medizinprodukte** | MDR VO (EU) 2017/745, IVDR VO (EU) 2017/746, Risikoklassifizierung, Benannte Stelle (Notified Body), klinische Bewertung, EUDAMED-Registrierung | | **Lebensmittel / Nahrungsergänzung** | LMIV VO (EU) 1169/2011 (Pflichtangaben, Allergenkennzeichnung), LFGB, Health-Claims-VO (EG) 1924/2006, Novel-Food-VO (EU) 2015/2283 | | **Kosmetika** | VO (EG) 1223/2009, Sicherheitsbewertung, CPNP-Notifizierung, INCI-Kennzeichnung | | **Spielzeug** | Spielzeug-RL 2009/48/EG, nationale Umsetzung (2. GPSGV) | | **Maschinen** | MaschV VO (EU) 2023/1230 (ab 20.01.2027), vorher RL 2006/42/EG, CE-Verfahren, Technische Dokumentation (Anh. IV), Betriebsanleitung | | **Funkanlagen / Elektrogeräte** | RED RL 2014/53/EU, EMV-RL 2014/30/EU, Niederspannungs-RL 2014/35/EU, ggf. WEEE, RoHS | | **Chemikalien / SVHC** | REACH-VO (EG) 1907/2006, CLP-VO (EG) 1272/2008, Sicherheitsdatenblatt | **Ausgabe je Kategorie:** ```markdown ### [Nr.]. [Kategorie] **Geprüft:** [was konkret geprüft wurde] **Befund:** [Unauffällig | Klärungsbedarf | Blocker | Übersprungen] **Detail:** [Konkrete Beschreibung, bezogen auf das PRD] **Kalibrierung:** [gemäß CLAUDE.md — typischerweise FYI / erfordert Maßnahme / blockiert] **Maßnahme:** [Was zu tun ist, wer verantwortlich ist, bis wann] ``` ### Schritt 4: Schweregrad kalibrieren Jeden Befund gegen die Kalibrierungstabelle in der CLAUDE.md abgleichen: - Entspricht einem "typischerweise FYI"-Muster → vermerken, nicht blockieren - Entspricht "erfordert Maßnahme" → Maßnahme und Zeitrahmen konkret benennen - Entspricht "blockiert" → prominent kennzeichnen, eskalieren - **Neuartig** (nicht in der Tabelle) → explizit vermelden: "Dieser Befund entspricht keinem Muster in der Kalibrierung — menschliche Entscheidung erforderlich" ### Schritt 5: Prüfvermerk zusammenstellen ```markdown ### Produkt-Launch-Prüfvermerk: [Produktname / Feature-Name] **Geprüft:** [Datum] | **Launch-Datum:** [Datum] | **Prüfer:** [Name] **PRD:** [Link] | **Ticket:** [Link, sofern verbunden] --- ## Ergebnis [Ein Absatz: Kann das Produkt in den Markt? Was muss vorher erledigt werden?] **Freigabe:** [Freigegeben | Freigabe unter Bedingungen | Blockiert bis X | Eskalation erforderlich] --- ## Befunde nach Kategorie [Alle Kategorieblöcke aus Schritt 3 — übersprungene Kategorien am Ende mit Begründung] --- ## Maßnahmenplan | Nr. | Maßnahme | Verantwortlich | Frist | Blockierend? | |---|---|---|---|---| | 1 | [konkret] | [PM/Technik/Recht] | [Datum] | Ja/Nein | --- ## Eskalationen [Falls vorhanden — an wen, warum] --- ## Hinweise für künftige Prüfungen [Falls diese Markteinführung ein Muster offenbart, das die Kalibrierungstabelle aktualisieren sollte] ``` ### Schritt 6: Privilegierten Vermerk UND bereinigten Ticket-Kommentar ausgeben ⚠️ **Vertraulichkeitshinweis:** Die vollständige Mandatsnotiz nicht in ein breit zugängliches Ticket (Jira/Linear) einstellen — Postings in Kanäle außerhalb des Mandatsgeheimniskreises können den Schutz aufheben. **Ausgabe 1 — Vollständiger Prüfvermerk (intern/mandatsgeschützt):** Vollständige Analyse aus Schritt 5: Ergebnis, Befunde nach Kategorie mit Risikobegründung, Maßnahmenplan, Eskalationen. Nur an Personen innerhalb des Mandatsgeheimniskreises verteilen. **Ausgabe 2 — Bereinigter Ticket-Kommentar (SICHER FÜR TRACKER).