--- name: absolute-grenze-existenzminimum description: "Grundrecht auf Gewaehrleistung eines menschenwuerdigen Existenzminimums aus Art 1 I iVm Art 20 I GG als absolute Grenze der Verhaeltnismaessigkeit von Sozialleistungskuerzungen, Asylbewerberleistungen und Sanktionsregelungen. Mit BVerfG-Linie Hartz IV, AsylbLG, Hartz-IV-Sanktionen." --- # Absolute Grenze: Menschenwuerdiges Existenzminimum > Der Staat darf das Existenzminimum nicht unterschreiten – auch nicht aus haushalts- oder fiskalpolitischen Gruenden. Diese Grenze hat das BVerfG aus Art 1 I GG in Verbindung mit dem Sozialstaatsprinzip Art 20 I GG entwickelt. ## Dogmatische Verortung - Art 1 I GG: Menschenwuerde als objektiver Wert und subjektives Recht. - Art 20 I GG: Sozialstaatsprinzip als Konkretisierungsauftrag. - Beide Normen verbunden ergeben ein **Leistungsgrundrecht**: der Staat schuldet das materielle Existenzminimum **plus** das soziokulturelle Existenzminimum (Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben). ## Begruendet in BVerfGE 125, 175 (Hartz-IV-Urteil) Kernaussagen: 1. Art 1 I iVm Art 20 I GG gewaehrt **ein einklagbares Recht** auf Sicherung des menschenwuerdigen Existenzminimums. 2. Der Gesetzgeber muss die Leistungen **transparent und nachvollziehbar** ermitteln (Verfahrensgrundrecht). 3. Pauschalierungen und Schaetzungen sind moeglich, aber methodisch begruendungspflichtig. 4. Eine Unterschreitung des Existenzminimums ist mit der Wuerde nicht vereinbar. ## Weiterentwicklungen | Entscheidung | Schlagwort | Bedeutung | | --- | --- | --- | | BVerfGE 132, 134 | Asylbewerberleistungen | Existenzminimum ist migrationspolitisch nicht relativierbar | | BVerfGE 137, 34 | Sanktionen SGB II Teil I | Kuerzungen brauchen ein Mindestmass an Sicherung | | BVerfGE 152, 68 | Hartz-IV-Sanktionen | 30-Prozent-Kuerzung verfassungsmaessig nur unter strikten Bedingungen, 60- und 100-Prozent-Kuerzungen verfassungswidrig | | BVerfGE 153, 1 | Sozialrechtliche Bedarfssaetze | Verfahrensanforderungen weiter konkretisiert | ## Pruefraster 1. Ist das Existenzminimum (materiell + soziokulturell) betroffen? 2. Wird es unterschritten? 3. Gibt es methodische Maengel bei der Berechnung? 4. Sanktionen oder Ausschluesse: wie wirken sie auf die Bedarfsdeckung? 5. Verfahrensrechtliche Sicherungen: Bestimmtheit, Begruendungspflicht, Transparenz? ## Verhaeltnis zu Verhaeltnismaessigkeit Die Pruefung Stufe 1 bis 4 entfaellt nicht voellig, aber Stufe 4 wird durch das Existenzminimum **absolut begrenzt**: wo das Existenzminimum unterschritten wuerde, scheitert die Massnahme bereits hier. ## Quellen mit Schlagwort - BVerfGE 125, 175 (Hartz-IV-Urteil, Existenzminimum) - BVerfGE 132, 134 (Asylbewerberleistungsgesetz, Existenzminimum) - BVerfGE 137, 34 (SGB II-Sanktionen Teil I) - BVerfGE 152, 68 (Hartz-IV-Sanktionen Teil II) - BVerfGE 153, 1 (Sozialrechtliche Bedarfssaetze)