Das neue Panel von Alain Capt & Staffan Ahlberg:
Ehrenrettung für die MD-11
von Joachim Kroll

Absolut perfekt: die automatische Landung. Um sie zu meistern,
ist das Studium der Readme-Datei aber unbedingt nötig.
An was denken Sie beim Stichwort MD-11? - Richtig, an das
Swissair-Unglück nahe Halifax vor der amerikanischen Atlantikküste.
Seit dieser schrecklichen Katastrophe ist es um das Ansehen der
MD-11 schlecht bestellt. Dabei gilt die MD-11 als modernes, sicheres
und umweltfreundliches Flugzeug. Trotzdem war und ist die Geschichte
der MD-11 nicht gerade eine Erfolgsstory. Die Triumphe der DC-10
konnte die MD-11 für McDonnell-Douglas nicht wiederholen.
Angebliche Performance-Probleme am Anfang führten dazu, daß die
Fluggesellschaften nur zögerlich bestellten. Als diese Probleme
dann beseitigt waren, war auch das Zeitalter der "Trijets"
zuende. Zu groß war der Konkurrenzdruck der reichweitenstärkeren B
777 und des treibstoffsparenden Airbus 340, als daß der MD-11 noch
ein dauerhafter Erfolg beschieden war.

Die Machart des Panels ähnelt
sehr dem A320-Muster von Andi Jaros. Hier stimmt jedes Pixel.
Erst in den letzten Jahren konnte sich die MD-11 als Frachter
einen Platz auf dem Markt erobern. Denn die Airbusse wurden nie als
Frachter konzipiert und sind - abgesehen von nötigen Umbauten für
die Beladung - wegen ihres Rumpfdurchmessers nicht gut als Frachter
geeignet. Als Alternative bleibt die Boeing 747-400. Für dieses
Flugzeug muß jedoch ersteinmal das entsprechende Frachtaufkommen
vorhanden sein, um wirtschaftlich fliegen zu können. Bleibt nur
noch der Umbau älterer Muster wie 747-200 zum Frachter. Aber wegen
ihres Alters, des Drei-Mann-Cockpits und der Umweltbelastung kommt
die -200 teuer, so daß es für viele Gesellschaften fraglich ist,
ob sich der Umbau lohnt. Da wäre die MD-11 eine ideale Alternative
als Langstreckentransporter. Doch mit dem Aufkauf von
McDonnell-Douglas durch Boeing kam auch das Aus für die MD-11.
Weniger als ein Jahr nach der Elefantenhochzeit verkündete Boeing:
Die Produktion der MD-11 läuft aus. Es werden nur noch die
bestellten Maschinen gebaut. Offensichtlich will der finanziell in
Schleudern geratene Hersteller sich keine hausinterne Konkurrenz
machen, denn etwaige MD-11-Verkäufe könnte den zu lasten der
eigenen Widebodies 767 und 777 gehen.
Satter Download: 6,5 MByte
Mit einem neuen und geradezu sensationellen FS98-Modell bringen
Alain Capt und Staffan Ahlberg die MD-11 zu neuen Ehren. Die
Screenshots auf Alains Homepage sahen ganz ordentlich aus und so
beschloß ich, den Download des gesamten Pakets (6,5 MByte) einmal
zu wagen. Übrigens ist der Download des GPS-Zusatzpakets nicht
zwingend nötig, damit das Panel funktioniert. Wer das GPS für's
Panel haben möchte, darf nicht die neueste Version 1.6
herunterladen, sondern braucht die etwas ältere Version 1.2 (Datei
ACSGPS12.ZIP). Bei Version 1.6 bleibt der GPS-Schirm schwarz.

Mittelkonsole. Flaps- und
Speedbrake-Hebel bewegen sich leider nicht. Die Stellung der Klappen
wird aber auf den Displays angezeigt.
Für die Ankunft der MD-11 in Frankfurt habe ich mein Zelt extra
zwischen den beiden Landebahnen aufgeschlagen (Bild 1). Der majestätische
Vogel traf mit einiger Verspätung ein, denn der Download dauerte über
eine Stunde. Aber das Warten hat sich gelohnt. Schon der erste Blick
ins Cockpit zeigt ein äußerst übersichtliches, sorgfältig
gestaltetes Instrumentenbrett. Als ich dann endlich auf dem linken
Sitz Platz nehmen konnte und unter der Anleitung von Alains
Readme-Datei eine erste Runde drehte, kam ich aus dem Staunen nicht
mehr heraus. Dieser monströse Vogel ist doch tatsächlich das erste
Fluggerät im FS98, das vormacht, wie man eine mustergültige
automatische Landung hinlegt. Doch alles der Reihe nach.

