Cyclops — Donner (1845), OCR review edition Euripides Johann Jakob Christian Donner OCR source collation, conservative repairs and citation alignment Editorial processing with Codex

Perseus Multitext, 2026. Prepared review edition; detailed proofreading remains unfinished.

Euripides. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift von J. J. C. Donner. Volume 2. Heidelberg: C. F. Winter, 1845. Harvard supplied OCR, H12; running-text copy text. Independent BSB copy, page-coordinate OCR and facsimiles; used to check layout and notes.BSB digitization Source reviews and editorial inventory

Historical wording and spelling are retained. Original Harvard and BSB pagewise OCR and change inventories are linked from the source review. Agreement between OCR copies does not guarantee a correct reading. This edition is not fully proofread. Printed errata are preserved for review and have not been silently applied.

Each l/@n is a native Donner citation. Numeric interpolation is used only when reconstructed verse counts agree between printed anchors. Suffix u marks an unresolved verse division, not a printed number. Shared verse parts share one citation. corresp identifies the containing Murray reference card, not an exact equivalence of individual verses. Card openings have been reviewed against speech, stanza and clause boundaries.

Notes are attached only where an explicitly verified printed label resolves to a native citation. Alternative translations and Greek readings are retained in notes. Unattributed material is preserved in the linked inventory. Metrical notation is supplied as facsimiles.

Donner native verse citation; u marks unresolved division.

Prepared reviewed card mapping, source comparisons, native citations, checked note divisions and metrical facsimiles.
Original BSB page Original BSB page
Seilenos. Um deinetwillen, Bacchos, duld' ich tausend MühnOCR review edition. D. citations belong to Donner; u marks unresolved verse division. Sources, repairs and unattributed notesDonner’s metrical analyses and notes: page facsimiles Noch heut, wie damals, als ich blüht' in Jugendkraft. Erst, als mit Wahnsinn Hera dich erfüllt, und du[OCR note; compare the printed page.] Here rächte sich an Bacchos, dem Sohne ihrer Nebenbuhlerin Semele, durch Wahnsinn, in dem er die Welt durchirrte. Compare printed p. 229 Den Oraden, die dich wohlgepflegt, entflohst,[OCR note; compare the printed page.] Den Dreaden, den Nymphen des Berges Nysa, die, nach dem Gebote des Zeus, den jungen Gott säugten und erzogen. Compare printed p. 229 Dann, als du rangest mit den Erdgeborenen,[OCR note; compare the printed page.] Un dem Kriege wider die Giganten (die Erdgeborenen) nahm Bacchos mit seinem Lehrer Seilenos Theil. Compare printed p. 229 Stand ich, ein treuer Kampfgenoß, zur Seite dir, Erschlug, nachdem ich seinen Schild entzweigebohrt, Enkelados. Laß sehen: war dies nur ein Traum?[OCR note; compare the printed page.] Enkelados, einer der Giganten. Compare printed p. 229 Nein, nein! Die Beute wies ich ja dem Bacchios. Und nun besteh' ich größre Noth, als jene war. Denn als die Göttin wider dich tyrrhenische[OCR note; compare the printed page.] Bacchos micthete einst, zur Ueberfahrt von der Insel Ikaria nach Naxos, ein Fahrzeug tyrrhenischer Seeräuber. Da er sich nicht als Gott zu erkennen gegeben hatte, so wähnten die Elenden, an dem Jüngling eine Beute zu finden, und lenkten von der rechten Fahrt ab, um ihn an der nächsten Küste zu verkaufen. Der erzürnte Gott verwandelte sie in Delphine. Bothe. Compare printed p. 229 Seerauber, weit dich wegzuschleppen, ausgesandt; So schifft' ich, das vernehmend, samt den Söhnen aus,[OCR note; compare the printed page.] Die Söhne der Seilenen, die Satyrn. Compare printed p. 229 Dich aufzusuchen. Auf des Spiegels Höhe saß Ich selbst, und lenkte mein behendes Ruderschiff; Die Sohn', am Ruder schaltend, und die graue See Mit Schaum bedeckend, suchten dich, o König, auf. Doch als wir schon Maleia nahe steuerten;[OCR note; compare the printed page.] Maleia oder Malea (mit kurzer Mittelsylbe), ein Vorgebirge in Lakonien. Compare printed p. 229 Da blies ein Wind aus Osten auf mein Schiff herein, Und warf an diesen Felsen uns des Aetna, wo Einsam des Meeresgottes Sohn', eindugige Kyklopen, hausen, gierig nach der Menschen Blut. Von diesen sing uns Einer, dem im Hause wir Als Knechte dienen; Polyphemos nennt man ihn; Und seine Heerden weiden wir dem frevelnden Kyklopen, statt uns Bacchos' Lust harmlos zu weihn.[OCR note; compare the printed page.] Unders: Kyklopen, statt in Bacchosjubeln uns zu freun. Compare printed p. 229 Nun huten meine Sohne fern' am dußersten Abhang die Lämmer, Knaben, frisch in Jugendmuth; Ich muß die Troge füllen, muß daheim das Haus Ihm nach Geheiß ausfegen, muß dem gräulichen Kyklopen zubereiten sein verruchtes Mahl. Auch heute muß ich, wie des Dienstes harte Pflicht Gebeut, die Wohnung saubern mit dem Eisenkarst, Daß meinen Herrn, den Kyklopen, wann er wiederkommt, Ein reinlich Haus empfange samt der Lämmerschaar. Schon weiden, seh' ich, meine Knaben dort das Vieh Heran. Was soll das? Tanzet ihr den Sikinnistanz[OCR note; compare the printed page.] Sikinnis, eine den Satyrn eigenthümliche Art des Tanzes. Compare printed p. 229 Heut wieder, wie vor Zeiten, als, dem Bacchios Gesellt im Festchor, ihr