30/7 S.― Viel geträumt. Eine Art Riesenkoffer,― wie in einem Schiff ― (?),
steige in eine obere Lade; oben liegt schon; man, wer? sagts mir früher ―
liegt H. K.;― ohne es thatsächlich zu erleben, autobiographire ich
gleichsam, was „naturgemäß“ geschieht. Dann ein großer ansteigender
Garten, zu einem (meinem) Hause gehörig, wo ich mit meiner Mutter wohne,―
Nacht, oben im Garten H. K.; elektrische Lampen aufgedreht (von ihr);― ich
liege auf einer Art Veranda, erwarte H. K. mit lasc. Geste; sie kommt und geht
darauf ein;― leise die Treppen hinauf, daß die Mutter nicht erwacht. Ein
Concertpodium wie für Orchester (Graz) ― für Lili, Heini, mich ― Lili
soll zuerst vorlesen; Dunkelheit, versuche vergeblich verschiedene Schalter,
es wird ¼8 ― endlich erscheint eine Art Wärterin, eilig, stürzt
über die Stufen, fällt, wird von wem? mit Milch gelabt; schaltet ein ― ich
solle sie nur immer dafür rufen ― eine Art Plüschvorhang oval zwischen
Podium und Zuhörerraum ― eine Art Spinett steht da ― warum denn, Lili soll
doch nicht Clavier spielen ― will es fortschaffen lassen,― Lili beklagt
sich, daß sie das rechte Pult habe, und nun wolle ichs entfernen lassen ―
da sehe ich dass sie (aber eigentlich sieht sie anders aus) an einem weißen
Pültchen, davor ein kleiner runder Gartentisch lehnt ― ich merke plötzlich,
daß ich alle meine Bücher zum vorlesen vergessen habe ― ich sage zu Heini,
der mit Cylinder? da steht, er solle vor mir lesen ― ich will nach Haus
fahren, mit Auto, die Bücher holen ― bin sehr irritirt und wache mit Absicht
auf.―
Beim Frühstück auf der Terrasse mit Karpath amerikanische
Urheberrechtsgeschichten (er vertritt eine Zeitung).―
Ins Schauer. Spazieren mit O., Heini, Lili, Chapiro und Frau in den
schönen Anlagen. Ch. erzählt von seiner Haft in Genf, von Romain
Rolland, der sich seine Briefe in fragwürdiger Weise zurückverschaffte;―
ich erzähle ihm von Herzl.―
― Wir speisen alle auf der Terrasse Elisabeth ― spazieren und sitzen
im Park. Frau Ch., eine sehr hübsche blonde Salzburgerin empfiehlt
Berchtesgadner Ausflüge.―
Auf meinem Zimmer les ich Kraus „letzte Tage“ zu Ende; im ganzen eine
ungewöhnliche Leistung,― aus seinem Temperament heraus sich manchmal
zum dichterischen steigernd. Die Satire glänzend, bis zum großartigen;―
man gesteht ihm unwillkürlich, bezwungen durch seine Kraft, das Recht auf
Übertreibungen und Ungerechtigkeiten (durch Verschweigen von mancherlei)
zu ― ohne die ja Satire nie auszukommen vermag.
Zum „Schauer“. O. erwartet mich, wir wandeln durch den schönen Sommerabend
auf See- und Waldwegen nach Feldafing. Conventionelles Gespräch zuerst;
allerlei geschäftliches aus Amerika; dann sie: Du hast aber hoffentlich auch
gescheidteres zu thun; ich theile mit, dass ich „Weiher“ und „Verf.“
sozusagen fertig gemacht ― daß sie aber Spiegel aus edelm Material mit
lauter Sprüngen vergleichbar … Mehr sag ich nicht davon und vermochte es auch
nicht … Sie redet von Frau Korff, von Frau Lichtenstein ― und was sie nun
eigentlich im Herbst beginnen solle ― wohin ― und was. Auch aus
„materiellen“ Gründen. Ich weise darauf hin, dass diese Erwägungen
überflüssiger als je bei den tollen Geldverhältnissen. Plötzlich findet
sie, dass am Ende alles aufs Geld zurückzuführen sei, dass ihre
Situation eine ganz andre wäre, wenn sie wie Frau K. Frau L. völlig
unabhängig wäre. Abgesehn davon, dass auch diese es kaum völlig sind ― ich
erinnere sie, dass sie wahrhaftig nicht zu klagen habe ― was sie wohl auch
einsieht. Aber immerhin, was thun. Von Gesang, resp. Unterricht will sie
absolut nichts wissen;― aber lebhaft denkt sie dran,― nach Weimar in die
Kunstgewerbeschule zu gehn ― Gobelinweberei lernen ― und sieht hier
plötzlich ― materielle Möglichkeiten!― Ich sage ihr: drei Jahre Studium
― und dann ― ?― Wie sonderbar, wie unvereinbar wieder mit ihrem geistigen
Niveau ― dass so eine Idee ihr wie eine Art Rettung scheint … Sie redet
sich sofort in einen gewissen Trotz hinein. Übrigens sieht sie nicht gut
aus, Kopfweh, anaemisch … ― und mir wird so weh ums Herz, wie sie es
nicht ahnen kann und soll. In zwei Worte gefasst: Sie thut mir unendlich
leid ― und zugleich fühl ich immer stärker, dass es ein Zusammenleben
zwischen uns nicht mehr geben kann.― Im „Elisabeth“ nachtmahlen wir alle;
mit Chapiro’s.―