Mittelkonsole umgeschaltet auf
Anzeige der Funkgeräte
Panel-Maler Staffan Ahlberg hat sich offensichtlich die
A320-Arbeiten von Andreas Jaros und Oli Braun zum Vorbild genommen.
Das Brett hat ein ausgesprochen sauberes, ja geradezu makelloses
Look-and-Feel in dunkelblauem Finish. Vier große Bildschirme
enthalten primäre und sekundäre Anzeigeinstrumente (Bild 2).
Dazwischen ist der Fahrwerkshebel eingebaut und unten deutet sich
die Mittelkonsole an mit Schubhebeln, Lande- und Bremsklappen oder
alternativ den Funkgeräten. An der Oberkante befinden sich die
Bedienelemente für den Autopilot. Die meisten Knöpfe sind so
beschriftet, daß die Funktion sofort sichtbar ist. Eine Datei
see-me.gif zeigt die "Click-Areas", mit denen Hebel
verstellt oder Bildschirme ein-/ausgeblendet werden können. Außer
dem ganz linken PFD (primary flight display) sind alle Bildschirme
doppelt belegt und werden durch einen Klick in die linke obere Ecke
umgestellt. Schirm 2 zeigt Nav-Instrumente oder GPS, Schirm 3
Triebwerksleistung oder Treibstofftanks, Schirm 4 wechselt zwischen
zusätzlichen Maschinenanzeigen und Fahrwerkstatus. Mit den
Schaltern auf der Mittelkonsole (Bild 3) können die Triebwerke
gestartet werden. Wenn man's richtig macht und das Soundpack mit
heruntergeladen hat, ertönt dazu das Hochlaufen der Triebwerke.
Ansonsten schaltet man die Mittelkonsole danach am besten auf die
Funkgeräte um (Bild 4), denn Flaps- und Speedbrake-Hebel sind
funktionslos und bewegen sich nicht. Dies ist neben nicht
vorhandenen "Moving Parts" der einzige Punkt, der noch zu
verbessern wäre.

Endlich. Speed-Tape mit Overspeed-
und Stall-Warnung. Auch die alphanumerische Kennung des VOR bzw. ILS
wird rechts unten angezeigt. Dieses Bild wurde kurz vor einer
Auto-Landung gemacht. Man beachte, wie genau das Flugzeug auf
Localizer und Glidepath liegt.
Die README-Datei ist Pflichtlektüre
Wie jeder Hobby-Flieger dachte ich zunächst, es sei nicht nötig,
die Dokumentation zu studieren. Ich stellte die Maschine auf die
Bahn, gab Gas und schmierte kurz nach dem Lift-off gleich wieder ab.
Eigentlich habe ich eine Abneigung gegen Flugzeuge, bei denen man
sich erst seitenlang einlesen muß um damit fliegen zu können. Aber
mit dem Panel hat sich Alain offensichtlich so viel Arbeit gemacht,
daß ich mir sagte: der gute Mann hat Monate daran gearbeitet und du
bist zu faul, die acht Seiten readme zu lesen. Und dort stand dann
auch, wie's geht: Klappen auf 3/8, vollen Schub geben, bei 165-170
Knoten die Nase höchstens 10 Grad hochziehen und dann Räder rein,
damit die Kiste erstmal auf Touren kommt. O.K., muß einem ja
erstmal gesagt werden, daß eine voll betankte MD-11 nicht hochgeht
wie die 737. Wenn man die Tanks nicht so voll kracht ist der
Take-off übrigens weit weniger kritisch. Und das empfiehlt sich
dringend, muß man doch andernfalls sieben Stunden in der Luft
bleiben, um den Treibstoffvorrat zu verbrauchen. Denn mit vollen
Tanks läßt sich diese Maschine kaum wieder kontrolliert auf den
Boden bringen.

Für eine Autolandung dürfen die
Tanks maximal zu 32% gefüllt sein, dem maximalen Landegewicht
Wir sind nun "airborne". Sobald das Fahrwerk den
Bodenkontakt verloren hat, stellt sich das erste Aha-Erlebnis ein:
Das Speed-Tape zeigt mittels einer gestrichelten und durchgezogenen
roten Linie kritische und unzulässige Geschwindigkeitsbereiche an,
sowohl Overspeed wie auch Stall (Bild 5). Ein Feature, das in jedem
Glascockpit vorhanden ist und auf das ich im FS98 schon lange
gewartet habe. Zwar gibt es ein Freeware-777-Panel mit dieser
Funktion, doch ist dort alles so klein, daß die Zahlen kaum lesbar
sind. Wir steigen langsam weiter und müssen die erste Kurve
einleiten. Das nächste Schlüsselerlebnis: endlich ein Flugzeug,
das richtig träge und schwer ist. Viele FS98-Großraumflugzeuge
fliegen sich so ähnlich wie der Learjet. Alain hat sich viel Mühe
gegeben, das Flugmodell für die MD-11 zu modifizieren. Angesichts
der beschränkten Möglichkeiten im FS98 hat er meiner Meinung nach
einen optimalen Kompromiß gefunden. Die schwerfällige Reaktion auf
die Steuerimpulse scheint mit sehr gut getroffen. Die
Stall-Geschwindigkeiten kommen sehr nahe an das Original heran - außer
beim Start, was sich aber durch weniger Treibstoff-Beladung
korrigieren läßt. Auch das Bremsen mit den Reversern nach der
Landung geht zu schnell, doch das ist ein Manko, das seinen Grund in
den simplen Flugmodellen des FS98 hat.

