Frankfurter Zeitung(Gazette de Francfort).Fondateur M. L.
Sonnemann.Journal politique, financier,commercial et littéraire.Paraissant trois fois par jour.Bureau à Paris:24. Rue Feydeau.Au Jour le JourP. L. [ = Pierre Lalo]: Au jour le jour. M. Arthur Schnitzler. In: Journal des débats, Jg. 107,
21. 3. 1895, S. 1. Deutsche
Übersetzung: »Von Tag zu Tag
Arthur Schnitzler
Arthur Schnitzler ist einer der
jüngsten Zugänge zu den Schriftstellern des jungen Deutschlands. Bisher kannte man von ihm eine Sammlung von
Erzählungen und ein dreiaktiges Stück, in denen sich seine
besonderen Qualitäten zeigten. Sie hoben ihn aber noch nicht hervor, das
geschah erst durch die kürzlich erfolgte Veröffentlichtung eines Romans mit dem
Titel Sterben in der Neuen Deutschen Rundschau. Der Erfolg war sehr groß, und es scheint, dass er in jeder
Hinsicht verdient ist. Sterben ist ein sehr kurzer Roman oder, wenn man so will, eine lange
Novelle: kaum 150 Seiten. Es gibt nur drei Personen: einen jungen Mann
und eine junge Frau, Felix und Marie, die zärtlich miteinander verbunden sind, und einen Arzt.
In der ersten Szene, die durch die sichere Darstellung und die Wahl der
Details beeindruckt, erfährt Felix, dass er unheilbar krank ist und nur noch
ein Jahr zu leben hat. Er teilt dies Marie mit, und sie ruft verzweifelt, dass sie mit
ihrem Freund sterben werde. Er versucht sie zu besänftigen und ihr
klarzumachen, dass sie leben muss und noch glücklich sein kann, aber sie
will nicht hören Auf den letzten Seiten des
Romans, in den
letzten Tagen von Felix’ Krankheit, ist er es, der sie leidenschaftlich mit in den
Tod nehmen möchte, und sie ist es, die leben möchte. Dieser langsame
Zerfall von Gefühlen und Zuneigung ist das Thema von Sterben. Stellen Sie sich vor, dieses Thema würde von einem unserer
Romanautoren behandelt: Er würde zweifellos dazu neigen, die moralische
Hässlichkeit seiner Figuren zu übertreiben. Bei Schnitzler gibt es nichts dergleichen: keine
Exzesse, keine Gewalt, keine Brutalität; die Darstellung, so stark sie
auch sein mag, behält perfekt Maß und Genauigkeit. Was in Marie vorgeht, was an
unbewusster Ungeduld und Überdruss unter ihrer Zärtlichkeit und ihrem
Mitleid erwacht und sich einschleicht, all das wird tiefgehend beobachtet
und akzentuiert mit seltener Präzision Wenn
ich noch hinzufüge, dass die Entwicklung der Erzählung kurz und nüchtern
ist, dass die Komposition nahezu klassisch ist in Befolgung von Logik,
Reihung und Klarheit aufweist, habe ich genug gesagt, um den Erfolg von
Sterben zu erklären und zu zeigen, dass die deutsche Literatur von nun an
viel von Herrn Schnitzler erhoffen
darf. – P. L.
«
M. Arthur Schnitzler
M. Arthur Schnitzler est un des derniers venus parmi les
écrivains de la Jeune Allemagne. On
connaissait jusqu’ici de lui un recueil de nouvelles et une pièce en trois actes, où se
révélaient des qualités éminentes, mais qui ne l’avaient point encore fait
sortir du rang, lorsque, récemment, il publia dans la Neue Deutsche Rundschau un roman intitulé:
Sterben – Mourir. Le succès en fut très vif; il semble bien qu’il soit de tout point
mérité. Sterben est un très court roman ou, si l’on veut, une longue nouvelle: cent
cinquante pages à peine. Trois personnages seulement: un jeune homme et une
jeune femme tendrement unis, Félix et Marie,
et un médecin. En la première scène, singulièrement saisissante par la sûreté des traits et le choix
des détails, Félix vient
d’apprendre qu’il est atteint d’une maladie incurable et qu’il n’a pas plus
d’une année de vie: il l’annonce à Marie, et celle-ci, désespérée, s’écrie qu’elle mourra
avec son ami. Il s’efforce de l’apaiser, de lui faire comprendre qu’elle doit
vivre et qu’elle pourra encore être heureuse: elle ne veut rien entendre Aux dernières pages du roman, aux derniers jours de la
maladie de Félix, c’est
lui qui désirera passionnément l’emmener avec lui dans la mort, c’est elle qui
voudra vivre. Cette lente décomposition des sentiments et des affections, tel
est le sujet de Sterben. Imaginez ce thème traité par un de nos romanciers: sans doute il sera
porté à exagérer la laideur morale de ses personnages. Rien de pareil chez M.
Schnitzler: aucun excès, aucune violence, aucune brutalité; la peinture, si
forte qu’elle soit, garde une mesure et une justesse parfaites. Ce qui se passe
chez Marie, ce qui
s’éveille et se glisse d’inconsciente impatience et de lassitude sous sa
tendresse et sa pitié, tout cela est profondément observé, nuancé avec une rare
précision Si j’ajoute que les développements du
récit sont brefs et
sobres, que la composition a une logique, une suite et une clarté presque
classiques, j’en aurai assez dit pour expliquer le succès de Sterben et pour montrer que les lettres allemandes ont désormais le droit
d’attendre beaucoup de M. Schnitzler. – P. L.
Paris, 21. März.Mein lieber Freund,Pierre Lalo hat also endlichsein Versprechen.
gehalten und hat einenschönen Artikel geschrieben. Das heißt, die Schönheit des Artikels hat natürlich nichts
mit dem Versprechen zu thun,sondern mit der Schönheit Deines Buches, die den französischen Kritiker hocherfreut hat. Ich beglückwünsche
Dich zu dem neuen Erfolge und bin rechtstolz darauf, Dich in dem ernstesten und
vornehmsten Blatte der großen
Pariser Tagespresse an erster Stelle insolcher Weise besprochen zusehen.
Anbei erhältst Du einige Exemplare. Bitteschreibe umgehend und recht herzlich an Lalo (19. Boulevard de Courcelles).
In Treue
Dein
Paul Goldmann.Bitte,schick’ mir bei Gelegenheit ein Exemplar von »Alkandis Lied«. Zu Progaganda-Zwecken!