2. 4. 1925.Liebe und verehrte Frau Hofrätin.Meine Kartenicht überliefert haben Sie wohl erhalten und sind
wohl mit mir einverstanden, dass wir vorläufig einmal die Abschrift von ein oder zwei
Akten der Bianquis’schenUebersetzung abschreiben
lassen. Sollten sie es aber für richtig oder auch nur im geringsten aussichtsvoll
halten gleich die Abschrift des Ganzen anfertigen zu lassen, so gebe ich Ihnen Vollmacht in
jeder Ihnen geeignet erscheinenden Weise zu verfügen und komme für die Kosten auf.
»Das weite Land« dürfte ja an sich mehr Chancen
haben, wenigstens auf der französischen Bühne und
es ist geradezu rührend, dass Lenormand sich
die Mühe nimmt die Uebersetzung in Stand zu bringen. Bitte danken Sie ihm vielmals in
meinem Namen; eben lese ich sein schönes NovellenbuchEs dürfte sich um Le Penseur et la Crétine handeln, denn L'Armée secrète, die neueste Novellensammlung Lenormands, erschien erst am Ende des Jahres
1925 gedruckt., das er so freundlich war mir zu schicken.
Was »Liebelei« anbelangt, so hat die
wahrscheinlich einzige AufführungZur Aufführung der Liebelei im Kurhaus von Dunkirk am
29. 8. 1902 vgl. Karl Zieger: Arthur Schnitzler et la
France 1894–1938. Enquête sur une réception,
Villeneuve d’Ascq: Presses Universitaires du
Septentrion 2012, S. 38. in der
schlechten Uebersetzung von
Jean Thorel im Jahre 1902 in
Dunkerke stattgefunden und ich glaube mich
auch zu erinnern (sonst hätte ich ja auch von der Aufführung nie etwas erfahren) die Summe von zehn Francs
erhalten zu haben Man wird ja jedesfalls eine neue
Uebersetzung anfertigen müssen; dass das Verfügungsrecht für Frankreich längst wieder mir allein gehört, haben wir ja schon
festgestellt. Ich bin ja auch der Ansicht, dass eine Aufführung der »Liebelei« an einem guten Pariser Theater das Wünschenswerteste wäre. Dazu müsste man die »Literatur« geben.
(Wie es übrigens vor dem KriegLugné Poes Absicht war).
Zur Einakterfrage kann ich begreiflicherweise nichts Neues bemerken. Nach wie vor
halte ich trotz GéraldyPaul Géraldy hatte Berta Zuckerkandl gegenüber Die große Szene als nicht repräsentativ genug bezeichnet, das geht hervor
aus dem Brief: Arthur Schnitzler an Paul Géraldy, 31. 7. 1924, Deutsches Literaturarchiv Marbach,
HS.1985.1.811,8. »Die grosse
Szene« für den wirkamsten, vorausgesetzt, dass sich der grosse
Schauspieler für die Hauptrolle findet. Der »Kakadu« kommt gleichfalls in Betracht, obwohl er
schon bei Antoinegespielt wurdeDer grüne Kakadu wurde in Übersetzung von Stephan Epstein und Lutz
Émile ab dem 7. 11. 1903 zwölf Mal am Théâtre Antoine
gegeben.. Immerhin könnte man auch an die »Frau mit dem Dolche« denken; – die Schwierigkeit wird eben immer bleiben den
guten Uebersetzer zu entdecken. Wie schade, dass die meisten französischen Poeten nicht deutsch können. Ich erinnere
übrigens daran, dass auch »Die Stunde der
Erkenntnis« von Mad. Bianquisübersetzt (?)Diese Übersetzung taucht ansonsten in der Korrespondenz nicht
auf (im Gegensatz zu einer Übersetzung, die Maurice Rémon
anfertigt, ).
ist und dass Lugné Poé eine Aufführung in BetrachtVgl. dazu Arthur Schnitzler an Maurice
Rémon, 24. 11. 1924, Deutsches Literaturarchiv Marbach,
HS.1985.1.1686. zog.
Im Ganzen halte ich die Aufführung eines abendfüllenden Stückes oder eines
Einakterzyklus an irgend einem andern guten Theater für erstrebenswerter als die
Aufführung eines Einakter an der Comédie
française. Von Balzagette habe ich
einen BriefDer entsprechende Brief von Léon Bazalgette, der für den Verlag Rieder e Cie die Publikation der Übersetzung von Sterben betreute,
ist nicht überliefert, aber die Antwort darauf: Arthur Schnitzler an Léon
Bazalgette, 2. 4. 1925, Deutsches Literaturarchiv Marbach,
HS.1985.1.303,4.: Er liest eben die Korrekturbogen von »Sterben«. Von Grasset keinerlei Nachricht; auch
von Nathan habe ich nichts weiter gehört. seit »Casanovas
Heimfahrt«.
Wann kommen Sie zurückDas erste richtige Treffen nach Zuckerkandls Heimkehr fand am
statt, man sah sich aber bereits bei der Generalprobe von Der Schleier der Beatrice am 22. 5. 1925, ., verehrte Freundin? Seien Sie sehr herzlich gegrüsst
und
immer wieder vielmals für Ihre Bemühungen bedankt.
Wie immer
der
IhrigeEben kommt der beigeschlossene Briefnicht überliefert aus Paris. Ich muss bemerken, dass ich Mme Maury keinerlei keine bestimmte Autorisation erteilt
hatte, ich erwähnte nurArthur Schnitzler an Geneviève Maury, 26. 3. 1925, Deutsches Literaturarchiv Marbach,
HS.1985.1.1390. , dass ich prinzipiell gegen eine Uebersetzung
einzelner Novellen nichts einzuwenden hätte, aber vor allem um einen
Honorarvorschlag ersuchte. Wenn Sie es für richtig halten, verehrte Freundin, so
setzen sie sich vielleicht mit Mme Maury
schon in Rücksicht auf die in ihrem Brief erwähnte
Mademoiselle Bianquis in Verbindung.
Andernfalls senden sie mir gütigst den Brief zurück und ich antworte ihr
persönlich, glaube aber den Honorarvorschlag nicht annehmen zu sollen.
Ihr
1 BeilageBrief von Geneviève
Maury, nicht überliefert..