Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren 1916-11-20 Robert Adam an Arthur Schnitzler, 20. 11. 1916 Adam, Robert Müller, Martin Anton Susen, Gerd-Hermann Österreichischer Wissenschaftsfonds FWF
Georg-Coch-Platz 2 1010 Wien A Wien
schnitzler-briefe Transkription und Kommentierung Müller, Martin Anton Susen, Gerd-Hermann Austrian Centre for Digital Humanities Vienna 2023

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https://hdl.handle.net/21.11115/0000-000E-73E6-D

Machine-Readable Transcriptions of the Correspondences of Arthur Schnitzler

D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, HS.NZ85.1.4230,15 auf der ersten Seite des ersten Blattes beschriftet: » Adam « und: » Meidl Hptst 58 .« auf der ersten Seite des zweiten Blattes nummeriert: »5« A Wien Österreichische Nationalbibliothek Cod.ser. 52.263, 180–181 recto
German Adam, Robert 20. 11. 1916 Wien Schnitzler, Arthur [20. 11. 1916 – 24. 11. 1916?] Wien Adam, Robert Schnitzler an Adam, 16. 11. 1916 Schnitzler an Zweig, 20. 11. 1916 Schnitzler an Adam, 16. 11. 1916 Schnitzler an Adam, 23. 11. 1916 Angelegt Index check Durchsicht Finalisiert
Wien, am 20. November 1916Hochverehrter Herr Doktor!

Wäre mir Ihre Karte nicht zugekommen (für die ich Ihnen bestens danke),so hätte ich es mir kaum herausgenommen, vor Vollendung eines neuen Opus Ihnen zuschreiben: und wie es mit meinerschriftstellerischen Tätigkeit jetzt beschaffen ist, so hätten Sie vielleicht früher die zehn Memoirenbände hintersich gebracht als ich mich hätte melden dürfen. Ich bin nicht gewillt, unausgesetzt zu lamentieren (wenigstens nicht außerhalb des engsten Familienkreises), aber es kostet michschwere Mühe, mit Klagen hauszuhalten: Amt, Kriegsnot, Mangel an Zeit und Ruhe, Klavierspiel zu Häupten und unter mir, Kindergeschrei, ungeheure Zersplitterung und Bewußtsein unheilbaren Dilettantismus, Husten und Schnupfen, Verdruß und Überdruß – und endlich auch das Böseste: manchmal etwas Neid. Wieviel muß da jedesmal beiseite gedrückt und zerstampft werden, bevor eine ruhige Komödienseite geschrieben werden kann!

Trotz alledem habe ich eben den ersten Akt einer neuen Komödie, oder eher einer »Phantasie« im ersten Anlauf fast ganz umrissen; nicht der Märchenkomödie, von der ich Ihnen das letztemal erzählte (da ich fühlte,sie würde viel zu bitter, zu gallig, zu trist ausfallen,schob ichsie entschlossen in die Lade)sondern einersonderbaren Ehstandstragödie, deren Stoffsich plötzlich bildete, als ich Kemmerichs »Profezeiungen« las. Obsie andren als mir genießbarsein wird, weiß ich nicht; mir liegtsie – trotz des barocken Stoffs – am Herzen, weilsie viel aufzunehmen vermag, was in den letzten Jahren um mich und in mir Peinliches vorging.

Ich habe den Versuch unternommen, dieses Stück in Alexandrinern zuschreiben, nicht in den jambischen Trimetern mit Mittelzäsur, die in der deutschen Literatur als Alexandriner gelten, sondern in einer dem französischen Alexandriner nachgeahmten Versform. Das Stückspielt im alten Frankreich, undso war mir etwas daran gelegen, auch die französische Versart zu verwenden. Aber ach! Zwei Szenen waren fertig, mit Mühe fertiggestellt, und ich begann, zu zweifeln und zu zagen. Es ist nämlich nicht leicht, im deutschen,sofern essich um längere Arbeiten handelt, unjambisch zuschreiben, der Rythmusschlägt immer wieder in den Jambentakt um. Die Zäsur macht – mir wenigstens – ungeheure Schwierigkeiten: es gibtso wenig deutsche mehrsilbige deutsche Worte, die auf der letzten Silbe betont sind und die Abtötung unnötiger Vokalauslaute, die in den romanischen Sprachen der Wortbildungso ungemein entgegenkommten, ist uns Sünde und Greuel. So kam es, daß ich nach den ersten zwei Szenen, mutlos geworden, den Alexandriner verabschiedete und im Knittelvers oder gar in Blankversen weiterschrieb. Nunmehr aber tut es mir wieder leid: wäre ichsicher, daßsich die auf den Alexandriner verwandte Mühe lohnte (ichschätzesie auf das zehnfache jener, die mich der Knittelvers kosten würde), das heißt: daß der deutsche Alexandriner nicht nur mir »klänge« und daß er nicht etwa gar als abwechslungslos = leiermäßig empfunden würde, dann möchte ich neuerdings, ohne die Arbeit zuscheuen, Alexandriner zuschmieden beginnen (es istschon harte Schmiedearbeit).