** Nach dem Vermerk mit einem klaren `---`-Trenner und der Überschrift `## SICHER FÜR TRACKER (nicht mandatsgeschützt)` einen kurzen Kommentarblock ausgeben, der NUR enthält: - **Launch-Status:** Grün / Gelb / Rot - **Bedingungen als Maßnahmeneinträge:** jede Bedingung als Handlungsanweisung an PM/Technik, ohne rechtliche Begründung - **Frist** und **Verantwortlicher** je Bedingung Der bereinigte Block enthält weder rechtliche Begründungen noch interne Überlegungen, keine Normenverweise, keine Eskalationsnotizen. ## Beispiel **Sachverhalt:** Neues Haushaltsgerät mit WLAN-Schnittstelle soll in Deutschland und Österreich auf den Markt gebracht werden. **Beispielhafte Befunde:** - **Kategorie 1 (Produktsicherheit/CE):** CE-Kennzeichnung nach RED RL 2014/53/EU erforderlich; Konformitätsbewertungsverfahren (Selbsterklärung nach Modul A) noch nicht abgeschlossen — **Blocker**. - **Kategorie 3 (Kennzeichnung):** Betriebsanleitung liegt nur auf Englisch vor; § 3 Abs. 2 Nr. 4 ProdSG verlangt Unterlagen in der Amtssprache des Bestimmungslands — **Blocker** (Übersetzung DE/AT erforderlich). - **Kategorie 7 (Marketing):** Behauptung "das sicherste Gerät auf dem Markt" ohne Nachweis — potenziell irreführend nach § 5 UWG — Weiterleitung an `werbeaussagen-pruefung`. ## Risiken und typische Fehler - **CE-Kennzeichnung ohne vollständiges Konformitätsbewertungsverfahren:** Häufiger Fehler bei Start-ups. § 5 ProdSG (GPSR-Umsetzung) verbietet das Inverkehrbringen nicht konformer Produkte; Bußgeld und Marktrücknahme durch BAuA möglich. - **Fehlende oder unvollständige Betriebsanleitung in Landessprache:** Verletzt § 3 Abs. 2 ProdSG, führt zu Instruktionsfehler i. S. d. § 1 Abs. 2 Nr. 2 ProdHaftG (haftungsrelevant). - **Vernachlässigung der GPSR-Meldepflichten:** Art. 9 GPSR verpflichtet Hersteller zu unverzüglicher Meldung unsicherer Produkte an Marktüberwachungsbehörden; Unterlassen ist Ordnungswidrigkeit. - **Produkthaftungsrisiko durch unklare Gebrauchsanweisung:** Instruktionsfehler können haftungsrelevant sein, auch wenn das Produkt technisch einwandfrei konstruiert ist; Warnhinweise, bestimmungsgemäße Nutzung und naheliegender Fehlgebrauch müssen zusammen geprüft werden. - **Verwechslung von CE-Pflicht und CE-freier Produktkategorie:** Nicht jedes Produkt unterliegt CE-Pflicht; Fehlkennzeichnung (CE ohne einschlägige RL) ist ebenfalls unzulässig. - **KI-Komponenten ohne Risikobewertung nach KI-VO:** KI-VO (EU) 2024/1689 gilt gestaffelt; Hochrisiko-Pflichten nach Art. 6 i. V. m. Anhang III müssen frühzeitig nach Zweckbestimmung und realem Einsatzkontext klassifiziert werden. ## Quellenpflicht Jede Norm, Entscheidung oder Behördenaussage im Prüfvermerk muss belegt sein: - **Primärquellen:** EUR-Lex (Verordnungen, Richtlinien), BAuA-Website, BfArM (Medizinprodukte), BVL (Lebensmittel) - Rechtsprechung live prüfen: Keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über amtliche oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren. - **Quellenregel:** Klindt ProdSG, Kullmann ProdHaftG, Foerste/von Westphalen Produkthaftungshandbuch - **Zitierhinweis:** Entscheidungen in der Form `BGH, Urt. v. TT.MM.JJJJ – Az., Fundstelle Rn. X`; Normen stets mit §-Zeichen und Absatz-/Nummerierungsangabe Quellen, die nur aus Modellwissen stammen, nicht als zitierfähige Fundstelle ausgeben. Pinpoint-Zitate nur verwenden, wenn Randnummer, Seite oder amtlicher Leitsatz aus der konkreten Quelle geprüft wurde. Hinweis: Dieser Skill strukturiert die Launch-Freigabe so, dass juristische und technische Teams Risiken früh sehen, sauber dokumentieren und gezielt entscheiden können; die fachliche Endverantwortung bleibt beim zuständigen Menschen.