Westerwede bei Bremen,am 3. Dezember 1901.Lieber und verehrter Doctor Schnitzler,an diesem Abend, vor einer halben Stunde habe ich meiner Frau das kleine Schauspiel »Lebendige Stunden«, das wir in der Neuen Deutschen RundschauArthur Schnitzler: Lebendige
Stunden. Schauspiel in einem Aufzug. In: Neue Deutschen Rundschau, Jg. 12, H. 12,
Dezember 1901, S. 1297–1306.fanden, vorgelesen – und es hat uns beidesehr unmittelbar ergriffen und
festgehalten und – hält uns noch. Mir ist es ganz besonders lieb um einer gewissen,
man könnte fastsagen: äußerlichen Verwandtschaft mit »Der Gefährtin« willen. Und jetztscheint mirsogar, als ob diese Verwandtschaft nichtso
äußerlich wäre, wie man zunächst meinen könnte. Denn es ist eine ganz bestimmte
Stimmung, gleichsam der Duft vom Wesen
einer toten Frau, in dem diese beiden Dramenspielen wie
andere in einem Abend oder in einer bürgerlichen Wohnstube. Der leise Nachklang einer
Persönlichkeit ist hier dramatisiert und wirkt geradezu wie der Ort, an dem die Szene
vorsich geht. Der leere Lehnstuhl ist der Platz an dem die Lebende oder Sterbende zusuchen war: das Stück aberspielt in jener Stunde (jener
einen geheimnisvollen Stunde), wo die Tote gleichsam in allen Dingen ist, wo alles
erfüllt ist von ihr, wie erschüttert von Ihrem Abschied. Und durch diesen Mitergriffenheit des Raumes haben sie einen Akteur
aus ihm gemacht, dessen Schweigen dies Stimmen der Redenden wundersam im Gleichgewichte hält. Und der Konflikt dieses
Dramas liegt noch tiefer als der der Gefährtin und ist noch dramatischer, weil die letzten heftigen
Bewegungen der Handlung hier nicht die Tote entlarven,sondern vielmehr die beiden Männer erfasst haben, die Lebenden. Durch jene ganz
unerwartete Wendung, mit welcher Heinrich die Last des Briefes gleichsam abwirft, indem er nachweist, dass er nicht für
ihn bestimmt war, wird die Handlung ganz wieder den beiden Männern gegeben und die Tote
hat keinen Theil mehr daran. Sie weiß nicht mehr davon. Sie istschon überlebt,
überwunden von dieser einzigen Reflexbewegung des Lebens, die Heinrich inseiner Bedrängnis macht. Und aus dieser Stimmung heraus begreift man den
Schluss inseiner ganzen Einfachheit und Stärke. Sogar der Schauplatz ändertsich:
der letzte Blick fällt auf den Garten!
Nun, verzeihen Sie, dass ich mich von derstarken Ergriffenheit verleiten ließ,soviel über das kleine Stück zuschreiben; man thut gewöhnlich nicht gut daran,sich in der ersten Freude über die
Ursachen eines Eindrucks klar werden zu wollen – man kann dadurch doch nichts von der
Freude, die man empfunden hat übertragen, auf den, der der mittelbare Schöpfer dieser
Freude war. Nun,so kommt wenigstens das kleine bescheidene graue Buch., das ich Ihnen in diesen Tagenschon immersenden wollte,
zugleich mit einer neuen Dankbarkeit zu Ihnen. Ich möchte, dass es Ihnen etwas Freude
bereitet! Außerdem erscheint beiLangen ein kleines zweiaktiges Drama »Das tägliche Leben«, das Sie auch bekommensollen. Esscheint indessen, dass der Verlag die Buchausgabe erst am Tag der Erstaufführung ausgebenDas Börsenblatt für den deutschen Buchhandel meldet es
am 17. 12. 1901 verfügbar, drei Tage vor der Uraufführung. will:so müssen Sie noch eine Weile warten. Das Stück ist für die litterar.
Abende des Residenztheaters in Berlin und für das Deutsche Schauspielhaus (Baron Berger) in Hamburg angenommen, aber über den Termin der Aufführung
ist mir noch nichts bekannt. Ich grüße Sie, lieber und verehrter Doctor Schnitzler, in viel aufrichtiger Herzlichkeit und Verehrung!
Ihr:
RainerMariaRilke