--- name: autonome-lieferroboter-oeffentlicher-raum description: "Prüft autonome Lieferroboter im öffentlichen Raum: Verkehrsrecht, Sondernutzung, Haftung, Datenschutz und kommunale Genehmigungen." --- # Autonome Lieferroboter im öffentlichen Raum ## Fachkern: Autonome Lieferroboter im öffentlichen Raum - **Normen-/Quellenanker:** EU-Maschinenverordnung, Produkthaftungsrecht, ProdSG/GPSR, AI Act, MDR/MPDG bei Medizinrobotik, DSGVO, Cybersecurity/NIS2 und Arbeitsschutz. - **Entscheidende Weiche:** Prüfe Rolle Hersteller/Integrator/Betreiber, bestimmungsgemäße Verwendung, CE-Konformität, Sicherheitsfunktion, Lern-/Updateverhalten, Schadenpfad und Rückrufpflicht. ## Worum geht es konkret Lieferroboter auf Gehwegen, in Fußgängerzonen und in Mischverkehrsräumen berühren ein Mosaik aus Bundes-, Landes- und Kommunalrecht: StVO/StVG, Landesstraßengesetze (Sondernutzung), Kommunalsatzungen, DSGVO (Kamerasensorik), KI-VO (autonome Wahrnehmung), MaschinenVO/ProdSG (Sicherheit) und Vertragsrecht zum Endkunden. Dieser Skill ordnet die Regulierungsebenen, gibt einen Genehmigungs-und enthält Vorlagen für Sondernutzungsanträge und Datenschutzhinweise. ## Wann dieses Modul hilft / Kaltstart-Fragen 1. **Rolle:** Hersteller, Betreiber/Logistik-Plattform, Kommune, Verkehrsbehörde, Datenschutzbehörde, Geschädigte (Fußgänger). 2. **Robotertyp:** Sidewalk Delivery Robot (SDR) mit <25 km/h, Größe und Gewicht? 3. **Einsatzgebiet:** Mehrere Kommunen? Test- oder Regelbetrieb? Innenstadt / Wohngebiet? 4. **Sensorik:** RGB-Kamera, LiDAR, Mikrofone? Cloud-Anbindung? Speicherung? 5. **Anlass:** Genehmigungsantrag, Unfall mit Personenschaden, Bürgerbeschwerde, Anzeige der Kommune. ## Rechtlicher Rahmen - **StVG** § 1a (automatisiertes Fahren) gilt für Kraftfahrzeuge; Lieferroboter sind regelmäßig keine Kfz – Einordnung als "fahrzeugähnliches Gerät" oder gänzlich außerhalb. Klärung über Landesrecht/Kommune. - **StVO** § 24 fahrzeugähnliche Geräte (Skater, Tretroller); analoge Anwendung diskutiert. - **Landesstraßengesetze**, z. B. § 18 StrWG NRW, Art. 18 BayStrWG, § 16 StrG BW: Sondernutzungserlaubnis bei Inanspruchnahme der Straße über den Gemeingebrauch hinaus. - **Kommunalsatzungen** (Sondernutzungssatzungen, Stadtordnungen) – Gebührentarife. - **DSGVO** Art. 6 Abs. 1 lit. f Interessenabwägung; Art. 13 Informationspflicht; Art. 35 DSFA bei Kameras im öffentlichen Raum. - **KI-VO** VO (EU) 2024/1689; Personenerkennung kann Hochrisiko sein (Anhang III). - **MaschinenVO** VO (EU) 2023/1230 als Produkt; CE-Pflicht. - **ProdHaftG / VO (EU) 2024/2853** und § 823 BGB Halter-/Hersteller-/Betreiberhaftung. ## Schritt für Schritt 1. **Produktklassifizierung.** Maschine nach MaschinenVO; KI-Funktion einordnen (Anhang III KI-VO?); ggf. Funkanlagengesetz. 2. **Genehmigung Verkehrsbehörde / Kommune.** Sondernutzungsantrag mit Fahrtrouten, Geschwindigkeit, Sicherheitsabständen, Notfall-Konzept; Anhörung Polizei, Tiefbauamt, Ordnungsamt. 3. **Datenschutz.** DSFA Art. 35 DSGVO (Bildverarbeitung im öffentlichen Raum ist regelmäßig pflichtig); Hinweisschilder am Roboter; Privacy-by-Design (Blurring von Gesichtern und Kennzeichen on-device). 4. **Sicherheitskonzept.** Maximalgeschwindigkeit (typisch 6 km/h Schrittgeschwindigkeit), Hindernisstopp, akustische und visuelle Signale; Begleitperson bei Erstbetrieb. 5. **Haftungsregelung.** Halter-Pflichtversicherung analog § 1 PflVG, soweit als Kfz eingestuft; sonst Betriebshaftpflicht mit ausdrücklicher Robotik-Klausel; Mindestsumme. 6. **Vertragsregelung Endkunde.