Electra — Donner (1852), OCR review edition Euripides Johann Jakob Christian Donner OCR source collation, conservative repairs and citation alignment Editorial processing with Codex

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Euripides. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift von J. J. C. Donner. Volume 3. Heidelberg: C. F. Winter, 1852. Harvard supplied OCR, H3; running-text copy text. Independent BSB copy, page-coordinate OCR and facsimiles; used to check layout and notes.BSB digitization Source reviews and editorial inventory

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Ein mykenischer Landmann. O graue Burg von Argos, Strom des Inachos,[OCR note; compare the printed page.] Inachos, ein Fluß bei Argos. Compare printed p. 191OCR review edition. D. citations belong to Donner; u marks unresolved verse division. Sources, repairs and unattributed notesDonner’s metrical analyses and notes: page facsimiles Von wo mit tausend Masten einst in's Troërland, Dem Schlachtengotte folgend, Agamemnon kam! Nachdem er Troja's Herrscher dort, den Priamos, Erschlug und Ilos' stolze Stadt eroberte:[OCR note; compare the printed page.] Ilos, ein alter König Troja's, von dem Ilion den Namen hat. Ueber ihn, so wie über das trojische Königsgeschlecht überhaupt, s. Homer Il. 20, 215-240. Compare printed p. 191 Da zog er heim in dieses Argosland und hing Zahlreich an hohen Tempeln auf den Phrygerraub. Dort war er glucklich; aber hier, am eignen Herd, Erlag er Klytamnestra's, seines Weibes, Trug, Erschlug Aegisthos meuchlings ihn, Thyestes' Sohn. So ging er unter, so verlor er Tantalos' Uralten Scepter, und Vegisthos herrscht im Land, Der Tochter Tyndars, Agamemnons Weib, vermählt. Doch, die, nach Troja schiffend, er zu Hause ließ, Orestes und Elektra's holde Blüthe war's Orestes, den Aegisthos todten will, entrückt Des Vaters greiser Pfleger ingeheim und gibt In Phokis' Land ihn aufzuziehn dem Strophios. Elektra, die im Vaterhause blieb daheim, - Nach ihr verlangten, als der Jugend Blüthezeit Sie schmuckte, werbend Hellas' erste Junglinge. Doch fürchtend, Sohne möchten einst aus ihrem Schooß Erstehn des Vaters Nacher, hielt Aegisthos sie[OCR note; compare the printed page.] Ε. ποινάτορας τῦ πατρός. Compare printed p. 191 Zu Haus, und keinen Bräutigam verband er ihr. Ja, weil ihn auch die Sorge quålt, sie könnte wohl Geheim gebåren einem Mann von edler Art, Beschließt er sie zu tödten: doch da rettet sie Die Mutter, sonst so grausam, aus Aegisthos' Hand. Denn einen Vorwand hatte sie beim Gattenmord;[OCR note; compare the printed page.] Klytämnestra glaubte sich wegen der Ermordung Agamemnons ges rechtfertigt, weil er unter dem Vorwande, seine Tochter Iphigenia mit Achilleus vermählen zu wollen, diese samt der Mutter nach Aulis gelockt und dann geopfert hatte. Compare printed p. 191 Doch Haß erweck' ihr, sorgte sie, des Kindes Tod. Hierauf ersann Aegisthos dieses Andere: Gold bot er aus zum Lohne, wer Oresten ihm, Der aus dem Lande fluchtig ward, ermordete; Elektren aber gibt er mir zum Weibe, mir, Der aus myken'scher Våter Blut