Hecuba — Donner (1841), OCR review edition Euripides Johann Jakob Christian Donner OCR source collation, conservative repairs and citation alignment Editorial processing with Codex

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Euripides. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift von J. J. C. Donner. Volume 1. Heidelberg: C. F. Winter, 1841. Harvard supplied OCR, H12; running-text copy text. Independent BSB copy, page-coordinate OCR and facsimiles; used to check layout and notes.BSB digitization Source reviews and editorial inventory

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Der Geist des Polydoros. Dem Thal der Todten und dem Thor der Finsterniß,OCR review edition. D. citations belong to Donner; u marks unresolved verse division. Sources, repairs and unattributed notesDonner’s metrical analyses and notes: page facsimiles Wo fern den Göttern Hades wohnt, entwandert' ich Polydoros, Sohn des Priamos und Hekabe's, Der Tochter Kisseus'. Als Gefahr die PhrygerstadtDie Phrygerstadt ist Ilion oder Troja. Compare printed p. 57 Umfing, zu fallen durch den Speer von Hellas Volk; Da sandte fürchtend Priamos von Troja mich Zu Polymestor, seinem Freund in Thrakia, Der hier des Chersonesos beste Flur bestellt,L. ὅς τὴν δ᾽ ἀρίστην Χ. π. Compare printed p. 57 Und mit dem Speer ein roſſeliebend Volk regirt. Auch viel des Goldes sandt' er ingeheim mit mir, Daß, wenn die Mauern Ilions hinsånken einst, Nicht darbten seine Kinder, die noch übrig sei'n. Ich war der Söhne jungster; drum entsandt' er auch Mich aus dem Lande: weder Schild noch Lanze ja zu führen taugt ich Knabe schon mit meinem Arm. So lange Troja's Mauer ungebrochen stand, Und unzertrümmert seine Thurm' aushielten, auch Mein Bruder Hektor glücklich rang im Speereskampf, Erwuchs ich bei des Vaters Freund, dem Thrakier, Ich Armer, wie des Baumes Sproß, liebreich gepflegt. Doch als die Zinnen Ilions, als Hektor auch Gefallen, meines Vaters Heerd zertrummert ward, Er selbst am gottgeweihten Hochaltare sank, Vom Sohn' Achilleus' hingewürgt in grausem Mord: Erschlug des Goldes halber mich Unseligen Der Freund des Vaters, und versenkt in Meeresflut Den Todten, daß er selber Herr des Goldes sei. Am Ufer lieg' ich, unbestattet, unbeweint, Bald treib' ich hoch auf wildem Meer, umhergewogt Vom Wellenstrudel: nun verließ ich meinen Leib, Der Mutter wegen wandl' ich um, der Hekabe, Und hebe mich zum Lichte schon den dritten Tag, Seitdem die theure Mutter (unglückselig Loos!) Auf diesem Insellande weilt, von Troja fern. In Ruhe sikt, am Strande dieser Thrakerflur, Bei seinen Schiffen alles Volk der Danaër: Denn über seinem Grab' erschien der Thetis Sohn, Der Fürst Achilleus, hielt Achaia's Heer zurück, Das nach der Heimat schon die Meeresruder schwang; Und meine Schwester fodert er, Polyxena, Als theures Grabesopfer sich, als Ehrenlohn. Und dieses wird ihm werden, und nicht ungeehrt Von seinen Freunden bleibt er: denn das Schicksal will, Daß meine Schwester sterben soll an diesem Tag. Der beiden Kinder Leichen wird sie beide sehn, Die Mutter, meinen und der armen Schwester Leib: Denn daß ein Grab mir werde, zeig ich Armer mich Vor einer Sklavinn Füßen auf des Meeres Strand. Von Jenen drunten hab' ich mir ein Grab erfleht, Und daß der Mutter treue Hand mich finden mag. So werd' ich denn erlangen, was ich wunschte. Doch Der greisen Hekabe will ich aus dem Wege gehn: Aus Agamemnons Zelte sezt sie dort den Fuß, Von meiner nächtlichen Luftgestalt herausgeschreckt. Weh! O Mutter, die du, scheidend aus der Königsburg, Den Tag der Knechtschaft sahest, ungluckselig nun, Wie früher glucklich! Dein dahingeschwundnes Glück Ausgleichend, stürzte dich ein Gott in's Ungemach. (Er verschwindet.) Hekabe. Führt, troische Jungfraun, führt mich hinaus, Mich Greisinn; euere Mitsklavinn, Einst euere Herrinn, richtet empor! Fast, traget mich, leitet mich, hebet mich auf, Und greift an dem zitternden Arme mich an: Und Ich, dem gebogenen Stabe die Hand Aufstüzend, ich sez', ob langsam auch, Vorschreitend, den Fuß in Bewegung. Strahlen des Zeus! D düstere Nacht! Was schreckst du mich, nachtliches Graunbild, Von dem Lager empor? Erd', heilige Macht, Die schwarzbeflügelte Träume gebiert! Weg, weg, ihr Gesichte der Nächte, Die vor die Seele den Sohn, den Thrakia schůzend geborgen, Und der geliebtesten Tochter Polyxena Bild mir gezaubert; Ich sah's, ich erkannt' es, das Schreckensgesicht!L. φοβερὰν ὄψιν ἔμαθον, ἐδάην. Das doppelte εἶδον ist wohl Erklärung zu ἔμαθον und ἐδάην. Compare printed p. 57 Ihr Götter der Heimat, rettet den Sohn, Der, meinem Geschlecht noch ein Anker allein,L. ἄγκυρ᾽ ἔτ᾽ ἐμῶν. Compare printed p. 57 Auf schneeigem Thrakergefilde verweilt In der Obhut unseres Gastfreunds! Unerwartetes droht! Mir Jammernden naht ein Jammergesang! Nie schauderte, bangte zuvor mein Herz So unruhvoll. Wo sind' ich Helenos' göttlichen Geist, Kassandra's Geist, ihr troischen Fraun, Daß diese mir deuten das Traumbild? Einen gesprenkelten Hirsch von blutiger Klaue des Wolfes Sah ich zerfleischt, und kläglich vom Schooß mit Gewalt mir entrissen. Und auch dieses erweckt mir Angst: Die Gestalt des Achilleus wurde gesehn Hoch über der Gruft, Und fodert sich eine von Troja's Fraun Als Ehrengeschenk. Wehrt ab, ihr Götter, o wehrt die Gefahr Von meiner Polyxena, fleh' ich! Chor. Ich zögerte nicht und eilte zu dir Von des Königes Zelt, o Hekabe, her, Dem mich als Sklavinn herrisch das Loos Butheilte, nachdem mich SpeeresgewaltIn der Uebersezung ist λόγχης αἰχμῇ mit ἀπελαυνομένη verbunden. Compare printed p. 57 Aus Troja's Veste verjagt, nachdem Mich Hellas Lanzen erbeutet. Ich kann es von dir nicht nehmen, das Leid; Schwer lastet die Botschaft, Weib, auf mir; Ich muß Heroldinn des Grams dir sein. Der versammelte Rath der Achåer beschloß, Dem Achilleus (wie man erzählt) dein Kind Als Opfer zu weih'n: du weißt, er erschien Auf ragendem Grab in der goldenen Wehr, Und hielt die enteilenden Schiffe zurück, Da schon an den Taun sich die Segel gebläht, Laut rufend das Wort: Wo schifft ihr Danaër hin, und verlaßt Mein Grab ohn' ehrendes Opfer? Und vielfach wogend erbrauste der Kampf; Zwiefältige Meinung theilte des Volks Speerkundiges Heer: Die stimmten dafür, Zu willfahren dem Wort, und Jenen missiel's. Agamemnon, der die Prophetinn sichDie Prophetinn ist Kassandra, Tochter der Hekabe. Compare printed p. 57 Zur Geliebten erkor, war eifrig bemüht, Zu retten dein Kind. Doch Theseus' Söhne, die Sprößling' Athens,Des Theseus Söhne - Akamas und Demophon. Compare printed p. 57 Sie erhoben im Heer ein zwiefach Wort, Und stimmten vereint in den Vorschlag ein: Des Achilleus Grab zu bekränzen mit Blut, Mit der Jungfrau Blut; denn niemals sei, So sagten sie, über Achilleus' Speer Kassandra's Liebe zu sezen. Und der Streitenden Muth war dort und hier Gleich heftig entbrannt, bis Lartios' Sohn,Lartios, andere Form des Namens Laërtes. Lartios' Sohn ist Odysseus. Compare printed p. 57 Der verschlagene Schalk und Schmeichler des Volks Mit dem süßen Geschwaz, anmahnte das Speer, Nicht also den Besten des Danaërstamms zu verschmah'n um einer Gefangenen Blut, Daß nicht ein Gestorbener klag' in dem Haus Persephone's dort, Daß Danaër, Danaërn undankbar, Die Hellas Volk sich geopfert im Tod, Aus Troja's Fluren enteilten. Gleich wird er erscheinen, Laërtes' Sohn, Und reist von dem Busen die Jungfrau dir, Und stürmt sie hinweg aus dem zitternden Arm. Zu den Tempeln hinan, zu dem Opferaltar Geh', flehend umschling' Agamemnon's Knie, Und rufe die Macht' in des Hades Nacht, Und die Himmlischen an! Dein Beten ja wehrt vielleicht den Verlust Des bejammerungswürdigen Kindes dir ab; Sonst mußt du die Jungfrau sehn, wie dahin Aus's Grab sie sinkt, umflossen von Blut, Das dunkel entquillt Aus goldumfunkeltem Halse. Hekabe. Ich Elende, weh! Was heb' ich an, Welch klagenden Ruf? Welch Jammergeschrei? Weh, unglückseliges Alter! Wie hart Druckt auf mein Alter die Knechtschaft! Nicht mehr zu ertragen! D weh mir! Wer steht mir bei? Welch Menschengeschlecht? Wo fånd' ich