Eher konventionell: NAV 1, 2 und ADF
als Kombiinstrument.
Besser kann man von Hand nicht Landen
Nun kommt jedoch das eigentlich Spannende: der Landeanflug. Ich hätte
es nie für möglich gehalten, daß sich im FS98 eine automatische
Landung bewerkstelligen läßt, die auch tatsächlich funktioniert.
Aber wenn man nach Alains Dokumentation verfährt, klappt es tatsächlich.
Alain schreibt, daß die Autoland-Funktion genau auf die Dynamik
seines Flugmodells abgestimmt ist und mit anderen Flugzeugen nicht
funktioniert. Zunächst müssen die Tanks kontrolliert werden, da
sie zur Landung höchstens eine gewisse Maximalmenge an Treibstoff
enthalten dürfen (Bild 6). Dann muß das NAV-1-Instrument auf ILS
eingestellt sein. Das Flugzeug muß vollständig mit dem Autopilot
gesteuert werden, auch die Geschwindigkeit. Selbstverständlich muß
ein ausreichend langer Endanflug vorgesehen werden, damit der
Autopilot das Flugzeug stabil auf Gleitpfad und Localizer steuert.
Macht man alles richtig, dann hält der Autopilot die "final
approach speed" von 160 Knoten sehr genau ein und die Maschine
fliegt exakt auf dem Glideslope. Bei zu viel Treibstoff an Bord
bleibt man immer unter dem Glide. Die Funktionen des GPWS von Wilco
van Deijl sind in die Instrumente integriert. Es erklingen Höhen-call-outs
bei 2500, 1000, 500, 400 usw. Landet man von Hand und hat kein ILS
eingestellt, dann warnt das GPWS mit den Ausrufen "pull-up"
und "sinkrate". Je nach Treibstoffbeladung nimmt der
Autopilot in 60 bis 120 Fuß über Grund den Schub weg und fängt
bei 30 Fuß sanft ab. Bild 1 mit der Finnair-MD-11 wurde während
eines Autoland aufgezeichnet - ist doch eine saubere Landung, oder?

Die Fahrwerksanzeige korrespondiert
mit den "four Greens" am Fahrwerkshebel und wechselt
entsprechend von rot auf grün und umgekehrt.
Nach diesem "Checkflug" betrachten wir uns die Sache
noch von außen. Alain Capts Außenansicht der MD-11 stützt sich
auf einen Entwurf des Project Freeware. Die Bemalung ist sehr gut
gelungen, das Fahrwerk ist dreidimensional. Ob es nun eine
Geschmacklosigkeit ist oder eine posthume Ehrung der Opfer
darstellen soll, das Flugzeug ausgerechnet in Swissair-Livery zu veröffentlichen,
darüber kann man streiten. Ich habe eher den Eindruck, daß es für
Alain Capt als Schweizer einfach selbstverständlich ist, die
heimatliche Fluglinie für sein Werk auszuwählen. Wem's nicht gefällt
oder wer zu Swissair keinen Bezug hat: Von der Webseite des Project
Freeware kann man sich einen neuen Anstrich besorgen. Es gibt dort
vielerlei Farbvarianten, die mit Alains Modell kompatibel sind.

Auch nachts gut lesbar.
Auch der Download des Soundpacks ist uneingeschränkt zu
empfehlen. Alain hat originale Aufnahmen einer MD-11 von Achim Bürger
eingebaut, die dezent Säuseln. Leider kann man bei Jet-Flugzeugen
im FS98 nur zwei Sounddateien für das gesamte Drehzahlspektrum
verwenden. Bei 80% N1 gibt es jedoch einen hörbaren Bruch bei der
Überblendung zwischen beiden Dateien, weshalb die meisten
Entwickler - so auch Alain - nur eine Sounddatei für die Triebwerke
verwenden. Damit läßt sich weder das "Donnern" beim
Start im hinteren Kabinenteil noch das "Röhren" wenn man
vor den Triebwerken sitzt nachbilden. Trotzdem hebt sich der Klang
im Reiseflug angenehm vom Standard-Staubsaugerrauschen der 737 im
FS98 ab und wirkt mit seinem gleichmäßigen Summen irgendwie
beruhigend.
Die MD-11 wird erstmal ein paar Wochen mein Lieblingsflieger für
Heavy-Touren im FS98 bleiben. Wie bereits am Anfang erwähnt: Ein
solches Flugzeug ist als kommerzielles Produkt durchaus seine 60
Mark wert. Schön, daß es noch Leute wie Alain Capt gibt, die für
ihre Arbeit kein Geld haben wollen. Er hätte es mehr verdient, als
viele kommerzielle Produzenten.
Joachim Kroll
Joachim@Kroll.m.shuttle.de
18.April 1999