Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren 1904-06-04 Hermione von Preuschen an Arthur Schnitzler, 4. 6. 1904 Preuschen, Hermione von Jahnke, Selma Müller, Martin Anton Österreichischer Wissenschaftsfonds FWF
Georg-Coch-Platz 2 1010 Wien A Wien
schnitzler-briefe Transkription und Kommentierung Jahnke, Selma Müller, Martin Anton Austrian Centre for Digital Humanities Vienna 2026

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Machine-Readable Transcriptions of the Correspondences of Arthur Schnitzler

D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, XXXX
German Preuschen, Hermione von 4. 6. 1904 Villa Waldfrieden Frankgasse 1 Schnitzler, Arthur [6. 6. 1904 – 10. 6. 1904?] Edmund-Weiß-Gasse 7 Preuschen, Hermione von Salten an Schnitzler, 3. 6. 1904 Schnitzler an Beer-Hofmann, 9. 6. 1904 Preuschen an Schnitzler, 4. 7. 1904 Export aus Transkribus Durchsicht Absenderort überprüft
Samstag 4. Juni 04

Ob Sie diese Zeilen erhalten? Mit der uralten KüsschneradresseSchnitzler hatte 1895 erstmals einen eigenen Eintrag im jählich erscheinenden Nachschlagewerk Kürschners Deutscher Literatur-Kalender. Als Adresse war in allen Jahrgängen bis einschließlich 1903 die Frankgasse 1 angegeben. Im Jahr 1904 führte der Kürschner die aktuelle Adresse Spöttelgasse 7.? Es wäre aberschade, wenn nicht, wie um alles Echte, dassein Ziel verfehlt. – –

Ich habe neulich Ihren »Reigen« gelesen. – Ich bin nicht entzückt, ich bin verblüfft über die abgundtiefe Weisheit, die er enthält.

Sie haben »ars amanti«ars amandi, latein: 1.) Liebeskunst, 2.) Titel des auch als Ars amatoria bekannten Lehrgedichts über die Liebe von Ovid.studirt und erfaßt wie Wenige. – Ich glaube, daß die Meisten gar nicht kapiren, wie es nach dem Leben ist, weil die Meisten das Leben nur von Einer Seite kennen u erfassen –sonst aber mit Scheuklappen an Allem vorbeigehen. – Doch eigentlich wollt’ ich Ihnen nichtsagen, was Sieselber wissen – ich wollte Sie fragen, ob ich Ihnen als einem, als meinem Freundschreiben darf? Eben wegen dieses »Reigen«, deswegen allein. – Zum mindesten überraschend von einer »Dame«. Nehmen Sie’s meinetwegen pathologisch, nursagen Sie nicht nein.

Hören Sie mich u. antworten Sie mir, »zweckentsprechend« –so lang ich Sie nicht langweile.

Nur so lang – bitte.

Wer ich bin ist ganz nebensächlich.

Nicht jung, aber »noch jung« – jedenfalls viel zu jung um michschon in die Banalität der Frau, oder den Abgrund der Tragödie finden zu können. Es giebt freilich Weiber in meinen Jahren die sich einbilden,sieseien uralt.

Am Tag, da ich das von mir finde, könnte man mich begraben. – Was ich will? – Ich will in Ein Leben, in mein Leben den Puls von Tausenden drängen. Die Schicksale, die Gedanken, die Gefühle von Tausenden. Ich will eben das »Leben« u. nicht wie die Allzuvielen das »Vegetiren«. – Ich paße nicht in diese Liliputzeit, der ich nur befremdlich, umwahrscheinlich »positiv«scheine. – Obgleich ich die Naturselber bin. – – Aber es ist Allesso klein und eng. Bei jedem Athemzugstoß ich mich am Hergebrachten.

Ich will gar Nichts von Ihnen. – Ihre Frau, wenn Sie eine haben, braucht mich wegen meiner Briefe nichtschief anzusehn (im Geist,) ich habe z. Z. »sinnliche Liebe« u. auchseelische. h. d. ich sag’ es mir. – Es ist aber nochso unendlich viel unverbrauchtes in mir, an dem ich ersticken muß, wenn ichs Niemand gebe, Einem, der ebenso reich wie ich, mir dafür von Seinem giebt. Wenn ich die Schriftstellerin comme it fautfranzösich: wie es sich gehört wäre,setzt’ ich mich vor meine Tinte u.schriebe Werk um Werke. – Aber – das ist mir zu todt, ich brauche ein persönliches Echo – mit Einem Wort – ich bin trotz all meiner andern freien Alluren atavistisch »Weib«. – Ich meine das Schaffen ist wie Stein u. Zunder – es gehört Beides dazu, um Feuer – Werke zu geben. Das Einzelschaffen ist mir unmöglich.

