--- name: vorpruefung-schranke-finden description: "Vorpruefung Schritt 3 vor der Schranken-Schranke. Welche Schranke ist einschlaegig: einfacher Gesetzesvorbehalt, qualifizierter Gesetzesvorbehalt, kein Vorbehalt (vorbehaltlos), Schranken-Trias des Art 2 I GG. Mit Beispielen und der dogmatischen Bruecke zur Schranken-Schranke." --- # Stufe 0c: Welche Schranke gilt? > Erst wenn die einschlaegige Schranke benannt ist, kann die Schranken-Schranke (Verhaeltnismaessigkeit) sie kontrollieren. ## Drei Vorbehaltsarten ### Einfacher Gesetzesvorbehalt Das Grundrecht darf durch oder aufgrund eines Gesetzes eingeschraenkt werden, ohne dass die Schranke selbst Zwecke vorgibt. - Art 12 I 2 GG (Berufsausuebung) - Art 2 II 3 GG (koerperliche Unversehrtheit, Freiheit der Person) - Art 5 II GG (Schranken-Trias der Meinungsfreiheit) - Art 14 I 2 GG (Inhalt und Schranken des Eigentums) ### Qualifizierter Gesetzesvorbehalt Das Grundrecht darf nur fuer die in der Schranke ausdruecklich genannten Zwecke eingeschraenkt werden. - Art 8 II GG (Versammlungen unter freiem Himmel) - Art 10 II GG (Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis nur unter qualifizierten Voraussetzungen, vgl BVerfGE 100, 313 (G10-Gesetz)) - Art 11 II GG (Freizuegigkeit nur fuer Bestand des Bundes oder eines Landes, Bekaempfung Seuchengefahr usw.) - Art 13 III bis VII GG (Wohnung; sehr fein abgestufte Eingriffsstufen) ### Vorbehaltlose Grundrechte Kein ausdruecklicher Schrankenvorbehalt. Eingriffe sind nur ueber **verfassungsimmanente Schranken** moeglich, also zugunsten kollidierender Verfassungsgueter. - Art 4 I, II GG (Glaubens- und Gewissensfreiheit; vgl BVerfGE 93, 1 Kruzifix-Beschluss zur Konkordanz mit Art 6 II GG und Schulpflicht) - Art 5 III 1 GG (Kunst- und Wissenschaftsfreiheit; vgl BVerfGE 30, 173 Mephisto-Beschluss) - Art 8 I GG fuer Versammlungen in geschlossenen Raeumen - Art 1 I GG (absoluter Wesensgehalt, siehe `absolute-grenze-menschenwuerde-art-1-i-gg`) ## Schranken-Trias des Art 2 I GG Die allgemeine Handlungsfreiheit darf eingeschraenkt werden durch: 1. die verfassungsmaessige Ordnung, 2. die Rechte anderer, 3. das Sittengesetz. Praktisch reduziert auf "jedes formell und materiell verfassungsmaessige Gesetz". Das BVerfG verlangt also volle Verhaeltnismaessigkeitspruefung (vgl BVerfGE 6, 32 Elfes-Urteil). ## Schranken bei Drittwirkung Bei mittelbarer Drittwirkung (BVerfGE 7, 198 Lueth-Urteil) gibt der Gesetzgeber ueber die Generalklauseln des Privatrechts (Paragraf 138, 242, 826 BGB) eine Schranke vor, die im Lichte der Grundrechte ausgelegt wird. ## Pruefraster 1. Lautet der Schrankenvorbehalt einfach oder qualifiziert? 2. Bei qualifiziertem Vorbehalt: Welche Zwecke nennt er, und ist der vorgetragene Zweck darunter subsumierbar? 3. Bei vorbehaltlosem Grundrecht: Welches Verfassungsgut kollidiert und rechtfertigt einen Eingriff? 4. Ist das Eingriffsgesetz formell verfassungsmaessig (Kompetenz, Verfahren, Form)? ## Quellen mit Schlagwort - BVerfGE 6, 32 (Elfes-Urteil, allgemeine Handlungsfreiheit) - BVerfGE 7, 198 (Lueth-Urteil, Drittwirkung) - BVerfGE 30, 173 (Mephisto-Beschluss, Kunstfreiheit) - BVerfGE 93, 1 (Kruzifix-Beschluss, praktische Konkordanz) - BVerfGE 100, 313 (G10-Gesetz, qualifizierter Vorbehalt Art 10 II GG)