--- name: bestimmtheit-normklarheit-eingriffsgesetze description: "Verfassungsrechtliche Bestimmtheits- und Normklarheitsanforderungen an Eingriffsgesetze als Vorfrage der materiellen Verfassungsmaessigkeit. Mit Stufenmodell des BVerfG und Anwendung im Sicherheitsrecht, Steuerrecht und in der Datenverarbeitung." --- # Bestimmtheit und Normklarheit > Eingriffsgesetze muessen so klar sein, dass Buerger ihr Verhalten an ihnen ausrichten und Gerichte sie rechtssicher anwenden koennen. Diese Anforderung ist Vorfrage jeder Verhaeltnismaessigkeitspruefung. ## Dogmatische Verortung - Wurzeln in Art 20 III GG (Rechtsstaatsprinzip), Art 19 IV GG (effektiver Rechtsschutz) und dem jeweiligen Grundrecht. - Im Strafrecht zusaetzlich Art 103 II GG (nulla poena sine lege). - Verfahrensrechtliche Dimension: ohne Bestimmtheit ist Rechtsweggarantie unwirksam. ## Drei Anforderungen 1. **Tatbestandsbestimmtheit** – Eingriffsvoraussetzungen muessen erkennbar sein. 2. **Eingriffsbestimmtheit** – Reichweite des Eingriffs (Wer? Wofuer? Wie lange? Welche Daten?). 3. **Normklarheit** – Aufbau und Sprache der Norm so, dass sie verstaendlich ist. ## Sicherheitsrechtliche Linien | Entscheidung | Schlagwort | Aussage | | --- | --- | --- | | BVerfGE 65, 1 | Volkszaehlung | Verarbeitungszweck bestimmbar, Zweckbindung | | BVerfGE 100, 313 | G10-Gesetz | Bestimmtheit der TK-Ueberwachungs-Tatbestaende | | BVerfGE 110, 33 | Zollkriminalamt | Bestimmtheit der Eingriffsbefugnis | | BVerfGE 113, 348 | Praeventive TK-Ueberwachung Niedersachsen | Bestimmtheit im Gefahrenvorfeld | | BVerfGE 125, 260 | Vorratsdatenspeicherung | Hohe Bestimmtheits- und Loeschungsanforderungen | | BVerfGE 141, 220 | BKAG-Urteil | Bestimmtheit der heimlichen Datenerhebung | | BVerfGE 154, 152 | Bestandsdatenauskunft II | Doppelter Auslegungsmassstab Bestand/Inhalt | ## Strafrechtliche Linien (Art 103 II GG) - BVerfGE 71, 108 (Anti-Atomkraft-Sitzblockade): Konkretisierung des Gewaltbegriffs. - BVerfGE 92, 1 (Sitzblockade II): Bestimmtheit der Noetigung Paragraf 240 StGB. - BVerfGE 126, 170 (Untreue): Bestimmtheit der Vermoegensbetreuungspflicht Paragraf 266 StGB. ## Pruefraster 1. Tatbestand ablesbar (was loest den Eingriff aus)? 2. Eingriffsfolge bestimmbar (Reichweite, Dauer, Schwelle)? 3. Sind unbestimmte Rechtsbegriffe handhabbar oder uferlos? 4. Gibt es Auslegungsmassstaebe (Rechtsprechung, Gesetzesbegruendung)? 5. Sind verfahrensrechtliche Sicherungen vorgesehen (Richtervorbehalt, Loeschung, Protokollierung)? ## Verhaeltnis zur Verhaeltnismaessigkeitspruefung Wenn ein Gesetz bereits an der Bestimmtheit scheitert, kommt die Verhaeltnismaessigkeitspruefung nicht zum Zug. Diese Vorfrage hat eigenstaendige Funktion und ist nicht in der Stufe 4 aufgegangen. ## Quellen mit Schlagwort - BVerfGE 65, 1 (Volkszaehlung, informationelle Selbstbestimmung) - BVerfGE 71, 108 (Sitzblockade I, Gewaltbegriff) - BVerfGE 92, 1 (Sitzblockade II, Bestimmtheit Paragraf 240 StGB) - BVerfGE 100, 313 (G10-Gesetz, Bestimmtheit TK-Ueberwachung) - BVerfGE 110, 33 (Zollkriminalamt, Eingriffsbestimmtheit) - BVerfGE 113, 348 (Praeventive TK-Ueberwachung Niedersachsen) - BVerfGE 125, 260 (Vorratsdatenspeicherung, hohe Bestimmtheit) - BVerfGE 126, 170 (Untreue-Beschluss, Bestimmtheit Paragraf 266 StGB) - BVerfGE 141, 220 (BKAG-Urteil, heimliche Datenerhebung) - BVerfGE 154, 152 (Bestandsdatenauskunft II)