--- name: sanierungsgewinn-stehengelassene description: "Stehen gelassene Verbindlichkeiten in der GmbH-Liquidation. Drei-Phasen-Analyse: Passivierung dem Grunde nach (BFH I R 100/10), Passivierung der Hoehe nach (BewG, EStG), Wegfall mit Erloeschen der GmbH (FG Koeln 13 K 3006/11). Abgrenzung zu Forderungsverzicht und Rangruecktritt. Wechselwirkung mi..." --- # Sanierungsgewinn — Stehen gelassene Verbindlichkeiten in der GmbH-Liquidation ## Fachlicher Anker - **Normen:** § 6a, § 397 BGB, § 272 Abs. 2 Nr. 4 HGB. - **Entscheidungs-/Quellenanker:** Tragende Rechtsprechung nur mit Gericht, Datum, Aktenzeichen und frei prüfbarer Quelle einsetzen; keine Entscheidung aus Modellwissen erzwingen. - **Quellenhygiene:** `references/quellenhygiene.md` und `references/zitierweise.md` beachten. ## 1. Zweck und Anwendungsfall Dieser Skill behandelt die in der Beratungspraxis hochkonfliktraechtige Frage: > **Wie sind Verbindlichkeiten — insbesondere nachrangige Gesellschafterdarlehen — in der Liquidationsbilanz einer GmbH steuerlich zu behandeln, wenn die Glaeubigerin sie weder einklagt noch erlaesst, sondern „stehen laesst"?** Die Frage entscheidet darueber, ob in der Liquidationsphase (und vor allem zum Loeschungszeitpunkt) ein steuerpflichtiger Sanierungsertrag entsteht — und damit ueber den Erfolg einer Liquidation, in der die GmbH wenig Verlustvortrag, aber hohe Gesellschafterdarlehen hat. Adressat: Steuerberater und Sanierungsanwaelte, die eine solvente GmbH-Liquidation mit hohem Gesellschafter- oder Drittglaeubiger-Darlehen begleiten. ## 2. Eingaben (Kaltstart-Fragen) 1. **Verbindlichkeit:** Wer ist Glaeubiger (Drittglaeubiger, Gesellschafterin, verbundenes Unternehmen)? Nominalbetrag, Faelligkeit, Zinslast? 2. **Vertragliche Lage:** Liegt ein einfacher oder qualifizierter Rangruecktritt vor? Wie ist der Tilgungsvorbehalt formuliert (a) nur aus kuenftigen Gewinnen / Liquidationsueberschuss, b) auch aus sonstigem freien Vermoegen)? 3. **Liquidationsstand:** Wann wurde die Aufloesung beschlossen? Wann beginnt das Sperrjahr? Wann ist Loeschung im Handelsregister geplant? 4. **Erfuellungswahrscheinlichkeit:** Wird die Forderung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht erfuellt — oder ist eine teilweise Erfuellung aus Liquidationsueberschuss noch denkbar? 5. **Mandantenwunsch:** Will der Gesellschafter ausdruecklich verzichten (§ 397 BGB), oder soll die Forderung bis zum Erloeschen der GmbH passiviert bleiben? 6. **Verlustvortraege:** Bestehen KSt- und GewSt-Verlustvortraege? Wie hoch? 7. **Gestaltungsalternativen:** Liquidation, Insolvenz (auch Eigenverwaltung), Verschmelzung, Hin- und Herzahlen ueber Einlage § 272 Abs. 2 Nr. 4 HGB? ## 3. Ablauf — Drei-Phasen-Analyse Die Pruefung erfolgt in drei strikt zu trennenden Phasen. ### Phase 1: Passivierung **dem Grunde nach** #### 3.1 Maszgeblichkeit und Passivierungsvoraussetzungen - Steuerliche Gewinnermittlung gem. **§ 8 Abs. 1 KStG i.V.m. § 5 Abs. 1 EStG i.V.m. §§ 246 ff. HGB** (Maszgeblichkeitsprinzip). - Passivierungspflicht setzt drei Merkmale voraus (staend. Rspr.): 1. **bestimmter Verpflichtungsinhalt** (rechtlich oder wirtschaftlich entstanden), 2. **durchsetzbar** (kein faktischer Verzicht), 3. **wirtschaftliche Belastung** der Schuldnerin. Maszgebliche Leitentscheidung: **BFH, Urteil v. 30.11.2011 — I R 100/10, DStR 2012, 450.