--- name: lueth-urteil-bverfge-7-198 description: Lueth-Urteil BVerfGE Band 7 Seite 198 vom 15.01.1958 als Grundlage der mittelbaren Drittwirkung Grundrechte als objektive Wertordnung. Mit Sachverhalt Boykott-Aufruf Veit Harlan und Bedeutung fuer Abwaegungslogik im Zivilrecht. --- # Lueth Urteil BVerfGE 7 198 ## Sachverhalt Erich Lueth rief Anfang der fuenfziger Jahre als Hamburger Pressechef zum Boykott des Films Unsterbliche Geliebte von Veit Harlan auf; Harlan war zur NS-Zeit Regisseur des Hetzfilms Jud Suess. Filmverleih Domnick erlangte vor Zivilgericht Hamburg eine Unterlassungsverfuegung nach Paragraf 826 BGB. ## Entscheidung Senat 1 BVerfG, Urteil 15.01.1958, BVerfGE 7, 198 (Lueth-Urteil). Aufhebung der Zivilgerichtsentscheidung. Pressefreiheit Art 5 I GG strahlt auf Auslegung von Paragraf 826 BGB aus. ## Drei Kernsaetze ### 1. Objektive Wertordnung Grundrechte sind nicht nur Abwehrrechte gegen den Staat, sondern auch **objektive Wertordnung** des Grundgesetzes. ### 2. Mittelbare Drittwirkung Die Wertordnung strahlt durch **Generalklauseln** wie Paragraf 826 BGB, Paragraf 138 BGB, Paragraf 242 BGB in das Privatrecht aus. ### 3. Abwaegungsmodell Bei Konflikt zwischen Grundrecht und privatem Schutzgut ist **abzuwaegen**; Verhaeltnismaessigkeit als Methodik dringt ins Privatrecht ein. ## Bedeutung fuer den Verhaeltnismaessigkeitspruefer Lueth oeffnete die Verhaeltnismaessigkeitspruefung fuer das Zivilrecht. Heute ist die Abwaegung in nahezu jedem persoenlichkeitsrechtlichen Konflikt das zentrale Werkzeug, etwa bei: - Bildberichterstattung gegen Persoenlichkeitsrecht. - Schmaehkritik gegen Meinungsfreiheit. - AGB-Kontrolle in Konsumentenvertraegen. ## Fortwirkung - BVerfGE 30 173 Mephisto: Kunstfreiheit gegen Persoenlichkeit. - BVerfGE 81 278 Hess: Werturteil gegen Politiker-Persoenlichkeitsrecht. - BVerfGE 89 214 Buergschaft: Privatautonomie als grundrechtliche Schutzpflicht. - BVerfGE 152 152 Recht auf Vergessen I: Grundrechte gegen Suchmaschinenbetreiber unter EU-Recht.