Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren 1894-11-27 Theodor Herzl an Arthur Schnitzler, 27. 11. 1894 Herzl, Theodor Jahnke, Selma Müller, Martin Anton Österreichischer Wissenschaftsfonds FWF
Georg-Coch-Platz 2 1010 Wien A Wien
schnitzler-briefe Transkription und Kommentierung Jahnke, Selma Müller, Martin Anton Austrian Centre for Digital Humanities Vienna 2025

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Machine-Readable Transcriptions of the Correspondences of Arthur Schnitzler

GB Cambridge University Library Schnitzler, B 39

Nummerierung des zweiten Bogens: »2 Bl.«

von unbekannter Hand nummeriert: »16« und »B39«mutmaßlich von Leon Kellner Markierung interessanter Stelleneine Anstreichung
Herzl, Theodor Briefe und autobiographische Notizen 1866–1895 Bearbeitet von Wachten, Johannes in Zusammenarbeit mit Harel, Chaya Tycho, Daisy Winkler, Manfred Berlin Frankfurt am Main Wien Propyläen 1983 557–559 Briefe und Tagebücher 1 Bein, Alex Greive, Hermann Schaerf, Moshe Schoeps, Julius H. Wachten, Johannes Berlin Frankfurt am Main Wien Propyläen 1983–1996
German Herzl, Theodor 27. 11. 1894 Paris Schnitzler, Arthur [28. 11. 1894 – 2. 12. 1894?] Wien Herzl, Theodor Fels an Schnitzler, [26. 11. 1894] Schnitzler an Beer-Hofmann, 28. 11. 1894 Schnitzler an Herzl, 17. 11. 1894 Schnitzler an Herzl, 30. 11. 1894 Export aus Transkribus Durchsicht
Palais Bourbon27. XI. 94Mein lieber Schnitzler!

Diese Zeilen schreibe ich Ihnen auf der Galerie des Hauses in Augenblicken die ich meiner StrafknechtschaftHerzl arbeitete als Korrespondent für die Neue Freie Presse in Paris. abzwacke. Sie dürfen daher keinen Brief erwarten, der so schön wäre wie Ihre Novelle.

Ich beginne mit den Einwendungen. Ich hatte – obwol ich das Buch mit den Augen einer besonderen Neigung und in einem Athem bis zu Ende las – einigemal das Gefühl der Länge. Ziffermässig ausgedrückt sind vielleicht 25 Seiten zuviel, wovon sich 10 über das ganze Buch vertheilen und 15 auf die Einleitung. Diese halte ich für verfehlt. Man muss Vertrauen zum Verfasser haben, um darüber hinauszukommen. Dieses Vertrauen habe ich, haben die, die Sie kennen schon heute. Die Vielen werden es erst haben, wenn sich Ihre glänzende Laufbahn in der Literatur erfüllt haben wird.

Nicht als ob ich gegen die grisailleMalerei in Grautönen dieses Anfangs empfindungslos wäre. Das ist fein wie das Ganze, aber es gibt Grenzen in der Feinheit. Darüber werden wir später noch reden.

Ihre ganze Novelle ist eine feine Arbeit in Grau. Aber eben desshalb hätte ich für den Anfang lebhaftere Farben gewünscht. Bedenken Sie, was in Ihre Arbeit hineingekommen wäre, wenn wir diesen Felix in der Gestalt kennen gelernt hätten, in der er Marie verführte. So ist es nur der letzte Akt einer Tragodie. Ich kann mir wohl denken, dass der Arzt in Ihnen gegen den ein brüskeres Auftreten der Krankheit protestirt, der Arzt der sich im Uebrigen – was ich zuerst mit Erstaunen dann verstehend bemerkte – so discret zuruckhält.

Also das Liebesbacchanal war zuvörderst zu zeigen – so kurz Sie wollen, da es sich nicht darum handelt – denn Menschen kann man nur aus ihrer Geschichte verstehen, bedauern und bewundern.