die Stadt? Todt ist mein Gatte, die Sohne sind todt! Wo wander' ich hin? Wo ruh' ich aus? Hierhin? dorthin? Wo wird mich ein Gott, Ach, oder ein Damon erretten? Ihr troischen Jungfraun, die ihr die Schmach, Die so bittere Schmach verkundiget habt, Ich sterb', ich sterbe! Das Leben im Licht, Mich reizt es nimmermehr. Mein unglückseliger Fuß, trag' hin, Trag' hin zu dem Zelte mich dort, Mich zitternde Greisinn! Komm, o Kind Der bejammerungswürdigsten Mutter, o komm Aus deiner Behausung! Hör', o Kind, Mein Rufen, damit du es wissest, Welch herbes Gerücht Ich eben von dir, o Geliebte, gehört! Polyxena. Was rufst du mir, ach? Was meldest du mir, Theuerste, daß, wie der Vogel, du mich Voll Angst und Schrecken hervorscheuchst? Hekabe. Weh, weh mir, o Kind! Polyxena. Was jammerst du? Traurig beginnst du mir da. Hekabe. Dein Leben, o Kind Polyxena. Sprich offen es aus, nicht lange verbirg's! Wie faßt, o Mutter, wie fast mich die Angst! Warum seufzest du? Hekabe. Mein Kind, der Unglückseligen Kind! Polyxena. Was meldest du mir? Hekabe. Der gemeinsame Schluß der Argeier Stimmt ein, dich auf des Achilleus Grab Zu opfern, o Tochter. Polyxena. Weh, weh! Du meldest, o Mutter, Unermeßliches Leid: o verkundige mir's, verkünde mir Alles! Hekabe. Ich melde dir, Kind, das entsezliche Wort: Der vereinigte Rath des achaischen Heers Hat heute den Tod dir, Tochter, bestimmt. Polyxena. Ungluckliche, die so Schweres erfuhr, Der endlos Leid ihr Leben verzehrt, Welch unaussprechliche, bittere Schmach Hat wieder ein Dämon dir, Mutter, gesendet? Dein Kind ist nicht mehr: nicht mehr soll Ich, o Greisinn, dir in der Knechtschaft, ach! Mitdulderinn sein. Wie das Reh, wie das bergdurchweidende Rind, So wirst du, Unglückselige, mich Unselige dir aus den Armen geraubt Seh'n, und vom Stahle durchbohrt, in die Nacht Niedergesandt, in die Wohnung des Aides, wo ich, ach! Bei den Todten ruhen soll. Dein Unglück, Mutter, bewein' ich allein mit klagenden Tonen der Trauer; Um mich, mein Leid, mein schmåhliches Loos Jammer' ich nicht: von allen Geschicken Ist das erwünschteste, beste der Tod mir. Chor. Sieh dort! Odysseus kommt heran mit raschem Schritt, Ein neues Wort dir anzukünden, Hekabe. Odysseus. Ich glaube, Frau, schon weißt du, was das Heer beschloß, Und welche Meinung siegte; dennoch sag' ich es. Das Volk Achaia's fand genehm, Polyxena, Dein Kind, zu opfern auf Achilleus' hoher Gruft. Mich haben sie zum Führer und Begleiter ihr Erkoren; als Vollstrecker dieser Opferung, Als Opferpriester ist Achilleus' Sohn bestellt. Was du zu thun hast, weißt du: laß von Troz dich nicht Fortreißen, noch erhebe wider mich den Kampf; Die Macht erkenn' und deines Unglücks Gegenwart: Das Rechte sieht ein Weiser auch im Ungemach. Hekabe. Weh, weh mir! Große Kampfesnoth steht uns bevor, (Ich ahn' es,) schwer von Seufzern und nicht thrånenleer. Nicht sterben durft' ich, wo der Tod mir besser war; Zeus hat mich nicht getodtet, er bewahrt mich auf, Damit ich andres, grofres Leid noch schauen soll. Doch, steht es einem Sklaven zu, den freien Mann Etwas zu fragen, was das Herz ihm nicht betrübt, Ihn nicht verwundet, ziemt es wohl zu schweigen dir, Und mich zu hören, welche das dich fragen will. Odysseus. Du darfst es, frage; gern ja gonn' ich dir die Zeit. Hekabe. Als Spåher kamst du (weißt du noch?) nach Ilion, Entstellt, in schlechten Kleidern; und es rieselten Vom Auge Tropfen Blutes dir zum Kinn hinab. Odysseus. Ich weiß; das Herz berührt' es mir nicht obenhin. Hekabe. Dich kannte Helena; mir allein entdeckte sie's. Odysseus. Noch denk' ich dessen: große Noth umschwebte mich. Hekabe. Demüthig wohl umfingst du meine Kniee da. Odysseus. So daß in deinen Kleidern mir die Hand erstarb. Hekabe. Wie sprachst du damals, als du, Herr, mein Sklave warst? Odysseus, Viel Wort' erfand ich, abzuwehren meinen Tod. Hekabe. War Ich es, die dich rettet', aus dem Lande ließ? Odysseus. So daß ich dieser Sonne Licht noch schauen darf. Hekabe. Erscheinst du nun nicht bose durch dein jezig Thun? Von mir empfingst du, was du sagst, und thust an mir Nichts Gutes, sondern Uebles nur, so viel du kannst! Ihr Brut von Undankbaren, die nach Ehre jagt Im Rath des Volkes! Hått ich euch doch nie gekannt, Die Nichts es achten, Freunden Böses anzuthun, Wenn ihr der Menge sagen könnt ein Schmeichelwort! Doch welchen Trugschluß haben sie denn ausgedacht, Daß über meine Tochter Tod beschlossen ward? Hat denn die Noth euch Menschenmord zur Pflicht gemacht, Da mehr ein Stieresopfer auf dem Grabe ziemt? Und lenkt' Achilleus wider sie mit Recht den Mord, Indem er tödten wollte, die ihn tödteten? Hat doch die Jungfrau nie ein Leid ihm angethan. Als Opfer fodern mußt er sich die Helena: Denn diese führt ihn seinem Tod in Troja zu. Und wenn ein auserles'nes Weib ihm fallen soll, Ein ausgezeichnet schones, gilt uns dieses nicht; Die Tyndaride geht an Reiz uns allen vor, Und minder schuldig ward sie nicht, als wir, erkannt. Mit solchen Worten kamps ich, wie das Recht mich heißt: Doch was du, wenn ich's fodre, mir vergelten mußt, Vernimm! Du fastest, wie du sagst, mir meine Hand, Berührtest niederfallend mir das greise Kinn: Gleich so beruhr' ich jezo Kinn und Hände dir, Und gleiche Wohlthat fodr' ich mir, und bitte dich: Nicht aus den Armen raube mir mein Kind hinweg, Noch tödtet sie! Der Todten sind ja schon genug. Froh war ich ihrer und vergaß mein Ungemach; Für Vieles ist sie mir ein Trost, ist Vaterland Und Pflegerinn mir, treuer Stab und Führerinn. Wer uns gebeut, gebiete nicht Unwürdiges, Und wer das Gluck hat, hoffe nicht auf stetes Glück. Ich hatt' es einst auch, aber nicht mehr hab' ich es; Mein ganzes Gluck hat mir geraubt Ein dunkler Tag. Du theures Kinn, ich flehe, sich mein Alter an, Und hab' Erbarmen; gehe hin zu Argos Heer, Und mahne; schåndlich wäre es, Fraun zu morden, die Ihr früher nicht gemordet, als ihr vom Altar Sie risset; Mitleid fühltet ihr und schontet sie. Denn gleiche Sazung straft in eurem Lande ja Den Mord des freien Mannes und des Sklaven Mord. Und riethst du schlecht auch, wird sie dein Ansehen doch Bereden. Wort' aus Edler und Unedler Mund,L. πείσει f. νικᾷ. Compare printed p. 57 Wenn auch dieselben, haben nicht dieselbe Kraft. Chor. Nicht also fühllos ist der Sinn des Sterblichen, Daß deiner Seufzer herben Ton, dein Jammern er Vernehmend, einer Thrane Zoll dir weigerte. Odysseus. Vernimm, und achte grollend nicht, o Hekabe, Dir Einen feindlich, welcher dir wohlwollend råth. Ich bin bereit, dich, die du Rettung mir gewährt, Zu retten; anders, als ich denke, red' ich nicht: Doch was ich sprach vor Allen, nie verläugn' ich das: Ich rieth, des Heeres erstem Mann, als Troja fiel, Zu opfern deine Tochter, weil er sie verlangt. Die meisten Städte sinken schwer dadurch in Noth, Wenn sich der edel unverdrossen sterbende Nicht mehr gewinnt an Ehren, als der schlechte Mann. Doch uns, o Weib, uns ist Achilleus ehrenwerth, Er, der für Hellas ruhmgekrönt sein Leben ließ. Wohl schåndlich wär' es, wollten wir im Leben nur Den Freund verehren, aber nicht im Tode mehr. Was wird man sagen, wenn ein Heer sich wiederum Versammeln sollte, wenn der Feind den Kampf erhebt? Wird einer kämpfen, oder sich dem Kampf entziehn, Wenn er den Hingeschiednen nicht geachtet sieht? Mir selber, hatt' ich Wenig auch für einen Tag, So lang ich lebe, reicht' es mir für Alles aus: Doch dieses Eine wünscht' ich mir, mein Grab dereinst Geehrt zu sehen: lange währt ein solcher Dank. Doch, nennst du dich unglucklich, hore dieses noch: Nicht minder Unglückvolle sind in unserm Volk, Als du, bejahrte Männer, alterschwache Fraun, So manche Braut, des tapfern Bräutigams beraubt; Denn seinen Leichnam deckt der Staub der Troërflur. Ertrage dieses: wollten wir den edeln Mann Nicht würdig ehren, blinde Thoren wären wir. Doch, ihr Barbaren, achtet nur die Freunde nicht Als Freunde, huldigt ehrenvoll Gefall'nen nicht: So geht es Hellas Volke wohl, und ihr empfangt Den Lohn vom Schicksal, welcher eurem Sinn entspricht. Chor. Ach! Welches Unglück ist das Loos des Sklaven