entsprossen ist. Wohl achtet dieser wegen mich Niemand gering; Denn hohen Standes bin ich, zwar an Gutern arm, Und freilich dadurch schwindet auch des Adels Glanz. Er dachte, nur vor einem schwachen Feinde sich Vorsehn zu müssen, gåb' er sie dem schwachen Mann. Denn wäre sie des angeseh'nen Mannes Weib, So weckt' er Agamemnons Blut vom Schlummer auf, Und seiner Frevel Strafe tråf' Aegisthos' Haupt. Ich habe niemals (Aphrodita zeuge mir's!) Berührt die Jungfrau: reines Mädchen ist sie noch. Erröthen mußt' ich, wenn ich edler Männer Kind Mißbrauchen wollte, dessen ich nicht wurdig bin. Nur ihn beklag' ich, welcher mir verschwågert heißt, Den Schmerzenssohn Orestes, wenn er, heimgekehrt, Der Schwester ungluckvollen Bund dereinst erblickt. Doch wer mich einen Thoren schilt, daß ich in's Haus Ein junges Weib nahm, das ich nicht berühren will, Der wisse, daß er nach verkehrtem Wahne nur Die Tugend mißt und selber gleiches Sinnes ist. Elektra tritt aus dem Hause mit einer Wasserurne auf dem Kopfe. Der Landmann. Elektra. O důstre Nacht, der goldnen Sterne Nährerin, In der ich, diese Wasserurn' auf meinem Haupt, Hinaus zu schopfen gehe nach des Stromes Quell! Wohl sank ich nicht in solche Noth: ich zeige nur[OCR note; compare the printed page.] Wohl sank ich nicht in solche Noth, daß ich keine Dienerin halten könnte, die an meiner Statt Wasser trüge. Compare printed p. 191 Aegisthos' Hohn den Göttern, strome meinen Gram[OCR note; compare the printed page.] Die Alten glaubten, daß die Götter Nachts auf Erden unter den Menschen wandelten. Compare printed p. 191 Um Agamemnon in den großen Aether aus.[OCR note; compare the printed page.] L. ἀφίημ', das sich an μετέρχομαι V. 57 anschließt: V. 58 und 59 sind wie eine Parenthese zu fassen. Compare printed p. 191 Denn meine Mutter, Tyndareus' ruchloses Kind, Stieß aus dem Vaterhause mich, dem Mann zulieb, Und achtet, weil sie andre Kinder ihm gebar, Orestes und Elektra nur als Fremdlinge. Der Landmann. Was quålst du dich um meinetwillen, Arme, so? Du schaffst dir Mühen, du vordem so zart gewöhnt, Und låssest, mahn' ich immer auch, nicht ab davon. Elektra. Ich achte dich für einen gåttergleichen Freund; Du triebst in meinem Leide keinen Spott mit mir. Und groß für Menschen ist das Gluck, in schwerer Noth Den Arzt zu finden, wie er mir in dir erschien. Drum muß ich, ungeheißen auch, so weit ich kann, Dir deine Müh'n erleichtern, muß, mit dir vereint, Arbeiten tragen, daß die Last dich minder drückt. Du hast der Arbeit außen gnug; im Hause muß Ich Alles ordnen: kommt der Tagelshner heim, So freut er sich, es innen wohlbestellt zu sehn. Der Landmann. Wenn dir's gefällt, so gehe: sind die Quellen doch Nicht weit vom Hause. Graut der Tag, so will ich selbst In's Feld die Stiere treiben und die Flur beså'n. Kein Tråger, der die Götter bloß im Munde führt, Kann muhelos sich schaffen, was das Leben nåhrt. (Sie gehen nach verschiedenen Seiten ab.) Orestes. Pylades. Orestes. Mein Pylades, vor allen Menschen acht' ich dich Als meinen Gastfreund, der mir hold und eigen blieb: Allein von allen Freunden warst du mir getreu Im