SZVIII. KochgasseWien,Sehr verehrter lieber Herr Doktor,ich war innerlich noch sehr bedrückt, Ihnen für den schönen AbendSchnitzler hatte Zweig und Berta
Zuckerkandl am die Komödie der
Worte vorgelesen und bei der Gelegenheit wurde auch die Frage nach einem
passenden Titel für das Werk diskutiert. von damals nicht noch besonders
gedankt zu haben: der Grund für dieses Unterlassen war, dass ich mich innerlich um
den Titel für das Werk mühte
und ohne diese bescheidene Gegengabe Ihnen nicht schreiben wollte. Und nun muss ich
Ihnen für neuerliche Güte danken: glauben Sie mir, bitte, dass ich gerade in dieser
Zeit, wo sonst alle Menschen das Harte in sich herauskehren, Ihnen dafür besonders
erkenntlich bin.
In der Sache DrRosenbaums. habe ich
von Gerhardt Hauptmann noch keine AntwortSowohl Schnitzler wie
auch Gerhart Hauptmann traten mit einer
Erklärung für Rosenbaum öffentlich für
diesen ein, . »Zweig hatte Gerhart Hauptmann in einem (unveröffentlichten) Brief
vom 13. 4. 1915 um ›ein Wort zum Abschied‹ Rosenbaums vom Burgtheaters gebeten. Hauptmann
hatte darauf am 20. 4. kurz geantwortet: ›Der Weggang Dr. Rosenbaums vom Burgtheaters hat mich sehr schmerzlich berührt, weil
ich weiß, mit welcher Hingebung er dem Institute verbunden ist. Ich begrüsse
Sie herzlich, danke Ihnen wärmstens für Ihre lieben Zeilen und füge ein paar
Abschiedsworte für Dr.
Rosenbaum hier bei.‹ Am
4. 5. bedankte Zweig
sich für Hauptmanns Brief und schrieb
(in einem ebenfalls unveröffentlichten Brief): ›Erst heute bekam ich Ihren
Brief vom 20. April, aber diesmals darf die Post nicht gescholten
sein: die ungeheuren Truppentransporte haben die Strecken für sich genommen und
für die verzögerte Freude einzelner Briefe haben wir heute die gemeinsame des
großen Sieges.‹
« (Briefwechsel mit Hermann Bahr, Sigmund Freud, Rainer Maria
Rilke und Arthur Schnitzler, S. 472.): ist es die
Post, die den Brief so lange hält oder irgend Etwas in ihm? Jedesfalls bin ich sehr
erbittert, wie gut Thimig alles gelungen ist.
In aller Stille hat man diesen guten Mann begraben und in einem Jahr wird niemand mehr von ihm
wissen. Ich hoffe noch immer, etwas tun zu können: es wäre ja sehr nötig und nicht
nur im moralischen Sinne, denn DrR, der jetzt ein Vierteljahrhundert in
unablässiger Arbeit gelebt hat, braucht Wirksamkeit, um nicht bitter zu werden.
Hoffentlich findet sich da ein Weg.
Ich freue mich sehr, Sie und Ihre
verehrte Frau Gemahlin bald
wieder sehen zu dürfen: heute abends habe ich mir den Sonatenabend WalterRoséDas gemeinsame Konzert von Bruno
Walter und Arnold Rosé fand im Mittleren Konzerthaussaal
statt., morgen das Lied von der ErdeVon den hier aufgeführten
Veranstaltungen besuchten Olga und Arthur Schnitzler nur die Aufführung von Das Lied von
der Erde am im
Großen Musikvereinssaal., MittwochElektraAm 28. 4. 1915 wurde Elektra in der Wiener Oper gespielt. zugedacht, ich lebe jetzt wirklich von Musik, denn sonst
wäre es nicht zu ertragen.
In dankbarer Verehrung getreu Ihr
Stefan ZweigViele Grüsse Ihrer Frau Gemahlin! Und noch die Erinnerung.: wenn Sie
einmal Zeit und Lust haben gedenken Sie jenes Bildhauers Gustinus Ambrosi, der so gerne Ihre Büste machte. Ich
halte diesen taubstummen Menschen für einen wahrhaft genialen Künstler, er ist auch menschlich, ein
unvergleichliches Erlebnis.seitlich
entlang des linken Blattrandes