stets! Er duldet Unrecht; denn Gewalt ist über ihm. Hekabe. Tochter, meine Worte floh'n in leere Luft, Vergebens red' ich, abzuwehren deinen Tod. Versuche du nun, ob du großere Macht empfingst, Als deine Mutter; klage, gleich der Nachtigall, In allen Tonen, daß du so dein Leben schirmst. Umschling' Odysseus' Kniee hier, und stimm' ihn weich Durch Jammern; Vorwand' hast du schon: er selber hat Auch Kinder, daß ihn dein Geschick wohl rühren mag. Polyxena. Ich seh', Odysseus, wie du schnell in dein Gewand Die Rechte birgest, und das Angesicht von mir Wegwendest, daß ich nicht dein Kinn berühren soll. Getrost! Ich rufe nicht den Gott der Flehn'den, Zeus: Der Noth gehorsam, folg' ich dir auf diesem Pfad, Und mich verlangt zu sterben; wenn ich's weigerte, Ich wär' ein Weib nur, welche feig ihr Leben liebt. Was soll ich leben? König war mein Vater einst Von allen Phrygern: auf des Lebens Höhn gestellt, Von schöner Hoffnung großgezogen wuchs ich auf, Die Braut von Fürsten, und von mancher Jünglinge Sehnsucht umworben, wer mich führ' an seinen Heerd. Ich Arme thront' als Herrscherinn im Frauenkreis, Vor allen Jungfraun strahlt' ich hoch in Ilion, Und gleich den Göttern, außer daß ich sterblich war. Nun bin ich Sklavinn: dieser eine Nam' allein, Der ungewohnte, macht erwunscht das Sterben mir. Auch muß ich wohl noch einem unbarmherzigen Gebieter frohnen, der um Geld mich kaufen wird, Die Schwester Hektors und so vieler Anderen; Und Mehl zu mahlen zwingt er mich in seinem Haus, Und sein Gemach zu scheuern, und am Webestuhl Gebannt zu stehn den leidenvollen Tag hindurch. Ein irgendher erkaufter Sklave schåndet mir Mein Lager, die sich Fürsten einst ersehn zur Braut. Nie, nie! Das Licht, das glänzend mir in's Auge dringt, Frei lass ich's, gebe meinen Leib dem Hades hin. Auf denn, Odysseus, führe mich den Todesgang! Denn keine Hoffnung seh' ich, kein Gedanke gibt Vertrauen, daß mir je das Gluck noch lächeln wird. Doch du, o Mutter, werde mir kein Hinderniß Durch Thaten oder Worte; nein, begleite mich Im Tod, bevor unwürdig niedre Schmach mich trifft. Ist Einer noch des Leidens Becher nicht gewohnt, So trågt er, doch mit Schmerzen, was den Nacken drückt; Gestorben, wär' ein solcher wohl glückseliger, Als lebend: leben ohne Ruhm ist herbe Qual. Chor. Erhabne Zierde, die verklärt mit hohem Ruhm, Von Edeln abzustammen! Ja, noch hoher ehrt Ein edler Name jenen, der ihn würdig trägt. Hekabe. Du sprachest schon, o Tochter; doch dem Schonen ist Gesellt die Trauer. Müsset ihr gefällig sein Dem Sohn des Peleus, und entfliehn des Tadels Wort; Ja, dann, Odysseus, todtet nicht Polyxena: Mich führt zu seinem Scheiterhausen, mich durchbohrt, Nicht mein erbarmt euch! Ich gebar den Paris ja, Der Thetis Sohne mit dem Pfeil den Tod gesandt. Odysseus. Nicht dich, o Greisinn, hat von uns als Opfer sich Verlangt Achilleus; ihren Tod befahl er uns. Hekabe. Wohl denn, mit meiner Tochter mordet mich zugleich; Zwiefach des Blutes Spende trinkt die Erde dann, Und trinkt der Todte, der von euch dies Opfer heischt. Odysseus. An deiner Tochter Tod genügt; nicht Mord zu Mord Zu fügen ziemt uns: ach, bedürft's auch dessen nicht! Hekabe. Mit meinem Kind zu sterben, treibt mich strenge Noth. Odysseus. Ich weiß von Keinem, der Gewalt hat über mich. Hekabe. Wie Epheu, der die Eich' umrankt, umschling' ich sie. Odysseus. Nicht, wenn du horest auf das Wort der Weiseren. Hekabe. Freiwillig lass ich nimmermehr von diesem Kind. Odysseus. Und ich ich will nicht ohne sie von hinnen gehn.Andere Uebersezung: Und ich - ich lasse wahrlich hier sie nicht zurück. Compare printed p. 57 Polyxena. Gehorche mir, o Mutter! Du, Laërtes' Sohn, Vergib den Aeltern, wenn mit Recht ihr Zorn entbrennt: Und du, o Arme, kämpfe mit den Siegern nicht! Zur Erde stürzen willst du, willst den greisen Leib Verwunden, wenn du mit Gewalt vertrieben wirst, Willst Hohn erdulden, mir entrafft aus jungem Arm?Andere Uebersezung und Erklärung: Willst Hohn erdulden, fortgerafft von Jünglingsarm? Compare printed p. 57 Das sollst du nimmer leiden, solch Unwürdiges! Doch, traute Mutter, reiche mir die theure Hand, Und laß, Geliebte, meine Wang' an deiner ruhn! Denn nie hinfort mehr, sondern heut zum leztenmal Soll ich des Lichtes Strahlen schaun, der Sonne Kreis. Du hörst die lezten Worte nun aus meinem Mund!L. δέχει. Compare printed p. 57 Mutter, die du mich gebarst, ich geh' hinab, - Hekabe. Ich leb' im Lichte, Tochter, ich muß Sklavinn sein. Polyxena, Eh mir das Brautlied tonte, wie's gebührte mir - Hekabe. Unglücklich bist du, Tochter, ich ein armes Weib! Polyxena. Und dort im Hades werd' ich ruhn, getrennt von dir. Hekabe. Was soll ich thun? Ach! Wie das Leben endigen? Polyxena. Als Sklavinn sterb' ich, frei gezeugt vom freien Mann. Hekabe. Und ich, der fünfzig Kinder durch den Tod beraubt. Polyxena. Was sag' ich Hektor'n, was dem greisen Priamos? Hekabe. Daß unter allen Weibern ich das ärmste sei. Polyxena. Mutterbusen, der so liebreich mich genährt! Hekabe. Ach, welch ein frühes Mißgeschick entrafft dich uns! Polyxena. Leb' wohl, o Mutter, lebe mir, Kassandra, wohl - Hekabe. Es leben Andre, freuen sich; die Mutter nicht. Polyxena. Polydoros auch, mein Bruder, dort im Thrakerland! Hekabe. Wenn er noch lebt; ich zweifle: hin ist all mein Gluck! Polyxena. Er lebt, und schließt noch, wenn du stirbst, das Auge dir. Hekabe. Ich bin, bevor ich sterbe, schon vor Leiden todt. Polyxena. Verhüll', Odysseus, mir das Haupt, und führe mich; Denn vor dem Tode hat der Mutter Klage mir Das Herz gebrochen; meine Noth bricht ihr das Herz. Licht! Denn rufen darf ich deinen Namen wohl: So lange bist du mein noch, als ich wandele Zum Grab Achilleus', wo das Schwert mich todten soll! (ab mit Odysseus.) Hekabe. Weh, weh! Ich sinke: meiner Glieder Kraft entweicht! Die Mutter fasse, trautes Kind, - reck' aus die Hand! - Gib! - Nicht verlaß mich kinderlos! - Ich bin dahin! - sah' ich also Helena, die Sparterinn, Die Schwester Kastors! Ilion, so glucklich einst, Hat ihres schönen Auges Macht graunvoll zerstört. Strophe 1. Chor. Lufte, Lüfte des Meeres, Die ihr tragt in der Wogen Brandung Die hurtigen, meergewohnten Schiffe, Wohin führt ihr mich, die Arme? Wem komm' ich, zu Sklavendiensten Erkauft, in's Haus dereinst? An dorischen Landes Ufer? Im Phthiergebiete, wo der Gott, Welcher die liebliche Flut Zeugt, Apidanos, tränken soll die Felder? Gegenstrophe 1. Oder trågt mich Verlassne, Neuem Jammergeschick' entgegen, Das Ruder des Meeres nach der Insel, Wo die Palm' und der erstgeborne Lorbeer der geliebten Leto Die heil'gen Sprossen trieb, Der Göttergeburt zum Preise? Und werd' ich mit Delos Jungfrauen, Himmlische Artemis, dein Stirnband preisen und deine goldnen Pfeile? Strophe 2. Oder werd' ich in Pallas Stadt,An den Festen der Pallas zu Athen wurde ein safranfarbenes Gewand umhergetragen, auf welchem die Thaten der Göttinn, ihr Kriegeswagen, und der Sieg ihres Vaters Zeus über die Titanen (Uranos' Stamm) gestickt waren. Compare printed p. 57 Schönthronende Göttin, auf Safranfarbenem Schleier dir Schirren die Ross' an den Wagen, Kunstreiche Gewebe mit Bunten Fåden durchwirkend? Werd' ich Dir bilden Uranos Stamm, Den mit flammendem Bliz Zeus in ewigem Schlafe begrub? Gegenstrophe 2. Wehe, weh' um die Kinder mir! Weh, Vater und Vaterstadt, Die, zerstört von des Feuers Wuth, Sank in den Staub, von dem Speere Der Achder erobert! Ich Heiß' im Fremdlingslande Sklavinn, Muß fliehn aus Asia, dem Nun Europa gebeut, Tausch' um bräutliche Wonne den Tod! Talthybios. Wo, Troërjungfraun, find' ich sie, die Königinn Gewesen über Ilion, die Hekabe? Chor. Dir nahe weilt sie: eingehullt in ihr Gewand, Am Boden rücklings, liegt sie dort, Talthybios. Talthybios. Was soll ich sagen? Achtest du der Sterblichen, Zeus, oder ist es Lüge, nenn' ich's eitlen Wahn, Zu glauben, daß noch ein Geschlecht der Götter lebt, Da wohl der Zufall Alles lenkt, was menschlich heißt? War diese nicht glorreicher Phryger Königinn? Nicht sie Gemahl des hochbegluckten Priamos? Nun hat von Grund aus ihre