Wien I. Kärnthnerstrasse No 10den 12. Oktober 1900Verehrter Herr Doctor!Sie wünschenSchnitzlers Brief ist nicht
überliefert. die chronologische Reihenfolge der Arbeiten zu wissen und
indem Sie mir eine Erwiderung auf meine Bemerkung über meine Entwickelung
versprechen, kündigen Sie mir – deutlich genug für mein zartes Verständnis – einen
neuerlichen PutzerPutzer: österreichisch-bairisch: Tadel, Rüge. Ob und wie Schnitzler auf
den vorliegenden Brief geantwortet hat, ist ungewiss. Es hinterlässt einen unhöflichen Eindruck, wenn er geschwiegen hätte. Aber eine ausführliche
Antwort dürfte wiederum eine Reaktion von Plessner hervorgerufen haben – und eine solche liegt
nicht vor. Auch anlässlich der Uraufführung von Die Ehrlosen dürfte es zu keiner Kontaktaufnahme
gekommen sein. Ein Tagebuch-Eintrag Schnitzlers zum
(und ein persönliches Treffen wenige Tage später) belegt, dass es späterhin eine soziale Wahrnehmung auf Distanz gab.
an. – Zuerst entspreche ich beiliegend Ihrem Wunsche und dann muss ich – zu Ihrer
Orientirung vor dem Putzer – etwas weiter ausholen.
Sie finden also zuerst die merkwürdige Thatsache dass »Baby« von allen die älteste Arbeit ist. Es ist mir sehr
verständlich, dass »Baby« Ihnen nicht allzusehr
missfällt, denn es beweist neuerdings, dass das Wesensverwandte jeden Menschen
anzieht. Es ist ja auf 1000 Schritte sichtbar, dass diese Geschichteunter Ihrem Ddirecten Einfluss entstanden ist und – bitte um
Verzeihung für die Arroganz – Leo, der Held könnte ganz gut – Anatol – heißen, was natürlich nichts zu daran ändert, dass die Geschichte selbstverständlich nicht im
entferntesten an Ihren »Anatol« heranreicht. Das
heißt mit anderen Worten: »Ich hatte mich so in Ihr Buch hereingelesen, dass ich auf einmal Ihre Sprache
sprach«. – Vielleicht interessiert Sie die Thatsache, dass »BabyDie Geschichte handelt davon, dass eine
Frau ihrem Liebhaber das gemeinsame Kind vorstellt, das bislang am Land aufgezogen
wird. Sie möchte, dass der Vater das Kind als Anlass nimmt, sie zu heiraten. Zwar
empfindet dieser väterliche Gefühle, doch zu einer Eheschließung kann er sich
nicht durchringen. Die Frau erwähnt, mit einem »Baron
« in Kontakt
zu stehen, der sie heiraten wolle und das Kind als seines aufzuziehen bereit
sei.« zwei Tage nach dem Tod
meines VatersLouis Plessner starb am
19. 9. 1895 in Wien.
entstanden ist. – Außerdem theile ich Ihnen im Vertrauen mit, dass der Held dieser
Geschichte eigentlich KainzDie hier gegebenen Hinweise passen mit
historischen Fakten zusammen.
Die aus Ungarn
stammende Schauspielerin Jolán Ramazetter,
die den eingedeutschten Bühnennamen Jolantha
Ramazetta verwendete, war um 1884 gemeinsam mit Kainz am Deutschen Theater in Berlin
engagiert. Am 28. 7. 1884 übernahm das Neue Wiener Tagblatt eine Meldung des Berliner Börsen-Couriers, dass Kainz und Ramazetta
verlobt seien (Nr. 207, S. 3). Die Rekonstruktion der nächsten Ereignisse
gelingt nur rückwirkend, über den Tod des Sohnes. Am 14. 10. 1911 starb in
Budapest der Journalist und Sprachlehrer
Lajos Staél-Dergy an einer
Schussverletzung. Er war zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alt und nach Paris zuständig. Als Mutter wird Jolán Ramazetter genannt, als Vater Lajos Staél-Dergy (der Vorname dürfte dem
französischen ›Louis‹ entsprechen). Zum mutmaßlichen Zeitpunkt der Geburt – um 1885 – war Jolán
Ramazetter mehrere Monate an
einem Theater in Sankt Petersburg engagiert.
