--- name: entwurf-einarbeitung-einfache-sprache description: "Erstellt einen Erstentwurf häufiger Schriftstücke der Rechtsberatungsstelle — Rechtsgebiet-spezifische Muster (Widerspruchsschreiben, Mietrechtsbriefe, Klageschriften im Beratungshilfe-Kontext, Mahnschreiben), § 6 RDG-konforme Formulierung, ausdrücklich als Ausgangspunkt mit anschließender Studie..." --- # Schriftsatzentwurf: Erstentwurf-Erstellung ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: die im Fachgebiet einschlägigen Verfahrens-, materiellen und Anmeldefristen vorab markieren und nicht aus Modellwissen finalisieren (insbesondere Widerspruch 1 Monat, Klage 1 Monat, Verjährung §§ 195, 199 BGB / spezialgesetzlich). - Tragende Normen verifizieren: die im Plugin-Kontext einschlägigen Normen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, eur-lex.europa.eu und die amtlichen Bundes-/Landesportale live prüfen — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. ## Zweck Studierende wenden erhebliche Zeit auf Erstentwürfe von Schriftstücken auf, deren Bildungswert in der rechtlichen Analyse und Strategie liegt — nicht im Abtippen eines Rubrum oder im Formulieren von "Sehr geehrte Damen und Herren". Diese Skill erstellt den Erstentwurf aus Fallnotizen und Rechtsgebiet-spezifischen Mustern, damit die studentische Arbeitszeit dem eigentlichen juristischen Denken zugute kommt. **Jeder Entwurf ist ausdrücklich ein Ausgangspunkt.** Kein fertiges Arbeitsergebnis. Der/die Studierende analysiert und überarbeitet; der Supervisor prüft, bevor das Schriftstück die Beratungsstelle verlässt. Beachte: Rechtliche Beratungsleistungen an Einzelpersonen durch Studierende erfolgen nach § 6 Abs. 1 RDG als unentgeltliche Rechtsdienstleistung unter Aufsicht eines zur Rechtsanwaltschaft zugelassenen Supervisors (§ 6 Abs. 2 RDG). Alle nach außen gehenden Schriftstücke sind ohne Supervisoren-Freigabe nicht zu versenden. ## Eingaben - **Schriftstücktyp** — z. B. `widerspruch`, `klageschrift-ag`, `mahnschreiben`, `beratungshilfe-antrag`, `pkh-antrag`, `mietrechtliches-kündigungsschreiben` - **Sachverhaltsnotizen / Aktennotiz** — Fakten des Falls; fehlende Angaben werden markiert, nie erfunden - **Rechtsgebiet** — Mietrecht, Arbeitsrecht, Verwaltungsrecht, Verbraucherrecht u. a. - **Zuständiges Gericht / Behörde** (falls bekannt) — für Rubrum und Formvorschriften - **Frist** — ob eine Einreichungsfrist läuft und bis wann ## Rechtlicher Rahmen ### Kernvorschriften - **§ 6 RDG** — Unentgeltliche Rechtsdienstleistung: zulässig durch Rechtsberatungsstellen unter anwaltlicher Aufsicht; die Aufsicht muss durch eine zur Rechtsanwaltschaft zugelassene Person ausgeübt werden. - **§ 43a Abs. 2 BRAO** — Mandatsgeheimnis/Verschwiegenheitspflicht: gilt sinngemäß für Studierende der Beratungsstelle; keine Informationen aus dem Mandat nach außen. - **§ 203 Abs. 3 StGB** — Strafbarkeit der Verletzung von Privatgeheimnissen; Studierende sind als "berufsmäßig tätige Gehilfen" i. S. d. § 203 Abs. 3 S. 2 StGB zu behandeln. - **§§ 114 ff. ZPO** — Prozesskostenhilfe (PKH): Entwürfe für PKH-Anträge müssen wirtschaftliche Verhältnisse vollständig darlegen; Prüfung hinreichender Erfolgsaussichten (§ 114 Abs. 1 S. 1 ZPO). - **§§ 1, 2 BerHG** — Beratungshilfe: Voraussetzungen, Bewilligung vor Erbringung der Leistung. - **§§ 17, 18, 23 VwVfG** — Form von Widersprüchen und Verwaltungsverfahrensschreiben. - **§ 70 VwGO** — Form des Widerspruchs (schriftlich oder zur Niederschrift); Einreichungsfrist nach §§ 70, 58, 74 VwGO. ### Leitentscheidungen - Rechtsprechung: keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren. ### Quellenregel Quellenregel: Keine Kommentar-, Handbuch- oder Aufsatzfundstellen aus Modellwissen; Literatur nur mit Nutzerquelle oder lizenziertem Live-Zugriff. ## Ablauf ### Schritt 1: Welches Schriftstück? Den Anforderungstyp dem Musterbestand der Beratungsstelle zuordnen. Typischer Bestand nach Rechtsgebiet: | Rechtsgebiet | Schriftstücke | |---|---| | **Mietrecht** | Widerspruch gegen Kündigung, Mängelrüge mit Fristsetzung, Klage auf Kaution, Antrag auf einstweiligen Rechtsschutz | | **Arbeitsrecht** | Kündigungsschutzklage (AG), Abmahnungsrüge, Zeugnisverlangen, Lohnrückstandsschreiben | | **Verwaltungsrecht** | Widerspruchsschreiben, Klage beim Verwaltungsgericht (Entwurf), Antrag auf aufschiebende Wirkung (§ 80 Abs. 4, 5 VwGO) | | **Verbraucherrecht** | Widerrufserklärung (§ 355 BGB), Mahnschreiben, Antwort auf Inkassoschreiben, Antrag auf Lastschriftrückgabe | | **Allgemein** | Beratungshilfe-Antrag (BerH 1), PKH-Antrag (ZPO 117), Vollmacht, Empfangsbekenntnis | Falls das angeforderte Schriftstück nicht im Musterbestand vorhanden ist: "Der Musterbestand der Beratungsstelle enthält kein Muster für [X]. Ich kann einen Entwurf nach allgemeinen Grundsätzen versuchen, aber dieser muss besonders sorgfältig geprüft werden — er wurde nicht auf das Rechtsgebiet und die zuständige Behörde/das Gericht abgestimmt. Besser wäre, den Supervisor zu fragen, ob ein bewährtes Muster vorliegt." ### Schritt 2: Sachverhalt aufnehmen Fallnotizen und Aktennotiz lesen. Für jeden Aspekt, den das Schriftstück benötigt: Liegt die Information vor? | Schriftstück braucht | Vorhanden? | Quelle | |---|---|---| | [Tatsache] | Ja / Nein | [Aktennotiz / Mandantenunterlage / noch zu beschaffen] | Fehlende notwendige Tatsachen → nicht erfinden. Markierung: `[TATSACHE FEHLT: Zustellungsdatum der Kündigung — aus Briefumschlag oder Postzustellungsurkunde entnehmen]`. ### Schritt 3: Zuständiges Gericht / Behörde und Formvorschriften - **Rubrum:** Gericht, Aktenzeichen (falls vorhanden), Parteien, Bevollmächtigte/r (Studierender unter Aufsicht des Supervisors) - **Formvorschriften:** Schriftform, Unterschrift, Einreichungsweg (post, Fax, beA, elektronisch) - Sind örtliche Besonderheiten nicht bekannt: `[PRÜFEN: Einreichungsweg beim zuständigen Gericht / der zuständigen Behörde überprüfen]` ### Schritt 4: Entwerfen Das Rechtsgebiet-Muster verwenden. Füllen, was aus den Fakten befüllt werden kann. Platzhalter explizit lassen — niemals mit plausibel klingendem Inhalt füllen. **Wo immer der Entwurf eine Rechtsbehauptung aufstellt:** Diese Behauptung ist eine Hypothese, die der/die Studierende überprüft, keine Schlussfolgerung, auf die der Entwurf sich verlässt. Entsprechend markieren. ### Schritt 5: Unsicherheiten kennzeichnen Drei Arten von Markierungen, direkt im Text: - `[TATSACHE FEHLT: ...]` — das Schriftstück benötigt eine Tatsache, die die Fallnotizen nicht enthalten - `[PRÜFEN: ...]` — eine Rechts- oder Tatsachenbehauptung, die vor Einreichung überprüft werden muss - `[UNSICHER: ...]