Stadt der Speer zerstört; Sie, eine Sklavinn, hochbetagt, und kinderlos, Liegt auf der Erde; Staub entstellt ihr armes Haupt. Weh, weh! Ein Greis zwar bin ich: doch er komme nur, Der Tod, bevor ein schmählich Loos mich niederbeugt! Steh' auf, und richte von der Erd', Unselige, Empor die schwachen Glieder, dein schneeweißes Haupt! Hekabe. Wer bist du, daß du meinen Leib nicht lässest ruhn? Ach! Was erregst du, wer du seist, mich Trauernde? Talthybios. Herold in Argos Heer bin ich, Talthybios, Und Agamemnon sendet mich zu dir, o Frau. Hekabe. Mein Lieber, wollen etwa mich die Danaër Auch opfern auf dem Grabe? Froh vernahm' ich das. Auf! Eilen laß uns, eilen! Führe mich, o Greis! Talthybios. Dich, Frau, zu rufen, daß du dein geschiednes Kind Bestatten mögest, komm' ich, und es senden mich Die zwei Atreiden und das Volk der Danaër. Hekabe. Was sagst du? Weh mir! Also nicht zum Tode mich Zu rufen kamst du, - Jammer nur mir kundzuthun? Du bist dahin, Kind, aus der Mutter Arm geraubt; Ich ward, ich Arme, kinderlos durch deinen Tod! - Wie habt ihr sie getsdtet? Trugt ihr fromme Scheu, Greis, oder habt ihr grausam, als die Feindinn, sie Gemordet? Sprich mir, ob du wohl nichts Frohes sagst. Talthybios. Die Thrån' entlocken willst du mir nochmals, o Frau, Um deine Tochter: denn bericht' ich ihr Geschick, Thrånt mir das Auge, wie am Grabe, da sie starb. Das Heer Achcia's war vereint in voller Zahl, Zu deiner Tochter Morde dicht ums Grab geschaart. Da nahm Achilleus' Sohn die Hand Polyxena's; Den Hügel führt' er sie hinauf, ich stand ihm nah, - Und auserkorne Jungling' aus Achaia's Heer, 3u hemmen deines Kindes Flucht, begleiten ihn. Nun nahm Achilleus' edler Sohn in seine Hand Den vollen goldnen Becher, goß Trankopfer aus Dem hingeschiednen Vater, und bedeutet mir, Dem ganzen Heer Stillschweigen anzukündigen. Ich, ihm zur Seite stehend, rief in's Volk hinein: „Seid still, Achaier! Stille walt' im ganzen Heer! „Seid ruhig! Schweiget!" Und die Menge stand verstummt. Er sprach: „des Peleus Språkling, du mein Vater, nimm Von meiner Hand dies Opfer, dies versohnende, Das Todte lockt vom Hades; komm, das dunkle Blut Der reinen Jungfrau trinke, das wir spenden dir, Ich und das Heer von Argos: sei uns gnädig nun, Und laß die Zügel und die Tau' am Steuer uns Der Schiffe losen; glucklich laß aus Ilion Uns wiederkehrend, alle sehn das Vaterland!" So rief er, und es flehte mit das ganze Heer. Und bei dem Griffe faßt' er dann sein goldnes Schwert, Und aus der Scheide zog er's; und die blühende Jungfrau zu fassen, winkt' er nun den Jünglingen. Doch als sie das bemerkte, sprach sie dieses Wort: „Ihr Sohn' Achaia's, die verheert die Troërstadt! Ich sterbe willig: Keiner leg' an mich die Hand; Denn meinen Nacken biet' ich dar mit frohem Muth. Last mich, die Freie, ledig, bei den Göttern! daß Ich als die Freie sterbe: denn im Todtenreich Sklavinn zu heißen, schämt die Königstochter sich." Laut rief man Beifall; auch befahl den Jünglingen, Sie loszulassen, Agamemnon's Herrscherwort. Sobald die Jungfrau dies Gebot der Fürsten hört, Nahm sie von hoher Schulter ihr Gewand sofort, Und streift' es bis zum Nabel und zur Hüft' hinab, Und zeigte Hals und Busen, wie ein gottliches Gebild, so reizend, senkt ein Knie zur Erde dann, Und sprach von allen Worten dies hochherzigste: „Sieh her, o Jungling! Wünschest du in meine Brust Den Stahl zu bohren, bohre: wenn in meinen Hals - Wohl: auch die Kehl hier ist gefaßt auf deinen Stoß." Er, wollend und nicht wollend, denn sie jammert' ihn, Er trennt des Athems Röhren ihr mit scharfem Stahl; Des Blutes Strome flossen: sie, im Sterben auch, Trug viele Vorsicht, hinzusinken, wie's geziemt, Zu bergen, was die Scham verbirgt des Mannes Blick. Als sie den Geist aushauchte nach dem Todesstoß, Sann jeder Mann des Heeres auf ein andres Werk: Die Einen warfen Blåtter auf die Todte hin Aus vollen Hånden; Andre, Ståmm' aus Fichtenholz Hertragend, thürmten die Scheiter: wer nicht trug, vernahm Von Andern, welche trugen, wohl dies herbe Wort: „Du stehest hier, Herzloser, hast du kein Gewand Für solche Jungfrau, keinen Schmuck in deiner Hand? Nicht sie beschenken willst du, die so großgesinnt, So muthig hinstarb?" Dies zu melden hab' ich dir Von deiner Tochter: du, so sehr vor allen Fraun Durch Kinder glucklich, bist die Unglückseligste. Chor. Ein grauses Leid brach über Priamos' edeln Stamm Und meine Stadt her: so verhängt es Götterschluß. Hekabe. Ich weiß, o Kind, nicht, welches Leid ich klagen soll; So vieles traf mich: hång' ich nur am einen fest, Gleich mahnt ein anderes, und von diesem ruft sofort Ein neuer Schmerz ab, welchem Weh' auf Wehe folgt. Und nun vermag ich dein Geschick aus meinem Sinn Nicht auszutilgen, daß ich's nicht bejammerte: Doch über Maaß zu klagen, wehrt die Kunde mir Von deinem Muth. - Kein Wunder, wenn ein schlechtes Land, Dem Götterſegen lächelt', edle Frucht gebiert, Ein gutes aber, das entbehrt des Nothigen, Unedle Früchte tråget: bei den Menschen bleibt, Wer schlimm von Art ist, immerdar ein Böser nur, Ein Edler edel, und den angebornen Sinn Verkehrt das Unglück nimmer; er ist ewig gut. Doch frommen Weltern oder Zucht und Pflege hier? Auch Unterweisung mag in uns das Edle wohl Durch Lehre pflanzen; wenn ein Mensch dies wohl erkannt, An diesem Maaßstab wird ihm auch das Böse kund. Doch Worte sind das, die verwehn in leere Luft: Du geh' und Argos Kriegesheer bedeute dies, Daß Keiner sie beruhre, daß der Schwarm von ihr Fern bleibe! Frechen Pobel hegt ein großes Heer, Und grimmer rast der Schiffer Züggellosigkeit, Als Feuer; dort ist bose, wer nicht Bises thut. Doch du, bejahrte Dienerinn, nimm dies Gefäß, Und bring' es hierher angefüllt mit Meeresflut, Daß ich die Tochter baden mog' im lezten Bad, Die Braut, die Jungfrau, die der Hochzeit Lust entbehrt, Und sie geschmuckt ausstelle, nicht, wie's ihr geziemt, Das kann ich nicht, nur, wie ich's kann: wie mach' ich's denn? Schmuck will ich sammeln von den mitgefangnen Fraun, Die mir vereinigt innerhalb der Zelte hier Verweilen, wenn sich eine noch aus ihrem Haus Ein Stück entwandt hat, unbemerkt den neuen Herrn. Du schöner Wohnsiz! Du vordem so glucklich Haus! Du, reich und machtig, Priamos, durch Kinder hoch Begluckt, und ihre Mutter ich, ein greises Haupt! Wie sind wir, ach der alten Herrlichkeit beraubt, Zum Nichts geworden! Dennoch blåhn wir Menschen uns, Der Eine, der im stolzen Goldpalaste wohnt, Der, weil die Bürger ehrenvoll ihm huldigen! Das ist ein Nichts; Mühn, Sinnen, Sorgen ist umsonst, Umsonst der Zunge Prahlen. Der ist hochbeglückt, Dem, ungetrübt von Leiden, jeder Tag entflicht. Strophe. Chor. Mein Haupt mußt Ungemach, Mein Haupt must', ach! Verderben treffen, Als auf Höhen des Ida Paris Zuerst Fichtenstämme gefällt, In die wogende See hinauszusteuern Zu der Helena Raub, der Holdseligsten, die mit goldenem Licht Helios' Aug' anstrahlt. Gegenstrophe. Denn Ungluck, herbe Noth, Gewaltiger, als zuvor, umfångt uns! Eines Mannes verkehrte Thorheit Hat Leid über Simoïs Land Von den Fremden gebracht, Verderben Allen. Denn es endete sich der Streit, Welchen der Hirt vom Ida entschied Zwischen den Götterfraun, Schlußgesang. Mit Krieg und blut'gem Morde, mit meiner Palast' Einsturz. Doch unter Thränen seufzt in dem stillen Gemach wohl auch Am schonen Strom Eurotas manche Sparterbraut; Und die Mutter gefall'ner Söhne, Sie legt die Hand wohl an das greise Haupt, Und zerfleischt sich im Schmerze Die Wange, daß von Blut die Nägel triefen. Eine Sklavinn. Ihr Weiber, wo ist Hekabe, die alle Fraun Und alle Männer weit besiegt an Ungemach ? Ja, wahrlich Niemand wird den Kranz entreißen ihr. Chor. Was will des Unglücks Jammerruf, Unselige? Denn deine Trauerkunden ruh'n ja nimmermehr. Sklavinn. Dies Leiden bring' ich Hekabe'n: ein frohes Wort Tint aus der Menschen Mund nicht leicht im Ungemach. Chor. Nun, dort ja tritt sie eben aus dem Zelt hervor; Für deine Botschaft kommt sie ganz gelegen her. Sklavinn. Du Jammervolle, mehr noch, als ich sagen kann! Verloren, nicht mehr bist du, zwar