** Dort hat der BFH klargestellt, dass eine Verbindlichkeit nur zu passivieren ist, wenn sie die Schuldnerin auch wirtschaftlich belastet. Allein die rechtliche Existenz reicht nicht; fehlt die wirtschaftliche Belastung, ist die Verbindlichkeit gewinnwirksam aufzuloesen. #### 3.2 Spezialfall qualifizierter Rangruecktritt - Bei qualifiziertem Rangruecktritt mit Tilgungsvorbehalt **ausschliesslich aus zukuenftigen Gewinnen oder Liquidationsueberschuss**: **§ 5 Abs. 2a EStG** greift, Passivierungsverbot (BFH, Urt. v. 19.08.2020 — XI R 32/18, BStBl. II 2021, 279). - Bei qualifiziertem Rangruecktritt **mit zusaetzlichem Tilgungsvorbehalt aus sonstigem freien Vermoegen**: § 5 Abs. 2a EStG **greift nicht**, Passivierungspflicht bleibt bestehen. Die Tilgung ist denklogisch nicht ausschliesslich an die Erzielung zukuenftiger Gewinne gebunden. Die Gestaltungsleitlinie der Beratungspraxis lautet daher: **„Tilgungsvorbehalt aus freiem Vermoegen"** in die Rangruecktrittsvereinbarung aufnehmen, um § 5 Abs. 2a EStG zu vermeiden. #### 3.3 Liquidationsbeschluss allein kein Verzicht - **OFD Frankfurt a. M., Rundverfuegung vom 26.07.2021 — S 2743 A-12-St 523, BeckVerw 556782** und Vorgaengerverfuegung **OFD Frankfurt a. M. vom 03.08.2018 — S 2743 A-12-St 525, DStR 2019, 560**: Der blosse Liquidationsbeschluss ist **kein konkludenter Forderungsverzicht** der Gesellschafter-Glaeubigerin. - Eine vorzeitige gewinnwirksame Ausbuchung der Verbindlichkeit allein aufgrund des Aufloesungsbeschlusses ist daher unzulaessig. #### 3.4 Zwischenergebnis Phase 1 Solange (i) ein wirksamer schuldrechtlicher Verpflichtungsinhalt besteht, (ii) die Verbindlichkeit nicht ausdruecklich erlassen wurde und (iii) eine wirtschaftliche Belastung nicht endgueltig entfaellt, ist die Verbindlichkeit **passivierungspflichtig**. ### Phase 2: Passivierung **der Hoehe nach** #### 3.5 Bewertungsmaszstab - Hoehe: **Nennwert** für Darlehensschulden (**§ 6 Abs. 1 Nr. 3 EStG i.V.m. § 12 Abs. 1 BewG**). - Bei nachrangigen Darlehen erfolgt **keine** Abzinsung wegen Nachrang oder Rangruecktritt — die nachrangige Verbindlichkeit wird grundsaetzlich mit dem Nennwert ausgewiesen. - Eine Abwertung („Teilwert" der Verbindlichkeit unter Nennwert) kommt steuerlich nicht in Betracht — der Steuerpflichtige soll die Verbindlichkeit nicht durch die Hintertuer ausbuchen. #### 3.6 Streitstand „wirtschaftliche Belastung" in der Liquidation Die zentrale Streitfrage in der Literatur und vor den Finanzgerichten lautet: **Entfaellt die wirtschaftliche Belastung bereits mit Liquidationsbeschluss, wenn die Aussichten auf Erfuellung gegen Null gehen?