Leide, das Vegisthos über mich gebracht, Der mir den Vater im Verein mit ihr erschlug, Der frevlen Mutter. Aus Apollons Heiligthum Erschein' ich (Niemand weiß darum) auf Argos' Grund, Daß mir die Mörder büßen für des Vaters Mord. Ich ging zu meines Vaters Grab in dieser Nacht, Und weiht' ihm Thränen, schnitt ihm ab von meinem Haar, Und auf der Grabstatt opfert' ich des Lammes Blut, Dem Herrn verborgen, welcher hier im Land gebeut. Indeß in Argos' Mauern sez' ich nicht den Fuß. Auf zwei Gedanken hingewandt, betrat ich hier Des Landes Granzen: daß ich schnell in andres Land Die Schritte lenke, falls ein Spåher mich erkennt, Und meine Schwester suche: (denn sie sei vermählt,[OCR note; compare the printed page.] Ε. ζητῶν τ' ἀδελφήν. Man könnte auch lesen: ζητῶ τ' ἀδελφήν, wo dann ζητῶ von ἵνα V. 97 abhängig wäre. Compare printed p. 191 Sei nicht im Vaterhause mehr, behauptet man;) Sie will ich sprechen und dem Mord als Helferin Gesellen und erfahren, wie's in Argos steht. Jezt (Eos hebt ihr lichtes Flammenaug' empor) Laß uns zur Seite lenken hier von diesem Pfad. Vielleicht ein Pflüger oder auch ein dienend Weib Wird uns erscheinen, welche wohl uns sagen kann, Ob meine Schwester heimisch ist an diesem Ort. Doch hier ja seh' ich eben eine Dienerin: Sie trågt die Flut des Quelles auf geschor'nem Haupt[OCR note; compare the printed page.] auf geschor'nem Haupt: Zeichen der Trauer. Compare printed p. 191 Daher. So laß uns niedersizen und von ihr Erforschen, ob uns Kunde wird, mein Pylades, Der Dinge, die uns hergeführt in dieses Land. (Sie treten in ein nahes Gebusch. Elektra kommt mit der Wasserurne vom Brunnen zurück.) Strophe. Elektra. O beslügle den Schritt: denn die Zeit drångt! Hinein, hinein jezt, mit lauter Klage! O weh, weh mir! Mich erzeugte des Atreus Sohn,[OCR note; compare the printed page.] L. ἐγενόμαν ᾿Αγαμέμνονος. (Ohne κέρα.) Compare printed p. 191 Klytamnestra gebar mich, die Grause Tochter des Tyndaros, Und Elektra, die arme, nennt Mich der Bürger von Argos. Weh, weh, trauriges Leben, weh, Gråßlicher Leiden Qual! Und du ruhest im Grabe nun, Pater, entseelt von Aegisthos und Deinem Weib, Agamemnon! Auf! Wecke den alten Trauergesang, Wieder wecke der Thränen Lust! Gegenstrophe. O beflugle den Schritt: denn die Zeit drångt! Hinein, hinein jezt, mit lauter Klage! O weh, weh mir! Armer Bruder, in welcher Stadt Weilst du fluchtig, in welchem Haus,[OCR note; compare the printed page.] Ε. τλᾶμον ξύγγον, ἀλατεύεις. Wer die alte Lesart: ξύγγονε, λατρεύεις, beibehalten will, lese den deutschen Vers so: Weilst du dienend, in welchem Haus. Compare printed p. 191 Seit du dort in den Hallen des Vaters im bittersten Ungemach Trauernd ließest die Schwester? Kämst du doch ein Erretter mir Armen in dieser Noth, (D Zeus!) rachtest des Vatermords Gråuel, wenn dein irrender Fuß Dich heimtrüge nach Argos! Nimm das Gefäß mir vom Haupte herab, um in nåchtlicher Klage Das Schicksal des Vaters laut zu bejammern! Schlußgesang. Ein helltonend Lied stimm' ich, ein Todeslied, Dir an, Vater, der drunten im Grabe wohnt! Unablåssig und täglich Klagt mein Schmerz; mit