So ähnlichschrieb ichschon Einmal an einen großen Dichter. Es war ihmsehr recht – wir verständigten uns brieflich ganz prachvoll.

Dann kam die Neugier u. wir trafen uns. – Er hatte es mir zuvor gesagt –seine Größe lag nur inseinen Werken – persönlich war er eine Null! h. d. ein Automat, in den man gutes Essen stopfte, dann an einem Knopf dückte u. heraussprang das fertige große Kunstwerk. – Das hatteseine Menschlichkeit aufgefressen. –

Aber ich verlange beim Künstler auch den vollen, echten Menschen. – Und ich suche eben diesen Menschen – à la Diogenes mit der Laterne.Nach einer Anekdote lief der Philosoph Diogenes tagsüber mit entzündeter Laterne über die belebte Agora, indem er provokant erklärte, er suche einen Menschen.

Ichsuch ihn – und nun kommt das Pathologische. Dennsonst muß ichsterben, geistig verhungen. – Ich lebe in einer Atmosphäre der höchsten Cultur (trotz dieses »Briefpapiers«, das mir ausgegangen, es andre, mein’ ich.)

Und in der kann man nicht leben ohne Verständniß und Aussprache. Man mußseine eigene Sprache auch mit den andernsprechen können. – Und ich bin fast immer allein – Banales bringt mich um – drum flieh’ ichs. – ich bin auch c. 9 Monat im Jahr auf Reisen, komme z. b. eben von Athen – Konstantinopel.

Bitte aber nicht, mich für »eine reiche Dame« zu halten. – Ich kann aus mehr aus meinem Geld machen, wie Andere.

So will ich auch mehr aus meinem Leben machen, in mein Leben hineinpraßen.

Dummer Weise hab ich zu viel von dem Schrecklichen, was man, »Gemüth« nennt zu aller angeborenen Wildheit.

Diesesschreckliche Gemisch macht mir allzu viel zuschaffen. Ich hab mehr Talent zum Glück, wie Andere, bin aber eigentlich unsagbar unglücklich, weil ich nicht in meinem Lebenselement bin. – – – So, nun machen Siesich einen Vers daraus. – Und überlegen Siesichs, ob ich Ihnen interessant genug wäre, Ihre Freundin zu werden. – Ich brauche einen Menschen –sonst muß ichsterben. –

Schreiben Sie mir gleich, ebenso ehrlich.Sphinx

postlagernd Schmargendorf – Berlin.

Denken Sie um Gotteswillen nicht, dassei eine Mystification.

Bei Allem, was mir heilig ist, es ist Alles echt, ach nur viel zu sehr.

– Ich brauche einen Menschen, einen ebenbürtigen –sonst muß ichsterben.

Hermione von Preuschen 1854-08-07 Darmstadt 49,87167 8,65027 1918-12-12 Lichtenrade 52,4 13,4 Schnitzler Arthur 15. 5. 1862 Wien 48,208333 16,373056 21. 10. 1931 Wien 48,208333 16,373056 Diogenes um 410 v. u. Z. Sinop 42,02683 35,16253 um 323 v. u. Z. Korinth 37,94007 22,9513 Publius Ovidius Naso 20.3.43 v.u.Z. Sulmona 42,04945 13,92578 0017 Constanța 44,18073 28,63432 Olga Schnitzler 1882-01-17 Wien 48,208333 16,373056 1970-01-13 Lugano 46,01008 8,96004 ?? [Dichter, mit dem Hermione von Preuschen vor 1904 korrespondierte] Joseph Kürschner 1853-09-20 Gotha 50,94823 10,70193 1902-07-29 Matrei in Osttirol 47,0 12,53333 Ein Reigen Münchner Post, Jg. 17, Nr. 268, 26. 11. 1903, S. 6–7 Ars amatoria Ars amandi Liebeskunst Kunst des Liebens Ovidius Naso, Publius Kürschners Deutscher Literatur-Kalender Kürschner, Joseph Villa Waldfrieden 52,476027 13,287052 Schmargendorf 52,47517 13,29071 Berlin 52,52437 13,41053 Frankgasse 1 48,21533 16,35736 IX., Alsergrund 48,22387 16,35641 Frankgasse 48,215516628628 16,356475515829 Edmund-Weiß-Gasse 7 Spöttelgasse 7 48,2304 16,33472 XVIII., Währing 48,23333 16,31667 Währinger Cottage 48,233056 16,341944 Edmund-Weiß-Gasse 48,23056 16,3348 Athen v. Chr., Athen vor Chr., Athen 37,97945 23,71622 Griechenland 39,0 22,0 Istanbul Konstantinopel Istanbul Province Byzantion Byzantium Constantinople 41,01384 28,94966 Türkei 39,0 35,0 Schmargendorf Berlin-Schmargendorf 52,47517 13,29071 Berlin 52,52437 13,41053 Deutschland 51,5 10,5