SZVIII. KochgasseWien,Verehrter lieber Herr Doktor, Sie sind so gütig, meine bescheidene
Meinung in dieser Sache anzufragen und ich sage sie aufrichtigst. Ich glaube nur der
erste Teil der Berichtigung
ist notwendig, der zweiteSiehe
die beiden letzten Seiten der Beilage von Schnitzlers Brief vom . Dieser Schlussteil des Textes nahm Bezug auf den Abdruck () eines stark veränderten
Privatbriefes Schnitzlers an Eugen Deimel, zu dieser Angelegenheit vgl.
Schnitzlers Brief an Eugen Deimel vom 25. 11. 1914 (Heinz P.
Adamek: In die Neue Welt… Arthur Schnitzler – Eugen Deimel
Briefwechsel. Wien: Holzhausen2003, S. 210–211). Der dies bezügliche Textteil wurde nicht im Rahmen der Berichtigung publiziert. Schnitzler hatte gegen den Abdruck des verfälschten Briefes zudem bereits am
20. 11. 1914 mit einem anderen Schreiben () im Neuen Wiener Journal protestiert. bloss eben nur
eine Richtigstellung einer Veränderung, die niemanden beleidigt. Und im ersten Teile
hätte ich so gerne von einem Manne Ihrer Gerechtigkeit eines gesehen: ein Wort des
PositivenSchnitzler erweiterte den Text gegenüber dem Entwurf um das Doppelte mit dem von Zweig angeregten Bekenntnis zu den Werken von Tolstoi, Anatole France, Maeterlinck und Shakespeare, ., der Bejahung. Ich glaube, nie war eine Zeit besser für das Bekennen, nie
es notwendiger, die Unerschütterlichkeit unserer innern Überzeugungen gegen gewisse
Versuche aufrechtzuerhalten, den politischen Constellationen unsere künstlerischen Empfindungen preiszugeben. Ich
meine: es wäre schön und vorbildlich gewesen (und zugleich die stärkste, die
schlagendste Berichtigung jeder Entstellung), Sie wenn Sie an einer Stelle sagten, wie sehr Sie Tolstoi bewundern und auch Ihr Verhältnis zu France und Maeterlinck
in künstlerischer Bejahung andeuteten. Ich glaube, wir müssen ein Beispiel bei jedem
Anlass geben, zu zeigen, dass unsere Neigungen nicht ein Tauschgeschäft auf
Gegenliebe sind, sondern unerschütterlich selbst durch Hass und Anfeindung. Gerade
weil Einige versuchen, jeden, der gegen Deutschland heute auftritt, zu negieren,
statt seine Argumente zu befeinden, müssen wir unsere Unabhängigkeit in der eigensten
engsten Welt unseres Standes und Wirkens mit sichtbarem Willen betonen. Nichts ist gemäßer in diesen Tagen als
Wahrhaftigkeit, die sich nicht einschüchtern lässt durch die Reden am Markt: ich
glaube, wir sollen heute je als mehrunentwegtTolstoi einen der wirklichsten Menschen aller
Zeiten nennen und brauchen nicht zu zögern mit Ehrerbietung vor der Leistung eines
Anatole France. Ein Vermeiden dieser
Höflichkeitsbezeugung und dieser freien Zustimmung zu ihren Werken (die längst vor
diesen Tagen entstanden) könnte leicht darauf deuten, wenn schon nicht eine Äusserung
so sei doch Ihre Gesinnung jenen feindlich. Und das ist doch nicht Ihre Absicht.
Ich wage natürlich nicht, diese meine Empfindung zur Ihren machen zu wollen: es ist
nur eine Antwort auf Ihre gütige Frage. Gerne expediere ich den Brief in dieser Fassung wie in
jeder andern an R. R., es wird ihm eine grosse
Freude sein, Sie unter den Wenigen zu wissen, die heute, mitten im Kampf, schon an
die Versöhnung denken.
Ich bin morgen MontagDass der folgende Tag ein Montag war, bestätigt die Datierung Schnitzlers auf dem von Zweig nicht datierten Brief auf den 29. 11. 1914, denn der 30. 11. 1914 war der Montag innnerhalb der mit der Korrektur des Textes befassten Tage zwischen und . nach dem Bureau bestimmt zwischen 4–5 zu hause und freute mich sehr Ihres Anrufes.
Vielen vielen Dank für Ihr Vertrauen und alles Herzliche Ihnen und den Ihren!
Treulichst
Stefan Zweig