dzt. Kremsmünster, 22./6. 900.Sehr geehrter Herr Doktor!Soeben hab' ich Ihre liebenswürdige
SendungEs handelte sich um ein
Exemplar des Reigen, der im April
1900 in limitierter Charge als Privatdruck für ausgewählte Bekannte
publiziert worden war. Sosnosky berichtete
nach Schnitzlers Tod über die Begebenheit:
»Ich bekam das Buch von einem persönlichen FreundeSchnitzlers, der auch mir befreundet war
und eines der zweihundert Exemplare erhalten hatte, zur Lektüre und unterhielt mich köstlich.
Als Schnitzler dies erfuhr, erfreute er
mich durch die Zusendung eines Widmungsexemplars des Buches.
« (Theodor von Sosnosky: Artur Schnitzler als Lyriker. Ein Gedenkblatt zu seinem 70.
Geburtstag. In: Neues Wiener
Journal, Nr. 13.825, 18. 5. 1932, S. 6–7). Der
vermittelnde Freund war Gustav
Schwarzkopf. erhalten; ich beeile mich, Ihnen dafür meinen
verbindlichsten Dank zusagen und Ihnen die aufrichtige Versicherung zu geben, daß es
eine Überraschung war, die mich im Gegensatze zu den meisten Überraschungen – wirklich erfreut hat.
Wenn ich Ihnen hier sage, daß mir das Buchsehr gefallen hat, so könnte das ja eine höfliche Erwiderung Ihrer Liebenswürdigkeit sein; daß es
aber die reine Wahrheit ist, kann Ihnen Herr Schwarzkopf bestätigen; er hat es wohl schon gethan, und ich nehme an, daß mein ihm vis à visfranzösisch: von Angesicht zu
Angesicht geäußertes unverhohlenes Entzücken über diese Skizzen der Anlaß Ihrer so freundlichen
Sendung war. Ich hatte Herrn Schwarzkopf ja ersucht, Sie von dem großen Erfolg zu verständigen, den das
Buch bei mir gehabt hat,
denn ich hatte das Bedürfnis, Sie das wißen zu laßen, obschon ich keineswegs so
naiv-eitel war, zu glauben, daß mein Urteil für Sie von irgend einem Belang sein
könne. Wie mir eben einfällt, könnte dieser Herrn Schwrzkpf gegebene Auftrag leicht als eine cachirter
Wink, mir das Buch zu senden,
aufgefaßt werden; ich kann Ihnen aber mein Wort
geben, daß ich, als ich Herrn Schw. bat, Ihnen meine Ansicht mitzuteilen, auch
nicht den leisesten derartigen Hintergedanken hatte. Dies geht auch daraus hervor,
daß ich, als Herr Schwkpf mir, (bevor er mir sein Exemplar lieh) angetragen, mir Ihr Buch durch Sie selber zu verschaffen, dies kurz ablehnte, da ich als ein für Sie Stockfremder keinen Anspruch darauf
hätte.
So viel zur Rechtfertigung!
Über das Buch bin ich der
Ansicht, daß es Ihr bestes Werk ist – (ich kenne alle
Ihre gedruckten Sachen); ich bin nämlich nicht
der Ansicht, das seien graziöse pornographische Spielereien für
Herren-Abende, sondern ichsehe darin brillante Kabinetstücke erotischer Poesie, die
bleibenden großen Wert haben und es mehr verdienten, der Nachwelt erhalten zu bleiben
als Boccaccios »Decamerone« oder das »Heptameron« der Margarethe von Narvarra. Wie aus dem
Fortleben dieser 2 Werke hervorgeht, haben gerade erotische Bücher die Anwartschaft auf
litterarische Langlebigkeit, das liegt in der erotischen Natur der Menschheit.
Wenn nun die Erotik in so überaus sinnreicher und graziöser Weise gehandhabt wird,
wenn die Frivolität bei allem Übermut auf so tiefgründiger Seelenkenntnis beruht, dann hört jede Berechtigung für die
freundliche Geringschätzung auf, die man sonst erotischen Novelletten
entgegenzubringen pflegt.
