Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren 1927-03-21 Robert Adam an Arthur Schnitzler, 21. 3. 1927 Adam, Robert Müller, Martin Anton Susen, Gerd-Hermann Österreichischer Wissenschaftsfonds FWF
Georg-Coch-Platz 2 1010 Wien A Wien
schnitzler-briefe Transkription und Kommentierung Müller, Martin Anton Susen, Gerd-Hermann Austrian Centre for Digital Humanities Vienna 2023

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https://hdl.handle.net/21.11115/0000-000E-74D3-1

Machine-Readable Transcriptions of the Correspondences of Arthur Schnitzler

GB Cambridge University Library Schnitzler, B 1 beschriftet: »Adam«, »(Diagramm)« und mehrere Unterstreichungenvon unbekannter Hand nummeriert: »17« A Wien Österreichische Nationalbibliothek Cod.ser. 52.268, 328–329 A Wien Österreichische Nationalbibliothek Cod.ser. 52.268, 328–329
German Adam, Robert 21. 3. 1927 Wien Schnitzler, Arthur [21. 3. 1927 – 25. 3. 1927?] Wien Adam, Robert Schnitzler an Hofmannsthal, 26. 2. 1927 Salten, Salten an Schnitzler, [Anfang April 1927?] Adam an Schnitzler, 13. 5. 1922 Schnitzler an Adam, 9. 4. 1927 Angelegt Durchsicht Index check facs aktualisiert, korrigiert, finalisiert
Wien, am 21. März 1927.Hochverehrter Herr Doktor!

Die liebenswürdige Übersendung Ihres Werkes hat mir die größte Freude bereitet, nicht nur die an Ihrem Werkeselbst,sondern auch durch die Erkenntnis, daß Sie, den ich von allen lebenden deutschen Dichtern am höchstenschätze, meine kleine und nun im Aktenstaubschon ganz und gar vertrocknete Existenz noch nicht ganz vergessen haben. Ich weiß also gar nicht, wie ich Ihnen danken soll.

Ich habe Ihr Werk,sobald ich nach Überwindung eines aufgetürmten Aktenbergs zu ihm gelangen konnte, mit Eifer und Luststudiert (nicht bloß gelesen) und möchte, wenn Sie es gestatten, einige Bemerkungen, diesich mir aufdrängten, kurzskizzieren.

Der von Ihnen unternommene Versuch, die alten theophrastisch-La-Bruyèreschen Bemühungen von einem höheren Gesichtspunkte aus wiederaufzunehmen und in das Wirrsal der uns umdrängenden (undschließlich auch in unsselbst hausenden) menschlichen Charaktere durch Auszeichnung und vergleichende Gegenüberstellung von Urtypen reinliche Ordnung zu bringen, den Bestand gewisser Geistesverfassungen, gesondert von Begabung und Seelenzuständen hervorzuheben und dadurch der Charakterisierung von Einzelindividuen diesichere Grundlage des feststehenden Vergleichstypus zuschaffen, ist ungeheuer interessant und, wie ich meine, wertvoll; erscheint mir geeignet, eine noch fehlende Disziplin der Charakterologie einzuleiten, und ich binsicher, daß nunmehr, da Sie den Weg gezeigt haben, das Volk der philosophischen Kärrner, an dem kein Landso reich ist wie Deutschland, mit Schotterzufuhren und bequemer Ausharkung, mit Anlage von Abzugsgräben undseitlicher Rasenverbrämung nicht kargen wird. Es bedarf oft nur des Manifestes (aber es bedarfseiner)ursprünglich nach »eines großen Geistes«, durch Verschiebezeichen im Satz umgereiht eines großen Geistes, damit eine ganze große Welt entstehe. Mir kommen hiebei die wenigen Seiten des kommunistischen in den Sinn und auf die neue Art von Geschichtswissenschaft, diesich über ihnen aufgebaut hat.

