--- name: jgg-jugendstrafe-minder-schwerer description: "Strafzumessung im Jugendstrafrecht. Erziehungsgedanke § 2 JGG. Massnahmen-Trio: Erziehungsmassregeln §§ 9-12 JGG, Zuchtmittel §§ 13-16 JGG, Jugendstrafe §§ 17-18 JGG. Voraussetzung Jugendstrafe schaedliche Neigungen oder Schwere der Schuld § 17 JGG. Strafrahmen Jugendstrafe 6 Monate bis 5 Jahre,..." --- # Strafzumessung im Jugendstrafrecht ## Arbeitsbereich Strafzumessung im Jugendstrafrecht. Erziehungsgedanke § 2 JGG. Massnahmen-Trio: Erziehungsmassregeln §§ 9-12 JGG, Zuchtmittel §§ 13-16 JGG, Jugendstrafe §§ 17-18 JGG. Voraussetzung Jugendstrafe schaedliche Neigungen oder Schwere der Schuld § 17 JGG. Strafrahmen Jugendstrafe 6 Monate bis 5 Jahre, bei Verbrechen bis 10 Jahre. Heranwachsende § 105 JGG. JStVollzG. Arbeite entlang dieser konkreten Prüfungslinie und trenne Rolle, Frist, Zuständigkeit, Beweislast und gewünschten Output. ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: die im Fachgebiet einschlägigen Verfahrens-, materiellen und Anmeldefristen vorab markieren und nicht aus Modellwissen finalisieren (insbesondere Widerspruch 1 Monat, Klage 1 Monat, Verjährung §§ 195, 199 BGB / spezialgesetzlich). - Tragende Normen verifizieren: StGB §§ 13, 22, 23, 25, 32, 35, 46, 47, 56, 57, StPO §§ 100a, 102, 105, 112, 136, 137, 140, 147, 152, 153a, 244, 257c, 261, 264, 265, 267, 304, 341, 344, 349; § 56; § 49 Regelbeispiele besonders schwerer Fall Verstaendigung; § 257c StPO TOA; § 46a Gesamtstrafe; § 55 JGG — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. ## Worum geht es? Das Jugendgerichtsgesetz (JGG) gilt für Jugendliche (14 bis unter 18 Jahre) und unter bestimmten Voraussetzungen für Heranwachsende (18 bis unter 21 Jahre, § 105 JGG). Tragend ist der **Erziehungsgedanke** (§ 2 JGG). Die Strafzumessung folgt einem dreistufigen System: Erziehungsmassregeln, Zuchtmittel, Jugendstrafe. ## Wann brauchen Sie diese Skill? - Mandant ist Jugendlicher oder Heranwachsender; Sie pruefen die anwendbaren Sanktionen. - Heranwachsender Mandant — Sie pruefen § 105 JGG (Anwendung Jugendrecht oder Erwachsenenrecht). - Sie bereiten die Strafzumessungsverhandlung vor der Jugendkammer oder dem Jugendrichter vor. ## Rechtliche Grundlagen ### Anwendungsbereich - **§ 1 Abs. 1 JGG** — Geltung für Jugendliche (14 bis unter 18 bei Tatbegehung). - **§ 105 JGG** — Heranwachsende (18 bis unter 21 bei Tatbegehung): Anwendung Jugendrecht, wenn die Persoenlichkeitsentwicklung der eines Jugendlichen gleichsteht **oder** die Tat eine typische Jugendverfehlung ist. - **§ 19 StGB** — Schuldunfaehigkeit unter 14 Jahren. ### Erziehungsgedanke - **§ 2 JGG** — Erziehungsgedanke vorrangig vor Strafe und Suehne. - Strafzumessung folgt erzieherischer, nicht primaer schuldorientierter Logik. ### Stufung der Sanktionen #### 1. Erziehungsmassregeln (§§ 9-12 JGG) - **§ 10 JGG Weisungen** — Aufenthalt, Arbeit, Schule, Familie, Freizeit, sozial-paedagogische Massnahmen, Verkehrsunterricht, Anti-Aggressionstraining etc. - **§ 11 JGG Hilfen zur Erziehung** — Verweis auf jugendhilferechtliche Massnahmen. #### 2. Zuchtmittel (§§ 13-16 JGG) - **§ 14 JGG Verwarnung** — formliche Ruege. - **§ 15 JGG Auflagen** — Schadenswiedergutmachung, persönliche Entschuldigung, Arbeitsleistungen, Geldbusse. - **§ 16 JGG Jugendarrest** — Freizeit-, Kurz-, Dauerarrest bis 4 Wochen. #### 3. Jugendstrafe (§§ 17, 18 JGG) - **§ 17 Abs. 1 JGG** — Jugendstrafe ist Freiheitsentzug in Jugendstrafanstalt. - **§ 17 Abs. 2 JGG** — Voraussetzung: - **Schaedliche Neigungen**, deren Bekaempfung erzieherische Massnahmen nicht ausreichen, **oder** - **Schwere der Schuld** bei Straftaten von erheblicher Bedeutung. - **§ 18 Abs. 1 JGG** — Mindestmass 6 Monate, Hoechstmass: - bei Vergehen: 5 Jahre. - bei Verbrechen, für die Hoechststrafe ueber 10 Jahre Freiheitsstrafe nach allgemeinem Strafrecht steht: bis 10 Jahre. - bei besonders schweren Mordfaellen bei Heranwachsenden nach § 105 JGG: bis 15 Jahre. - **§ 18 Abs. 2 JGG** — Strafzumessungs-Grundsatz: erforderliche erzieherische Einwirkung. ### Sonderregeln - **§ 21 JGG** — Aussetzung der Jugendstrafe zur Bewaehrung bis 1 Jahr regelmaessig; bis 2 Jahre bei guenstiger Prognose. - **§ 22 JGG** — Bewaehrungszeit 1 bis 3 Jahre, mindestens 1 Jahr. - **§ 27 JGG** — Aussetzung der Verhaengung der Jugendstrafe. - **§ 31 JGG** — Einheitliche Massnahme oder Strafe bei mehreren Taten. - **§ 105 JGG** — Heranwachsende. - **§ 106 JGG** — Strafzumessung bei Heranwachsenden im allgemeinen Strafrecht; Sondergrenzen. ## Strafzumessungs-Grundsatz - **Erziehung** vor **Suehne**. - **Stufung**: Erziehungsmassregeln zuerst pruefen, dann Zuchtmittel, erst zuletzt Jugendstrafe. - **Jugendstrafe** nur, wenn Erziehungsmassregeln und Zuchtmittel nicht ausreichen oder Schwere der Schuld es gebietet. - **§ 18 Abs. 2 JGG** — Strafhoehe der Jugendstrafe nach der erforderlichen erzieherischen Einwirkung; das schliesst weder die Beruecksichtigung der Schuld noch praeventive Erwaegungen aus, aber der Erziehungsgedanke ist tragend. ## Schritt-für-Schritt-Anleitung (Verteidigung) 1. **Anwendungsbereich** klaeren: - Tatbegehungsalter? Jugendlich oder Heranwachsend? - Bei Heranwachsenden: § 105 JGG-Pruefung. Antrag auf Jugendrecht meist verteidigungsguenstig. 2. **Sozialanamnese** vorbereiten: - Persoenlichkeit (Entwicklung, Schulbildung, soziales Umfeld). - Tat: Bagatelle, Krisentat, Jugendverfehlung? - Schaedliche Neigungen erkennbar (Suchtproblematik, Gewalt, Eigentumsdelikte als Muster)? 3. **Sanktionsvorschlag** mit Mandant und Jugendgerichtshilfe abstimmen: - **Erziehungsmassregel** (Weisung, sozial-paedagogische Massnahme). - **Zuchtmittel** (Auflage, Jugendarrest). - **Jugendstrafe** vermeiden, wenn moeglich; sonst Bewaehrung sichern. 