Danach nahm sie Engagements in Paris an. Als
Kainz im Sterben lag, erfuhr Schnitzler auch direkt von der Existenz des
gemeinsamen Kindes, . ist, um
dessen Kind es sich (vor
fünf Jahren nach dem Tod seiner ersten FrauSara Kainz war am 24. 6. 1893 in Berlin gestorben.) handelte. Ich habe die Geschichte – die natürlich anders sich
abspielte – direct von Rosie Hutzler, seiner Stieftochter erfahren. Die Mutter –
ehemals Mitglied des »Deutschen Theaters« – Fräulein Ramacetta
ist in Paris an einen Baron verheirathet, der das etwa
zwölfjährige Kind adoptirt
hat. – – – Nach dieser kleinen Abschweifung in die chronique scandaleusefranzösisch: Skandalchronik,
Klatschberichterstattungkehre ich zur Materie dieser
Epistel zurück. –
Das ganze Buch »D. g. Käfig« hat keinen anderen
Zweck als den, meiner im Anfang December stattfindenden PremièreDie Premiere von Plessners Schauspiel Die Ehrlosen
fand erst am 16. 3. 1901 am Volkstheater statt. zu präludieren
und ein paar Talentproben in die Welt der Premièrenbesucher zu schleudern, damit ich
nicht ganz wie ein rother Hund behandelt werde, wenn man gar nichts von mir weiß und
kennt. Glauben Sie ja nicht, dass ich mich irgend welchen Illusionen über den Wert des Buches hingebe. Aber da ich meine novellistische
»Thätigkeit« seit 2 Jahren abgeschlossen habe – (»Der neue Lehrer« war
das letzteAm erwähnte Plessner ihren längsten Prosatext Der neue Lehrer erstmals, ohne jedoch den
Titel zu nennen.) hat es mir Spaß gemacht, die besseren Arbeiten dieser
Sorte zu einem Debut zusammenzufassen. –
Ich muss Sie bitten mir zu glauben, dass ich mein Vertrauen und meine nicht so offen in der Hand zu jedermanns Belieben herumtrage.
Aber da Sie sich kennen und Ihre Fähigkeit zu verstehen, werden Sie es begreiflich
finden, dass ich gerade bei Ihnen Verständnis suchte und noch suche, denn einen
Menschen muss man doch haben, bei dem man sich ausjammern kann, ohne dass er es
anders deutet. Das heißt mit kurzen Worten: Ich bin seit mehr als einem Jahr an einem
toten Punkt meiner Entwickelung angelangt, den ich
nicht überwinden kann. Seit dem »ersten
Capitel« habe ich außer zu Briefen nicht die Feder in die Hand genommen und
nicht eine Zeile schreiben können. Ich würde mich wieder für »fertig« halten, wenn
Sie mir das nicht seinerzeit nach Meran so
nachdrücklich verwiesen hätten. Aber eine so fürchterliche Zeit absoluter Leere und
Unfähigkeit wie dieses Jahr habe ich noch nie durchgemacht und zu einer
Zeit, wo mein brennender äußerer Ehrgeiz eigentlich
zu seinem Rechte zu kommen beginnt – bin ich eigentlich so sterbensunglücklich wie
ein Mensch es nur sein kann!
Vielleicht ist es das Warten auf die Première,
das mich so lähmt – aber was mache ich, wenn die »Ehrlosen« durchfallen, was doch immerhin
möglich ist? Bei dem absoluten Versagen aller meiner innerlichen Lebensmöglichkeiten
sehe ich nichts weiter vor mir, wenn auch mein äußerer Lebenszweck unerreichbar ist.
Ich habe die schönsten und wertvollsten Jahre meines Lebens vergehen lassen, ohne
nach rechts und links zu schauen wie andere Mädchen, habe mit Scheuklappen auf mein
künstlerisches Ziel hingearbeitet und im Gefühle einer gewissen inneren Kraft auf
Manches verzichtet, um mich nicht zu verzetteln und zu zersplittern – und wenn ich
mir jetzt vorstelle, dass das Alles umsonst war, könnte ich weinen um jeden Ball, auf
dem ich mir den Kopf zerbrochen habe um eine Arbeit, statt zu tanzen und mich – zu
amüsieren. – – Ich habe auf der ganzen Welt nichts,
als meine Arbeit – ob gut oder schlecht ist eigentlich egal. Aber wenn ich nicht
einmal mehr arbeiten kann – ? – Also wenn Sie jetzt noch vomn Entwickelung in Bezug auf mich sprechen wollen, so können sie nur von der
Zeit sprechen, die weit hinter mir liegt! Zu dem Standpunkt der alten Arbeiten kann
ich nicht zurück und vor mir liegt kein Weg mehr. Außer Sie sehen weiter und mehr als
ich selbst.
Das musste ich Ihnen noch vorher sagen und dass ich
Sie mit den Voraussetzungen bekannt machen musste,
aus denen Sie Ihre Schlüsse ziehen können. Ich bin
neugierig wie dieselben ausfallen werden.
Herzlich und stets verehrend
Ihre
Elsa Plessner.| Baby
| (September 95) |
| Begräbnistag | (95 |
| Selbstmörder | 96 |
| Im Feuer geprüft | 96 |
| Widerschein | 96 |
| Am Wege | 96 |
| Cassenchef | 97 | MeranDie Angabe des Entstehungsortes
Meran wird mit geschweifter
Klammer auch auf die nächsten beiden Zeilen bezogen. |
| Ein Brief | 97 | Meran |
| Der gläserne Käfig | 97 | Meran |
| Meine Freundin Clotilde | 97 |
| Reminiscenz | 97 |
| Warten | 98 |
| Warum | 998 |
| Der neue Lehrer | (Juli 998) |
| (Die Ehrlosen | November 98) |
| (Das erste Capitel | October 99) |
und sonst keine Zeile.