** ##### „Herrschende Linie" (gegen gewinnerhoehende Ausbuchung) - **Bergmann**, Liquidationsbesteuerung von Kapitalgesellschaften, Diss., 2012, S. 145 ff.: Verbindlichkeit bleibt bis zum tatsaechlichen Untergang der Schuldnerin passiviert. - **Dietrich/Weber**, DStR 2019, 966, 970: Maszgebend ist der rechtliche Bestand der Verbindlichkeit, nicht die Erfuellungswahrscheinlichkeit. - **Hageboeke**, in: Roedder/Herlinghaus/Neumann, KStG, 1. Aufl. 2015, § 11 Rn. 78. - **Maschlanka**, in: Heyd/Kautenburger-Behr/Wind, Bilanzierung und Besteuerung in Krise und Insolvenz, 2019, Rn. 1023. - **Mayer/Betzinger**, DStR 2014, 1573. - **Micker**, in: Herrmann/Heuer/Raupach, EStG/KStG, § 11 KStG Rn. 44. - **Stalbold**, in: Gosch, KStG, § 11 Rn. 72. ##### „Gegenposition" (für gewinnerhoehende Ausbuchung) - **S. Neumann**, in: Blumenberg/Neumann, Ubg 2016, 256, 257 f.: bei aussichtsloser Erfuellung Ausbuchung schon im Liquidationszeitraum geboten. - **Brinkmann**, StBp 2021, 246, 250: insbesondere abweichend zur OFD-NRW-Auffassung bei Insolvenz, für fruehzeitige Ausbuchung. ##### Verwaltungsauffassung - **OFD Frankfurt a. M., Rundverfuegung vom 26.07.2021 — S 2743 A-12-St 523, BeckVerw 556782**, Tz. 1.2 bis 1.4: Verbindlichkeit grundsaetzlich passiviert bis Erloeschen; Einzelfallpruefung, ob ausnahmsweise gewinnwirksame Ausbuchung vor Loeschung geboten ist. Vorgaengerverfuegung in **DStR 2019, 560**. - **OFD Nordrhein-Westfalen, Kurzinformation ESt Nr. 46/2014 (aktualisiert 22.09.2017), DB 2017, 2580**: differenzierende Sichtweise insbesondere für Insolvenz. ##### Rechtsprechung - **FG Koeln, Urt. v. 06.03.2012 — 13 K 3006/11, GmbHR 2012, 977** (Os. 7): „Die Verbindlichkeit ist bis zum Abschluss der Liquidation, d.h. bis zur Loeschung im Handelsregister als Verbindlichkeit auszuweisen." - **BFH, Beschl. v. 05.02.2014 — I R 34/12, BFH/NV 2014, 1014** (nachgehend zu FG Koeln 13 K 3006/11), Ls. 3: „Die Rechtsauffassung, in der Liquidationsschlussbilanz sei eine verbliebene Verbindlichkeit gegenueber einem Gesellschafter mangels wirtschaftlicher Belastung nicht zu passivieren, ist nicht evident rechtsfehlerhaft." — Streitstand bewusst offen gelassen. - **BFH, Urt. v. 16.05.2015 — IX R 28/14, BFH/NV 2015, 1679** (umgekehrter Fall): Forderung der Gesellschaft gegen Gesellschafter bleibt waehrend der Liquidation grundsaetzlich bestehen. - **FG Muenster, Urt. v. 23.07.2020 — 10 K 2222/19, DStRE 2021, 264** (rechtskraeftig): Streitfrage „diskussionswuerdig", im Einzelfall nicht entscheidungserheblich. #### 3.7 Zwischenergebnis Phase 2 - Solange wirtschaftliche Belastung mehr als nur theoretisch besteht, bleibt die Verbindlichkeit **mit dem Nennwert** passiviert. - Eine vorzeitige Ausbuchung ist nur in **eng begrenzten Ausnahmefaellen** geboten (Erfuellung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen). - Die OFD-Frankfurt-Linie und die FG-Koeln-Linie tragen die Passivierung bis Loeschung; das BFH-Beschluss-Az. I R 34/12 sichert sie immerhin als „nicht evident rechtsfehlerhaft" ab. - **Praxisempfehlung:** Verbindliche Auskunft nach § 89 Abs. 2 AO einholen, um die Auffassung des zuständigen Finanzamts schriftlich abzusichern. Die Gebuehr lohnt sich angesichts des moeglichen Steuerrisikos. ### Phase 3: Wegfall **beim Erloeschen der GmbH** #### 3.8 Vollbeendigung der GmbH - Mit Ablauf des Sperrjahres (§ 73 Abs. 1 GmbHG), Glaeubigerbefriedigung und Anmeldung der Liquidation beim Registergericht erfolgt die **Loeschung im Handelsregister** (§ 74 GmbHG). - Mit Loeschung **erlischt** die GmbH als