Wenn ich, der Skeptiker, einen kritisierenden Kärrnerbeitrag liefern darf,so würde er der »ideellen unüberschreitbaren GrenzlinieVgl. S. 9 der Erstausgabe (Abschnitt 2). « gelten, die Ihre Diagramme zwischen den positiven und negativen Typen ziehen. Es ist mir klar, daß die Urtypen nicht empirisch konstatierte Haupterscheinungsformen menschlicher Geistesverfassungensind,sondern Abstraktionen bestimmter derartiger Gestaltungen (nicht eine Erfahrung,sondern eine IdeeNach Goethes Schilderung hat Schillerdie Vorstellung einer Urpflanze mit der Argument »Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee« abgelehnt (Glückliches Ereignis)., um ein bekanntes Wort zu zitieren). Lägen empirisch gefundene Haupttypen vor, dann wäre es ohne weiteres evident, daß einestrikte Scheidewand zwischen ihnen nicht errichtet werden könnte: da die unendliche Mannigfaltigkeit der wirklich gegebenen Charaktere die Gewißheit gäbe, daß es zwischen allensolchen Typen, die nur als Grenztypen gelten könnten, Übergangsformen in ununterbrochener Reihe geben müsse. Aber auch bei Aufstellung von Urtypen als Ideen (Gebilden des Sollens, nicht des Seins, wie Kelssensagen möchte) handelt essich nicht um kontradiktorische,sondern um konträre Gegensätze, die die Möglichkeit einer unendlichen Reihesie verbindender Varietäten nicht ausschlössen. Auch die Urtypen als Ideensind Grenztypen.

Sie bezeichnen zwar die Typen der oberen Vierecke als die positiven, die der unteren als die negativen, und positive–negativ oder plus und minus (S. 9)sind allerdings kontradiktorische Gegensätze: nicht aber werden es die Typen durch diese Bezeichnung.

Zu demselben Ergebnis kommt man, wenn man auf die Grundidee zurückgeht, die der Unterscheidung der Seite »Gottes« und der Seite »des Teufels« zugrundeliegt (welche poetischen Termini, wie ich besorge, in Menschen das Mißverständnis erwecken können, essei auf eine Distinktion im Sinne christlicher Moral abgezielt). Sie liegt wohl darin, daß den einen das Werk Zweck, den andern Mittel zum Zweck ist, woransich der Gegensatz zwischen Idealismus (im landläufigen Sinne) und realistischer Lebenseinstellung und zwischen Altruismus und Egoismus anschließt (obwohl man vielleichtsagen könnte, essei ein Egoismus im höchsten Sinne, wenn der Positive nur fürsein Werk lebe, da es dem Schöpfer nur eine andere Form seines Ichsei). Alle diese Gegensätze nun sind konträre, und daraus folgt, daß die auf ihrer Basis einander gegenübergestellten Typen ebenfalls einander konträr gegenüberstehen, das heißt Endglieder von Reihensind, deren Elemente mitin unendlich kleinen Unterschiedensichsteigernd gedacht werden können. –

Ich muß es, um Ihre Geduld nicht zu erschöpfen, an bei diesen Anmerkungen bewenden lassen: obwohl ich Lust hätte, nochso Manches festzuhalten, was mir bei der Durchstudierung Ihres Werks – eines der anregendsten, die ich kenne – an klugen und unklugen Gedanken gekommen ist.

Nehmen Sie nochmals, hochverehrter Herr Doktor, meinen besten Dank!

Mit vielen Empfehlungen IhrergebenerDrRAdam
Theophrast von Eresos um 372 v. u. Z. Eresós 39,16973 25,93437 um 287 v. u. Z. Athen 37,97945 23,71622 Robert Adam 1877-04-20 Wien 48,208333 16,373056 1961-10-16 Baden bei Wien 48,00543 16,23264 Schnitzler Arthur 15. 5. 1862 Wien 48,208333 16,373056 21. 10. 1931 Wien 48,208333 16,373056 Schriftsteller/Schriftstellerin Mediziner/Medizinerin https://d-nb.info/gnd/118609807/ Hans Kelsen 1881-10-11 Prag 50,08333 14,46667 1973-04-19 Jean de La Bruyère 1645-08-16 Paris 48,85341 2,3488 1696-05-10 Versailles 48,80359 2,13424 Johann Wolfgang von Goethe 1749-08-28 Frankfurt am Main 50,11552 8,68417 1832-03-22 Weimar 50,97361 11,33806 Friedrich von Schiller 1759-11-10 Marbach am Neckar 48,93964 9,25995 1805-05-09 Weimar 50,97361 11,33806 Der Geist im Wort und der Geist in der Tat Schnitzler, Arthur Glückliches Ereignis Goethe, Johann Wolfgang von Deutschland Bundesrepublik Deutschland Deutschland West Germany Federal Republic of Germany Bundesrepublik Deutschland Germany Deutschland Deutsches Kaiserreich Weimarer Republik 51,5 10,5 Europa 48,69096 9,14062 Wien K.K. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien Wien Bécs Land Wien Vídeň Wenia Beč Vindobona Vindobona Vienna Vienna Vienna 48,208333 16,373056 Österreich 47,33333 13,33333