12/9 Berchtesgaden. Erwache ― verzweifelnd und in Thränen ― mit einem
unendlichen Bedürfnis ― mich endlich einmal mit O. auszusprechen ― als
hätt ichs nicht tausendmal gethan ― und im Grunde immer vergeblich.
Erleichterung für ein paar Stunden;― dann ist alles wieder beim Alten. Und
so hab ich die vorhergehenden Seiten ― zum hundertsten Mal dasselbe,
hingeschrieben ― als hälfe das was!―
Ein Traum, erinnre mich sehr unklar,― spielt um die Votivkirche herum, nahe
von Frankgasse immer,― endet damit, dass ich vor dem Hause Frkg. 1 (wo ich
so lange gewohnt), zusammen mit jemandem (Prof. Redlich?) warten soll, aber
mich irgend wie genire vor meinem einstigen Thor zu erwarten und ein paar
Schritte weiter rücke. Hr. Fr. Fröhlich (die Hausherrn) kommen;― dann
aber ists Frau Hellmann (Red.’ Schwester), die sich am Thor von ihm
verabschiedet. (Vielfach determinirter Traum: O.s erste Besuche in der
Frkg.;― mein Warten vor dem Thor vorigen Winter auf Dr. Gelber, wegen Rikola
(Verlag),― meine Besuche dort Rikola, und Maler Horovitz, dem gestern eine
Karte schrieb;― von Prof. R. erzählt man mir, er habe „religiösen
Wahnsinn“ ― Frau H. seine Schwester katholisirt auch erheblich;― mit Lili
gestriges Gespräch über Antisemitism. etc.) ―
Vm. bei O. im Zimmer ― Ihre Absichten. Annie Str. hat ihr eine Wohnung in
Wien angetragen;― „aber das ist mir ja verboten“ … Ich sage: nicht
verboten ― aber in jedem Sinn unrichtig. Sie: „ich gäbe sehr Acht auf
mich“ … als wenn nur mein Egoismus sie von Wien fern hielte.― Es entwickelt
sich eine Disc. ― die typisch verläuft … zuerst zeigt sich wieder ihr
Mangel an Einsicht ― ihre Starrheit … was sie gethan … war nur die Folge …
jahrelanger Behandlung durch mich … ― ich: und wenn ich auch die
vorhergegangnen Jahre preisgäbe ― was von 1919 geschehn ― absolut
unverantwortlich.― Sage ihr zum hundertsten Mal alles in den härtesten
Worten; in denen aber wieder die enge „Zusammengehörigkeit“ klar wird;― sie
wird weicher, partiell einsichtsvoll, zärtlich … Ihre Tendenz nach Hause
zeigt sich unverhohlen; ich erkläre ihr, dass vorläufig eine Wiederkehr für
alle ein Unglück wäre;― da wir beide nicht so weit … Irgend ein
definitivum aber auswärts schaffen (Haus mit Frau L.) jedenfalls unter den
heutigen Verhältnissen Unsinn. Wir sprechen viel von G.;― es werde (durch
Alma) von ihr verlangt; sie solle ihn preisgeben, verleugnen ― das fände sie
hässlich und dumm;― diese Jahre, diese Beziehung waren bedeutungsvoll, und
so sehr sie seine Schwächen erkannt, er bleibe ein schwacher, aber sehr guter
und künstlerisch höchst begabter Mensch. Wollte mir Briefe zeigen, was ich
ablehnte … Daran schlossen sich unverzüglich „eifersüchtige“ Fragen nach
H. K. und andern. Sie weinte, war aufgeschlossen … „mein Trotz ist ja nur
künstlich ―“ ― es war wieder einmal die Vortäuschung des „Wunders“ ―
erleichternd für den Moment, sogar erschütternd ― aber erlösend nicht. Und
mir unangenehm bis zum peinlichen ihre Zärtlichkeit nach solchen
Aussprachen;― und ihr „Gekränkt sein“, wenn Erwiderung nicht erfolgt.
― Gemeinsamer Mittag und Conditorei;― O. nach Salzburg. Regen, Regen. Am
Verf.― Mit Lili allein genachtm. O. kam ½11 brachte ihre
Koffer;― wir arrangirten Geburtstagtisch für Lili ―; sie war ganz
„Liebe“ ― und beleidigt dass ich kühl blieb.―