juristische Person; sie endet als Steuersubjekt nach § 1 KStG (Lehre vom Doppeltatbestand — Vermoegenslosigkeit und Loeschung). #### 3.9 Erloeschen der Verbindlichkeit und der Verlustvortraege - Mit dem Untergang der GmbH erlischt zivilrechtlich auch die Verbindlichkeit (Schuld ohne Schuldner; bei Gesamtrechtsnachfolge: keine; bei reiner Liquidation: schuldnerseitige Vollbeendigung). - Zugleich erlischt der koerperschaftsteuerliche **Verlustvortrag** der GmbH. #### 3.10 Der „rechtstheoretische Gewinn" — und seine steuerliche Folgenlosigkeit Die Kernaussage der FG-Koeln-Linie: > Mit dem Erloeschen der GmbH erloeschen neben den Verbindlichkeiten auch eventuelle Verlustvortraege. Der dadurch **rechtstheoretisch entstehende Gewinn** ist **mangels Koerperschaftsteuersubjekt** nicht mehr steuerpflichtig. **FG Koeln, Urt. v. 06.03.2012 — 13 K 3006/11, GmbHR 2012, 977**, Os. 7 (woertlich). Dies ist die **Schluesselargumentationsfigur** für die Liquidationspraxis: Wenn die Verbindlichkeit bis zur Loeschung passiviert bleibt und erst mit Loeschung entfaellt, gibt es zum Zeitpunkt des Wegfalls kein Steuersubjekt mehr, dem der Ertrag zugerechnet werden koennte. #### 3.11 Zivilrechtliche Untermauerung - **H.-F. Mueller**, in: Muenchener Kommentar GmbHG, 3. Aufl. 2018, § 74 Rz. 34: Verbindlichkeit erlischt mit Vollbeendigung. - **Haas**, in: Noack/Servatius/Haas, GmbHG, 23. Aufl. 2022, § 71 Rz. 28: Liquidations-Schlussbilanz, Behandlung von Verbindlichkeiten. #### 3.12 Subjektive Steuerpflicht endet erst mit Vollbeendigung - Die subjektive Koerperschaftsteuerpflicht endet **erst** mit tatsaechlicher und rechtsgueltiger Beendigung der Liquidation. - Voraussetzungen: kein verwertbares Vermoegen mehr, keine steuerlichen Pflichten mehr zu erfuellen, kein offenes Verwaltungs- oder Gerichtsverfahren. - Solange auch nur eine offene Steuerklaerung oder ein offener Streit besteht, bleibt die GmbH Steuersubjekt — und ein etwa entstehender Sanierungsertrag waere zu versteuern. ## 4. Wechselwirkung Loeschungsverfahren ### 4.1 Loeschung im Handelsregister — Voraussetzungen - **§ 74 GmbHG**: Anmeldung Abschluss der Liquidation, Loeschung der GmbH. - **Lehre vom Doppeltatbestand**: Eintragung im HR und tatsaechliche Vermoegenslosigkeit. - Literaturlinie: **Baumbach/Hueck-Haas**, GmbHG, 22. Aufl. 2019, § 74 Rz. 2; **MK-H.-F. Mueller**, GmbHG, 3. Aufl. 2018, § 74 Rz. 3; **Henssler/Strohn-Bueteroewe**, Gesellschaftsrecht, 4. Aufl. 2019, § 74 GmbHG Rz. 3; **BeckOK GmbHG — Lorscheider** (Stand 01.05.2020), § 74 Rz. 3; **Wicke**, GmbHG, 4. Aufl. 2020, § 74 Rz. 2; **von Rintelen**, RNotZ 2017, 185 f.; **Freier**, NZG 2020, 812. ### 4.2 Steuererklaerung als Vollzugshindernis - **OLG Hamm, Beschl. v. 21.05.2021 — 27 W 25/21, FGPrax 2021, 166**: Loeschung erst nach Anmeldung Abschluss Liquidation; offene Steuererklaerung als Hinderungsgrund. - **OLG Jena, Beschl. v. 20.05.2015 — 6 W 506/14, ZIP 2016, 25**: Aussicht auf Steuerrueckerstattung als Hinderungsgrund. - **OLG Jena, Beschl. v. 15.05.2019 — 2 W 159/19, NotBZ 2019, 391**: wie OLG Jena 6 W 506/14. - **OLG Celle, Beschl. v. 17.10.2018 — 9 W 80/18, ZIP 2018, 2222**. - **KG, Beschl. v. 22.07.2019 — 22 W 29/18, NZG 2019, 1294**. ### 4.3 Wann ist die Loeschung trotzdem moeglich? - **OLG Duesseldorf, Beschl. v. 25.08.2020 — 3 Wx 117/20**: Vollzugsreife bei eingestelltem Geschaeftsbetrieb trotz offener Steuernachforderungen. - **BGH, Beschl. v. 09.11.2021 — II ZB 1/21, DStR 2022, 162**: Vermoegenslosigkeit nicht durch theoretische Festsetzungsfrist-Aenderung gehindert. **Praxisleitlinie:** Vor Anmeldung Loeschung mit FA klaeren, ob offene Steuererklaerungen oder Erstattungsaussichten bestehen. Bei reinen Nachforderungen ohne Erstattungsaussicht in der Regel Eintragung moeglich. ## 5. Wechselwirkung Mindestbesteuerung / Definitiveffekt ### 5.1 Problem Falls die Verbindlichkeit doch vor Loeschung gewinnwirksam ausgebucht wird (etwa aufgrund § 5 Abs. 2a EStG oder Streitfrage Phase 2), entsteht ein Sanierungsertrag. Dieser ist nach § 3a Abs. 3 EStG zwingend mit Verlustvortraegen zu verrechnen — die durch die Mindestbesteuerung (§ 10d EStG, § 8 Abs. 1 KStG) gedeckelt sind. ### 5.2 Definitiveffekt im Liquidationsfall - **FG Duesseldorf, Urt. v. 18.09.2018 — 6 K 454/15 K, DStRE 2019**: Mindestbesteuerung in der Liquidation kann zu **Definitiveffekt** fuehren, weil im Liquidationsfall keine kuenftigen Gewinne mehr zur Verrechnung anfallen. Revision anhaengig BFH I R 36/18 (ausgesetzt wegen BVerfG 2 BvL 19/14, Vorlage durch BFH I R 59/12). - **OFD Frankfurt, Verfuegung vom 27.12.2018, BeckVerw 447487**: Einsprueche zur Mindestbesteuerung sind ruhend zu stellen. ### 5.3 Verfassungsrechtliches Argument (Art. 3 Abs. 1 GG) - Verluste aus der Vergangenheit sollten in voller Hoehe abzugsfaehig sein — anders entstehen unzulaessige Definitiveffekte. - Konsequenz: Bei Liquidations-Konstellation Einspruch gegen KSt-Festsetzung und Ruhen-Antrag stellen, bis BVerfG 2 BvL 19/14 entschieden ist. ## 6. Gestaltungsalternativen ### 6.1 Liquidation belassen, Verbindlichkeit stehen lassen - **Vorzug:** Bei sauberem Tilgungsvorbehalt aus freiem Vermoegen kein § 5 Abs. 2a EStG; bei Erloeschen kein Steuersubjekt mehr (FG Koeln 13 K 3006/11). - **Risiko:** FA kann die Auffassung vertreten, die Verbindlichkeit sei schon vor Loeschung auszubuchen. Sicherung: **Verbindliche Auskunft § 89 AO**. ### 6.2 Insolvenz (auch Eigenverwaltung § 270 InsO) - In der Insolvenz ist der Forderungsverzicht durch Insolvenzplan regelmaessig der ausloesende Tatbestand für den Sanierungsertrag — dann greift § 3a EStG voll (sofern Sanierungseignung gegeben). - Eigenverwaltung erlaubt strukturierten Forderungsverzicht ohne Insolvenzverwalterhaftung. ### 6.3 Verschmelzung mit Konfusion - **Up-stream, down-stream, side-stream**: Bei Verschmelzung mit der Gesellschafter-Glaeubigerin entstehen Forderung und Schuld bei einer Person — Konfusion. - **Verlustvortrag des uebertragenden Rechtstraegers geht NICHT ueber** (§ 12 Abs. 3 Hs. 2 i.V.m. § 4 Abs. 2 Satz 2 UmwStG). - **§ 8c KStG-Risiko**, ggf. § 8c Abs. 4 / § 8d KStG-Klauseln pruefen. - **§ 42 AO**: kein Gestaltungsmissbrauch bei Gewinn-auf-Verlust-Verschmelzung im Rueckwirkungszeitraum (alte Rechtslage Streitjahr 2008): **BFH, Urt. v. 17.11.2020 — I R 2/18, BStBl. II 2021, 580.