im Lichte noch; Hin, ohne Kinder und Gemahl und Vaterland! Hekabe. Nichts Neues sagst du; dieses Grause weiß ich schon. Was aber bringst du mir daher Polyxena's Leichnam? Es hieß doch, daß für ihre Beerdigung Im Heer Achaia's jede Hand geschäftig sei. Sklavinn. Sie weiß von Nichts; um ihre Tochter jammert sie: Vom neuen Ungemache kommt ihr Nichts zu Sinn. Hekabe. Ich Arme, wehe! Bringst du da vielleicht das Haupt Der gottbetrauten Seherinn Kassandra mir? Sklavinn. Du nennst die Lebende; um den Todten weinst du nicht: Betrachte denn des Todten unverhüllten Leib, Ob dir es unerwartet dunkt und wunderbar. Hekabe. Weh mir! Ich sehe meinen hingeschiednen Sohn Polydoros, den der Thraker mir im Hause barg! Verloren, nicht mehr bin ich Unglückselige! mein Kind, mein Kind! Weh! Des Wahnsinns Weisen stimm' ich an, Vom bösen Geist getrieben, der Wieder ein Leid mir schuf! Sklavinn. Du hast des Sohnes Loos geahnt, Ungluckliche? Hekabe. Unglaublich unerhörten Gråuel seh' ich hier! Ewig ja neues Leid keimt mir aus Leid hervor; Nimmer von Seufzern, ach! nimmer von Thränen leer,L. οὐδέποτ᾽ ἀστένακτον, ἀδάκρυτον ἆμαρ ἔμ᾽ ἐπισχήσει. Compare printed p. 57 Leuchtet ein Tag mir auf! Chor. Uns ward ein grauses, grauses Loos, Unselige! Hekabe. Wehe, Kind, weh, Kind der ärmsten Mutter! Welches Verhängniß, ha! raffte dich, welcher Tod? Der dich erschlug, wer war's? Sklavinn. Ich weiß es nicht: am Meeresufer fand ich ihn. Hekabe. Auf des Gestades Sand Herausgeworfen, oder durch die Lanz' entseelt? Sklavinn. Des Meeres flutende Woge spült' an's Ufer ihn. Hekabe. Weh! Ich erkenne meines Traums nächtliche Gestalt; nicht an mir vorbei flog das Bild Mit den schwarzen Flügeln, Welches dich mir zeigte, Dich, Sohn, nimmermehr athmend im Himmelslicht. Chor. Doch wer erschlug ihn? Offenbart ein Traum es dir? Hekabe. Mein Gastfreund, der Thrakerfürst, that es, er, Bei dem ihn der Greis Priamos rettend barg. Chor. Was sagst du? Wehe! Lüstet ihn nach seinem Gold? Hekabe. Unnennbar, unaussprechlich, mehr als wunderbar, Verrucht, unerträglich! Wo der Gåste Recht?L. οὐχ᾽ ὅσι᾽, οὐδ᾽ ἀνεκτά. ποῦ δίκα ξένων; dochmiac. c. dimetr. jamb. brachycatalect. Compare printed p. 57 Schndder, versluchter Mann, daß du mit scharfem Stahl Des Sohns Glieder mir blutig zertheiltest, ihn Tsdtetest, daß dich seiner nicht jammerte! Chor. Du wurdest, ach! der Menschen Unglückseligste Durch eine Gottheit, deren Hand dich schwer berührt! Doch jezo laßt uns schweigen, ihr geliebten Fraun; Denn Agamemnon seh' ich dort, den Herrscher, nahn. Agamemnon. Warum verziehst du, Hekabe, dein Kind im Grab Zu bergen? Mir ward Kunde durch Talthybios, Daß kein Argeier ihren Leib berühren soll. Wir haben sie gelassen, sie nicht angerührt; Und du verziehst hier müßig, daß ich staunen muß. Ich komme, dich zu rufen: Alles ist im Heer Wohl zugerüstet, wenn man dies wohl nennen kann. Was seh' ich? Wer ist jener Todte dort am Zelt? Ein Troërleichnam? Daß es kein Argeier ist, Sagt sein Gewand mir, welches ihn umhüllend deckt. Elender! Hekabe (zu der Leiche). So dich nennend, nenn' ich nur mich selbst! Hekabe! Was thu' ich? Fall' ich Agamemnon hier Zu Füßen, oder trag' ich schweigend mein Geschick? Agamemnon. Was kehrst du meinem Angesicht den Rücken zu, Und klagst, und sagst nicht, was geschehn? Wer ist der Mann? Hekabe (bei Seite). Doch wenn er mich, die Sklavinn, mich, das Feindesweib, Von seinen Knien verstieße, fühlt' ich neuen Schmerz. Agamemnon. Kein Seher bin ich, um die Wunsch' in deiner Brust Erspähn zu können, wenn du mir nicht Rede stehst. Hekabe (bei Seite). Doch ist es wohl nur eitler Wahn, für feindlicher Den Mann zu halten, der gewiß nicht feindlich ist? Agamemnon. Nun, wenn ich Nichts von diesen Dingen wissen soll, Dann sind wir einig, weil auch ich Nichts horen will. Hekabe (bei Seite). Auch kann ich ohne diesen für des Sohnes Tod Nicht Rache nehmen. Was erwäg' ich's lange noch? Es muß gewagt sein, ob's gelingt, ob's nicht gelingt! - Zu deinen Füßen fleh' ich hier, Argeierfürst, Dein Kinn berühr' ich, deine Hand, des Glücklichen. Agamemnon. Wonach verlangt dich? Willst du frei der Tage Rest. Verleben? Sonder Mühe wird dir das gegönnt. Hekabe. Nein, wahrlich! Wenn ich strafen kann den Bösewicht, So will ich Sklavendienste thun mein Lebenlang. Agamemnon. Und welchen Beistand foderst du dazu von uns? Hekabe. Nichts ist es dessen, was du dir vermuthest, Herr: Du siehst, um den mein Auge weint, den Todten hier? Agamemno amemnon. Wohl: doch errathen kann ich nicht das Weitere. Ihn trug ich unter dem Herzen, ihn gebar ich einst. Agamemnon. Dein Sohn, und welcher ist es, Ungluckselige?L. ἔστιν δὲ τίς σ. οὗ. ὦ τλ. τ. Compare printed p. 58 Hekabe. Kein Priamide, welcher fiel vor Ilion. Agamemnon. Gebarst dn einen Andern noch, als Jene, Frau? Hekabe. Ihn, den du siehest, und vergebens, wie es scheint. Agamemnon. Wo war er aber, als die Stadt erobert ward? Hekabe. Ihn sandte, fürchtend seinen Tod, der Vater fort. Agamemnon. Wohin von allen seinen Kindern ihn allein? Hekabe. In dieses Land hier, wo er todt gefunden ward. Agamemnon. Zu Polymestor, welcher diesem Land gebeut? Hekabe. Ia; schnddem Golde sollt' er da der Hüter sein. Agamemnon. Und wer erschlug ihn, wie ereilt ihn sein Geschick? Hekabe. Kein Andrer that es, ihn erschlug der Thrakerfreund. Agamemnon. Unsel'ger! Wohl verlangt er nach des Todten Gold? Hekabe. Gewiß, nachdem ihm Kunde ward von Troja's Loos. Agamemnon. Wo fandest du ihn? Oder bracht' ihn irgendwer?L. ἤ τις. Compare printed p. 58 Hekabe. Dies Mädchen fand ihn ausgestreckt am Meeresstrand. Agamemnon. Ihn suchend, oder that sie dort ein andres Werk? Hekabe. Sie ging ein Bad zu schopfen für Polyxena. Agamemnon. Es scheint, der Gastfreund mordet' ihn, und warf ihn weg - Hekabe. Daß ihn das Meer entfuhre: so zerfleischt' er ihn. Agamemnon. Elende, namenloses Leid erfuhrest du! Hekabe. Ich bin verloren: alles Leid erschöpft' ich, Herr! Agamemnon. Weh, keinem andern Weibe ward solch herbes Loos! Hekabe. Gewiß; das Unglück ist allein unseliger.Wörtlicher: Gewiß, wofern du nicht das Unglück selber nennst. Compare printed p. 58 Doch höre nun, warum ich deine Kniee, Fürst, Umschlinge: dünkt dir billig, was ich tragen muß, So trag' ich's; wenn das Gegentheil, so werde du An diesem Manne Rächer mir, dem verruchten Freund, Der nicht die Götter drunten, noch die oberen Gefürchtet, und die schwere Gråuelthat verübt: Bei mir am Tische saß er oft, dem gastlichen; Als Gast empfing er, was dem Freund gebührt, zuerstL. ξενίας τ᾽ ἀριθμῷ πρῶτα τῶν ἐμῶν φίλων τυχὼν ὅσων δεῖ καὶ λαβὼν προθυμίαν. Compare printed p. 58 Von unsern Freunden, alle Lieb' und alle Gunst, Und mordet' ihn, und würdigt', als er das vollbracht,Wörtlich: Und mordet' ihn, und - wollt' er doch ihn morden! - hielt Ihn nicht des Grabes würdig, schleudert' ihn in's Meer. D. i. wenn er ihn ja morden wollte, so hätte er ihm doch die Bestattung nicht versagen sollen; aber er würdigte ihn auch des Grabes nicht. Compare printed p. 58 Ihn nicht des Grabes, schleudert' ihn in's Meer hinab. Wir freilich, wir sind Sklaven, sind unmächtig wohl; Den Göttern aber ward die Macht, und ihr Gesez, Es waltet mächtig; dieses lehrt sie kennen uns, Und Recht und Unrecht stellt' es uns für's Leben fest. In deine Hut gelangt' es: wenn es untergeht, Wenn, wer den Gastfreund mordet, wer das Heiligthum Der Götter frevelnd niedertrat, nicht büßen soll; Dann hat im Menschenleben Nichts hinfort Bestand. Dies denn für schändlich achtend, hege Scheu vor mir! Schenk' uns Erbarmen! Wie ein Künstler ferne steht, So sieh mich an, betrachte, was ich leiden muß. Einst Herrinn war ich, jezo bin ich deine Magd; Reich einst an Kindern, jezo Greisinn, kinderlos, Ohn' Heimat, einsam, aller Frau'n unseligste. - Wohin (ich Arme!) wendest du von mir den Fuß? Wohl werd' ich Nichts hier schaffen: ich Verlorene! Was mühn wir uns, wir Menschen, was erforschen wir Die Wissenschaften alle, wie es würdig ist, Doch, die allein die Welt beherrscht, der Rede Kunst Uns anzueignen streben wir nicht gründlicher, Für Lohn