Die übers übrige Buch vertheilten überflüssigen Seiten sind leere Stellen, Wiederholungen die nicht als solche beabsichtigt sind und eine ganz kleine Manier in der Naturschilderung, die mir später darum unangehehm auffiel, weil sie mich anfangs entzückt hatte.

Jetzt bin ich mit dem Tadel fertig. Im Uebrigen ist es ein kleines Meisterwerk mit vielen Farben in Grau und der erreichten Vollendung im Verschweigen.

Loben muss ich die Sicherheit der Psychologie. Es ist eine MarivaudageTändelei in galantem Stil, am französischen Rokokoschriftsteller Pierre Carlet de Marivaux orientierter Begriff der Literaturkritik, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine positive Neubewertung erfuhr im Traurigen. Viele kleine Züge von grosser Wahrheit und die Absicht die immer gegenwärtig, ist nirgends verletzend.

Die Sprache ist ausgezeichnet. Sie haben ganz Recht, den »Wiener Stil«, der jetzt gemacht wird, nicht mitzumachen. Ich muss nach ersten Mustern greifen, um für Ihren Vortrag Vergleiche zu finden. Die Salzburger Stellen erinnern mich an Gottfried Keller. Allerdings sind sie schwächer, zarter.

Ich kann Ihnen sagen, dass ich mancke Stellen zweimal las wegen des Gesanges und Duftes der darin ist.

Sie sind also von den Anatol Sachen weiter gekommen u. zw. in der Tiefe.

Nachdem ich Ihre Novelle gelesen habe ich mich noch einmal über Ihren Brief über mein Stück gefreut.

Es ist natürlich, dass ich alle Ihre Einwendungen beim Umarbeiten beherzigen werde. Es wäre mir noch lieber gewesen, wenn Sie jede einzelne Stelle, die Ihnen Bedenken erregte, angemerkt hätten. Doch werde ich mich wol auch so zurechtfinden. Insbesondere den Fehler der Selbsterläuterung werde ich zu vermeiden trachten. Vergessen Sie aber nicht, dass man – banausischer Gedanke – auf der Bühne gröber sein muss, weil man keine oder wenig feine Hörer hat. Und es muss auf die Bühne, es muss, es muss. Darum hab’ ichs geschrieben. Es muss ins Volk!

Darum begnügt es sich auch kühn zu sein u. will nicht trotzig sein. Sonst hört man mich nicht bis zu Ende an. Ich rede zu einem Volk von Antisemiten!

Darin werde ich also nichts ändern. Der von Ihnen bemängelte Charakter der Frau ist eine Schwierigkeit. Ich kann das Schlechte nur auf eine Art »liebenswürdig« machen: indem ich einen Schleier von Dummheit darüber breite. Dann wird’s aber lustspielmässig. Nun ist aber diese Frau als ein Factor der ihn ins Ghetto zurückdrängt nöthig.

Was meinen Sie mit demr schlechten Auft Einführung Bichlers? Es wäre mir angenehm, darauf sofort Ihre Antwort zu erhalten, weil ich in den nächsten Tagen wieder hoffen kann für mich zu arbeiten. Dann soll die Abschrift rasch gemacht werden u. an Sie gehen, wie wir übereinkamen. Sie sagten mir noch nicht ob Ihnen mein Begleitbriefplan zusagt. Auch muss ich Namen u. Adresse des Notars oder Advocaten Schick wissen um ihn im Begleitbrief anzugeben. Sie müssen auch Schick fragen, ob er geneigt ist.

Ihre Antwort bitte ich als einfachen Brief rue de Monceau zu adressiren.

