dzt Kremsmünster Ob-Oesterr.26./5Sehr geehrte Herr Doktor!Ihr eben eingetroffener frdl. Brief veranlaßt mich, ihn gleich zu beantworten, weil
ich ihm zu entnehmen glaube, daß meine Äußerung im Dankschreiben nicht ganz richtig
verstanden worden ist. Ich beeile mich daher, Ihnen hier über das, was ich dort nur
flüchtig angedeutet, ausführlichere Aufklärung zu geben:
Selbstverständlich fällt es mir gar nicht ein, einem Autor des Recht, sein Themen zu
wählen, streitig machen zu wollen; um so weniger, als ich der Ansicht bin, in der
Kunst müße Alles w erlaubt sein,
wenn es nur künstlerisch dargestellt sei; (eine Ausnahme mache ich blos für die
Bühne, auf der ich sozial aufreizende Stücke zu geben für
äußerst thöricht halte, Stücke wie die Weber
z.B. werden nur als Aufreizung vom zum Klaßenhaß
empfunden und ausgeschrotet).
Die künstlerischen Qualitäten Ihrer Novelle will und wollte ich also gar nicht
antasten, im Gegenteil: ich kann nur aus vollster Überzeugung wiederholen, ich finde
die Darstellung technisch und psychologisch brillantstelle das Werk künstlerisch höher als
»Garlan«, ja als Alles, was Sie ich bisher von Ihnen kenne, den köstlichen »Reigen« – Ihr Meisterstück – ausgenommen.
Anderseits hielt ich es aber für geboten, in meinem Briefe anzudeuten, daß ich
persönlich dieser Arbeitvis à visfranzösisch: von Angesicht zu
Angesicht sozusagen oppositionell empfinde, weil ich darin eine – Ihnen
vielleicht unbewußte von Ihnen ungewollte Gehäßigkeit
gegen die Offiziere erblicke und dieser meiner persönlichen Empfindung in einer
eventuellen Besprechung des Buches auch Ausdruck geben würde. Diese Bedenken scheinen mir die
künstlerischen Vorzüge des Buches doch nicht zu tangiren?!
Aus zwei Bemerkungen glaube ich die Gehäßigkeit – wie gesagt: die unbewußte –
deutlich herauszulesen; ich werde diese gegebenen Falles in der Besprechung erwähnen.
Bevor ich diese schreibe, will ich das Buch noch Andern zu lesen geben, deren Urteil mir wert ist.
Ein solches – vor meinem gefälltes – stimmt mit meinem
ganz überein. Meine Empfindung scheint demnach keineswegs vereinzelt zu stehen. Die
dem »Echo« entnommene Nachricht»Gegen Arthur
Schnitzler, der Oberarzt im nichtaktiven Stande der österreichischen Landwehr ist, wurde wegen
Veröffentlichung seiner Offiziersnovelle ›Leutnant Gustl‹ vom Landwehroberkommando Untersuchung
eingeleitet.
«, Nachrichten. Allerlei. In: Das litterarische Echo, Jg. 3, Nr. 9, Februar
1901, Sp. 650., daß Ihnen diese Novelle auch Unannehmlichkeiten in Ihrer militärischen Stellung durch als Landwehr-Arzt zugezogen hat,
ist abermals ein Argument, das für mich spricht. Ich will damit aber nicht etwa
behaupten, daß ich das Vorgehen der milit. Behörden gutheiße; aber begreifen kann ich’s. Gewiß
liegen in Ihrer Arbeit keine
thatsächlichen gravaminalateinisch: Beschwerden, aber –
»c’est le ton qui fait la musiquefranzösisch: der Ton macht die
Musik« und daß dieser Ton gegenüber dem Militär kein freundlicher ist,
haben eben auch die Behörden empfunden daraus ihre
Konsequenzen gezogen, die wieder einmal eklatant beweisen, daß die Institution der
Reserveoffiziere, wie sie bei uns besteht, unzulänglich ist zu den schwersten Kollisionen führen kann, weil
die sozialen Anschauungen des Privatmannes denen des
Offiziers oft stracks zuwiderlaufen; ein Fall, der in Deutschland unmöglich ist, weil dort nur der
Reserve-Offizier wird, von dem man positiv weiß, daß er keinerlei Gesinnung hegt, die mit der eines Offiziers kollidirt. –
Verzeihen Sie gütigst, daß ich diese Dinge erwähne, aber da Ihrer
Novelle nun einmal auch außer der
litterarisch-künstlerischen eine andere Bedeuttung zugemeßen worden ist und dies in die Öffentlichkeit gedrungen ist, so konnte ich nicht umhin, bei der durch Ihren Brief veranlaßten
Erörterung die auch diese Sache zu beleuchten.