dem Nagel zerfleisch' ich Nacken und Wange mir, Lege die Hand an's geschorene Haupt, Um dich jammernd, o Todter. O verwunde dein Haupt! Dem süßtönenden Schwane gleich, Der am Ufer des Stroms umher Nach dem trauten Vater ruft, Welchen trüglicher Schlingen Nez Todtend umsing, so wein' ich laut, Unglückseliger Vater, um dich, Der du das lezte der Båder im traurigen Bette des Todes gekostet! O Gram! O der graunvollen Art, die dich mordete! O des graunvollen Verrathes nach dem Troërzug![OCR note; compare the printed page.] Für βελᾶς 1. ἀβελίας, „nefandi consilii, ut verba ἐκ Τροΐας ὁδῶ explicentur post Trojanam expeditionem." Seidler. Compare printed p. 191 Nicht mit Båndern und Kränzen,[OCR note; compare the printed page.] Zurückkehrende Sieger schmückte man mit Bändern und Kränzen. Compare printed p. 191 Vater, empfing dich dein Gemahl: Mit zweischneidigem Schwerte bot Sie dem Aegisthos zur Schmach dich dar, Und errang sich den Buhlen. Der Chor. Elektra. Der Chor. Agamemnons Tochter, o sieh Hier mich kommen, Elektra, zu dir an die landliche Hutte![OCR note; compare the printed page.] Ε. ποτὶ σὰν αὐλὰν ἀγρότειραν. Compare printed p. 191 Es kam heut, es kam Ein Bürger Mykene's, der Von Milch lebt, ein Bergwanderer, Meldet, daß auf den dritten Tag Argos' Volk ein Opfer und Fest Angekündet, und alle Jungfrau'n Sich bereiten, zu Hera's Tempel zu zieh'n.[OCR note; compare the printed page.] Hera's, als der in Argos vorzugsweise verehrten Göttin. Compare printed p. 191 Elektra. Nicht zu Wonnen, geliebte Fraun, Nicht zu goldnem Geschmeide fliegt Mein unseliger Geist auf; Nicht zu Mädchen aus Argos im Reigentanz mich gesellend, Schwing' ich meinen behenden Fuß: Thränen vergieß' ich, Thränen nur sind meine Lust, Täglich Wonne mir Armen. Sieh mein schmucklos flatterndes Haar, Sieh die zerriſſnen Gewänder hier, Ob Agamemnons Tochter es so, Ob es dem Königskinde geziemt Oder Ilion, das gedenkt, Wie mein Vater es einnahm. Der Chor. Ja, groß ist Hera! Auf, und empfange von mir vielfarbiger Feiergewande Goldnes Gewebe, das Sich schon zu der Schönheit fügt! Du wåhnst, ohne daß du die Götter ehrst,[OCR note; compare the printed page.] Ε. δοκεῖς τοῖοι σοῖς δακρύοις. Compare printed p. 191 Ueber die Feinde mit deinen Thränen Zu siegen? Mit Klagen ja nicht Wirst du dir heitere Tage schaffen, Nein, nur mit Gebet zu den Göttern, o Kind. Elektra. Kein Gott hört auf der Armen Ruf, Kein Gott achtet der Opfer, die Einst der Vater geopfert. Weh mir um den Erschlagenen, Weh um den lebenden Flüchtling, Der in fremdem Lande vielleicht Elend umherirrt und am Sclavenherde darbt, Sohn des herrlichen Vaters! Ich selbst wohn' im dürftigen Haus, Und an der Seele zehrt mir der Gram; Fern vom Vaterherde verbannt, Weil' ich am einsamen Felsengebirg; Aber die Mutter, dem Fremdling vermählt, Ruht im Lager des Mörders. Der Chor. Viel Leiden hat sie Hellas' Volk und deinem Haus Gebracht, die Schwester deiner Mutter, Helena. Elektra. Ihr Frauen, weh! Von meinen Klagen lass ich nun. Seht dort, die Fremden, die versteckt am Hause sich Gelagert, kommen aus dem Hinterhalt hervor. Flieht ihr