4. **Bewaehrungsperspektive**: § 21 JGG. 5. **Strafzumessungs-Argumentation**: - Erziehung: lernfaehig, sozial integriert, Schul- oder Berufsperspektive. - Keine schaedlichen Neigungen erkennbar. - Tat als Einzelfall, nicht als Muster. ## Heranwachsende — § 105 JGG - Anwendung Jugendrecht, wenn: - Persoenlichkeitsentwicklung des Heranwachsenden noch der eines Jugendlichen gleichsteht (Reife-Beurteilung), **oder** - die Tat eine typische **Jugendverfehlung** ist (Tat- und Persoenlichkeitsbeurteilung). - Wirkung der Anwendung Jugendrecht: - Strafrahmen nach Jugendrecht (max. 10 Jahre bei Verbrechen; bei Mordfaellen bis 15 Jahre). - Bewaehrungsregeln nach § 21 JGG. - Vollzug in der Jugendstrafanstalt. ## Sanktionen — Faustwerte | Sanktion | Anwendungsbereich | |---|---| | Erziehungsmassregel | Bagatelle, Spontantat, Erstkonflikt | | Zuchtmittel (Verwarnung) | Bagatelle, geringfuegige Tat | | Zuchtmittel (Auflage) | mittlere Schwere | | Zuchtmittel (Jugendarrest) | mittlere Schwere mit Erziehungsbedarf | | Jugendstrafe Bewaehrung | mittlere bis schwere Tat mit positiver Prognose | | Jugendstrafe ohne Bewaehrung | schwere Tat, schaedliche Neigungen, negative Prognose | ## Aussetzung zur Bewaehrung (§§ 21, 22 JGG) - Bis 1 Jahr: Aussetzung Regelfall bei guenstiger Sozialprognose (§ 21 Abs. 1 JGG). - Bis 2 Jahre: bei besonderen Umstaenden (§ 21 Abs. 2 JGG). - Bewaehrungszeit 1 bis 3 Jahre, mindestens 1 Jahr. - Auflagen / Weisungen analog § 23 JGG. ## Aussetzung der Verhaengung (§ 27 JGG) - Wenn nicht mit Sicherheit beurteilbar ist, ob die schaedlichen Neigungen so erheblich sind, dass eine Jugendstrafe erforderlich ist, kann das Gericht die Verhaengung **aussetzen**. - Bewaehrungszeit 1 bis 2 Jahre; bei guenstigem Verlauf erfolgt Freispruch oder Einstellung. ## Typische Fehler - **Heranwachsenden** automatisch Erwachsenenrecht angewandt: § 105 JGG-Pruefung notwendig. - **Jugendstrafe** als erste Wahl behandelt; Stufung uebersprungen. - **Schaedliche Neigungen** ohne Tatsachenbasis bejaht. - **Schwere der Schuld** ohne erforderliche Tatschwere. - **Erziehungsgedanke** rein floskelhaft, nicht konkret in die Strafzumessung eingearbeitet. - **Sozialanamnese** der Jugendgerichtshilfe nicht ausgewertet. - **Vollzug** in Jugendstrafanstalt (§§ 89 ff. JGG) nicht beachtet. - **§ 31 JGG**: bei mehreren Taten ist eine **einheitliche** Massnahme oder Strafe zu bilden — kein einfaches "Aufsummieren". ## Quellen und Stand 05/2026 - §§ 1, 2, 9-12, 13-16, 17-22, 27, 31, 105, 106 JGG in der geltenden Fassung. - §§ 89 ff. JGG Vollzug. - Landes-JStVollzGe. - BGH zum Heranwachsenden-Recht und zur Schwere der Schuld — Aktenzeichen verifizieren. - Quellenregel: vgl. `references/zitierweise.md`.