Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren 1897-02-03 Arthur Schnitzler an Georg Brandes, 3. 2. 1897 Schnitzler, Arthur Müller, Martin Anton Susen, Gerd-Hermann Österreichischer Wissenschaftsfonds FWF
Georg-Coch-Platz 2 1010 Wien A Wien
schnitzler-briefe Transkription und Kommentierung Müller, Martin Anton Susen, Gerd-Hermann Austrian Centre for Digital Humanities Vienna 2023

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https://hdl.handle.net/21.11115/0000-000E-6DA4-F

Machine-Readable Transcriptions of the Correspondences of Arthur Schnitzler

Dk Kopenhagen Det Kongelige Bibliotek Georg Brandes Arkiv, box 125 von unbekannter Hand nummeriert mit »7. Schnitzler « und das zweite Blatt datiert mit » 3/2 97 « Brandes, Georg Schnitzler, Arthur Ein Briefwechsel Bergel, Kurt Bern Francke 1956 61–63 Schnitzler, Arthur Briefe 1875–1912 Nickl, Therese Schnitzler, Heinrich Frankfurt am Main S. Fischer 1981 312–313
German Schnitzler, Arthur 3. 2. 1897 Wien Brandes, Georg [3. 2. 1897 – 7. 2. 1897?] Brandes, Georg Goldmann an Schnitzler, 27. 1. [1897] Hofmannsthal an Schnitzler, 9. 2. 1897 Brandes an Schnitzler, 16. 1. 1897 Schnitzler an Brandes, 9. 7. 1897 Angelegt Durchsicht Index check Korrektur gelesen, facs aktualisiert, finalisiert
Wien, 3. Feber 1897.Verehrtester Herr Brandes,

Sie haben mir einenso herzlichen Brief geschrieben, das freut michsehr. Es gehört wohl zu den angenehmsten Erfahrungen, einen Menschen, der einem längst viel bedeutet hat,sich auch menschlich nah zu fühlen. Lassen Sie mich das weiter glauben.

Die Milde, mit der Sie mein Stück beurtheilen kommt zum großen Theil wohl daher, dss Sie merken, ichselbstschätze es richtig. Ich meine, manschätztsich und, was man macht beinah immer richtig, wenn man nur überhaupt auf einem gewissen Niveausteht (Wo ist nur dieses Niveau? Dasteckt die Schwierigkeit!) Man kenntsichselbst, und das Streben, nur halb unbewußt, geht dahin,sich selbst miszuverstehn, was ja freilich nicht angenehmer ist alssich zu kennen. Das Leben will im allgemeinen doch, dass wir zur Klarheit über uns gelangen.

Wie kommt es nur, dss Sie mich nach dem Anatolfür leichtsinnig hielten, jetzt für ernst? Und doch ist vielleicht beides richtig. Ich bin leichtsinnig in der Art wie ich in Erlebnissestürze undschwerlebigDarüber findet sich in Bleistift eine lateinische Entzifferung: »schwerblickig«. durch die Art, wiesiesich dann meiner bemächtigen. Ich glaube, jeder Mensch hat einen großen Lebensfehler, der ihn abhält,sein Wesen zur möglichen Vollendung zu bringen; meine Sünde magsein, dss ich nicht verstehe, was zu Ende zu leben. Daher befinde ich mich meist in einem Zustand beträchtlicher innerer Schlamperei; Dinge, in denen ich ebenstehe,sind in Wirklichkeit vorbei; andre, die lang zu Ende gelebtsind, haben ihren Duft zurückgelassen – und der Duft von todten Sachen ist nieschön, die Blumen auf den Gräbernsind eine traurige Ausflucht. Ich glaube mit dieser unreinlichen ja fast unmoralischen Art inneren Lebens hängt es auch zusammen, dass ich beinah in jedem Einzelfall gedanklich mit allen Möglichkeiten einer Weiterentwicklung fertig bin – und dass ich den Ereignissenselbst meistens als ein verblüffter gegenübersteh.