zum Haus Althaa's zogt,[OCR note; compare the printed page.] Mit Althaa, der Gemahlin des thessalischen Fürsten Deneus, soll Bacchos die Deïaneira gezeugt haben. Compare printed p. 229 Entzückt zu Wonnetaumel durch der Lauten Klang? (Der Chor tritt singend unter lärmenden Tänzen auf.) Strophe. Chor. Wohin, du dort, trefflicher Våter Geschlecht,[OCR note; compare the printed page.] Der vom Chor Angeredete ist ein Schafbock. Compare printed p. 229 Von trefflichen Müttern erzeugt, Laufst du mir fort durch Klippen, wohin? Dort blåst ein windiger Luftzug, Dort sproßt kein grunendes Kraut; Auch kein wirbelnd Wasser des Quells Fließt in Trogen dir, nahe der Grotte, Wo Lämmerblocken dich rust. Weide mir dort, he! weide doch hier,[OCR note; compare the printed page.] Ε. ψύττα, τάδ' ἐ σύ γ', ἐ τάδε νεμεῖ; Compare printed p. 229 Am thauigen Abhang hier! Hoho, hoho, du Gehörnter,[OCR note; compare the printed page.] L. ὠή, ωὴ, ὁ κεράσας, ἢ ῥίψω πέτρον τάχα σỡ, ὠὴ, ὕπαγ᾽ ὦ, ὕπαγ᾽ ὦ, τὸ μηλοβότα ςασιωρὸς • Κύκλωπος ἀγροιώτα. Compare printed p. 229 Compare printed p. 230 Gleich, gleich werf ich den Stein nach dir; He! komme zurück, zurück, Zu wachen am Thore der Höhle Des weidenden wilden Kyklopen! Gegenstrophe. Von Milch strozt dein Euter, erleichtere dich, Und nimm an die Zizen dein Lamm, Das du ließest im Lager daheim. Dich ruft der zärtlichen Lämmer Geblock, das schlummert am Tag. Kehrst du nicht einmal in den Hof Heim vom grünen Rasen der Trift, Heim in Aetna's Felsengekluft? Hier ruft kein Bromios, ruft kein Tanz, Noch Bacchen, bewehrt mit dem Thyrsos, Noch hallen schmetternde Pauken An schaumender Quellen Erguß; Kein frischlabender Wein winkt hier, Noch Nysa mit schwärmenden Nymphen. Schlußgesang. Ein bacchisches, bacchisches Festlied, Dir stimm' ich es an, Aphrodita : Einst jagt' ich im Fluge dir nach, Weißfüßigen Bacchen gesellt. Lieblicher, lieblicher, wo schwarmest du, Bacchos, allein, Blondlockiges Haupthaar schuttelnd? Ich, Herr, dein treuer Gesell, Frohne dem wilden Kyklopen, Dem Eindugigen, Flatter' in årmliche Geißfelle verhüllt, Sein Diener, umher, Von deiner Liebe getrennt. Seilenos. Nun schweigt, o Kinder, und in's felsumgürtete Geklüft das Vich zu treiben, weist die Diener an. (zu den Dienern). Chor Geht; aber, Vater, was für Eile hast du denn? Seilenos. Ich seh' am Meergestade dort ein Griechenschiff Und Ruderknechte, die mit einem Obersten Zur Höhle kommen; jeder trågt ein leer Gefäß Um seinen Nacken für gewunschten Mundbedarf, Auch Wassereimer. Jammerwerthe Fremdlinge! Wer sind sie doch? Sie kennen Polyphemos' Art Wohl nicht, des Herrn hier, daß sie dies ungastliche Wohnhaus betreten und dem menschenfressenden Kyklopenschlunde sich vertraun in blindem Wahn. Doch haltet euch nur ruhig, daß wir hören erst, Woher sie kamen zum sikelischen Aetnaberg. Die Vorigen. Odysseus tritt mit den Ruderknechten auf. Odysseus. Ihr Freunde, sagt uns, wo wir frisches Wasser hier, Den Durst zu lischen, finden, ob bedürftigen Schiffleuten Einer Speise wohl verkaufen mag? Was ist das? In eine Stadt des Bacchos, scheint es, kamen wir; Ein Schwarm von Satyrn flattert um die Höhle dort. Vor allen ruf' ich meinen Gruß dem ältesten. Seilenos. Dank, Herr! Doch sage, wer du bist, aus welchem Land. Odysseus. Odysses, Kephallenerfürst aus Ithaka. Seilenos. Den Schwazer kenn' ich, Sisyphos' verschmizten Sohn. Odysseus. Der eben bin ich; aber låstre nicht, o Freund. Seilenos. Von wannen schiffend kamst du nach Sikelia? Odysseus. Aus Ilion, nachdem ich Troja's Muhn bestand. Seilenos. Wie? Fandest du zum Vaterlande nicht den Weg? Odysseus. Sturmwirbel rafften mit Gewalt hieher mich fort. Seilenos. Poz! Da geschah dir eben das, was mir geschah. Odysseus. So riß auch dich der Winde Sturmgewalt hieher? Seilenos. Den Räubern folgt' ich, die geraubt den Bromios.[OCR note; compare the printed page.] S. die Anmerkung zu V. 11. Compare printed p. 230 Odysseus. Doch welches Land ist dieses, und wer wohnt darin? Seilenos. Du siehst Sikelia's höchsten Berg, den Aetna hier. Odysseus. Wo sind die Thurme, wo die Mauern einer Stadt? Seilenos. Du suchst umsonst, Herr; menschenleer sind diese Hdhu. Odysseus. Wer wohnt in diesen Gauen? Wilde Thiere wohl? Seilenos. In Höhlen, nicht in Häusern, wohnt Kyklopenvolk. Odysseus. Wer ist ihr Herrscher? Oder ruht im Volk die Macht? Seilenos. Es sind Nomaden; Keiner hört auf Andrer Wort. Odysseus. Bebaun sie Felder? Oder wovon leben sie? Seilenos. Von Milch und Käse nährt man sich und Hammelfleisch. Odysseus. Den Trank des Bacchos kennen sie, der Rebe Saft? Seilenos. O nein; ein freudenloses Land bewohnen sie. Odysseus. Doch sind sie gastlich, freundlich wohl mit Fremdlingen? Seilenos. Die Fremden bringen, sagen sie, das beste Fleisch. Odysseus. Was? Sind es Wilde, schlingen Menschenfleisch hinab? Seilenos. Kein Fremder kam noch, welcher nicht geschlachtet ward. Odysseus. Wo weilt er selbst, der Kyklope? Hier in der Höhle wohl?- Seilenos. Mit seinen Hunden jagt er Wild auf Aetna's Höhn. Odysseus. Nun, soll ich sagen, wie wir diesem Land entfliehn? Seilenos. Sprich nur, Odysseus; Alles will ich thun für dich. Odysseus. Wohlan, verkauf uns Speise; daran fehlt es uns. Seilenos. Wir haben Nichts hier, wie gesagt, Nichts außer Fleisch. Odysseus. Auch das genügt uns, wenn es nur den Hunger stillt. Seilenos. Auch Feigenkåse steht zu Dienst, auch Milch der Kuh.