--- name: iii-stpo-begruendungsanforderungen-strafurteil description: "Begruendungsanforderungen an die Strafzumessung im Strafurteil § 267 Abs. 3 StPO. Pflicht zur Mitteilung der bestimmenden Strafzumessungsgruende. Strafrahmen, Schuldrahmen, Strafzumessungstatsachen § 46 Abs. 2 StGB. Bewaehrungs- und Strafaussetzungsbegruendung. Strafzumessungsruege im Revisionsve..." --- # Begruendung der Strafzumessung im Urteil — § 267 Abs. 3 StPO ## Arbeitsbereich Begruendungsanforderungen an die Strafzumessung im Strafurteil § 267 Abs. 3 StPO. Pflicht zur Mitteilung der bestimmenden Strafzumessungsgruende. Strafrahmen, Schuldrahmen, Strafzumessungstatsachen § 46 Abs. 2 StGB. Bewaehrungs- und Strafaussetzungsbegruendung. Strafzumessungsruege im Revisionsverfahren. Typische Aufhebungsgruende: Pauschalbegruendung Doppelverwertung Schweigen Praevention vor Schuld. Arbeite entlang dieser konkreten Prüfungslinie und trenne Rolle, Frist, Zuständigkeit, Beweislast und gewünschten Output. ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: die im Fachgebiet einschlägigen Verfahrens-, materiellen und Anmeldefristen vorab markieren und nicht aus Modellwissen finalisieren (insbesondere Widerspruch 1 Monat, Klage 1 Monat, Verjährung §§ 195, 199 BGB / spezialgesetzlich). - Tragende Normen verifizieren: StGB §§ 13, 22, 23, 25, 32, 35, 46, 47, 56, 57, StPO §§ 100a, 102, 105, 112, 136, 137, 140, 147, 152, 153a, 244, 257c, 261, 264, 265, 267, 304, 341, 344, 349; § 56; § 49 Regelbeispiele besonders schwerer Fall Verstaendigung; § 257c StPO TOA; § 46a Gesamtstrafe; § 55 JGG — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. ## Worum geht es? Das Strafurteil muss die **bestimmenden** Strafzumessungsgruende in seinen Gruenden mitteilen (§ 267 Abs. 3 Satz 1 StPO). Diese Begruendung ist Voraussetzung für die revisionsrechtliche Pruefung der Strafzumessung. Bei Versagung der Bewaehrung sind die Gruende ausdruecklich darzulegen (§ 267 Abs. 3 Satz 4 StPO). ## Wann brauchen Sie diese Skill? - Sie schreiben einen Urteilsentwurf als Richter oder Berichterstatter. - Sie pruefen ein Urteil revisionsmaessig auf Strafzumessungsfehler. - Sie reviewen die Strafzumessungsbegruendung im Ausbildungs- oder Qualitaetskontext. ## Rechtliche Grundlagen - **§ 267 Abs. 3 Satz 1 StPO** — Mitteilung der bestimmenden Strafzumessungsgruende. - **§ 267 Abs. 3 Satz 2 StPO** — Bei Geldstrafe Tagessatzhoehe und -anzahl. - **§ 267 Abs. 3 Satz 4 StPO** — Bei Versagung der Bewaehrung Mitteilung der Gruende. - **§ 267 Abs. 3 Satz 5 StPO** — Bei Verstaendigung Mitteilung von Inhalt und Belehrung. - **§ 46 Abs. 1, 2, 3 StGB** — Materielle Pflicht-Inhalte. - **§ 337 StPO** — Revision wegen Rechtsverletzung; Strafzumessung kann mit Sach- oder Verfahrensruege angegriffen werden. ## Strafzumessungs-Grundsatz Die Begruendung muss: - den **Strafrahmen** angeben (Grundtatbestand, Modifikation durch Regelbeispiel oder minder schweren Fall, § 49-Milderung); - die **bestimmenden** Strafzumessungstatsachen (§ 46 Abs. 2 StGB) nennen; - die **Abwaegung** zwischen strafmildernden und strafschaerfenden Faktoren erkennbar machen; - bei **Geldstrafe** die Tagessatzanzahl und -hoehe getrennt begruenden (§ 267 Abs. 3 Satz 2 StPO); - bei **Versagung der Bewaehrung** die negative Sozialprognose oder andere Gruende darlegen (§ 267 Abs. 3 Satz 4 StPO); - bei **Verstaendigung** Inhalt und Belehrung mitteilen (§ 267 Abs. 3 Satz 5 StPO). ## Struktur einer Strafzumessungsbegruendung (Muster) ``` III. Strafzumessung 1. Strafrahmen Der Strafrahmen ergibt sich aus § ... StGB ([Strafrahmen]). [Ggf. Regelbeispiel / minder schwerer Fall / § 49 StGB-Milderung]. Daraus ergibt sich der konkrete Strafrahmen von [...] bis [...]. 