** Fuer Umwandlungen ab 06.06.2013 gilt aber **§ 2 Abs. 4 Saetze 3 ff. UmwStG**. ### 6.4 Hin- und Herzahlen / Einlage in freie Kapitalruecklage - **§ 272 Abs. 2 Nr. 4 HGB** Einlage in freie Kapitalruecklage durch Gesellschafterin, anschliessend Tilgung des Darlehens aus den Mitteln. - Hochrisiko: **§ 42 AO Gestaltungsmissbrauch**. - **FG Duesseldorf, Urt. v. 22.12.2021 — 7 K 101/18 F**: § 42 AO bei „Hin- und Herbuchen" zwecks Tilgung Gesellschafterdarlehen; Revision anhaengig **BFH I R 11/22.** ## 7. Quellenpflicht Verweis auf [`references/zitierweise.md`](../../../references/zitierweise.md). Jede juristische Aussage ist mit Az., Datum, Fundstelle und Rn. zu belegen. Reihenfolge: Rspr. vor Lit., neueste zuerst. ## 8. Ausgabeformat ### 8.1 Memo „Stehen gelassene Verbindlichkeit — Phase 1-3" ``` MEMO — Stehen gelassene Verbindlichkeit in der Liquidation Mandantin: [Schuldnerin GmbH i.L.] Glaeubigerin: [Name] Betrag: EUR [Nominale] Stichtag: [Datum] I. Phase 1 — Passivierung dem Grunde nach 1. Verpflichtungsinhalt: [ja/nein] 2. Durchsetzbarkeit: [ja/nein] 3. Wirtschaftliche Belastung: [BFH I R 100/10] 4. § 5 Abs. 2a EStG: [greift/greift nicht — Begruendung] Zwischenergebnis: [passivierungspflichtig/nicht] II. Phase 2 — Hoehe 1. Nennwert nach § 6 Abs. 1 Nr. 3 EStG / § 12 Abs. 1 BewG 2. Streitstand wirtschaftliche Belastung in Liquidation 3. Heranziehung FG Koeln 13 K 3006/11 / BFH I R 34/12 Zwischenergebnis: [Hoehe der Passivierung] III. Phase 3 — Wegfall mit Erloeschen 1. Loeschungsfahigkeit (§ 74 GmbHG) 2. Rechtstheoretischer Gewinn 3. Steuersubjektivitaet im Loeschungszeitpunkt Ergebnis: [steuerpflichtig ja/nein] IV. Empfehlung - Verbindliche Auskunft § 89 AO - Wortlautpruefung Rangruecktritt - Loeschungsverfahren mit FA abstimmen - Mindestbesteuerung / Definitiveffekt — Einspruch ruhend ``` ### 8.2 Verbindliche Auskunft § 89 AO — Antragsskizze ``` ANTRAG AUF VERBINDLICHE AUSKUNFT GEMAESS § 89 ABS. 2 AO Antragstellerin: [Schuldnerin GmbH i.L.] Steuer-Nr.: [...] An: Finanzamt [...] Sachverhalt: [Schilderung Aufloesung, Verbindlichkeit, Rangruecktritt] Steuerliche Fragen: 1. Ist das Gesellschafterdarlehen i.H.v. EUR [...] in der Liquidationsbilanz zum [Stichtag] weiterhin zu passivieren? 2. Falls ja: Bleibt die Passivierung bis zum Loeschungs- zeitpunkt im Handelsregister bestehen? 3. Falls die Verbindlichkeit mit Loeschung untergeht: Ist der dadurch rechtstheoretisch entstehende Gewinn mangels Koerperschaftsteuersubjekt nicht festsetzbar? 4. Falls Hilfsweise vor Loeschung Sanierungsertrag entsteht: Greift § 3a EStG (Sanierungseignung) — oder ist die Liquidation kein Sanierungsfall? Rechtsauffassung der Antragstellerin: - § 5 Abs. 2a EStG nicht einschlaegig (Tilgungsvorbehalt aus freiem Vermoegen) — BFH XI R 32/18. - Passivierungspflicht bis Loeschung — FG Koeln 13 K 3006/11 (vorgehend zu BFH I R 34/12). - OFD Frankfurt 26.07.2021 — S 2743 A-12-St 523. - Bei Loeschung: Steuerausfall mangels Subjekt. Anlagen: - Aufloesungsbeschluss - Liquidations-Eroeffnungsbilanz - Rangruecktrittsvereinbarung - Glaeubigerliste - Steuerbescheide letzte drei Jahre ``` ## 9. Beispiele aus der Praxis ### Beispiel 1: Strassburger Handelshof GmbH i.L. (solvente