** AGB-Klauseln zur Übergabe (Person, Mindestalter bei Apothekenwaren), Identifikationsverfahren, Datenverarbeitung. 7. **Vorfallmanagement.** Logging, Übermittlung an Behörde, ggf. Art. 73 KI-VO Meldung. ## Trade-off-Matrix | Frage | Restriktiv | Liberal | Empfehlung | |---|---|---|---| | Einordnung als Kfz | StVZO-Pflichten | freier | Klärung mit Behörde pro Bundesland; nicht zu schnell festlegen | | Kameras dauerhaft an | Beweissicherung | DSGVO-Risiko | nur Ereignisspeicher (Pre/Post-Event) und on-device Blurring | | Audio | Sprachbefehle | Lauschverbot | bei Aufnahme grundsätzlich nein; Live-Audio nur bei klarer Trigger-Logik | | Geschwindigkeit | 4 km/h | 12 km/h | 6 km/h Schrittgeschwindigkeit als Standard | ## Praxistipps - **Frühzeitige Behördenrunde** mit Verkehrsbehörde, Polizei und Datenschutzbehörde; Protokoll. - **Probebetrieb in Begleitung**, dokumentierte Lernkurve. - **Notabbruch** auch remote durch Operator möglich. - **Versicherung schriftlich klären** – Standard-Betriebshaftpflicht deckt autonome Mobilität oft nicht. - **Lokale Akzeptanz**: Bürgerinformation, Beschwerde-Hotline. ## Mustertexte **Sondernutzungsantrag (Auszug):** > Hiermit beantragen wir die Erteilung einer Sondernutzungserlaubnis gemäß [§ 18 StrWG NRW] für den Einsatz von [n] Lieferrobotern Typ [Y] im Stadtgebiet [X] für den Zeitraum vom [Datum] bis [Datum]. Einsatzkorridor: [Kartenanlage]; Maximalgeschwindigkeit 6 km/h; Begleitung in den ersten 4 Wochen; Haftpflichtversicherung Deckungssumme 10 Mio. EUR. Datenschutz-Folgenabschätzung gemäß Art. 35 DSGVO ist beigefügt. Wir bitten um Genehmigung sowie Festsetzung der Sondernutzungsgebühr. **Datenschutzhinweis (Aufkleber am Roboter):** > Dieser Lieferroboter zeichnet zur Hinderniserkennung Kamerabilder auf. Gesichter und Kennzeichen werden bereits im Gerät verfremdet (on-device anonymisation). Speicherung nur ereignisbezogen, längstens 7 Tage. Verantwortlicher: [Firma], [Adresse]; Datenschutzbeauftragter: [E-Mail]. Weitere Informationen: [URL/QR]. ## Typische Fehler - **Pauschal "Roboter sind keine Fahrzeuge"** – Landesrecht beachten. - **Daueraufzeichnung der Kamera** ohne DSFA – DSGVO-Verstoß. - **Keine Kommunikationslinie** zur Polizei vor Ort. - **Halterhaftung übersehen** bei Einordnung als Kfz. - **Einsatz im Winter** ohne Anpassung der Sensorik – Sturzfälle. ## Behördenpfad (Genehmigung) 1. **Vorab-Kontakt** Verkehrsbehörde der Kommune, Polizei, Datenschutzbehörde des Bundeslandes. 2. **Antrag** mit Detail-Konzept, Karten, Geschwindigkeit, Begleitung, Versicherung, DSFA. 3. **Anhörung** Tiefbauamt, Ordnungsamt, ggf. Verkehrsausschuss. 4. **Probelauf** in Begleitung, mit Berichtspflichten. 5. **Regelbetrieb** mit Quartalsberichten (Beschwerden, Unfälle, KI-Performance). ## Checkliste Datenschutz - [ ] DSFA Art. 35 DSGVO durchgeführt - [ ] Privacy-by-Design: On-device-Blurring von Gesichtern/Kennzeichen - [ ] Ereignisspeicher statt Daueraufzeichnung - [ ] Hinweisschild am Roboter (Art. 13 DSGVO) - [ ] AVV mit Cloud-Anbieter - [ ] Speicherfrist klar (max. 7 Tage Standard) - [ ] Auskunfts- und Löschpfad für Betroffene - [ ] Aufsichtsbehörde informiert bei großflächigem Einsatz ## Quellen Stand 06/2026 - StVG; StVO; Landesstraßengesetze (NRW, Bayern, Baden-Württemberg u. a.). - DSGVO Art. 6, 13, 35. - VO (EU) 2024/1689 (KI-VO), Anhang III. - VO (EU) 2023/1230 (MaschinenVO). - VO (EU) 2024/2853 (neue ProdHaftRL); ProdHaftG; § 823 BGB. - Live-Verifikation auf eur-lex.europa.eu, gesetze-im-internet.de, BfDI; lizenzierte Datenbanken (beck-online, juris) nur bei vorhandenem Zugang.