den Pfad hin ungesäumt, ich eil' in's Haus, Den frevelhaften Männern aus dem Weg zu gehn! (vertritt ihr den Weg.) Orestes Verweil', o Arme, zittre nicht vor meiner Hand! Elektra. (O Phobos!) Knieend sich mich hier: nicht morde mich! Orestes. Ich todte lieber Andre, mir Verhaßtere. Elektra. Geh! Nicht beruhre, was du nicht berühren darfst ! Orestes. Mit größerm Necht berühr' ich keines Menschen Hand. Elektra. Was lauerst du gewaffnet hier an meinem Haus? Orestes. Bleib' und vernimm mich: und du sagst bald ebenso.[OCR note; compare the printed page.] Ε. καὶ τάχ' ἐκ ἄλλως ἐρεῖς, nämlich ἢ ἐγώ, mit Beziehung auf seine Worte V. 220. Compare printed p. 192 Elektra. Ich bleibe, bin ganz deine; du bist stärker ja. Orestes. Ich bringe dir von deinem Bruder Kunde, Frau. Elektra. Mein Theurer! Lebt er oder deckt ihn Todesnacht? Orestes. Er lebt: das Gute will ich dir kundthun zuerst. Elektra. O sei gesegnet für das hochwillkommne Wort! Orestes. Gemeinsam wünsch' ich solches Glück uns Beiden an. Elektra. Wo weilt in unglücksel'gem Bann der Arme denn? Orestes. Er übt die Bräuche manches Volk's und kämpft sich durch. Elektra. Und ihm gebricht wohl, was er Tag für Tag bedarf? Orestes. Dies hat er; hülflos aber ist ein Flüchtiger. Elektra. Nun, welche Botschaft meldest du vom Bruder mir? Orestes. Er möchte wissen, ob du lebst und wie du lebst. Elektra. Wohl siehst du, wie mein Körper hingeschwunden ist. Orestes. Von Gram verzehrt und Trauer: ich beklage dich. Elektra. Vom Messer abgeschoren auch des Hauptes Haar. Orestes. Du hårmst dich um den Bruder, um des Vaters Tod? Elektra. Was könnte mir auch theurer wohl als diese sein? Orestes, Was kann dem Bruder werther als die Schwester sein? Elektra. Fern, nicht an meiner Seite, weilt er, der mich liebt! Orestes, Weßwegen wohnst du, fern der Stadt, an diesem Ort? Elektra. Ein tödtlich Ehband fesselt mich, o Fremdling, hier. Orestes, Dein armer Bruder! Ist aus Argos dein Gemahl?[OCR note; compare the printed page.] Ε. τινί, Compare printed p. 192 Elektra. Kein Gatte, wie der Vater mir ihn einst bestimmt. Orestes. Sprich, daß ich's deinem Bruder dann berichten kann. Elektra, In diesem Hause wohn' ich, fern der Stadt, mit ihm.[OCR note; compare the printed page.] L. ἐν τοῖςδ᾽ ἐκείνω τηλορὸς ναίω δόμοις. Compare printed p. 192 Orestes. So mag ein Gråber wohnen und ein Kinderhirt. Elektra. Arm ist der Mann, doch edel gegen mich und fromm. Orestes. Wodurch bewährt er diesen edel frommen Sinn? Elektra. Mein Lager anzurühren hat er nie gewagt. Orestes. Gelobt' er Keuschheit? Oder hålt er dich zu schlecht? Elektra. Er wollte nicht beschimpfen meiner Weltern Stamm. Orestes. Wie mochte solcher Ehe Gluck ihn nicht erfreun? Elektra. Der mich ihm schenkte, meint er, sei nicht Herr dazu. Orestes. Er denkt, Orestes rache sich dereinst an ihm.