sie lernend, um damit für jeden Wunsch Die Geister stimmend, Alles durchzusezen einst? Wie dürfte Jemand hoffen, glucklich noch zu sein?Andere Uebersezung: Wer könnte hoffen, daß er je noch glücklich sei? Compare printed p. 58 So viele Kinder zog ich auf, sie sind dahin; Ich, eine Kriegsgefangne, schmacht' in schnodem Dienst, Und wallen seh' ich dort den Rauch ob meiner Stadt. Vielleicht erscheint es albern, wenn ich Kypris auch Zur Hülfe mir erbitte: dennoch sei's gesagt. Fürst, an deiner Seite ruht die Seherinn, Mein Kind; Kassandra nennt das Volk der Phryger sie. Wo wirst du süße Liebeshuld ihr zeigen, Herr? Soll meine Tochter für die Wonnumarmungen Von dir empfangen einen Dank und ich von ihr? So hdre weiter: sichest du den Todten hier? Ihn ehrend, ehrst du deinen Anverwandten auch. Nur Eines ist noch, was zu meinen Worten fehlt. daß in diesen Hånden, diesem Arm ein Laut Mir wohnt', im Haar des Hauptes und der Füße Tritt, Durch Götterzauber oder Kunst des Dådalos, Daß alle weinend deine Knie' umklammerten, Ihr Flehn in tausend Worten auszustromen dir! „König, ruhmvoll strahlend Licht in Hellas Volk, Erbarme dich der Greisinn, beut ihr deinen Arm Als Racher; ist sie auch ein Nichts, doch höre sie. Dem edeln Manne ziemt es, sich dem Recht zu weihn, Und Bösen Böses überall und stets zu thun." Chor. Wie wunderbar sich Alles doch im Leben fugt, Wie fromme Sitte Pflichten schafft und Pflichten lost, Zum Freunde wandelnd auch den bitter ergrimmten Feind, Zum Feinde jenen, der sich einst als Freund bewies! Agamemnon. Mich jammert dein und deines Sohnes, Hekabe, Mich rührt der Greisinn flehend ausgestreckte Hand. Und wohl dich råchen wollt' ich an dem verruchten Freund, Weil dies die Götter wollen, dies das Recht gebeut, Erschiene solche Hülfe dir allein gewährt, Und wähnten nicht die Völker, um Kassandra nur Hått' ich dem König Thrakia's den Tod verhängt. Denn Eines macht mir Sorge, wenn ich denken muß: Den Thrakerfürsten hält das Heer für einen Freund, Für einen Feind den Todten: ist dir dieser lieb, Dann ist es deine Liebe, nicht des Heeres auch. Das überlege; willig und bereit bin ich, Für dich die Schmach zu rächen, schnell, dir beizustehn, Doch langsam, wenn ich dulden soll des Heeres Spott. Hekabe. Wo mag sich rühmen, frei zu sein, ein Sterblicher? Dem Glücke fröhnt der Eine, frohnt der stärkern Macht; Dem wehrt der Pobel, jenen hemmt geschriebnes Recht, Dem eignen Sinn zu folgen, wie das Herz ihn treibt. Doch weil du fürchtest und dich scheu der Menge fügst, Will ich, o König, dich befrein von solcher Furcht. Mitwisser sei mir, wenn ich Rache such an ihm, Der mir den Sohn erschlagen; selber handle nicht. Erhebt ein Aufruhr sich im Heer, und helfen sie Dem Thraker, wenn er leidet, was ich ihm bestimmt; So wehre, nur nicht schein' es mir zulieb gethan: Sonst harre furchtlos; Alles führ' ich wohl hinaus. Agamemnon. Wie? Was beginnst du? Willst du selbst, in greiser Hand Das Schwert, den Rohen morden? Wirst du Gift vielleicht Ihm reichen? Oder baust du sonst auf Hülfe noch? Wer beut die Hand dir? Wo gewinnst du Freunde her? Hekabe. Die Zelte bergen eine Schaar von Troërfraun. Agamemnon. Du meinst die Kriegsgefangnen, meinst des Heeres Raub? Hekabe. Mit ihnen werd' ich meinen Mörder züchtigen. Agamemnon. Und wie gewinne Manneskraft ein Frauenarm? Hekabe. Stark ist die Meng', unüberwindlich durch die List.Anders übersezt: Stark ist die Menge, schwer besiegt; ihr hilft die List. Compare printed p. 58 Agamemnon. Stark; aber wenig bau' ich auf der Fraun Geschlecht. Hekabe. Wie? Schlugen Weiber nicht die Sohn' Aegyptos' einst, Und trieben sie von Lemnos nicht die Männer aus? Doch so geschah' es; und genug der Worte nun! Nur leite sicher diese Frau mir durch das Heer. Und du, dem Thrakerfreunde, Weib, dich nahend, sprich: „Die einst in Troja Königinn gewesen, läßt Dich rufen, deinetwegen mehr als ihrethalb, Und deine Sohne; denn es werd' auch ihnen kund, Was jene redet." Schiebe du's, o König, auf, Polyxena zu bestatten, die geopfert ward, Damit die Zwei, der Mutter Doppelgram, verzehrt. Von Einer Flamme, nachbarlich die Erde birgt. Agamemnon. Gescheh' es also! Zwar vermocht ich solche Gunst Dir nicht zu schenken, gönnt' ein Gott uns sichre Fahrt. Nun aber, weil uns bose Wind' entgegenwehn,. Nun thut es noth zu warten, bis es ruhig wird. Was du beginnst, gelinge! Denn dem Einzelnen Und allem Volke frommt es, daß der Bose stets Auch Boses dulde, daß der Edle glucklich sei. Strophe 1. Fou Chor. Du, troische Vaterstadt, Wirst die Unzerstörbare nimmer genannt mehr: Solche Wolk Hellenen umhult dich Erſtürmte 352 Mit der Lanze, der Lange. Von der Scheitel dir sank der Thürmes Kranz; gråßlich entstellt der Ruß,. Unglückselige, dir das Antliz: Nie mehr wandl' ich in deinen Gassen. Gegenstrophe 1. Mich traf das Verderben um Mitternacht, wenn lieblicher Schlummer das Auge Nach dem Mahl schließt, als vom Gesang und der Freude Dankopfern entschlummert Der Gemahl im Gemache ruht', und Am Pflocke die Lanze hing; Nicht mehr sah er die Schifferhorden, Die durch Troja sich schon ergossen. Strophe 2. Ich wand des Haares Locken mir hinauf mit Bändern, ordnete, In goldner Spiegel Endlose Schimmer hineinblickend, Um dann auf das Lager hinzusinken. Da lief ein Tosen durch die Stadt, Und über Troja's Veste scholl lauter Ruf: Wann, Achaia's Söhne, zerstöret ihr, wann, Ilios' Warten, und kehrt Zurück zur Våterheimat? Gegenstrophe 2. Vom trauten Lager sprang ich auf, im Mantel, gleich der Dorerinn,Die dorischen Mädchen trugen weite Mäntel. Compare printed p. 58 Und warf mich hin vor Der hehren Artemis, ach, fruchtlos! Denn meinen Gemahl erschlagen sah ich, Und wurde fortgeschleppt an's Meer, Und blickte nach der Stadt zuruck, als das Schiff Wieder heimwårts wandte die Segel, und mich Schied von dem ilischen Land: Ich unterlag dem Schmerze! 2.Schlußgesang. Der Dioskuren Schwester, die Helena, und Den Hirten Ida's, Paris, den Bringer des Weh's, Dem Fluche weiht’ ich sie! Vom Vaterland, vom Hause riß Mich die Hochzeit, die nicht Hochzeit war, Nein, Graul von bösen Geistern! Sie führe niemals heim das Meer, ja, moge sie Nimmer gelangen zum Vaterhause! Hekabe, Der Menschen Liebster, Priamos! Du Liebste, weinend seh' ich dich und deine Stadt, Und deine Tochter, welche jungst im Tod erblich. Ach! Nichts ist im Leben sicher, nicht erhabne Macht, Nicht, daß das Ungluck ewig flieht den Glücklichen. Denn seine Loose, Wohl und Weh, mischt ohne Wahl Ein Gott verwirrend, daß wir Unerfahrnen ihn Verehren sollen. Doch warum beklag' ich das? Die Klage bringt ja nie zurück, was früher war. Du, willst du schelten, daß ich nicht erschien vor dir, Halt' ein: im Thrakerlande fand ich ferne mich, Als du daherkamst; eben war ich heimgekehrt, Und aus der Wohnung sezt' ich schon hierher den Fuß, Da traf mich deine Dienerinn und meldete Die Worte, die vernehmend ich zu dir geeilt. Hekabe. Ich scheue, Polymestor, dir in's Angesicht zu blicken, da mich solches Leid umfangen hålt. Denn wer im Glücke mich gesehen, ich scháme mich, Vor den in diesem Ungemach zu treten jezt; Ich wag' es nicht, dich offnen Blickes anzusehn. Nicht wähne deßhalb, daß ich übelwolle dir, Polymestor; auch verbeut die Sitte ja, Daß Frauen Männern offen schaun in's Angesicht. Polymestor. Kein Wunder ist mir's. Doch wozu bedarfst du mein? Warum beriefst du mich daher aus meinem Haus? Hekabe. Zu dir und deinen Söhnen wünscht' ich gern ein Wort, Das mich betrifft, zu reden: doch befiehl vorerst, Von diesen Zelten fern zu gehn, der Dienerschaar. Polymestor. Geht ferne! Sicher ist es hier am stillen Ort; Du bist mir wohlbefreundet, auch die Danaër Sind wohlgesinnt uns. Aber nun erkläre mir: Wie kann dem unglückselgen Freund der glückliche Hülfreich sich zeigen? Gern bin ich bereit dazu. Hekabe. So sprich vor Allem: lebt er noch in deinem Haus, Der Knabe, den dir Priamos' und meine Hand Vertraut? Hernach befrag' ich um das Andre dich. Polymestor. Wohl lebt er; glucklich bist du, was den Sohn betrifft. Hekabe. Theurer, gut und deiner würdig