Zur Vorsicht sprechen Sie von Ihrem dem Stück, als wärs von Ihnen. Ich gebe Ihnen übrigens keine Detailcautelen für unsere Correspondenz an. Ich verlasse mich ganz auf Sie

und bin mit herzlichen Grüssen Ihr FreundHerzl
Theodor Herzl 1860-05-02 Budapest 47,49835 19,04045 1904-07-03 Edlach 47,69255 15,80915 Leon Kellner 1859-04-17 Tarnów 50,01381 20,98698 1928-12-05 Wien 48,208333 16,373056 Schnitzler Arthur 15. 5. 1862 Wien 48,208333 16,373056 21. 10. 1931 Wien 48,208333 16,373056 Schriftsteller/Schriftstellerin Mediziner/Medizinerin https://d-nb.info/gnd/118609807/ Friedrich Schik 1857-09-06 Wien 48,208333 16,373056 Gottfried Keller 1819-07-19 Zürich 47,37174 8,54226 1890-07-16 Zürich 47,37174 8,54226 Pierre Carlet de Marivaux 1688-02-04 Paris 48,85341 2,3488 1763-02-12 Paris 48,85341 2,3488 Anatol Arthur Schnitzler: Anatol. Berlin: Bibliographisches Bureau 1892, vordatiert auf 1893 Anatol Schnitzler, Arthur Hofmannsthal, Hugo von Sterben. Novelle Neue Deutsche Rundschau, Jg. 5, H. 10–12, Oktober–Dezember 1894 Sterben https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=coo.31924069263006&seq=325 Schnitzler, Arthur Das neue Ghetto. Schauspiel in vier Acten Das neue Ghetto. Schauspiel in 4 Acten, Wien: Buchdruckerei »Industrie« – Selbstverlag 1903. Ghetto Herzl, Theodor Palais Bourbon 48,861903 2,318648 7. arrondissement [Paris] 48,8565 2,321 Paris 48,85341 2,3488 Paris P'ariz Paris Pariž Parisius Île-de-France 48,85341 2,3488 Frankreich 46,0 2,0 8, rue de Monceau 48,875505 2,306854 Paris 48,85341 2,3488 rue Monceau 48,87552 2,30671 Salzburg Iuvavum Salzburg Salzburg Salzburg Stadt Salzburg Salzburg? 47,80067 13,04532 Salzburg [Land] 47,41667 13,25 Wien K.K. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien Wien Bécs Land Wien Vídeň Wenia Beč Vindobona Vindobona Vienna Vienna Vienna 48,208333 16,373056 Österreich 47,33333 13,33333 Neue Freie Presse http://anno.onb.ac.at/info/nfp_info.htm 8, rue de Monceau 48,875505 2,306854 https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/296731/ https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/pmb296731.html Wien 48,208333 16,373056 https://sws.geonames.org/2761369/ https://d-nb.info/gnd/4066009-6 https://schnitzler-bahr.acdh.oeaw.ac.at/pmb50.html https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/50/ https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/2316/ https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/20954/ https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/65221/ https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/65223/ https://www.kraus.wienbibliothek.at/legalkraus/pmb50.html http://www.wikidata.org/entity/Q1741 https://de.wikipedia.org/wiki/Wien https://schnitzler-interviews.acdh.oeaw.ac.at/pmb50.html https://sws.geonames.org/2761333/ https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/33999/ https://schnitzler-tagebuch.acdh.oeaw.ac.at/pmb50.html https://wienerschnitzler.org/pmb50.html https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/pmb50.html https://schnitzler-kultur.acdh.oeaw.ac.at/pmb50.html https://sk.acdh.oeaw.ac.at/DWplace00347 https://sk.acdh.oeaw.ac.at/DWplace00066 https://sk.acdh.oeaw.ac.at/DWplace00085 https://biblio.ub.uni-freiburg.de/sf/#pmb50 https://www.schoenberg-ue.at/ue/places/place.9.11 Schubertring 48,20281 16,37602 https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/63189/ https://schnitzler-interviews.acdh.oeaw.ac.at/pmb63189.html http://www.wikidata.org/entity/Q115773863 https://de.wikipedia.org/wiki/Schubertring Fichtegasse 11 48,202628 16,37689 https://pmb.acdh.oeaw.ac.at/entity/237534/ https://wienerschnitzler.org/pmb237534.html https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/pmb237534.html