Jetzt eben hab ich manche Verdrießlichkeiten durchzumachen, die mich im Arbeiten jasogar im ordentlichen Lesenstören. Aber bis zum Frühjahr muss manches in Ordnung kommen, und ich will ein bischen fortreisen. Da nehme ich mir Ihren »Shakespeare« mit worauf mansich freut, dassoll man in Ruhe zu durchlebensuchen; auch Bücher. Wenn mir was einfällt während der Lecture, werde ichs Ihnensagen, da Sie mir dasso freundlich erlauben. Dass mir Ihr Buch gefallen wird, istsicher; nicht einfach deshalb weil ich weiss, dss alles was Sieschreibenschön istsondern weil alles was Sieschreiben, Siesind. Und das ist viel, das ist alles beinah. Sieselbst haben das heuer in einer dieser wunderbaren Kopenhagner Stundenso einfach gesagt: »Was einerschreibt und ob erschreibt, ist eigentlich gleichgiltig, es kommt drauf an, werschreibt –« Siesagten es anders, besser, aber der Sinn war es.

Ihre Briefe haben fast alle etwas Wehmuth; Sehnsucht nach Einsamkeit undSchmerz über Einsamkeit liegt darin, beides. Im übrigen gibts denn etwas, was traurig macht oder lustig macht? Ich meine, was die tiefere Trauer und die echte Heiterkeit gibt? Wirsind wie wirsind und das Leben hat fastso wenig Macht über uns wie wir über das Leben – Nun aber fange ich an das Gegentheil von dem zu behaupten, was am Anfang dieses Briefessteht. Das läßt einen Verdacht gegen michselbst in mir neu erwachen; dass ich nemlich nicht klug,sondern »geistreich« bin. Essind wohl nur Anfälle.

Richard Beer-Hofmann bittet mich, Sie herzlichst zu grüßen.

Was ich zunächstschreiben möchte, ist eine Komödie, sehr gesund,sehr frech, und wo einersiegtZu dieser Zeit war Schnitzler mit der Abfassung des Reigen beschäftigt, doch es dürfte sich eher um den Stoff der »Entrüsteten« handeln, aus dem sich im Laufe der Zeit Der Weg ins Freie herausschälte. Vgl. den Brief an Otto Brahm vom 13. 5. 1897.. Denn bis jetztsind meine Leute immer rechtschäbig zu Grunde gegangen – undselten war es einschöner Kampf.

– Für heute, mein verehrter Herr Brandes,sag ich Ihnen einen herzlichen Gruss, vielen innigen Dank und bin Ihr treu ergebener Arthur Schnitzlerden restlichen Teil der Grußformel und die Unterschrift am unteren Ende der fünften Seite geschrieben
Schnitzler Arthur 15. 5. 1862 Wien 48,208333 16,373056 21. 10. 1931 Wien 48,208333 16,373056 Georg Brandes 1842-02-04 Kopenhagen 55,67594 12,56553 1927-02-19 Kopenhagen 55,67594 12,56553 Richard Beer-Hofmann 1866-07-11 Wien 48,208333 16,373056 1945-09-26 New York City 40,71427 -74,00597 Otto Brahm 1856-02-05 Hamburg 53,55055 9,993333 1912-11-28 Berlin 52,52437 13,41053 Ungersche Klinik 52,5037 13,3567 Hugo von Hofmannsthal 1874-02-01 Wien 48,208333 16,373056 1929-07-15 Rodaun 48,132793312328 16,256152195922 Anatol Arthur Schnitzler: Anatol. Berlin: Bibliographisches Bureau 1892, vordatiert auf 1893 Anatol Schnitzler, Arthur Hofmannsthal, Hugo von William Shakespeare Brandes, Georg Reigen. Zehn Dialoge https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/pageview/2587756 Reigen Schnitzler, Arthur Der Weg ins Freie. Roman Die neue Rundschau, Jg. 19, H. 1–6, Januar–Juni 1908 Die Entrüsteten Arthur Schnitzler: Der Weg ins Freie. In: Die neue Rundschau, Jg. 19, H. 1, Januar 1908, S. 31–71. Schnitzler, Arthur Freiwild. Schauspiel in 3 Akten Freiwild Schnitzler, Arthur Wien K.K. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien Bécs Land Wien Vídeň Wenia Beč Vindobona Vienna 48,208333 16,373056 Österreich 47,33333 13,33333 Windmühlhöhe 48,24077 16,32092 Kopenhagen Copenhagen 55,67594 12,56553 Dänemark 56,0 10,0