Undso rücke ich mit der Frage und Bitte heraus, ob Sie, hochverehrter Herr Doktor, wenn anders Sie demnächst einmal überflüssige Zeit haben, mir in dieser prosodischen Zweifelsfrage einen Ratschlag erteilen möchten. Ich würde, wenn Sie hiezu bereit wären, Ihnen eine Probe der Alexandrinerszenen entweder zusenden oder vorlegen, wie es Ihnen lieber wäre. (Es handeltsich um jetzt noch ganz unfertige Konzepte, an die Sie, was den Inhalt anbetrifft, am besten gar keinen Maßstab anlegen dürften:sonst müßte ich mich genieren). –

Ihre freundliche Erkundigung nach meinem körperlichen Befinden kann ich – von den vorhin erwähnten Verkühlungserscheinungen abgesehen – damit beantworten, daß ich die tiefere Gegenden berührendere Katarrhperiode für abgeschlossen halten darf; dicker bin ich allerdings noch nicht geworden und ich glaube auch nicht, daß mein Gewicht,solang das FettkartenregimeSeit dem 17. 9. 1916 war der Erwerb von Rohfetten, Speiseöl und Fettprodukten nur mit amtlichen Ausweisen erlaubt. andauert, sichsteigern wird.

Ich habe in den letzten Tagen den Jean Christophe beendet und freue mich, daß Romain Rolland den Nobelpreis erhalten hat. Welch ungeheures Unternehmen, die Kulturentwicklung der letzten dreißig Jahre und alle künstlerischen undsozialen Hauptprobleme, die während dieser Zeit aufgerollt und übertaucht wurden, im Rahmen eines Wilhelm Meister-Romans darzustellen und zugleich das innerste Wesen der hauptbeteiligten Kulturvölker, ihre Haupttypen, Männer und Weiber, ohne je zu dozieren und ennuyant zu werden, mit Gründlichkeit undEr schreibt: »Gründlichkeit und und«. psychologischer Feinheit her zuschildern. Wunderbar, daß es kein Deutscher war, dersolchen Plan faßte und ausführte; denn der Plan hat deutschen Charakter, mag auch die Durchführung – was ich zu bedauern der Letzte wäre – nicht deutsch = gründlich istsein. Interessant ist das Werk auch als erste große Frucht der Einwirkung Nietzsche’scher Ideen auf ein nichtdeutsches Genie; und ich bin gewiß, daß den Verächter alles Nurdeutschen über diese Erfüllungseiner Peter Gast-Träume, hätte er den Jean Christophe erlebt, in helle Begeisterung geraten wäre. –

Aber ichschließe, um Sie nicht zu ermüden (obwohl ich über den Jean Christophe noch lange fortschwärmen könnte).

Mit den herzlichsten Grüßen Ihr ergebener

Robert Adam
Robert Adam 1877-04-20 Wien 48,208333 16,373056 1961-10-16 Baden bei Wien 48,00543 16,23264 Schnitzler Arthur 15. 5. 1862 Wien 48,208333 16,373056 21. 10. 1931 Wien 48,208333 16,373056 Max Kemmerich 1876-05-06 Koblenz 50,35357 7,57883 1932-04-06 München 48,13743 11,57549 Romain Rolland 1866-01-29 Clamecy 47,46017 3,5194 1944-12-30 Vézelay 47,46572 3,74559 Friedrich Nietzsche 1844-10-15 Röcken 51,24081 12,11539 1900-08-25 Weimar 50,97361 11,33806 Peter Gast 1854-01-10 Annaberg-Buchholz 50,57953 13,00627 1918-08-15 Annaberg-Buchholz 50,57953 13,00627 Johann Wolfgang von Goethe 1749-08-28 Frankfurt am Main 50,11552 8,68417 1832-03-22 Weimar 50,97361 11,33806 Alexandre père Dumas 1802-07-24 Villers-Cotterêts 49,25311 3,09003 1870-12-05 Puys 49,93718 1,11896 Prophezeiungen – Wahn oder Wirklichkeit? Kemmerich, Max Jean-Christophe Jean-Christophe Rolland, Romain Wilhelm Meister Wilhelm Meister Wilhelm Meister Goethe, Johann Wolfgang von Meine Memoiren Dumas, Alexandre père Märchenkomödie Märchenkomödie Adam, Robert Wundervogel Adam, Robert XII., Meidling Meidling Wien-Meidling 48,17192 16,32586 Wien 48,208333 16,373056 Wien K.K. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien Bécs Land Wien Vídeň Wenia Beč Vindobona Vienna 48,208333 16,373056 Österreich 47,33333 13,33333 Windmühlhöhe 48,24077 16,32092 Frankreich France 46,0 2,0 Europa 48,69096 9,14062 Nobelpreis Stockholm 59,325 18,05 https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/1119/ https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/15661/ https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/64053/ https://sws.geonames.org/2673730/ https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/100625/ https://d-nb.info/gnd/4057648-6 http://www.wikidata.org/entity/Q1754 https://de.wikipedia.org/wiki/Stockholm https://schnitzler-tagebuch.acdh.oeaw.ac.at/pmb1119.html https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/152193/ https://schnitzler-interviews.acdh.oeaw.ac.at/pmb1119.html https://wienerschnitzler.org/pmb1119.html https://schnitzler-kultur.acdh.oeaw.ac.at/pmb1119.html https://sk.acdh.oeaw.ac.at/DWplace00095 https://sk.acdh.oeaw.ac.at/fa_place00001893 https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/pmb1119.html https://biblio.ub.uni-freiburg.de/sf/#pmb1119