redest du! Polymestor. Was willst du weiter hören noch aus meinem Mund? Hekabe. Gedenkt er solcher Mutter noch, gedenkt er mein? Polymestor. Hierher sogar verlangt' er ingeheim zu dir. Hekabe. Ist auch das Gold da, das er bracht aus Ilion? Polymestor. Gewiß; in meinem Hause wird es aufbewahrt. Hekabe. Bewahr' es, und verlange nicht des Nächsten Gut. Polymestor. Mitnichten: was ich habe, das erfreue mich. Hekabe. Und weißt du, was ich diesen, was dir sagen will? Polymestor. Nicht weiß ich's; deine Rede wird es deuten mir. Hekabe. Du, sonst geliebt mir, wie du's jezo bist - es gibt -L. ἔστ᾽, ὦ φιληθεὶς, ὥ. σ. ν. ἐ. φ. Compare printed p. 58 Polymestor. Was gibt es, das ich wissen soll und diese da? Hekabe. Goldgruben meines Stammes aus uralter Zeit. Polymestor. Das ist es, was du deinem Sohn bezeichnen willst? Hekabe. Gewiß, durch dich, Freund; denn du bist ein frommer Mann. Polymestor. Wozu bedarf es meiner Söhne Gegenwart? Hekabe. Gerathner ist es: wenn du stirbst, so wissen sie's. Polymestor. Du redest klug; wohl wird es also besser sein.L. καλῶς ἔλεξας· τῇδε κ. σ. Compare printed p. 58 Hekabe. Du weißt Athene's Heiligthum in Ilion? Polymestor. Da liegt das Gold wohl? Was bezeichnet mir den Ort? Hekabe. Ein schwarzer Fels, der aus der Erde sich erhebt. Polymestor. Und weiter willst du Nichts von dort mir sagen mehr? Hekabe. Den Schaz bewahren sollst du mir, mit dem ich kam. Polymestor. Wo ist er? Birgst du innerhalb des Kleides ihn? Hekabe. In diesen Zelten, bei der Beute, liegt das Gold. Polymestor. Wo? Hafenzelte sind ja dies von Argos Heer. Hekabe. Gesondert wohnen hier die kriegsgefangnen Fraun. Polymestor. Und ist es innen sicher, ist kein Mann daselbst? Hekabe. Kein Mann des Heers ist innen, sondern wir allein. Nun geh' hinein (schon rüsten Argos Schiffe sich, Heimwårts zu richten ihren Lauf von Ilion:) Daß, ist gethan das Deine, mit den Knaben du Dorthin zurückkehrst, wo du meinen Sohn verbargft. (Sie gehen ab.) Chor. Noch såumt' an dir die Rache; nun ereilt sie dich: Wie in des hafenlosen Meers tiefe FlutL. ἐς ἄντλον πεσών. Compare printed p. 58 Ein Mann jah' hinabstürzend, den Tod umarmt: So in des Todes Hand stürzest du! Wer dem RechtDie Worte: ἀμέρσας βίον – verbinde ich mit δώσεις δίκην V. 994. Compare printed p. 58 Verfiel, wen ein Gott schuldig erfand, es trifft Sichres Verderben ihn.ὀλέθριον nur Einmal. Compare printed p. 58 Dich trügt die Hoffnung dieses Wegs, Unsel'ger, die Dich hinführt in Hades' graunvolle Nacht! Unter der Schwachen Hand hauchst du das Leben aus. Polymestor (im Zelte). Das Licht der Augen blenden sie mir Armen, weh! Chor. Habt ihr des Thrakers Weheruf vernommen, Fraun? Polymestor. Und aber weh mir, daß man euch, o Kinder, würgt! Chor. Ihr Theuren, Unerhortes wird im Zelt verübt. Polymestor. Ha, nimmer sollt ihr mir entfliehen mit raschem Fuß: In Trümmer brech' ich, sturz ich hier die Winkel ein. Chor. Seht, wie der Wurf ihm machtig saust vom starken Arm! Auf, last hinein uns stürzen; denn uns ruft die Noth, Der Hekabe zu helfen und den Troërfraun. Hekabe (kommt aus dem Zelte). Schlag' ein die Pforten, schone Nichts, zertrümmre sie! Dem Auge bringst du nie zurück sein helles Licht, Schaust nie die Sohne lebend mehr, die ich erschlug! Chor. Du trafst den falschen Thrakerfreund, o Herrinn, hast Ihn überwunden? Was du sagst, ist ausgeführt? Hekabe. Du wirst sofort ihn sehen, vor das Zelt heraus Den Augenlosen treten sehn mit irrem Fuß, Auch beider Sohne Leichen, die ich todtete Mit diesen edeln Troërfraun: wohl hat er mir Gebußt. Er tritt hier eben aus des Zeltes Thor. Doch weg von hier, ich muß dem UnmuthschnaubendenL. θυμὸν τέοντι. Compare printed p. 58 Entweichen; schwierig würde mir der Kampf mit ihm. Polymestor. Weh mir, weh! Wo geh' ich, tret' ich, entwande' ich? Die Hand, gleich dem vierfüßigen Waldesthier, Zum Tritt' aufgestüzt, tast' ich der Spur nach. Ach, welchen der Weg', hierhin? dorthin? Wo schreit' ich hinaus? Ich erhaschte so gern' euch, ilische Fraun, Die, von Blut triefend, gemordet mich! Ihr Unsel'gen, ihr, Dirnen vom Phrygervolk!L. τάλαιναι κόραι, τάλαιναι, Φρυγῶν. Compare printed p. 58 Ha, wo in die Winkel entfliehn sie, wohin, Die Versluchten, vor mir? Daß du das Augenlied mir, das geblendete, Das verwundete, heiltest, daß du mir das Licht, Helios, wiedergåbst! Ach, ach! Still, still! Ich vernehme den heimlich schleichenden Tritt Der verruchtesten Fraun. Wie sturz ich auf sie, Und sättige mich an Fleisch und Gebein, Und bereite die Speise des Raubwilds mir, Die Schmach råchend, ha! Die Schmach meiner Schandung? Weh' über mich! Wo irr' ich, wohin, und lasse die Sohn' Allein den Månaden des Todes zurück, Sie zu zerfleischen, lasse sie, ein blutig Mahl,L. σφακτὰν κυσί τε φοινίαν δαῖτ᾽, ἀνήμερόν τ᾽ ὀρείαν ἐκβολάν. Compare printed p. 58 Den Hunden und des Berges Wild? Wo ruh'n, wo steh'n, wo weilen ? Scheu, dem Meerschiffe gleich, zich ich die Seget ein, Hierher an das Lager des Todes verſtürmt, Zu meiner Kinder Schuz, An ihr Todesbett. Chor. Welch grauses Leid geschah dir, Unglückseliger! Doch furchtbar ist die Strafe, die den Frevler trifft.Die Worte: δαίμων – βαρύς – sind aus V. 706 (Ausgabe v. Matthiä) mit geringer Veränderung herübergenommen, und passen überdem nicht auf Polymestor, der durch eigene Schuld unglücklich ist; daher sie in der Uebersezung weggelassen wurden. S. Hermann z. d. St. Compare printed p. 58 Daher, Thrakia's Polymestor. Speerschwingendes, rostummelndes, wehrkundiges Volk, welches der Kriegsgott liebt! Daher, Achder! Daher, Atreiden! Geschrei, Geschrei, von mir tont Geschrei! kommt, o kommt, o, bei den Göttern, eilt!L. ἴλ᾽, ὦ, ἴλ᾽, ὦ, μόλετε πρὸς θεῶν. Compare printed p. 58 Hört Einer? Steht uns Keiner bei? Was saumet ihr! Frau'n waren mein Verderben, Die kriegsgefangnen Troërfraun! Schweres, Schweres erduldet' ich! Wehe der Schmach, weh mir! Wo entfliehn, wohin mich wenden? Soll ich auffliegen in des Aethers Höhn, Zu der erhabnen Wohnung, Wo den Glutglanz Seirios oder Drion herab aus den Flammenaugen sendet? Oder entschwing' ich Unseliger mich zu des Aïdes distrem Strand? Chor. Verzeihlich ist es, wenn man unerträglich Leid Erlitt, ein Dasein enden, das so traurig ist. Agamemnon. Ein Schrein vernehmend, komm' ich: denn das stille Kind Der Bergesfelsen tonte nicht durch unser Heer, Den Lärm erregt nicht Echo. Wüst' ich nicht gewiß, Daß unter Hellas Speere sank die Phrygerburg; Nicht kleine Schrecken weckt' in uns dies Wehgeschrei. Polymestor. Mein Freund Agamemnon, denn ich kenne wohl den Laut Von deiner Stimme, - siehst du, was ich leiden muß? Agamemnon. Spa! Polymestor, Unglückseliger! Wer hat dich verderbt? Wer traf das Auge blendend dir mit blut'gem Schlag? Erschlug dir deine Kinder? Wer es immer war, Dir und den Sihnen wahrlich hegt' er schweren Groll. Polymestor. Vereint den kriegsgefangnen Fraun, schuf Hekabe Verderben, nicht Verderben, mehr als dieses, mir. Agamemnon. Was hdr' ich? Du hast, sagt er, diese That verubt? Du, Hekabe, des Ungeheuren dich erkühnt? Polymestor. Wie sagst du? Weh mir! Ist das Weib uns nahe wo ? zeige, ſprich, wo ist sie, daß mit Händen ich Sie fasse, sie zerfleische, bad' in ihrem Blut. Agamemnon. Du, was beginnst du? Polymestor. Bei den Göttern fleh' ich dir: Vergonne, daß ich leg' an sie die grimme Hand. Agamemnon. Halt ein, verbann' aus deiner Brust die wilde Wuth1 Sprich, daß ich richtig sehe, weshalb dies Geschick Dich traf, nachdem ich dich gehört, und diese dann. Polymestor. Vernimm! Des Priamos jüngster Sohn und Hekabe's War Polydoros, welchen mir aus Ilion Sein Vater sendet' und in's Haus in meine Zucht, Vorahnend Troja's Untergang, mir übergab. Und ihn erschlug ich: doch warum ich ihn erschlug, Das hore, mit welch gutem, weisem Vorbedacht. Ich sorgte, leb' er, euer Feind, er könnte sich Die Troër sammeln, Ilion von neuem baun, Und hörten Argos Söhne, daß ein Priamssohn Noch lebe, mochten sie den Bug in's Phrygerland Erneun, und raubend diese Thrakerflur sodann Weithin verheeren, daß wir Nachbarn Ilions Das Leid erführen, das