Westerwede bei Worpswede (über Bremen) am
14. Jan. 1902Mein verehrter Arthur Schnitzler,es muß ein schöner Abend
gewesen sein in Berlin! Soweit man das aus dem
Zeitungsdeutsch erkennen konnte, hab’ ich es erkannt und aus einer geschickteren
Besprechung kann ich sogar die Art der »letzten
Masken« vermuthen!
Indessen: ich habe heute von etwas Anderem zu sprechen, von etwas Schwerem, das mich
betroffen hat, nicht ganz unerwartet, aber immerhin mit jener Gewaltsamkeit, die jede
Wirklichkeit vor dem Gefürchteten voraus hat.
Sie wissen, daß ich mir erst ganz kürzlich ein Heim in dieser Einsamkeit geschaffen habe und daß meine
Hoffnung war, in der Stille dieses Heims, einige Fortschritte zu machen, die ich jetzt kommen
fühlte und die mich in meiner neuen, geründeten und durch ihre Geschlossenheit
wahrhaften Welt bereiter finden sollten und fähiger mit ihnen zu gehen. Nun will es
ein Verhängnis, daß ich gerade jetzt einen Zuschuß verliere, von dem wir fast
ausschließlich gelebt haben, (denn meine Bücher und Arbeiten tragen, trotz
jahrelanger Bemühungen, so gut wie nichts —) — so daß ich, da ein Verdienen von hier
aus, das nur durch die vertrauensvolle Hülfe eines Verlegers möglich gewesen wäre, —
ausgeschlossen ist, alles verlassen und in die Fremde gehen muß, mir und
den meinen Brot zu holen. Denken Sie meine Bestürzung: der
Zusammenhang mit der Zeit fehlt mir ganz, den fast jede Beschäftigung, die Geld
einbringt, verlangt und ich weiß, daß es für meine Kunst keine größere Feindschaft
giebt als die Zeit, das Tägliche das Allzutägliche!
Trotzdem muß etwas gefunden werden, bald, besser heute, als morgen, und ich kann froh
sein, wenn es etwas ist, was mir ermöglicht meinen Weg nicht ganz aufzugeben, ihn
wenigstens mit den Augen festzuhalten, wenn auch die Hände eine Weile von ihm lassen
müssen. Ich habe mich in diesen Tagen der Angst nach mehreren Seiten gewandt, und es
ist nicht unmöglich, daß ich nach Wien komme, um
dort eine Korrespondenz für eine Zeitschrift zu übernehmen. Dieser Posten würde aber
nicht genügen und ich müßte nebenbei noch andere regelmäßige Korrespondenzen und
Mitarbeiterschaften ev. auch an Zeitungen im Ausland oder im übrigen Oesterreich übernehmen dürfen (Gebiet: bildende Künste,
Litteratur, ev. auch Theater) wenn mir damit wirklich
gedient sein soll. Ich schreibe Ihnen jedenfalls wie sich die Sache mit dem
Korrespondentenposten entwickelt und bitte Sie, wenn Sie gelegentlich (was doch
leicht möglich ist) von Vakanzen hören, sich meiner zu erinnern: Sie thun mir einen großen Dienst, verehrter Herr Schnitzler. Ich
stehe mit meinen Lieben an diesem bösen Kreuzweg im argen Winde und warte wohin die
Nothwendigkeit mich drängt, herzlich bereit, aus dem Leben, das sie mir zumuthet,
mein Leben zu machen.
Meine Lieben,
(d. h. meine Frau und
unsere kleine Tochter)
bleiben im Westerweder Hause zurück; trotzdem
fiele die Nothwendigkeit eines getrennten Hausstandes pekuniär nicht arg ins Gewicht,
weil das Leben hier ungewöhnlich billig ist und beide Haushalte lange nicht so viel
kosten würden, wie ein gemeinsames Wohnen in dem theueren Wien. Auch hängt die Kunst meiner Frau zu sehr mit diesem Lande zusammen,
als daß ich ihr jetzt eine Trennung davon zumuthen dürfte. Es bleibt also nur ein
einziger, schmerzhafter Ausweg. Nun hoffe ich, daß ich den Posten in Wien bekomme, denn ich würde gern in Wien sein und glaube wohl, daß ich mir da auch Raum schaffen und
Gutes leisten könnte! Sie hören bald mehr und inzwischen wissen Sie mir vielleicht
auch einen bestimmten Rath zu geben … daran zu denken, daß ich Ihnen nahe wäre, hat
viel Schönes und Liebes für mich!
Ihr:
Rainer Maria Rilke