[OCR note; compare the printed page.] Das Wort ξυνῆκα ist in der Uebersezung nicht ausgedrückt. Compare printed p. 192 Elektra. Das eben scheut er, und besonnen ist er auch. Orestes. Ein edler Mann das, dem man schon vergelten muß! Elektra. Kommt er dereinst nach Hause, der nun ferne weilt. Orestes. Und ließ die Mutter dieses zu, die dich gebar? Elektra. Die Frauen sind den Gatten, nicht den Kindern, hold. Orestes. Weßwegen that Aegisthos diese Schmach dir an? Elektra. Damit ich Schwache zeugte, solchem Mann vermählt. Orestes. Daß dir kein Sohn erblühe, der ihn züchtige? Elektra. So meint' er böslich. Büßt' er mir dereinst dafur! Orestes. Und daß du Jungfrau bliebest, weiß Aegisthos dies? Elektra. Mitnichten weiß er's: das verhehlen wir vor ihm. (auf den Chor deutend). Orestes Sind dir die Frauen freundlich, die uns hören hier? Elektra. Treu werden sie verschweigen, was ich sprach und du. Orestes. Was that' Orestes, wenn er kåm' in dieses Land? Elektra. Das fragst du? Schmählich! Kam es nicht zum Aeußersten? Orestes. Des Vaters Mörder todten, sprich, wie könnt' er das? Elektra. Kühn wagend, was am Vater kühn der Feind gewagt. Orestes. Und ihm vereint auch wagtest du den Muttermord? Elektra. Vereint, mit jenem Beile, das den Vater traf. Orestes. Und soll ich das ihm melden als dein festes Wort? Elektra. O sturb' ich, wenn ich meiner Mutter Blut vergoß! Orestes. Ha, stånd' Orestes nahe hier und hörte das! Elektra. Ich wurd' ihn nicht erkennen, Freund, erblickt' ich ihn. Orestes. Kein Wunder: Kind noch, wurdest du vom Kind getrennt. Elektra. Erkennen wurd' ihn Einer unsrer Freunde nur. Orestes. Der, der ihn heimlich, sagen sie, dem Tod' entriß? Elektra. Der edle Greis, der meines Vaters Pfleger war. Orestes. Ward deinem todten Vater auch ein Grab zu Theil? Elektra. So, wie's ihm ward: aus seinem Hause warf man ihn. Orestes. O wehe mir! Was sagst du? Denn mit Gram erfüllt Gefühl für fremde Leiden auch - der Menschen Herz. Doch sprich, damit ich's deinem Bruder melden kann, Das Wort der Trauer, das er doch vernehmen muß. Theilnahme fühlt ja nimmermehr des Thoren Brust, Doch wohl des weisen Mannes, und es bringt Gefahr, Wenn allzuhohes Wissen auch im Weisen wohnt.[OCR note; compare the printed page.] Allzuhohes Wissen, d. i. gänzliche Leidenschaftlosigkeit. Nihil aliud Orestes dicit, nisi hoc, non esse tutum, si quis nimium sapiat, ita ut, exuta omni humanitate, neque gaudeat cum gaudentibus, neque cum dolentibus doleat. Bothe. Compare printed p. 192 Der Chor. Im Herzen, Jungfrau, heg' auch ich denselben Wunsch : Von Argos ferne, weiß ich nicht, was Boses dort Geschehn; erfahren möchte nun auch ich davon. Elektra. Gut, wenn es sein muß: und dem Freunde muß ich wohl Mittheilen mein und meines Vaters schweres Leid. So fleh' ich, Fremdling, weil du mich zur Rede drångst, Verkund' Oresten meine Noth und seine Noth: Zuerst in welchen Kleidern hier, in welchem Schmuz Ich trauern, unter welchem Dach ich wohnen muß, Anstatt im Königshause, das mich sonst gehegt; Mühvoll am Webstuhl web' ich mir die Kleider selbst, Ich müßte sonst nackt gehen, håtte kein Gewand; Vom Quelle trag' ich selber mir das Wasser heim, Und halte fern von Festen, fern von Tänzen mich; Die Frauen flieh' ich, weil ich noch ein Mädchen bin, Und fliehe Kastorn, dem als Ebenbürtige Sie mich verlobten, eh' er zu den Göttern ging. Doch unter Phrygerbeute stolz auf ihrem Thron