Was speziell Ihren Einwand betrifft, fallswenn in diesem Falle Gehässigkeit gegen die Offiziere vorläge,so seiwäre dann auch solche gegen Liberale, Ärzte,
Weinhändler, Theater-Direktoren im »Vermächtnis«, »Freiwild« »Garlan«
zu finden, so erlaube ich mir darauf zu erwidern, daß mir dieser Einwand nicht
ganz stichhaltig erscheint, weil diese Leute von untergeordneter Bedeutung sind und
ihr Beruf als solcher Nebensache ist; hier aber steht
gerade dieser im Vordergrunde; überdies läßt gerade »Freiwild« wohl keinen Zweifel an Ihrer Gesinnung zu, trotzdem, wie Herr Schwarzkopf gelegentlich eines Gespräches zu
Ihrer Verteidigung richtig bemerkte, darinnicht der Doktor, sondern der Offizier zum Helden
wird. – Daß es Ihnen ganz ferne gelegen, in »Gustel« den Offiziersstand anzugreifen, will
ich gerne annehmen, ja, ich bin fest überzeugt, daß dies nicht der Fall gewesen ist;
Sie haben eben ohne jede polemische Neben-Absicht
Ihre Gesinnung durchklingen lassen. Voilà toutfranzösisch: das ist alles!
Selbstverständlich hatten Sie das gute Recht dazu; und nicht nur hiezu,sondern auch
zu einer Satire auf das Militär hätten Sie’s gehabt; ich wäre der letzte, dies
bestreiten zu wollen, könnte es nicht einmal, da
ich selber Satiren im entgegengesetzten Sinne geschrieben habe. Anderseits haben aber
alle, die Anders denken, und mit diesen ich, das Recht, Ihrer Opposition Ausdruck zu
geben. Es handelt sich nur darum, ob dis so geschieht, daß I die künstlerische Seite der Sache hievon unberührt bleibe objektiv beurteilt werde. Daß dies bei der Neigung
aller Leute zu subjektiver Beurteilung nur selten geschehen dürfte, daß Sie von
Anhängern meiner Gesinnung ebenso heftig angegriffen als von solchen Ihrer Gesinnung
gepriesen werden dürften, liegt eben in der Natur der Sache. Ich hoffe darin eine Ausnahme zu machen, und da ich in Ermangelung fester Beziehungen zu irgend einem Blatte nicht sicher
wissen kann, ob ich auch Gelegenheit haben werde, dies schwarz auf weiß gedruckt zu
bethätigen, so sag’ ich’s eben hier, auf die Gefahr hin, daß es Ihnen – sehr gegen meinen Wunsch – härterhart klingt, da Sie ja in Ihrer Umgebung, unter Ihren Freundensicherlich nur
Zustimmung finden werden, also nicht
gewohnt sind, sozusagen direkt Ge (dh. nicht durch
Zeitungen etc) Gegenteiliges zu hören.
Daß mein Urteil viell beßer: meine Empfindung vielleicht anders wäre, wenn ich mein Vater, meine beiden Großväter und
mein Urgroßvaternicht Offiziere gewesen wären, das will ich nicht
läugnen: es kann aber kein Mensch aus seiner Haut
heraus.
Ihre Vermutung, es sei das N. W. Tagbl. gewesen,
das meine Besprechung »zu
freundlich« gefunden hat, trifft nicht zu; ich hatte
essie diesem überhaupt nicht angeboten, sondern
einerEr schreibt: »einerer
«. sehr bekannten
reichsdeutschenZeitschrift, deren Herausgeber meinem Urteil
über »Jung-Wien« zustimmt, aber wie es scheint,
nicht gleich mir, Ausnahmen gelten laßen will.
Und nun,sehr geehrter Herr Doktor, schließe ich die lange Epistel und bitte Sie um
Entschuldigung, daß ich Sie so lange in Anspruch genommen; aber kürzer gieng’s halt nicht, wenn ich die Sachlage so klar machen sollte,
wie es mir in Ihrem in meinem Interesse wünschenswert
erscheint. Hoffentlich nehmen Sie mir die Erörterung nicht übel und sind nach wie vor
meiner besondren Wertschätzung versichert, mit der ich verbleibe Ihr ergebener
Theodor vSosnosky