` — der Skill ist genuinely unsicher und sagt dies, anstatt zu raten ### Schritt 6: Supervisoren-Routing Ein Schriftstück bei Gericht oder einer Behörde einzureichen ist eine folgenschwere Handlung. Das Gate ist das Supervisionsmodell der Beratungsstelle, verstärkt durch die Grundvoraussetzung, dass ein zugelassener Rechtsanwalt/eine zugelassene Rechtsanwältin die Aufsicht innehat (§ 6 Abs. 2 RDG). Gerichtliche und behördliche Einreichungen gehen immer durch die Supervisoren-Prüfung, unabhängig vom gewählten Supervisionsmodell. - **Formelle Prüfwarteschlange:** Entwurf geht in die Warteschlange; Studierender sieht "in Warteschlange für [Supervisor]" - **Konfigurierbare Flags:** Wenn dieser Schriftstücktyp ein Flag auslöst (gerichtliche Einreichungen in der Regel immer), enthält der Output: "VOR DER EINREICHUNG MIT [SUPERVISOR] ABSPRECHEN" - **Leichtere Begleitung:** Standard-Sicherheitslabel; keine zusätzliche Schranke — aber gerichtliche Einreichungen gehen per Klinikverfahren dennoch an den Supervisor vor Einreichung ## Prüfliste für Studierende Vor Vorlage an [Supervisor]: - [ ] Das Schriftstück vollständig lesen. Sagt es das, was ausgedrückt werden soll? - [ ] Jede Tatsache: stimmt sie mit den tatsächlichen Mandantenunterlagen überein? - [ ] Jedes [PRÜFEN]-Flag: durch Recherche aufgelöst oder gestrichen - [ ] Jedes [TATSACHE FEHLT]-Flag: mit verifizierten Informationen gefüllt oder Abschnitt entfernt - [ ] Rechtsgrundlage: ist dies die richtige Argumentation? Gibt es bessere Ansätze? (Das ist die Analyse des Studierenden, nicht des Entwurfs.) - [ ] Formvorschriften: Rubrum, Einreichungsweg, Format nach aktuellen Vorschriften korrekt? - [ ] [Supervisionsschritt per Klinik-Konfiguration] ``` ## Beispiel **Szenario:** Mandantin Erdem erhält eine fristlose Kündigung ihres Arbeitsverhältnisses. Kündigung zugestellt am 15.04.2026. Studierender Müller soll einen Entwurf der Kündigungsschutzklage beim Arbeitsgericht Berlin erstellen. ``` /entwurf kündigungsschutzklage-ag Fall: Erdem-Arbeitsrecht-2026 Frist: 06.05.2026 (3 Wochen ab 15.04.2026, § 4 KSchG) Arbeitgeber: Beispiel GmbH, Musterstraße 1, 10115 Berlin ``` Entwurf enthält: Rubrum (AG Berlin), Anträge, Klagebegründung mit `[PRÜFEN: Beschäftigungsdauer und Betriebsgröße für Anwendbarkeit KSchG]`, `[TATSACHE FEHLT: Datum des Arbeitsvertragsabschlusses]`. ## Risiken und typische Fehler - **Frist nicht beachtet:** Der Entwurf weist auf erkannte Fristen hin, berechnet sie aber nicht selbst. Studierende müssen die Dreiwochenfrist des § 4 KSchG, die Widerspruchsfrist (§ 70 VwGO), Verjährungsfristen (§ 195 BGB) eigenständig prüfen und in `/fristen` eintragen. - **Rubrum falsch:** Zuständigkeit, Parteibezeichnungen, Aktenzeichen müssen überprüft werden. Fehlerhaftes Rubrum kann zur Unzulässigkeit führen. - **PKH-Antrag vergessen:** Wenn die Mandantin/der Mandant nicht zahlungsfähig ist, muss gleichzeitig mit der Klage ein PKH-Antrag (§ 117 ZPO) eingereicht werden. - **Entwurf verlässt Klinik ohne Freigabe:** § 6 Abs. 2 RDG verlangt anwaltliche Aufsicht. Kein Entwurf wird dem Mandanten oder einer Behörde/einem Gericht ohne Supervisoren-Freigabe zugeleitet. - **Falsche Rechtsgrundlagen:** Rechtsbehauptungen im Entwurf sind Hypothesen. Der/die Studierende verifiziert jede Norm und Rechtsprechung, bevor der Entwurf weitergereicht wird. ## Quellenpflicht Jede Rechtsbehauptung im Entwurf ist mit der einschlägigen Norm oder Entscheidung zu belegen. Vorgeschlagene Quellen aus dem Modell sind mit `[Modellwissen — verifizieren]` zu kennzeichnen und vor Verwendung gegen aktuelle Datenbanken (amtliche oder frei zugängliche Quellen; lizenzierte Datenbanken nur bei vorhandenem Zugang, dejure) zu prüfen. Niemals ohne Quellangabe und Supervisoren-Freigabe einreichen. Hinweis: Dieser Skill ersetzt keine anwaltliche Beratung im konkreten Einzelfall.