[OCR note; compare the printed page.] Feigenkäse: Käse, mit Feigensaft geronnen. Compare printed p. 230 Odysseus. An's Licht heraus mit; was man kauft, besieht man gern. Seilenos. Wie viel des Goldes, sage, gibst du mir dafür? Odysseus. Kein Gold; den Trank des Dionysos bring' ich euch. Seilenos. Du nennst, o Bester, was wir lange schon ersehnt. Odysseus. Und Maron gab mir diesen Trank, des Gottes Sohn. Seilenos. Er, den in meinen Armen einst ich auferzog? Odysseus. Der Sohn des Bacchos, daß du nicht mehr zweifeln magst. Seilenos. Ist er im Fahrzeug, oder bringst du gleich ihn mit? Odysseus. Hier dieser Schlauch verbirgt ihn, wie du siehst, o Greis. Seilenos. Mit diesem Tröpflein füll' ich kaum die Backen mir. Odysseus. Zweimal so viel noch hab' ich, als dem Schlauch entströmt. Seilenos. Traun, eine schone Quelle, die mir munden soll! Odysseus. Verlangst du nicht vom unvermischten Wein zuerst? Seilenos. Naturlich; denn die Probe lockt den Kauf herbei. (zicht einen Becher hervor). Odysseus Hier, samt dem Schlauche bring' ich auch den Becher mit. Seilenos. Auf, eingeschenkt! Dann trink' ich und entschließe mich. Da nimm. Der Tausend! Welchen süßen Duft er hat! Du sahest diesen? Nimmermehr! Ich riech' ihn nur. Odysseus. So koste, daß du nicht allein mit Worten lobst. (trinkt). Seilenos Juchhei! Zum Reigentanze rust mich Bacchos auf! Ha ha ha! Odysseus. Nun, rieselt' er durch deine Gurgel leicht hinab? Seilenos. Bis auf die Zehenſpizen drang's hinunter mir. Odysseus. Und obendrein noch zahlen wir ein Summchen dir. Seilenos. O laß das Geld sein, und erleichtre nur den Schlauch. Odysseus. So schafft die Kåse, schafft die Lämmer nun heraus. Seilenos. Das will ich, kummre wenig um die Herren mich. Die Heerden aller Kyklopen gåb' ich gern dafür, Um einen einzigen Becher auszuschlürfen nur, Und sturzt' ins Meer vom Laukasfelsen mich hinab Um Einen Rausch mit unumwölkten Augenbraun. Wer nicht am Trinken Freude hat, der ist ein Narr; Da werden alle Geister wach, da schließen sich Der Frauen Reize voller auf, Umarmungen Und Drücke, Küsse folgen und ich weiß nicht was, Und alles Leids Vergessen. Sollt' ich solchen Trank Nicht küssen und des Kyklopen ungeschlachten Kopf Froh fahren lassen samt dem Einen Auge vorn? (geht in die Höhle.) Chor. Nun hor', Odysseus; plaudern wir ein wenig noch! Odysseus. Ihr seid mir Freunde; nehmt auch mich als euren Freund. Chor. Ihr nahmet Troja's Mauern samt der Helena? Odysseus. Und König Priamos' ganzes Haus zerstörten wir. Chor. Nicht wahr: sobald das schöne Weibchen euer war,[OCR note; compare the printed page.] das schöne Weibchen, Helena. Compare printed p. 230 Habt ihr es alle nacheinander durchgeküßt? Denn Freude macht der Wechsel vieler Männer ihr. Die falsche Schlange! Da sie kaum die scheckigen Pomphosen um die Schenkel sah, die goldene Halskette, die dem Phryger um den Nacken hing:[OCR note; compare the printed page.] dem Phryger, Paris. Compare printed p. 230 So ward sie nårrisch, und verließ den besten Kerl, Den Menelaos. Wåre doch der Fraun Geschlecht Gar nie geschaffen worden, - als allein für mich! (Seilenos kommt aus der Höhle zurück.) Seilenos. Hier habt ihr Alles, was von Vieh geweidet wird,[OCR note; compare the printed page.] Ε. ποιμνίων βοσκήματα. Compare printed p. 230 O Fürst Odysseus, zarter Lämmer blockenden Nachwuchs, und Käse, dick und fett, im Ueberfluß. Nun eilt, entfernt euch ungesäumt von der Höhle wea. Und bringt mir bald der Rebe lustigen Trank dafur! Odysseus. Dort seh' ich, ach! den Kyklopen! Was beginnen wir? Wir sind verloren, Alter! Wo, wo fliehn wir hin? Seilenos. In diese Felskluft, wo du dich verbergen kannst. Odysseus. Das wäre mißlich, gingen wir so selbst in's Nez. Seilenos. Mitnichten! Viel Schlupfwinkel hat der Felsen ja. Odysseus. Nein, nein! Gewaltig thåten da die Troër groß, Wenn wir vor Einem flohen; und ich hielt ja doch Viel tausend Phryger oft zurück mit meinem Schild.[OCR note; compare the printed page.] Unders: Vortausend Phrygern häufig Stand mit meinem Schild. Compare printed p. 230 Nein! Wenn wir sterben müssen, sei's ein edler Tod; Doch, bleib' ich leben, wahr' ich schon den alten Ruhm. Die Vorigen. Der Kyklop. (heraneilend). Der Kyklop Halt! Sachte! He, was gibt es? Welch ein toller Muth? Wozu der wilde Jubel? Nicht des Bacchos Lust, Nicht eh'rne Klappern schalten hier, kein Paukenschlag. Wie steht's im Stall mit den neugebornen Lämmern? Gehn Sie nach den Eutern, laufen sie den Müttern nach, Frischweg zu saugen? Ist in Binsenkörben schon Des fetten Kåses Fülle, den ihr ausgepreßt? Wie? Sprechet, redet! Oder gleich soll dieses Holz Euch weinen machen! Blicket auf, nicht unterwärts! Chor. Sieh da! Zu Zeus selbst heb' ich schon mein Haupt empor, Und seh' Orion droben samt der Sterne Heer. Der Kyklop. Ist uns das Mittagessen hubsch zurechtgemacht? Chor. Gewiß; die Kehle sei nur auch bereit dazu. Der Kyklop. Die Trinkgesåsse, sind sie schon mit Milch gefullt? Chor. Austrinken kannst du, wenn du willst, ein ganzes Faß. Der Kyklop. Schaf- oder Kuhmilch oder beides auch vermischt? Chor. Wonach dich lustet; trinke mich nur nicht hinab. Der Kyklop. Bewahre! Denn ihr språnget mir im Bauch herum, Und risset Possen, daß ich müßt' alsbald vergehn. (Er bemerkt plößlich den Odysseus mit seinen Gefährten.) Ho! welchen Haufen seh' ich dort am Stalle stehn? Seerauber