Ich habe Ihr Buch das erste
Mal unter den günstigsten Umständen gelesen: an demselben
Abend, an dem ich es erhalten, saß ich allein beim Conzert im Volksgarten-GebäudeDas Café-Restaurant im Volksgarten, das
seit 1899 von Johann Seidl
betrieben wurde, verfügte über einen Konzertsaal, in dem nahezu abendlich Programm
geboten wurde.. Um mir die Zeit zu vertreiben, nahm ich das Buch vor und begann zu lesen, umklungen von
hübschen Melodien, umgeben von fröhlichen angeregten Menschen, unter denen sicher
manches »süße Mädl« mit ihrem
»Freunde« und vielleicht auch manche Frau mit Gatten
Hausfreundsaß. Es war das richtige Milieu, und ich konnte die Lektüre nicht laßen,
eh’ ich das Buch beendet
hatte.
Es hielt aber auch die Probe aus, wo dieses Milieu und die entsprechende Stimmung
fehlte: ich las es nämlich 2 Tage später in Alland meinem Freunde Director von Weismeyr vor und fand denn ersten Eindruck vollauf bestätigt
und erzielte damit den vollsten Erfolg. Welches Paar aus dem Reigen mir am besten gefällt, weiß ich eigentlich nicht, vielleicht »der Gatte und das süße Mädl«.
Daß Sie das Buch – ich will
hoffen, nur vorläufig – mit Ausschluß der
Öffentlichkeit erscheinen ließen, thut mir sehr leid, in Anbetracht dessen, daß der
Verlag von Langen die stärksten franz. Sachen bringt, glaube
ich gewiß, daß er Ihren renommirten Namen mit Vergnügen
seinem Verlage einverleibt
hätte. Ein Bombenerfolg im Genre der »Lettres des femmesDie deutsche Übersetzung von Marcel Prévosts Titel Lettres de Femmes, einer Sammlung fiktiver Briefe von
Frauen mit zum Teil libertinem und erotischen Inhalt, war 1895 als
eines der ersten Bücher im Verlagsprogramm von Albert Langen erschienen (Marcel Prévost: Pariserinnen. Autorisierte Übersetzung aus dem Französischen von
A. L., Paris und Leipzig: Albert Langen1895).« scheint mir im Falle der Veröffentlichung sicher gewesen zusein.
Ich weiß daher auch nicht, ob ich des Werkes Erwähnung thun darf; ich habe nämlich eben einen
Aufsatz »Das litterarische Wien»Jung-Wien«. Studienblätter von Theodor v. Sosnosky. In:
Beilage zur Norddeutschen Allgemeinen
Zeitung, Jg. 40, Nr. 17a, 20. 1. 1901,
S. 1–2.« für die »Norddeutsche allgemeine Ztg« unter der Feder, worin Sie, Herr Doktor,
natürlich eine Rolle spielen; es wäre mir natürlich sehr lieb, wenn ich dieses Ihr Meisterwerk wenigstens flüchtig streifen dürfte; ohne Ihre
ausdrückliche Einwilligung möchte ich’s aber nicht thun.
Schlusse will ich nur noch bemerken, daß ich bezüglich derAnthologie, zu der Sie mir freundlicher
Weise einige Gedichte zur Verfügung gestellt, noch nichts Definitives weiß; am 1. Mai gieng sie an Cotta ab, der sich für
dieselbe intereßirte; seither sind erst 1 ½ Monat
vergangen; Verleger aber haben es in der Regel nicht eilig.
Nochmals, geehrter Herr Doktor, meinen aufrichtigen Dank für die wirkliche
Freude, die Sie mir durch das Buch und die liebenswürdige Widmungnicht überliefert bereitet haben
Ihrem Sie hochschätzenden
Theodor vSosnosky