--- name: vorabklaerung-erfolgsaussichten-selbstcheck description: "Selbstcheck der Erfolgsaussichten einer Klage vor dem Amtsgericht. Klaert Anspruchsgrundlage Beweislage Verjährung Kostenrisiko Gegenseite und Alternative zur Klage. Vermeidet teure Klage ohne Substanz und nimmt strukturierte Selbstprüfung vor." --- # Sollten Sie wirklich klagen? Ein ehrlicher Selbstcheck ## Worum geht es? Klage ist die schaerfste Form der Konfliktloesung. Sie kostet Geld, Zeit und Nerven. Bevor Sie klagen, sollten Sie ehrlich pruefen: Habe ich Aussicht? Kann ich den Anspruch beweisen? Lohnt sich der Aufwand? Diese Skill ist ein strukturiertes Selbst-Interview. Beantworten Sie alle Fragen ehrlich — wenn zu viele Punkte schlecht aussehen, sollten Sie Alternativen pruefen oder einen Anwalt einschalten. ## Wann brauchen Sie diese Skill? - Sie ueberlegen, jemanden zu verklagen. - Sie haben aussergerichtlich gemahnt, aber nichts erhalten. - Sie sind aufgebracht und wollen klare Schritte pruefen. - Sie wollen Kostenrisiko vs. Erfolgsaussicht abwaegen. ## Fachbegriffe (kurz erklaert) - **Anspruchsgrundlage**: Die rechtliche Norm, die einen Anspruch traegt (z. B. § 280 BGB Schadensersatz, § 433 BGB Kaufpreis). - **Beweislast**: Wer im Prozess die Tatsachen beweisen muss, die seinen Anspruch tragen. - **Verjährung**: Zeitlicher Ablauf, nach dem ein Anspruch zwar weiter besteht, aber der Schuldner die Erfuellung verweigern darf. - **Kostenrisiko**: Risiko, im Fall der Niederlage die Gerichts- und Anwaltskosten der Gegenseite zu tragen. ## Rechtsgrundlagen - **§ 91 ZPO** — Kostenfolge: Verlierer traegt die Kosten. - **§ 91a ZPO** — Bei Erledigung Kostenentscheidung nach billigem Ermessen. - **§ 138 ZPO** — Wahrheitspflicht. - **§ 195 BGB** — Regel-Verjährung 3 Jahre. - **§ 286 BGB** — Verzug erforderlich für Verzugsschaden. ## Schritt-für-Schritt-Anleitung ### Schritt 1 — Anspruchsgrundlage benennen Koennen Sie in einem Satz sagen, **warum** Sie Geld bekommen sollen? - "Aus Kaufvertrag, weil ich die Ware geliefert habe und der Kaeufer nicht gezahlt hat" — § 433 II BGB. - "Aus Schadensersatz, weil mein Auto bei einem Unfall beschaedigt wurde" — § 7 StVG, § 823 BGB. - "Aus Bereicherung, weil ich versehentlich an die falsche IBAN ueberwiesen habe" — § 812 BGB. Wenn Sie das nicht koennen: Skill `anspruchsgrundlage-finden-laienhilfe`. ### Schritt 2 — Tatbestandsmerkmale durchgehen Jede Anspruchsgrundlage hat Voraussetzungen ("Tatbestandsmerkmale"). Beispiel § 433 II BGB: - Es gibt einen Kaufvertrag (Einigung, Sache, Preis). - Die Sache wurde uebergeben. - Der Kaufpreis ist faellig. - Der Kaeufer hat nicht gezahlt. Pruefen Sie **jedes** Merkmal: Koennen Sie es beweisen? Mit was? ### Schritt 3 — Beweismittel kalibrieren - Schriftlicher Vertrag? Top. - Email-Verkehr? Sehr gut. - Zeugen? Brauchbar, aber Aussage und Erinnerung sind variabel. - Eigene Notizen? Schwach. - Nichts Schriftliches? Riskant. Skill `beweismittel-vorab-sammeln-checkliste`, `beweislast-grundregel-wer-was`. ### Schritt 4 — Verjährung pruefen Forderung verjaehrt? Skill `verjaehrungsfrist-pruefen-195-bgb`. Bei Verjährung: Anspruch besteht zwar, aber Schuldner kann verweigern (= klage faktisch sinnlos). ### Schritt 5 — Kostenrisiko durchrechnen Bei Streitwert 3.000 EUR: - Gerichtskosten 3,0 Gebühren x ca. 100 EUR = ca. 300 EUR. - Anwaltsgebuehr Gegenseite (wenn die einen Anwalt nimmt): 2,5 Gebühren x ca. 200 EUR + Auslagen + MwSt = ca. 700 EUR. - Sachverstaendiger ggf. 500-3.000 EUR. Im Niederlagefall zahlen Sie also schnell mehr als 1.000 EUR. Skill `kostenrisiko-streitwert-berechnen-gkg`. ### Schritt 6 — Bonitaet der Gegenseite pruefen Selbst wenn Sie gewinnen: Bekommen Sie das Geld? Bei Insolvenz/Vermoegenslosigkeit haben Sie zwar einen Titel, aber nichts zu vollstrecken. Hinweise auf schlechte Bonitaet: - Gegenseite ist privat insolvent (Schufa, öffentliches Schuldnerverzeichnis). - Wiederholt ausstehende Forderungen anderer Glaeubiger. - Gewerbe abgemeldet. Schauen Sie ins Schuldnerverzeichnis (§ 882f ZPO) bei der Vollstreckungsbehoerde. ### Schritt 7 — Alternative pruefen - **Aussergerichtliche Mahnung**: oft genug, um zu zahlen. Skill `aussergerichtliche-mahnung-286-bgb`. - **Mahnverfahren §§ 688 ff. ZPO**: schneller und billiger als Klage. Skill `mahnverfahren-688-ff-zpo-vor-klage`. - **Mediation**: bei Beziehungsbeziehungen (Nachbar, Familie) oft sinnvoller. - **Schlichtung**: bei kleinen Streitwerten ggf. Pflicht (§ 15a EGZPO, je nach Bundesland). ### Schritt 8 — Ehrliche Selbstpruefung Beantworten Sie: - Kann ich die Tatsachen beweisen? Ja/Nein/Teilweise. - Habe ich eine klare Anspruchsgrundlage? Ja/Nein. - Ist die Verjährung noch offen? Ja/Nein. - Ist die Gegenseite voraussichtlich liquide? Ja/Nein/Unklar. - Lohnt sich der Aufwand im Verhaeltnis zum Streitwert? Ja/Nein. Wenn Sie mehr als 2x "Nein/Unklar" haben: pause — pruefen Sie nochmal mit der Rechtsantragsstelle oder einem Anwalt. ## Worauf Sie besonders achten muessen - **Klage als emotionale Reaktion** ist meistens schlecht. Lassen Sie 1 Woche zwischen Streitenstuende und Klage-Entschluss vergehen. - **Beweislast nicht unterschaetzen**: "Ich weiss doch, dass das passiert ist" reicht nicht. Sie muessen es **beweisen**. - **Kosten der Gegenseite**: Wenn Gegenseite einen Anwalt nimmt, zahlen Sie bei Niederlage dessen Honorar. - **Vollstreckung**: Ein Titel ist nichts wert, wenn nichts zu holen ist. ## Typische Fehler - "Ich klage erst, dann sehen wir weiter." → Klage wirft sofort Kosten auf. - "Ich habe ja Recht, das sieht der Richter doch." → Beweislage zaehlt, nicht Ueberzeugung. - "Wenn der Beklagte nichts hat, hat das Gericht ihn zur Zahlung zu verpflichten." → Gericht entscheidet, ob Anspruch besteht. Vollstreckung ist Ihr Problem. ## Quellen und Aktualitaet Stand: 05/2026. Praxis-Skill, keine spezifischen Reformen.