oder Diebe sind im Lande wohl. Aus meiner Höhle seh' ich hier die Lämmerchen Mit schwanken Weiden festgekoppelt, seh' umher Die Käsekörbe stchen, auch den Alten, dem Sein kahles Haupt von Schlägen aufgeschwollen ist. Seilenos. Ach, ach! Ich habe Fieber; so zerklopft bin ich! Der Kyklop. Von wem, o Greis? Wer übt' an deinem Kopf die Faust? Seilenos. Hier diese, weil ich dein Gehof nicht plundern ließ. Der Kyklop. Daß ich von Göttern stamm' ein Gott, sie wußten's nicht? Seilenos. Ich sagt es ihnen; doch sie trugen Alles fort, Und deinen Kåse schmausten sie, so sehr ich schalt, Und schleppten weg die Lämmer; ja sie drohten, mit Dreiellendicker Kette dich zu binden, dir Das Eingeweide durch das Aug' herauszuziehn, Und wohl mit Geißeln deinen Rücken durchzublaun, Darauf geknebelt auf die Ruderbänke dich Des Schiffs hinabzuwerfen, und als Mühlenknecht Dich wegzuhandeln oder daß du Steine schleppst. Der Kyklop. Wahrhaftig? Gehst du nicht geschwind, ein großes Beil Zu schleifen, bringst ein machtig Bündel Holz daher, Es anzuzünden? Denn ich schlachte sie sogleich, Und fülle meinen Magen mit dem warmen Fleisch, Das auf der Kohle bratet, mein Vorleger selbst, Und schling' hinunter, was mir sonst im Kessel kocht. Das Fleisch des Berggewildes bin ich übersatt, Genug der Hirsch' und Löwen hab' ich schon verspeist; Doch ist es langher, daß ich Menschenfleisch genoß. Seilenos. Das Neue nach dem langgewohnten Alten, Herr, Schmeckt immer besser. Freilich war's nicht neulich erst, Daß Fremde hier in deiner Höhle dich besucht. Odysseus. Kyklop, vernimm auch andrerseits uns Fremdlinge. Wir wünschten Nahrungsmittel einzukaufen, und Verfügten uns nach deiner Höhl' herauf vom Schiff. Da hat mir der für einen Becher Wein das Vieh Verkauft und übergeben, als er ausgezecht; Wir waren einig, und Gewalt ward nicht geubt.[OCR note; compare the printed page.] Unders : Wir waren einig, ihm und mir geschah kein Zwang. Compare printed p. 230 Nun schwazt er lauter unvernunftig Zeug, nachdem Man ihn auf bosem Schacher traf mit deinem Gut. Seilenos. Was? Ich? Verdirb, Elender! Odysseus. Wenn ich Lügen sprach. Seilenos. Nein, beim Poseidon, welcher dich erzeugt, Kyklop, Beim allgewaltigen Triton, bei Kalypso, bei Nereus und Nereus' Tochtern, bei den heiligen Meersluten schwor' ich und dem ganzen Fischgeschlecht, Mein allerschönstes Herrchen, mein vortreffliches Kyklopchen, daß ich nie dein Gut den Fremdlingen Verkaufte. Wenn ich luge, treff' ein böser Tod Hier diese bösen Buben, die mein Liebstes sind![OCR note; compare the printed page.] Die bösen Buben, die Satyrn, seine Söhne. Compare printed p. 230 Chor. Du stirb! Ich selbst sah, wie du dort den Fremdlingen Das Gut verkauftest. Wenn ich unwahr rede, soll Mein Vater sterben; doch die Fremden laß in Ruh. Der Kyklop. Ihr lugt; auf diesen Alten bau' ich fester noch, Als auf Rhadamanthys, und gerechter nenn' ich ihn.[OCR note; compare the printed page.] Nhadamanthys, einer der Richter der Unterwelt. Compare printed p. 230 Nun will ich Antwort: Freunde, sagt, woher ihr kamt, Von wannen stammet, welche Stadt euch auferzog. Odysseus. Wir sind vom Eiland Ithaka; von Ilion, Das unser Arm zerstörte, kamen wir, Kyklop,.[OCR note; compare the printed page.] Unders: Nachdem wir diese Stadt zerstört, gelangten wir Zu deinem Lande durch das Meer verſtürmt, Kyklop. Compare printed p. 230 An dein Gestade durch des Meeres Wuth versturmt. Der Kyklop. Ihr zogt, zu rächen Helera's, der Schndden, Raub, Zur Nachbarin des Skamandros, ihr zur Troërstadt? Odysseus. Ja, wir; die schweren Mühen überstanden wir. Der Kyklop. Ein schndder Heerzug, einer einzigen Frau zulieb In Schiffen auszuziehen nach der Phryger Land! Odysseus. Ein Gott verhängt' es; keinen Menschen schilt darum. Doch wir zu dir, Herr, flehen wir, dem edlen Sohn Des Meerbeherrschers, sagen frank und ohne Scheu: Nicht morde deine Freunde, die dein Felsenhaus Besuchten, nicht zum Grauelmahle schlachte sie! Denn wir, o Herr, wir haben deinem Vater einst In Hellas' Meeresbuchten Tempelsiz' erbaut. Und unzerstört ist Tanaros' geweihter Port, Der hohe Busen Malea's, der göttlichen Athene silberreicher Fels auf Sunion, Der Ankerplaz von Geråstos; und die schwere Schmach, Verübt an Hellas, schenkten wir den Phrygern nicht: Der Ruhm ist auch der deine, weil du Hellas' Gaun Bewohnst an Aetna's seuersprühendem Felsenhaupt! Nach Menschensitte wende dich zu meinem Flehn, In deinen Schuz nimm arme Schiffbruchleidende, Und gastlich beut uns Gaben, hilf mit Kleidern aus, Und unsre Glieder stecke nicht, gleich Ochsenfleisch, An Spieße, Schlund und Magen dir zu såttigen! Genug bereits hat Troja Hellas' Land verwaist; Es trank das Blut so Vieler, die sein Eisen traf, Entriß den Fraun die Männer, macht' Altmütterchen Und graue Våter kinderlos. Wenn du den Rest Am Feuer röstest und verzehrst als grauses Mahl; Wo soll es dann hinkommen? Folge mir, Kyklop, Gebiete deiner Lüsternheit, zich frommen Sinn Dem gottvergeßnen Frevel vor; denn manchem Mann Hat bose Gier mit schwerer Strafe schon gelohnt. Seilenos. Ich will dir rathen: laß von dieses Mannes Fleisch Nichts ungenossen; speisest du die Zunge weg, So wirst du gar beredsam, gar gewandt, Kyklop. Der Kyklop (zu Odysseus). Reichthum, du Menschlein, Reichthum ist der Weisen Gott, Das Andre Dunst und eitle Wortgebilde nur. Die Meeresfesten, die mein