wir, Herr, nun ausgekämpft. Da hört von ihres Sohnes Loos die Königinn, Und mich berückt sie durch das Wort, sie wolle mir Der Priamiden goldne Scház' in Ilion Entdecken, führt mit meinen Kindern mich in's Zelt, Allein, damit kein Andrer das erkundige. Ich size mitten auf dem Bett, das Knie gebeugt, Und viele Jungfraun Ilions, zur Linken die, Zur Rechten andre, sezten, wie zum Freunde, sich Zu mir, betrachtend mein Gewand am Sonnenlicht, Und lobten staunend solch Gewirk von Thrakerhand; Noch andre sahn bewundernd auf den Thrakerspeer, Und also wurde mir entwandt mein Doppelschmuck. Die Mütter waren, wiegten voll Verwunderung Die Sohne schmeichelnd auf dem Arm, und ließen sie Von Hand zu Hand gehn, daß sie fern vom Vater sein. Und was bedunkt dich? - jezo nach den freundlichsten Gesprächen ziehn sie Dolche rasch aus ihrem Kleid, Durchbohren mir die Kinder; andre greifen mich, Gleich Feinden, halten Füße mir und Arme fest. Indeß ich suchte, meinen Kindern beizustehn, Ward ich am Haar gehalten, wenn ich mein Gesicht Emporzurichten strebte; regt' ich eine Hand, Vermocht' ich Armer vor dem Schwarm der Weiber Nichts. Zulezt - o Schmach, o Frevel, dem kein andrer gleicht! — Verübten sie das Grause; sie durchbohren mir Der Augen unglücksel'ge Stern', in ihrer Hand Die Spangen, daß es blutig stromt, entweichen dann Durch ihr Gemach: ich, gleich dem Wilde, spring' empor, Und seze nach den blutbefleckten Hündinnen, Im ganzen Zelt umspürend, wie der Jägersmann, Schlag' ein, zertrümmre. Dieses hab' ich deinethalb Erlitten, weil ich deinen Feind ermordete, Agamemnon! Doch was dehn' ich lang die Rede noch? Wenn Einer vor mir ehemals geschmäht die Fraun, Wenn Einer nun sie schmåhet, oder kunstig schmäht; Dies Alles press ich kurzgefast in dieses Wort: Solch eine Brut hegt nicht die Erde, nicht das Meer; Das weiß ja Jeder, der mit ihr zusammenlebt. Chor. Nicht übermüthig hebe dich, nicht also schilt Ob deines Unglucks ohne Wahl der Fraun Geschlecht: Viel' unser strahlen neidenswerth in Tugendglanz, Andere gesellen sich der Zahl der Bösen bei. Hekabe. Wohl, Agamemnon, sollte bei den Sterblichen Die Zunge niemals mehr vermogen als die That. Wenn Einer Gutes übte, sprech' er Gutes auch, Und that er Boses, set die Red' unmächtig stets, Und nicht vermögend, Uebles gut zu nennen je. Die solches gründlich lernten, nennt man weise wohl; Doch bis zum Ende können sie nicht weise sein, Und gehen unter; Keiner noch entfloh der Schmach. Mit diesen Worten redet' ich bisher zu dir: Nun geh' ich wider diesen, und erwieder' ihm. Du sagst, um Hellas nicht zu mühn in neuer Noth, Wegen Agamemnons, habest du mein Kind entseelt. Doch wird mit Hellas Volke, du Verruchtester, Ein Stamm Barbaren nimmermehr befreundet sein, Und kann es niemals werden. Wem zu Gunsten denn Bewiesest du den Eifer? Trieb ein Eidam dich, Ein Blutsverwandter? Oder war's ein andrer Grund? Sie möchten wiederkehrend euch der Felder Saat Bertreten? Wo war' Einer, der das glaubte dir? Wenn du die Wahrheit sagen willst, es war das Gold, Ja, deine Habsucht war es, die mein Kind erschlug. Denn sonst erkläre dieses! wie, da Troja noch Im Glücke war, noch Wall' umgaben unsre Stadt, Mein Gatte lebte, Hektor kühn die Lanze schwang, Was hast du da nicht, war es dir um Hellas Gunst Zu thun, den Knaben, der in deinem Hause war, Ermordet, oder lebend zugeführt dem Heer? Nein, als des Glückes Sonne nicht mehr lächelt' uns, Und Rauch verkundete, daß der Feind die Stadt gewann, Erschlugst du jenen, welcher kam zu deinem Heerd? Zudem vernimm nun, wie verrucht du noch erscheinst. Du mußtest, warst du anders Freund der Danaër, Das Gold, (du hast es selber sein, nicht dein, genannt)Anders übersezt: Das Gold des Gastes, wie du selbst, nicht dein, es nennst. Oder wörtlicher: Das Gold, das, wie du sagtest, ihm, nicht dir, gehört. In der lezteren Uebersezung ist nur die Verkürzung des Relativpronomen das anstößig. Compare printed p. 58 Den Armen geben, die so lange Zeit bereits Auf fremder Erd' umirrten, fern vom Vaterland. Du aber willst auch jezo nicht aus deiner Hand Es lassen, und behältst es noch voll Troz daheim. Ja, wenn du, wie's dir ziemte, meinen Sohn erzogst, Und ihn erhieltest, krönte dich ein schöner Ruhm: Im Ungemache wird erprobt ein edler Freund; In guten Tagen findet sich der Freund von selbst. Und wenn du arm geworden, und er blüht' im Glück; Ein großer Schaz noch wäre dir mein Knabe dann. Nun hast du keinen Freund an ihm; verblichen ist Der Glanz des Goldes; deine Kinder sind dahin; Du bist des Unglücks armer Sohn, - Agamemnon, dir, Dir sag' ich: wenn du diesem hilfst, erscheinst du schlecht; Denn keinen Frommen, Keinen, der den Freunden sich Als treuen, biedern Freund erprobt, beschůzest du: Ja, thust du dieses, sag' ich, daß der Frevel dich Erfreue: doch nicht schmåhen will ich meinen Herrn Chor. wie so reichen Stoff gewährt den Sterblichen Bu guten Worten immerdar die gute That! Agamemnon. zu richten über fremdes Leid, fällt schmerzlich mir; Doch muß ich wohl: denn Schande wär' es, wenn ich das, Wozu ich einmal mich erbot, verweigerte. So höre denn: erschlagen hast du deinen Gast, Nicht mir zuliebe, glaub' ich, noch den Danaërn, Nein, um des Goldes Herr zu sein in deinem Haus. Verstrickt in Ungluck, sagst du, was dir frommen mag. Den Freund zu morden, dünkt vielleicht ein Kleines euch, Doch uns, Achaia's Sohnen, scheint es frevelhaft. Wie wär' ich also tadellos, entband' ich dich Von Schuld? Ich kann es nimmer. Weil du Schåndliches Zu sån vermochtest, arnte nun auch Widriges Polymestor. Von einer Sklavinn, scheint es, weh! bin ich besiegt, Und büßen muß ich einer viel Geringeren. Hekabe. Wohl nicht mit Unrecht, wenn du schlecht an ihr gethan. Polymestor. Weh mir! D meine Kinder! Weh, mein Augenlicht! Hekabe. Du klagst? Und glaubst, ich klage nicht um meinen Sohn? Polymestor. Dir macht es Freude, mich zu hohnen, Frevlerinn? Hekabe. Ich sollte mich nicht freuen, daß du mir gebüst? Polymestor. Das wirst du nimmer, wann dich einst die Meeresflut. Hekabe. Nach Hellas Gränze tragen wird im hohen Schiff ? Polymestor. Bedecken, wann vom Maste du herabgestürzt. Hekabe. Wer zwånge mich zu so gewaltsam kühnem Sprung? Polymestor. Zum Maste klimmst du mit den Füßen selbst hinauf. Hekabe. Beschwingt mit Flügeln auf dem Rücken, oder wie? Polymestor. Zum Hunde wirst du, drohend mit dem Feuerblick. Hekabe. Woher vernahmst du meines Leibs Umwandelung? Polymestor. Der Seher Thrake's, Dionysos, sagt' es mir. Hekabe. Von deinem Ungluck hat er dir Nichts offenbart? Polymestor. Dann hättest du mich also nie durch das Licht berückt. Hekabe. Vollend' ich dort todt oder lebend mein Geschick? Polymestor. Du stirbst: und deines Grabes Hügel wird genannt Hekabe. Wohl meine Wandlung oder was bezeichnet er? Polymestor. Das Grab der Hündinn, warnend Mal den Schiffenden. Hekabe. Mich kummert's nicht mehr, weil ich dich gezüchtiget. Polymestor. Kassandra, deine Tochter, sie mus sterben auch. Hekabe. Nichts acht' ich deine Rede: das komm' über dich! Polymestor. Die schndde Hausfrau dieses Manns ermordet sie. Hekabe. So wuthe niemals Tyndareus' erhabnes Kind! Polymestor. Und todtet ihn auch, schwingt das Beil hoch über ihm. Agamemnon. Du rasest, du; nach neuem Unheil lüstet dich. Polymestor. Morde mich! In Argos wartet dein das Todesbad. Agamemnon. Ihr Knechte, greift ihn, schaffet ihn mir gleich hinweg! Polymestor. Die Kunde schmerzt dich? Agamemnon. Båndigt ihr ihm nicht den Mund ? Polymestor. Ja, schließt mich ein; es bleibt gesagt. Agamemnon. Werft ihn sogleich Nach einer Insel, unbewohnt von Menschen, aus, Ihn, der so schamlos trozig schwazt und ohne Maaß! Doch du bestatte, jammervolle Hekabe, Die beiden Todten; aber ihr Troaden geht In eurer Herren Belte: denn bereits erhebt Sich guter Wind hier, welcher uns nach Hause trågt. Sei denn die Heimfahrt glucklich, und o fånden wir, Frei dieser Muhen, Alles wohlbestellt zu Haus! Chor. Zu dem Port, zu den Zelten, o Freundinnen, geht, Zu versuchen der Herrn mühseligen Dienst! Unbeugsam waltet das Schicksal.