2. Strafzumessungstatsachen (§ 46 Abs. 2 StGB) a) Zugunsten des Angeklagten [Konkrete Tatsachen, z.B. Gestaendnis, Reue, TOA, Schadenswiedergutmachung, Erstverstoss, lange Verfahrens- dauer (Art. 6 EMRK), persönliche Verhaeltnisse]. b) Zulasten des Angeklagten [Konkrete Tatsachen, z.B. Vorstrafen einschlaegig, Tatfolgen ueberdurchschnittlich, Tatbeteiligung mehrerer]. 3. Gesamtabwaegung Unter Wuerdigung der genannten Umstaende hat das Gericht eine [Strafart] von [Strafmass] verhaengt. 4. Strafaussetzung zur Bewaehrung [oder: keine Aussetzung] [Sozialprognose und Begruendung]. 5. Anrechnung U-Haft (§ 51 StGB) [Tage]. 6. [Bei Verstaendigung] Hinweis nach § 257c Abs. 5 StPO erfolgte am [Datum]. Inhalt der Verstaendigung: [...]. ``` ## Typische revisionsrechtliche Pruefpunkte ### Pauschalbegruendung - "Unter Beruecksichtigung aller Umstaende" ohne Einzelabwaegung — revisionsanfaellig. - BGH st. Rspr.; Aktenzeichen verifizieren. ### Doppelverwertung (§ 46 Abs. 3 StGB) - Tatbestandsmerkmale duerfen nicht erneut strafschaerfend angefuehrt werden. - Z.B. bei § 224 Abs. 1 Nr. 2 StGB darf das Tatmittel "Messer" nicht erneut schaerfen. ### Schweigen strafschaerfend - Schweigen des Angeklagten darf nicht zum Nachteil verwertet werden (st. Rspr.). ### Praevention vor Schuld - Die Strafe darf nicht aus generalpraeventiven Gruenden ueber den Schuldrahmen hinaus erhoeht werden. ### Bewaehrungsversagung ohne Begruendung - § 267 Abs. 3 Satz 4 StPO: bei Versagung Bewaehrung muessen die Gruende mitgeteilt werden. ### Strafrahmen nicht angegeben - Konkreter Strafrahmen muss benannt werden, sonst kann das Revisionsgericht die Schuldangemessenheit nicht pruefen. ### Verstaendigung ohne Mitteilung - § 267 Abs. 3 Satz 5 StPO und § 273 Abs. 1a StPO: Inhalt und Belehrung muessen mitgeteilt werden. ### Tagessatzhoehe ohne Begruendung - § 267 Abs. 3 Satz 2 StPO: Tagessatzanzahl und -hoehe getrennt darstellen. ### Lange Verfahrensdauer - Art. 6 EMRK; Kompensation muss konkret bezeichnet werden (Vollstreckungsmodell). ## Schritt-für-Schritt-Anleitung (Verteidigung / Revisionsruege) 1. **Urteilsgruende** durchlesen, Strafzumessungsteil markieren. 2. **Strafrahmen-Pruefung**: Hat das Gericht den richtigen Strafrahmen angegeben? 3. **§ 46 Abs. 2 StGB Pruefung**: Sind die bestimmenden Strafzumessungstatsachen genannt? 4. **§ 46 Abs. 3 StGB**: Doppelverwertung? 5. **Schweigen**: Wird es strafschaerfend gewertet? 6. **Bewaehrung**: Ist die Versagung begruendet? 7. **Verstaendigung**: Mitteilung erfolgt? 8. **Tagessatzhoehe**: Begruendet? 9. **Strafzumessungsruege** formulieren als Sachruege im Revisionsverfahren; bei Verfahrensfehler als Verfahrensruege. ## Schritt-für-Schritt-Anleitung (Urteilsverfasser) 1. **Strafrahmen** explizit nennen. 2. **§ 46 Abs. 2 StGB Katalog** abarbeiten: jede einschlaegige Tatsache mit Belegstelle der Beweisaufnahme. 3. **Abwaegung** transparent: nicht nur Auflistung, sondern Gewichtung. 4. **Konkrete Strafe** im Schuldrahmen begruenden. 5. **Bewaehrungsentscheidung** ausdruecklich begruenden. 6. **U-Haft-Anrechnung** ausweisen. 7. **Verstaendigung** mitteilen, falls einschlaegig. 8. **§ 46 Abs. 3 StGB** im Hinterkopf: Tatbestandsmerkmale nicht erneut verwerten. ## Typische Fehler - Strafzumessungs-Begruendung **vor** dem Strafmass — Reihenfolge muss sein: Strafrahmen, Abwaegung, Mass. - **Pauschalbegruendung** mit Floskeln. - **Doppelverwertung**. - **Schweigen** strafschaerfend. - **Tagessatzhoehe** ohne Einkommens-Begruendung. - **Verstaendigung** ohne Mitteilung im Urteil (§ 267 Abs. 3 Satz 5 StPO). - **U-Haft-Anrechnung** vergessen. ## Quellen und Stand 05/2026 - § 267 Abs. 3 StPO in der geltenden Fassung. - §§ 46, 51 StGB. - §§ 257c, 273 Abs. 1a, 337 StPO. - Art. 6 EMRK. - Quellenregel: vgl. `references/zitierweise.md`.