Vater aufgebaut, Die lass ich laufen; was erwähnst du sie mir auch? Mir ist Kronions Donnerkeil nicht schrecklich, Freund, Kein stårkrer Gott auch scheint mir Zeus, als ich, zu sein. Das Andre sind mir Possen nur: das sollst du gleich Vernehmen. Wann er aus den Höhn Plazregen schickt, Beut diese Felsenhöhle mir ein dichtes Dach. Ich brat' ein Kalb mir oder auch ein wildes Thier, Und schmaus es, strecke den Bauch empor, und feucht ihn wohl, Austrinkend einen Eimer Milch, und lärme mit Zeus' Donnern um die Wette, stampsend auf den Grund. Gießt dann der Thraker Boreas uns Schnee herab, So hull' ich warme Pelze mir von Thieren um, Und mache Feuer, und der Schnee - nichts acht' ich ihn. Auch muß das Land mir, woll' es oder woll' es nicht, Gras wachsen lassen, daß die Heerde fetter wird. Die schlacht' ich Keinem, außer mir (den Göttern nicht) Und meinem Bauch hier, aller Götter Könige. Denn voll sich essen jeden Tag, voll trinken sich, Und sich um Nichts abhärmen, das, das ist der Zeus, Den weise Männer chren. Die mit künstlicher Geseze Kram der Menschen Leben buntgefärbt, Die mag der Henker holen! Ich will meinem Sinn, Ohn' abzulassen, gütlich thun, und schmause dich. Und nimm zum Gastgeschenke, daß Niemand mich schilt, Dies Feuer und meines Vaters Kessel hier, worin Ich deine zåhen Knochen schon aussieden will. Nun geht hinein, ihr! Tretet um den heiligen Altar des Hihlengottes, mir ein leckrer Schmaus![OCR note; compare the printed page.] Der Höhlengott, der Bauch. Vgl. V. 334. Compare printed p. 230 (Er geht mit den gefangenen Schiffern in die Höhle.) Odysseus. Ach, ach! Entflohen bin ich wohl des Troërkriegs, Des Meers Gefahren; aber nun an des Frevlers Sinn, Dem Felsenherzen, landet' ich und scheitere! O Pallas, Göttin, Zeusgeborne Königin, Nun, nun errette! Grauser, als vor Ilion, Ist unsre Noth, an Todesabgrund schweben wir. Und du, bewohnend lichter Sterne Siz, o Zeus, Der Gåste Hort, schau dieses! Siehst du solches nicht: Wähnt nur der Thor dich einen Gott, uns bist du Nichts. (Er geht in die Höhle.) Erster Halbchor. Deffne deinen weiten Schlund, Kyklop, Sperr' auf den Rachen; dir bereit und fertig schon Dampft in den Kohlen Gekochtes, Gebratenes: schling' es hinab denn! Und zerleg' und zerhack' und zerbeiße sie, Die Glieder der Fremdlinge, die du Auf zottigem Geisfell niedergestreckt! Bacchos, verlaß mich nicht, Und send' allein du mir allein ein rettend Boot! Zweiter Halbchor. Fahre wohl, du grause Felskluft, fahre hin das Opfermahl, Das Aetna's Sohn, Der wilde Kyklop verschlingt, Der sich selbst an dem Fleische labt Der Fremden, nicht dem Altar es bringt! O grausam ist er, grausam, Der die Fremden schlachtet, die An seinem Haus und Herde Schuz gesucht, Sie zerstückt und zerreißt, Und das Gesottene schmaust mit abscheulichem Zahne, Gekocht auf heißer Kohle, Menschenfleisch! (Odysseus kommt aus der Höhle zurück.) Odysseus. Was sag' ich, Götter? Grauses mußt' ich sehn im Fels;, Unglaublich ist es, Fabeln gleich, nicht Menschenwerk! Chor. Was ist es, Odysseus? Hat der gottvergessene Kyklop die lieben Freunde dir hinabgewürgt? Odysseus. Er faßte zwei in's Auge, wog in den Händen sie, Die stärksten unter allen und genährtesten. Wie habt ihr das erduldet, Unglückseliger? Nachdem wir eingetreten hier im Felsenhous, Entflammt' er erst des Feuers Glut auf breitem Herd, Auf den er hoher Ståmme Last von Eichen warf, So viel sich auf drei Guterwagen laden låßt. Dann nahm er Fichtenblätter und bereitete Auf niedrem Grund ein Lager, nächst der Flamme Glut. Und einen Trinknapf füllt er, der zehn Kannen hielt, Und goß gemelkter Kühe weiße Milch hinein, Stellt einen Epheubecher sich daneben, der Drei Ellen breit schien, aber wohl vier Ellen tief, Und hing den ehernen Kessel über dem Feuer auf, Und spize Pfåhle brannt' er vorn im Feuer hart, Geglåttet wohl mit der Sense, doch aus Dornenholz, Gehaun am Aetnaberge dort mit scharfem Beil. Drauf, als der gottverhaßte Koch der Unterwelt Gerüstet Alles, packt' er mir und mordete Zwei meiner Fahrtgenossen mit gewandter Faust; Er warf den einen in des Kessels eh'rnen Schlund, Den andern wieder faßt' er hoch am Fußgelenk, Und schmettert' ihn an eines Felsen spizen Zahn, Daß ihm das Hirn versprůzte, nahm sein grauses Beil, Und schlug das Fleisch herunter, briet am Feuer es, Warf andres, um es zu kochen, in des Kessels Bauch. Ich weinte helle Zähren, ich Unseliger, Und schaltet' um den Kyklopen, und bedient' ihn rasch; Die Andern hielten, Vögeln gleich, sich bang versteckt In Felsenlöchern, todesblaß im scheuen Blick. Nun, als er meiner Freunde gnug hinabgewürgt, Und ekle Luft ausathmend auf den Rücken fiel, Gab eine Gottheit mir es ein: mit reinem Trank Des Maron füll' ich einen Napf, und bring' es ihm, Und spreche: „Du, des Meerbeherrschers Sohn, Kyklop, Hier siehe, welchen Göttertrank Hellenenland Aus Rebenblut bereitet, des Dionysos Lust!" Er, übersatt vom schauervollen Menschenmahl, Ergreift und ziehend schlurft er ihn mit Einmal aus, Und hebt die Hand, und schmunzelt: „Bester fremder Mann, Wohl schönen Trank zu schönem Mahle beutst du da!" Sobald ich merkte, daß der Trank ihn hoch erfreut, Bot ich den zweiten Becher ihm; mir ahnte, daß Ihn bald der Wein verderben, daß er büßen wird. Und schon zu singen hob er an; ich aber goß Ihm Becher ein auf Becher, und berauscht ihn ganz. Er singt und johlt, indessen