Liquidation) - Gesellschafterdarlehen 2,4 Mio EUR, qualifizierter Rangruecktritt mit Tilgungsvorbehalt auch aus freiem Vermoegen. - Liquidationsbeschluss 15.04.2026; Bekanntmachung 28.04.2026; Sperrjahr bis fruehestens 28.04.2027. - **Phase 1:** Verbindlichkeit passivierungspflichtig (§ 5 Abs. 2a EStG nicht einschlaegig). - **Phase 2:** Nennwert 2,4 Mio EUR; FG-Koeln-Linie traegt Passivierung bis Loeschung. - **Phase 3:** Mit Loeschung Wegfall; Gewinn mangels Subjekt nicht festsetzbar. - **Empfehlung:** Verbindliche Auskunft FA Berlin-Charlottenburg, Wortlautpruefung Rangruecktritt, Loeschungsverfahren mit FA abstimmen. ### Beispiel 2: Insolvenzplan-Fall (Grossbach Druckguss) - Hier ist der Forderungsverzicht im Plan der ausloesende Tatbestand; der Sanierungsertrag entsteht **vor** Loeschung und ist § 3a EStG-faehig. - Stehen gelassene Verbindlichkeit als „Plan B" (falls Plan scheitert und Liquidation in Aussicht). ### Beispiel 3: Verschmelzung statt Liquidation - Gesellschafterin verschmilzt mit Tochter — Konfusion. - Verlustvortrag geht **nicht** ueber; § 8c KStG-Risiko zu pruefen. - § 42 AO grundsaetzlich nicht einschlaegig (BFH I R 2/18) — aber § 2 Abs. 4 UmwStG für Umwandlungen ab 06.06.2013 beachten. ## 10. Typische Fehler 1. **§ 5 Abs. 2a EStG uebersehen** — Rangruecktritt nur „Tilgung aus zukuenftigen Gewinnen" formuliert: zwingt zur Ausbuchung vor Loeschung, Sanierungsertrag steuerpflichtig (sofern § 3a EStG nicht greift). 2. **Liquidationsbeschluss als Verzicht behandelt** — OFD-Frankfurt-Linie ignoriert; FA bucht Verbindlichkeit aus, Ertrag entsteht; Berater haftet. 3. **Verbindliche Auskunft nicht eingeholt** — bei sechsstelliger Steuerlast lohnt sich die § 89-AO-Gebuehr immer. 4. **Loeschung beantragt mit offener Steuererklaerung** — Registergericht haelt zurueck (OLG Jena, OLG Hamm); Mandant verliert Zeit. 5. **Mindestbesteuerungs-Einspruch unterlassen** — Definitiveffekt unerklaert; Verlustvortraege verfallen ungenutzt. 6. **Verschmelzungsweg ohne § 8c-Pruefung** — Verlustvortrag faellt weg, Konfusionsgewinn entsteht voll steuerpflichtig. 7. **„Hin- und Herzahlen" ohne Prufung § 42 AO** — FG Duesseldorf 7 K 101/18 F sieht Gestaltungsmissbrauch; Revision BFH I R 11/22. ## 11. Querverweise Im Plugin `steuerrecht-anwalt-und-berater`: - `stb-sanierungsgewinn-forderungsverzicht-bilanzielle-darstellung` - `stb-sanierungsgewinn-3a-estg-grundtatbestand` - `stb-sanierungsgewinn-debt-equity-swap-statt-verzicht` - `stb-sanierungsgewinn-verlustvortrag-sanity-check` Andere Plugins: - `insolvenzrecht/skills/insol-sanierungsgewinn-forderungsverzicht-im-plan-bilanzielle-folgen` - `insolvenzrecht/skills/insol-sanierungsgewinn-rangruecktritt-und-5-abs-2a-estg-im-plan` - `grosskanzlei-corporate-ma/skills/gk-sanierungsgewinn-forderungsverzicht-vs-mantelkauf-8c-kstg` ## 12. Quellenverzeichnis (Stand 06/2026) ### Rechtsprechung - **BFH, Urt. v. 19.08.2020 — XI R 32/18, BStBl. II 2021, 279** — § 5 Abs. 2a EStG bei Rangruecktritt. - **BFH, Urt. v. 30.11.2011 — I R 100/10, DStR 2012, 450** — Passivierung nur bei wirtschaftlicher Belastung. - **BFH, Beschl. v. 05.02.2014 — I R 34/12, BFH/NV 2014, 1014** — nachgehend zu FG Koeln 