25. 1. 1926.Liebe und verehrte Frau Hofrätin.Vielen Dank für Ihre freundliche Nachrichtnicht überliefert.
Bei meinen Gesprächen mit Gemier und . hatte ich gleich den Eindruck, dass er das »Weite Land« eigentlich noch nicht kennt. Schade,
dass er es nun doch vor der Aufführung
Zu einer
Aufführung von Das weite Land in Paris durch Gémier kam es nicht. an seinem Theater gelesen hat. Es ist ja erfreulich, dass ihm das Stück so gut gefällt – ob er
der richtige Darsteller für den Hofreiter ist kann ich nicht beurteilen. Sein Aeusseres spricht ja nicht
dafür. Wir werden ja sehen wie sich die Sache weiter entwickelt, eventuell kann ja
auch Lenormand einen Einfluss auf die Besetzung
nehmen – glauben Sie nicht? Und ich nehme an, dass sich die Sache noch einige Zeit
hinausschieben wird.
Ueber die Aufführung des »TapferenIn der Vorlage steht:
»Taüferen
«. Cassian«Es fand keine Aufführung des des »Tapferen Cassian« in Paris im Jahr 1926 statt. werden Sie mir vielleicht
doch noch persönlich berichten können, da ja Ihr letzter Brief noch nichts über den
Termin Ihrer Rückreise aussagt.
Was den »Reigen« anbelangt, so habe ich schon
im vorigen Jahre (anlässlich der einmaligen unberechtigten Aufführung) ganz ausdrücklich
meinen Wunsch kundgegebenArthur
Schnitzler an Robert de Flers,
3. 2. 1922, Deutsches Literaturarchiv
Marbach, HS.1985.1.734,1., dass das Stück vorläufig nicht auf der
französischen Bühne erscheine. Erinnere ich
mich recht, so habe ich das damals an
Robert des FlersDer Schriftsteller Robert
des Flers war von 1920 bis 1923 Präsident der
Société des auteurs et compositeurs
dramatiques. sozusagen offiziös geschrieben. Den »Reigen« darf man in Paris
erst öffentlich aufführen, wenn ich mit einem oder ein paar anderen Stücken Erfolg gehabt habe. Bisher hat sich niemand vom
Theater Albert Ier bei mir gemeldet und ich
protestiere schon heute gegen die Absicht der Direktion den »Reigen« auf die Bühne zu bringen. (»Reigen« ist übrigens bei StockArthur Schnitzler: La ronde. dix
scènes dialoguées, traduction de Maurice Rémon et Wilhelm Bauer,
Paris: Stock1912. erschienen in
einer recht schlechten Uebersetzung).
Nun zu »Fräulein
Else«. Vor allem bin ich absolut dagegen, dass die Novelle in einem
Band zusammen mit anderen Novellen von mir erscheint. Es existieren bereits
Uebersetzungen in England und Amerika, auch in Ungarn; in Holland, in der Czechoslowakei etc. werden welche vorbereitet.
Ueberall erscheint die Novelle als Buch für
sich. Und es gibt manche französische Bücher,
sogar Romane, die keinen dickeren Band ausmachen, als die »Else« ausmachen würde. Uebrigens wird ja Herr Delamain sich erst ein Urteil bilden können,
wenn er die Novelle
gelesen hat. Ich sende ihm heute das Buch zu. Die Uebersetzung der Frau Clara Pollaczek sende ich aber erst an Sie, verehrte Freundin. Ich glaube,
sie ist vorzüglich und viel höher zu werten als eine sogenannte Rohübersetzung. Ich
halte es sogar für möglich, dass die Uebersetzung so wie sie ist, wenn auch vielleicht mit
einigen Retouchen, ohneweiters veröffentlicht werden könnte. Nun aber wird
selbstverständlich bei jedem Menschen, der erfährt, dass die Uebersetzung von jemandem stammt, dessen
Muttersprache nicht das Französische ist, ein
Vorurteil zu überwinden sein und ich frage daher an, ob es nicht möglich wäre Herrn
Delamain die Uebersetzung der Frau P. vorläufig ohne Namensnennung, als eine ganz ernst und
definitiv gemeinte zu übergeben. Wie wäre es, wenn Sie die Uebersetzung zuerst einmal einem
vollkommen objektiven Beurteiler, z. E. Geraldy
oder Lenormand lesen liessen, ohne ihnen zu sagen
dass eine Oesterreicherin und keine gebürtige
Französin diese Uebersetzung verfasst hat.
Natürlich dürfte man ihnen auch nicht unter dem Siegel der Verschwiegenheit verraten,
wie sich die Sache wirklich verhält. Bitte sagen sie mir, wie sie darüber denken. In
jedem Falle ist uns, da nun einmal diese »Rohübersetzung« vorliegt, jede Art von Verhandlung sehr
erleichtert und wir können ausser Delamain
immerhin auch Grasset und andere Verleger in
Betracht ziehen. Glauben sie nicht? Keineswegs wollen wir aber
das Verlagsrecht ohne ein anständiges aàvaloirfranzösisch:
Vorschuss aus der Hand geben.
Wollen Sie nicht auch gelegentlich Delamain
fragen, ob noch Exemplare von »Anatol« und von
»La Ronde« vorhanden sind? Es müsste nun
wohl auch offiziell zu konstatieren sein, dass für neue Auflagen urheberrechtlich
auch das Recht für Frankreichheute wieder in meiner Hand ist und dass unbedingt diese alten Uebersetzungen nicht mehr neu
aufgelegt werden dürfen. Von Stock hatte ich für
jedes der beiden Bücher – 200 Francs erhalten. Es ist kaum denkbar, dass ein Verlag
sich einbilden könnte dadurch auf ewige Zeiten ein Recht erworben zu haben. Natürlich
würde nichts dagegen sprechen mit Delamain
auch über »Reigen« und »Anatole« von
neuem abzuschliessen.
Ich schreibe an Delamainheute nur ganz kurz, dass ich prinzipiell gegen die Vereinigung von »Fräulein Else« mit anderen Novellen in einem Band
bin und dass Sie, verehrte Frau Hofrätin, binnen kurzem die französischeUebersetzung ihm übermitteln werden. Ich bin noch bis ca. 4. Februar in
Wien und hoffe am 15. wieder von
BerlinSchnitzler hielt sich vom bis zum in Berlin auf. aus zurück zu sein.
Mit den herzlichsten Grüssen, Ihre lieben Nachrichten mit Spannung
erwartend,
Ihr freundschaftlich ergebenerFrau Hofrätin Bertha Zuckerkandl,
Paris.