meine Gefährten laut Aufheulen, daß die Höhle drohnt. Ich schlupfte still Hinaus, und will euch retten, wenn ihr wollt, und mich. So sprechet: wollt ihr oder wollt ihr nicht entfliehn Dem Mann, dem ungeschlachten, und um Bacchios' Altare wohnen, froh Najaden zugesellt? Dein Vater drinnen stimmt damit vollkommen ein. Doch - alterschwach ist dieser, ist betaubt vom Trank, Und zappelnd hångt er am Becher, wie an Vogelleim, Und senkt die Flügel. Aber du bist Jungling noch; Drum rette dich mit mir, und deinen alten Freund, Der kein Kyklop, den Bacchos, such' ihn wieder auf. Chor. mein Geliebter, daß ich såhe diesen Tag, Da wir des Kyklopen gottvergeßnem Haupt entfliehn! Denn lange her schon ist es, daß der Becher mir, Der holde, fehlt, und jenem kann ich nicht entfliehn. Odysseus. Vernimm denn, welche Strafe wir dem Ungethum Erdacht, und wie du fliehen magst aus deiner Haft. Chor. Sprich! Asiatischer Cithern Laut vernahm' ich nicht Freudvoller, als des Ungeheuers Untergang. Odysseus. Zu seinen Brüdern will er gehn, den Kyklopen, sie[OCR note; compare the printed page.] Anders : Zu seinen Brüdern will er gehn, den Kyklopen, will Mit ihnen schmausen, dieses bacchischen Trankes froh. Compare printed p. 230 Bewirthen, hoch mit seinem Bacchostrank vergnügt. Chor. Ich merke: draußen denkt ihr ihn in Waldesnacht Zu morden, oder stürzet ihn vom Fels hinab. Odysseus. O, nichts dergleichen; schlauer hab' ich's ausgedacht. Chor. Wie denn? Als klug, Herr, rühmt man dich uns lange schon. Odysseus. Ich rathe diesen Gang ihm ab, und stell' ihm vor: Kyklopen soll er diesen Wein nicht schenken, nein, Ihn selbst allein behaltend sich des Lebens freun. Doch wann er schlaft, von Bacchos überwältiget: Dann ist im Haus hier eines Delbaums Ast, und den Hau' ich mit diesem Schwert herab, und spiz' ihn zu, Leg' ihn in's Feuer, und sobald er angebrannt, Ergreif und stoß' ich gluhend ihn dem Kyklopen in's Gesicht, und brenn' ihm mitten aus des Auges Licht. Gleichwie der Zimmrer, der ein Schiff zusammenfügt, Den Bohrer tuchtig an den zwei Handhaben dreht, So dreh' ich meinen Balken um im leuchtenden Kyklopenauge, bis der Stern vertrocknet ist. Juchhei! Juchhei! Chor. Wir sind entzuckt, wir rasen! Wie fein ausgedacht! Odysseus. Dann bring' ich euch und die Freunde samt dem Alten dort In meines dunkeln Schiffes weit gewölbten Bauch, Und Doppelruder tragen euch aus diesem Land. Chor. Sprich, kann ich nicht auch, dir gesellt in heiligem Bündniß, den Baumast, der das Aug' ihm blenden soll, Anfassen? Gerne nåhm' ich Theil am blut'gen Werk. Odysseus. Auch sollst du dieses; denn der Ast ist übergroß. Chor. Die Last von hundert Wagen hob' ich, traun, empor, Wenn ich dem Kyklopen, der mir schlimm verderben soll, Ausbrennen kann sein Auge, wie ein Wespennest. Odysseus. So schweiget alle, (denn ihr kennt nun meine List,) Und wann ich euch gebiete, folgt des Meisters Wort. Denn nicht verlassen will ich, die da drinnen sind, Die Freunde, mag nicht ohne sie gerettet sein. Wohl könnt' ich fliehen, bin zur Höhle schon heraus; Doch wär' es unrecht, wollt' ich sie, mit welchen ich Hieher gekommen, lassen, und allein entfliehn. Erster Halbchor. Wohlauf, wer stellt sich voran? Wer folgt Auf den Ersten sofort, und ergreift das Gebålk, Und bohrt dem Kyklopen in's Aug' es hinein, Und zerschmettert den funkelnden Stern ihm? (Man hört Gesang aus der Höhle.) Zweiter Halb chor. Sei still, sei still! Da kommt er berauscht, Mistönigen Laut, reizlosen Gesang Anstimmend, hervor aus dem Felsengemach; Bald wird er mir jammern und heulen. Wohlan, er lerne von uns den Gesang, Den er nimmer gelernt! Durchaus, ha! muß er erblinden! Strophe. Der ganze Chor. O Beglückter, der mit Jubeln An dem holden Quell der Trauben, Zu dem Festgelag sich ausstreckt, Den Geliebten froh im Arm hålt, Und im Lager hålt die Traute, Die Geliebt' am blonden Haupthaar, Und von Del duftend die Locken, An der Thür' harrt und hineinrust: „Wer macht auf?" (der aus der Höhle herausgetreten). Erste Gegenstrophe. Der Kyklop Lalalah! Ich bin von Wein voll, Und genoß des schönsten Mahles, Bin befrachtet, gleich dem Lastschiff, Bis hinauf zum Bauchverdecke. Mich verlockt der Wiese Prangen In des Lenzes Grün zum Schmause, Zu der Sippschaft der Kyklopen. O so gib, Fremdling, den Schlauch her, schenke mir ein! Zweite Gegenstrophe. Chor. Aus der Liebesgrotte naht er Mit verzücktem Liebesblicke; O, mich liebt ein schöner Jüngling![OCR note; compare the printed page.] L. καλὸς ὢν, φιλεῖ τις ἡμᾶς. Compare printed p. 230 Das entflammte Feuer soll dich, Wie der Kuß der zarten Jungfrau, In dem Thau der Grotte laben, Und ein buntfarbiger Kranz schlingt Um das Haupt dir, um die Schlafe sich sofort. Odysseus. Kyklop, vernimm nun; denn genau bin ich bekannt Mit diesem Bacchos, den ich dir zu trinken gab. Der Kyklop. Der Bacchios - fur welche Gottheit hålt man ihn? Odysseus. Der Freuden größte spendet er den Sterblichen. Der Kyklop. Ach ja! So lieblich kommt er mir den Schlund herauf.