13 K 3006/11, Streitstand nicht evident rechtsfehlerhaft. - **BFH, Urt. v. 16.05.2015 — IX R 28/14, BFH/NV 2015, 1679** — umgekehrter Fall: Forderung Gesellschaft gegen Gesellschafter. - **BFH, Urt. v. 17.11.2020 — I R 2/18, BStBl. II 2021, 580** — kein § 42 AO bei Gewinn-auf-Verlust-Verschmelzung im Rueckwirkungszeitraum. - **FG Koeln, Urt. v. 06.03.2012 — 13 K 3006/11, GmbHR 2012, 977** — Liquidations-Kernentscheidung Os. 7. - **FG Muenster, Urt. v. 23.07.2020 — 10 K 2222/19, DStRE 2021, 264** — rechtskraeftig. - **FG Duesseldorf, Urt. v. 18.09.2018 — 6 K 454/15 K, DStRE 2019** — Mindestbesteuerung und Definitiveffekt; Rev. anh. BFH I R 36/18. - **FG Duesseldorf, Urt. v. 22.12.2021 — 7 K 101/18 F** — § 42 AO bei Hin- und Herbuchen; Rev. anh. BFH I R 11/22. - **OLG Hamm, Beschl. v. 21.05.2021 — 27 W 25/21, FGPrax 2021, 166**. - **OLG Duesseldorf, Beschl. v. 25.08.2020 — 3 Wx 117/20**. - **BGH, Beschl. v. 09.11.2021 — II ZB 1/21, DStR 2022, 162**. - **OLG Jena, Beschl. v. 20.05.2015 — 6 W 506/14, ZIP 2016, 25**. - **OLG Jena, Beschl. v. 15.05.2019 — 2 W 159/19, NotBZ 2019, 391**. - **OLG Celle, Beschl. v. 17.10.2018 — 9 W 80/18, ZIP 2018, 2222**. - **KG, Beschl. v. 22.07.2019 — 22 W 29/18, NZG 2019, 1294**. ### Verwaltungsauffassung - **OFD Frankfurt a. M., Rundverfuegung v. 26.07.2021 — S 2743 A-12-St 523, BeckVerw 556782** (Tz. 1.2-1.4). - **OFD Frankfurt a. M., Rundverfuegung v. 03.08.2018 — S 2743 A-12-St 525, DStR 2019, 560**. - **OFD Nordrhein-Westfalen, Kurzinformation Einkommensteuer Nr. 46/2014, aktualisiert 22.09.2017, DB 2017, 2580**. - **OFD Frankfurt v. 27.12.2018, BeckVerw 447487** — Mindestbesteuerung, Einsprueche ruhend stellen. ### Literatur (gegen gewinnerhoehende Ausbuchung) - Bergmann, Liquidationsbesteuerung von Kapitalgesellschaften, Diss., 2012, S. 145 ff. - Dietrich/Weber, DStR 2019, 966, 970. - Hageboeke, in: Roedder/Herlinghaus/Neumann, KStG, 1. Aufl. 2015, § 11 Rn. 78. - Maschlanka, in: Heyd/Kautenburger-Behr/Wind, Bilanzierung und Besteuerung in Krise und Insolvenz, 2019, Rn. 1023. - Mayer/Betzinger, DStR 2014, 1573. - Micker, in: Herrmann/Heuer/Raupach, EStG/KStG, § 11 KStG Rn. 44. - Stalbold, in: Gosch, KStG, § 11 Rn. 72. - H.-F. Mueller, in: Muenchener Kommentar GmbHG, 3. Aufl. 2018, § 74 Rz. 34. - Haas, in: Noack/Servatius/Haas, GmbHG, 23. Aufl. 2022, § 71 Rz. 28. ### Literatur (Gegenposition) - S. Neumann, in: Blumenberg/Neumann, Ubg 2016, 256, 257 f. - Brinkmann, StBp 2021, 246, 250. ### Literatur Loeschung - Baumbach/Hueck-Haas, GmbHG, 22. Aufl. 2019, § 74 Rz. 2. - MK-H.-F. Mueller, GmbHG, 3. Aufl. 2018, § 74 Rz. 3. - Henssler/Strohn-Bueteroewe, Gesellschaftsrecht, 4. Aufl. 2019, § 74 GmbHG Rz. 3. - BeckOK GmbHG — Lorscheider (Stand 01.05.2020), § 74 Rz. 3. - Wicke, GmbHG, 4. Aufl. 2020, § 74 Rz. 2. - von Rintelen, RNotZ 2017, 185 f. - Freier, NZG 2020, 812. ### Normen - § 5 Abs. 1, Abs. 2a EStG. - § 6 Abs. 1 Nr. 3 EStG; § 12 Abs. 1 BewG. - § 3a EStG; § 3c Abs. 4 EStG. - § 8 Abs. 1 KStG; § 11 KStG; § 1 KStG. - §§ 60, 65, 66, 71, 73, 74 GmbHG. - § 397 BGB; § 19, § 39 InsO. - § 89 AO; § 42 AO. - § 12 Abs. 3, § 4 Abs. 2 Satz 2 UmwStG; § 2 Abs. 4 UmwStG. - § 272 Abs. 2 Nr. 4 HGB.