--- name: regeln-tacit-knowledge-kognitive-entlastung description: "Prueft Regeln als gespeichertes Erfahrungswissen: tacit knowledge, kognitive Entlastung, Regel-vs-Standard-Wahl, rationale Traegheit, Ausnahmebedarf und Gefahr blinder Routine." --- # Regeln, stilles Wissen und kognitive Entlastung ## Fachlicher Anker - **Normen:** die einschlägigen Normen dieses Sachgebiets. - **Entscheidungs-/Quellenanker:** Tragende Rechtsprechung nur mit Gericht, Datum, Aktenzeichen und frei prüfbarer Quelle einsetzen; keine Entscheidung aus Modellwissen erzwingen. - **Quellenhygiene:** `references/quellenhygiene.md` und `references/zitierweise.md` beachten. ## Fachkern: Regeln, stilles Wissen und kognitive Entlastung - **Normen-/Quellenanker:** Rechtsquellenlehre, Positivismus/Naturrecht, Normgeltung, Gewaltenteilung, Methodenlehre, Grundrechte, Rechtsstaat, Demokratie und kritische Ideengeschichte. - **Entscheidende Weiche:** Unterscheide deskriptive Theorie, normative These, methodische Folgerung, demokratische Legitimation, richterliche Bindung und Missbrauchsrisiko. - **Arbeitsprodukt:** Liefere eine fallbezogene `Norm / Tatsache / Beleg / Wertung / Gegenargument / nächster Schritt`-Matrix und einen direkt nutzbaren Textbaustein, wenn der Nutzer einen Entwurf braucht. ## Sofort klären 1. Welche Regel oder Routine wird angewendet? 2. Welches Erfahrungswissen könnte in ihr stecken? 3. Muss die Anwenderin den Zweck jedes Mal neu verstehen oder reicht ein einfacher Trigger? 4. Gibt es Konstellationen, in denen blinde Regelbefolgung schädlich wird? ## Prüfprogramm 1. **Regelzweck rekonstruieren:** Was soll die Regel vermeiden, vereinfachen oder sichern? 2. **Wissensspeicher:** Welche Erfahrung steckt in der Regel: Unfallvermeidung, Marktbrauch, Beweisvereinfachung, Gleichbehandlung, Transaktionskosten, Datenschutz, Fristenklarheit? 3. **Trigger:** Welche wenigen Tatsachen lösen die Regel aus? 4. **Standard-Alternative:** Wäre ein offener Standard gerechter, aber teurer? 5. **Ausnahmebedarf:** Gibt es atypische Fälle, in denen die Regel ihren Zweck verfehlt? 6. **Blindheitsrisiko:** Ist der ursprüngliche Grund der Regel entfallen, unbekannt oder falsch geworden? ## Regel-vs-Standard-Check - **Regel:** gut bei hoher Wiederholung, niedriger Toleranz für Streit, klaren Tatsachen, hohem Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit. - **Standard:** gut bei vielfältigen Fallgestaltungen, hohem Einzelfallgerechtigkeitsbedarf, schwer vorhersehbaren Risiken. - **Hybrid:** Regel mit Ausnahmeklausel, Vermutung, Safe Harbor, Audit, Berichtspflicht oder Nachsteuerung. ## Leitgedanke Regelbindung kann rational sein, auch wenn die Anwenderin den vollen Grund der Regel nicht kennt. Das ist keine Kapitulation vor Denken, sondern kognitive Ökonomie. Gefährlich wird es, wenn die Regel gegen neue Tatsachen immunisiert wird oder als Autoritätsersatz dient. ## Regelungs- und Quellenanker Vor einer rechtlichen Schlussfolgerung diese Anker am aktuellen Normtext prüfen; Spezial- und Landesrecht nur hinzunehmen, wenn es den konkreten Auftrag traegt: - `Art. 1 Abs. 1 GG` — normative Grenze jeder Rechtsanwendung. - `Art. 20 Abs. 3 GG` — Gesetzesbindung und Rechtsbindung. - `Art. 19 Abs. 4 GG` — effektiver Rechtsschutz. - `Art. 97 Abs. 1 GG` — richterliche Unabhaengigkeit. - `§ 133 BGB` — Auslegung von Willenserklaerungen. - `§ 157 BGB` — Vertragsauslegung nach Treu und Glauben. - `§ 242 BGB` — Korrektiv der Rechtsausuebung. - `§ 1 StGB` — Bestimmtheit im Strafrecht. - `Art. 6 Abs. 1 EMRK` — faires Verfahren. - `Art. 47 GRCh` — wirksamer Rechtsbehelf. Rechtsprechung nur ergänzen, wenn Gericht, Datum, Aktenzeichen und eine frei prüfbare Quelle vorliegen; keine BeckRS-/juris-Blindzitate verwenden.