[OCR note; compare the printed page.] Unders: Ach ja! So lieblich ſtößt er mir im Gaumen auf. Compare printed p. 230 Odysseus. Ein solcher Gott ist's; keinem Menschen thut er weh. Der Kyklop. Wie mag der Gott denn gern' in einem Schlauche sein? Odysseus. Du magst ihn hinthun, wo du willst, da wohnt er gern. Der Kyklop. Dem Gotte ziemt nicht, daß er wohn' in einem Fell. Odysseus. Wie? Wenn's Genuß bringt, ist das Fell dir unbequem? Der Kyklop. Die Schlauche hass ich; doch den Trank da lieb' ich wohl. Odysseus. So bleibe hier, und trinke wohlgemuth, Kyklop. Der Kyklop. Und meinen Brüdern spend' ich nicht von diesem Trank? Odysseus. Mehr Ehre hast du, wenn du ihn für dich behåltst. Der Kyklop. und mehr Gemeinsinn, theil' ich ihn den Freunden mit. Odysseus. Schmachworte, Schläge, Zankerein gebiert der Schmaus. Der Kyklop. Ich zeche, dennoch legt an mich kein Mensch die Hand. Odysseus. Wer wohl gezecht hat, muß im Hause bleiben, Freund. Der Kyklop. Ein blinder Thor ist, wer bezecht nicht lustig wird. Odysseus. Und weise, wer im Rausche fein zu Hause bleibt. Der Kyklop. Was thun, Seilenos? Råthst du mir zu bleiben, Freund?[OCR note; compare the printed page.] Unders: Was soll ich thun, Seilenos? Bleib' ich lieber hier? Compare printed p. 230 Seilenos. Gewiß; wozu bedarf es andrer Gåste noch? Der Kyklop. Wohl bluht, von jungem Rasen rings umgrünt, die Flur. Seilenos. Und bei der Sonnenwärme trinkt es sich so schon: Drum auf den Boden strecke dich und ruhe mir. Gut! Der Kyklop. Was stellst du doch den Becher hinter mich, o Freund? Seilenos. Daß Keiner ihn wegnehme. Der Kyklop. Nein, du selber willst Ihn heimlich trinken; sez' ihn nur in die Mitte da. Du, Fremder, sage, wie man dich bei Namen nennt. Odysseus. „Niemand." Doch spåter welche Gunst erzeigst du mir? Der Kyklop. Von deinen Freunden allen schmaus ich dich zulezt. Odysseus. Du bietest mir ein schönes Gastgeschenk, Kyklop. (zu Seilenos.) Der Kyklop Du, was beginnst du? Heimlich trinkst du den Wein mir Seilenos. aus. Nein; weil ich freundlich blickte, hat er mich geküßt. Der Kyklop. Daß dich -! Den Wein wohl kußtest du, nicht dieser dich. Seilenos. Bei Zeus, er sagt, er liebe mich, ich sei so schon. Der Kyklop. Schenk' ein; und gib den Becher mir nur tüchtig voll. Seilenos. Wie soll ich ihn denn mischen? Ueberlegen wir's! Der Kyklop. Du Schwazer! Gib so![OCR note; compare the printed page.] Gib so, ohne Wasser zuzugießen. Compare printed p. 230 Seilenos. Nein, fürwahr, nicht eher, als Du dir das Haupt bekränztest und ich kostete. Der Kyklop. Verwunschter Mundschenk! Seilenos. Wahrlich, süß ist dieser Wein! Nur erst den Mund gesäubert, eh du den Becher nimmst! Der Kyklop. Sieh! Sauber sind die Lippen, auch mein Bart ist rein. Seilenos. Nun lege zierlich deinen Arm, und trinke dann, Sowie du mich siehst trinken und (Er deutet auf einen Satyr, der auch heimlich von dem Wein kostet) nicht mich. Der Kyklop. Aha! Was machst du? Seilenos. Weidlich trank ich aus, es schmeckte mir. Der Kyklop. Da nimm, o Fremdling, schenke du mir selber ein. Odysseus. Die Rebe, traun, ist meinen Hånden wohlbekannt. Auf, eingeschenkt! Ich thu' es; aber schweige nur. Der Kyklop. Ein schweres Ding das, wenn man viel getrunken hat. Odysseus. Da hast du, nimm und trinke, laß nichts übrig drin. Fortziehen muß man, bis man stirbt, an solchem Trank. Der Kyklop. Juchhei! Gescheit doch ist das Holz des Rebenbaums. Odysseus. Und wenn du reichlich zogest auf ein reichlich Mahl, Auch durstlos dich befeuchtend, schlässt du selig ein; Doch, låssest du was übrig, dörrt dich Bacchios. Hoho! Lalah! Der Kyklop. Kaum schwamm ich durch; das nenn' ich lautre Seligkeit! Mir ist, als ob der Himmel sich in Einem Kreis Verbunden drehte mit der Erd'; ich sehe Zeus' Lichtthron und aller Götter reine Glorie. Nicht küssen mag ich; lasset mich, ihr Chariten! Mir gnügt an dem Ganymedes, bei den Chariten, Das schönste Kerlchen! Mehr gefällt ein hübsches Kind Mit einem Bart mir, als ein Mädchenangesicht. Seilenos. Ich bin des Zeus Ganymedes, meinst du wohl, Kyklop? Der Kyklop. Den ich dem Hause Dardanos' entführen muß. Seilenos. Helst, meine Kinder! Schmählich wird mir mitgespielt! Chor. Du schiltst und höhnst den Liebling, weil er sich bezecht? Seilenos. Weh! Bald empfind' ich dieses Trankes Bitterkeit! (Der Kyklop schleppt ihn taumelnd in die Höhle.) Odysseus. Wohlan, ihr Söhne des Bacchos, edle Junglinge! Nun ist er innen; bald vom Schlaf gebunden wird Er Menschenfleisch aus grausenvollem Schlunde spein. Der Stamm im Felsgewölbe dampft Rauchwirbel auf; Und weiter Nichts ist übrig, als des Auges Stern Dem Kyklopen auszubrennen; drum sei nur ein Mann. Chor. Diamantensinn und Felsenstärke haben wir. Doch geh' hinein jezt, ehe Schmach den Vater trifft;[OCR note; compare the printed page.] den Vater, den Seilenos. Compare printed p. 230 Wir sind zu jedem Dienste dir nach Wunsch bereit. Odysseus. Hephastos, Aetna's Herrscher, nun entaußre dich Des bösen Nachbars, brenn' ihm aus des Auges Stern! Du, Gott des Schlummers, Ausgeburt der düstern Nacht, Fall' auf das gottverhaßte Thier mit ganzer Macht, Und laßt Odysseus, der mit Ruhm den Troërkrieg Durchkämpft, und seine Schiffer doch nicht untergehn Durch Einen, dem Nichts Götter, Nichts die Menschen sind! Sonst gilt der Zufall uns allein als achter Gott, Und Göttermacht ist schwacher, als das Ungefähr. (Er geht in die Höhle.) Fassen wird ohne Rast Chor. Das Eisen nun des Mannes Hals, der die Gastfreunde verschlingt: In der Flamm' erlischt ihm des Auges lichter Stern. Schon zur Kohle ward der Stamm; versteckt Liegt in der Asche bereits der gewaltige. Baumast. Komm denn, Maron, komm! Wuthentbrannt schaffe dein Werk! Blende den Stern im Kyklopenauge, Daß der Trank ihm schlecht bekomme! Auch ich michte den epheutragenden Gott, Den holden Bromios, wiedersehn, Und aus der Wüste des Kyklopen fliehn. Ach, wird mir je dies Glück zu Theil? (kommt eilig aus der Höhle hervor). Odysseus Um aller Götter willen schweigt, ihr Bestien, Seid ruhig, beißt in die Lippen! Nicht laut athmen mir, Nicht blinzeln, euch nicht rauspern dürft ihr mehr, damit Das Ungeheuer nicht erwacht, bevor wir ihm Den Strahl des Auges ausgeloscht in unsrer Glut. Chor. Wir schweigen, schlucken durch den Mund die Luft hinab.[OCR note; compare the printed page.] ihr Bestien. Die Satyrn wurden mit Bocksfüßen gebildet. Compare printed p. 230 Odysseus. Auf nun, hinein geht eilig, faßt des Baumes Stamm Mit beiden Hånden; wacker ist er durchgegluht. Chor. Bestelle du nun, wer den angebrannten Kloz Zuerst ergreifen und das Aug' ausbrennen soll Dem Ungeheuer, daß auch ich theilnehm' am Werk. Erster Halbchor. Wir stehn ein wenig allzuweit von der Thüre fern; Den Brand in's Auge stoßen wir ihm nimmermehr. Zweiter Halbchor. Und wir, wir wurden plozlich lahm im Augenblick. Erster Halbchor. Dann geht es euch gerade sowie mir: im Stehn Verrenkten wir die Füße, wissen nicht wovon. Odysseus. Im Stehen habt ihr euch verrenkt? Erster Halbchor. Und die Augen sind Uns voll von Staub und Asche, wissen nicht woher. Odysseus. Ihr feigen Kerle seid zu gar nichts nůze mir! Der ganze Chor. Herr, unser Rückgrad, unser Buckel dauert uns; Wir möchten unsre Zähne nicht mit Stoßen uns Einschlagen lassen: dieses nennst du feigen Sinn? Doch ist von Orpheus mir bekannt ein Zauberlied, Bei dessen Tönen ihm der Pfahl von selbst in's Hirn Einfährt, und diesen Erdensohn in Flammen sezt.[OCR note; compare the printed page.] Einen Sohn der Erde nennt Odysseus den Polyphemos, weil er ein Feind der Götter ist, wie die Giganten, die von dieser Göttin abstammten. Compare printed p. 230 Odysseus. Schon lange wußt' ich, daß du so geartet bist; Nun weiß ich's besser. Meine Freunde muß ich denn Zu Hülfe rufen. Wenn du nichts mit deiner Hand Vermagst, so brauche deine Zunge doch, damit Durch deinen Zuruf meine Schaar ermuthigt wird. (Er geht in die Höhle.) Chor. Ganz wohl! Ich will der König, ihr die Bauern sein! Durch meinen Zuruf werde blind das Ungethum! Wohlan, wohlan, stoßt wacker auf ihn, zögert nicht, Brennet des Auges Licht ihm aus, dem gåsteverschlingenden Räuchert ihn, brennet ihn, Unthier! Den Aetnaſchäfer; in's Auge bohrt, Schleift ihn, daß er, wuthend von Schmerz, euch nicht schmåhlich bezahle! Odysseus (mit den Seinigen aus der Höhle stürzend). Der Kyklop. Der Chor. (noch in der Höhle). Der Kyklop Weh, weh! Der Strahl des Auges ist uns ausgebrannt! Chor. Ein schöner Påan! Singe so mir fort, Kyklop! Der Kyklop. Weh! Wie bin ich mißhandelt! Ich Verlorener! Doch sollt ihr lachend nicht entfliehn aus dieser Klust, Ihr Laugenichtse! Denn ich stehe hier am Thor Des Schlundes, beide Hånde streck' ich aus nach euch! (Er tritt vollends aus der Höhle heraus.) Chor. Weßwegen schreist du denn, Kyklop? Ich bin dahin! Elend ja siehst du! Der Kyklop. Und ich bin's auch obendrein. Chor. Betrunken fielst du mitten in die Kohlenglut? „Niemand" erschlug mich. Also that dir Keiner weh. Der Kyklop. Mich blendet „Niemand." Chor. Also blind, Herr, bist du nicht. O wårest du's! Wie kann dich Niemand blenden? Der Kyklop. Du spottest? Wo ist „Niemand"? Pah! Nirgendwo, Kyklop. Der Fremde, daß du mich recht verstehst, hat mir's gethan, Der Schurke, der mit seinem Tranke mich verdarb. Chor. Ja, machtig, schwerbezwingbar ist des Weins Gewalt. Der Kyklop. Sprich, flohn sie? Oder sind sie noch im Felsenhaus? Chor. Sie stehen schweigend hinter jener schattigen Felswand verborgen. Der Kyklop. Sage, Freund: zu welcher Hand? Chor. Zu deiner Rechten. Der Kyklop. Wo? Chor. Gerad' am Felsen hier. Vorwärts! Der Kyklop. O weh! Schmerz über Schmerz! Den Kopf zerstieß Ich mir an den Steinen. Chor. Und sie fliehn vor dir davon. Der Kyklop. Doch hier nicht? Denn du sagtest hier. Hier denn? Chor. Dort sag' ich nicht. Weh! Sie schleichen jezt um dich zur linken Hand. Der Kyklop. Du spottest meiner, du verlachst im Jammer mich. Chor. Ich spotte nicht mehr; doch der „Niemand" steht vor dir. (umhertappend) Der Kyklop. Nichtswürdiger, wo, wo bist du? Odysseus. Weit von dir entfernt Steht hier Odysseus, und von Wachen wohlgeschirmt. Der Kyklop. Wie sagtest du? Welch neuen Namen nennst du da? Odysseus. Ich heiß' Odysseus, wie mein Vater mich genannt. Du solltest heut' abbůßen dein verruchtes Mahl! Denn, traun, mit Schande brannt' ich Troja's Burg in Schutt, Hatt' ich an dir nicht meiner Freunde Mord gericht. Der Kyklop. Ach, ach! Ein alter Gottesspruch erfüllt sich nun. Durch dich geblendet würden wir, verkundet' er, Wenn du von Troja kehrtest. Doch auch dir verhieß Der Spruch, du würdest büßen einst für diese That, Und lange Zeit umtreiben auf der hohen See. Odysseus. Verdirb, du Scheusal! Doch bewirkt' ich dieses schon. Ich gehe nun an's Ufer, und Sikelia's Meerwogen theilend, schiffs' ich heim in's Vaterland. Der Kyklop. Nein, wahrlich! Denn ich breche diesen Felsen ab, Und schmettre dich samt deiner Schiffsmannschaft in Grund. Empor die Berghohn steig' ich, ob erblindet auch, Und klettre hier den durchgehdhlten Fels hinauf. Chor. Und wir, Odysseus zugesellt auf dieser Fahrt, Wir zollen fortan Preis und Dank dem Bacchios.