Sizt meine Mutter; Dienerinnen Asia's, Gefangne meines Vaters, steh'n um ihren Stuhl, Die bunten Phrygermantel schon befestigend Mit goldnen Spangen; aber schwarz klebt noch das Blut Des Vaters an den Wänden, und, der ihn erschlug, Besteigt des Vaters Wagen kühn und fährt daher, Und hält in blutbefleckter Hand frohlockendstolz Den Stab, womit er Hellas' Heeren einst gebot. Noch ungeehrt ist Agamemnons Grabesstatt, Empfing noch nie Trankspenden, nie der Myrte Zweig,[OCR note; compare the printed page.] Mit Zweigen der Myrte, die den Todten heilig war, bekränzte man die Grabstätten. Compare printed p. 192 Und seinem Scheiterhausen ward kein Opferschmuck. Von süßem Weine trunken springt der herrliche Gemahl der Mutter, sagt man, auf dem Grab umher, Und wirft mit Steinen nach des Vaters Marmormal, Und dieses Wort des Hohnes wagt er wider uns: „Wo bleibt Orestes? Ist er hier, des Vaters Grab zu schůzen?" Also hohnt er ihn, der ferne weilt. Deßhalb, o Fremdling, fleh' ich, thu' ihm dieses kund! Und Viele flehen, denen ich Dolmetscher bin: Die Hånde flehn, die Lippen und mein armes Herz, Mein Haupt, das abgeschorne, und sein Vater fleht. Schmach ist es, wenn der Vater Troja's Burg zerstört, Und er, der Eine, nicht den Einen tödten kann, Ein Jungling und des bessern Vaters edler Sohn. Der Chor. Hier seh' ich deinen Gatten: nach vollendeter Arbeit des Tages schreitet er dem Hause zu. Der Landmann. Orestes. Pylades. Elektra. Der Chor. Der Landmann. Ha! Welche Fremden seh' ich hier an meiner Thur? In welcher Absicht nahten sie der ländlichen Wohnståtte? Mich wohl suchen sie. Dem Weibe bringt's Unehre, so mit jungen Männern dazustehn. Elektra. Mein Liebster, sei doch meinetwegen unbesorgt! Du sollst die Wahrheit hören: diese Fremdlinge Sandt' -uns Orestes, seines Worts Verkündiger. Doch ihr, - verargt ihm diese Red', o Freunde, nicht. Der Landmann. Nun? Lebt Orestes, schaut er noch der Sonne Licht? Elektra. Sie sagen's wohl, und nicht unglaublich scheint es mir. Der Landmann. Gedenkt er deines Vaters auch und deiner Noth? Elektra. Ich hoffe dieses: machtlos ist ein Flüchtiger. Der Landmann. Und welches Wort von deinem Bruder melden sie? Elektra. Er sandte sie, um nachzuforschen meiner Noth. Der Landmann. Nun, diese seh'n sie, Andres sagst du selber wohl. Elektra. Sie wissen Alles, Nichts davon blieb ihnen fremd. Der Landmann. Drum sollten diese Pforten långst euch offen stehn. Auf, tretet ein: für euer frohes Wort empfangt Ihr Gastgeschenke, wie sie dieses Haus verbirgt. Nehmt ihr Geråth, o Diener, tragt's in's Haus hinein! Ihr, widersprecht nicht; seid ihr doch als Freunde mir Vom Freund gekommen! Bin ich auch ein armer Mann, Doch zeig' ich wahrlich nimmermehr unedlen Sinn! Orestes. D Götter! Ist es dieser, der den Bund mit dir Verheimlicht, der Oresten nicht beschimpfen will? Elektra. Wohl heißt er mein, heißt Gatte dieser Armen hier. Ha! (auf sich deutend.) Orestes. Kein sichres Merkmal gibt es doch für Edelmuth: Denn viel verworren ist der Sinn der Sterblichen. Wohl manchen Sohn von edlem Vater sah ich schon Zum Nichts entartet und des Bösen Kinder gut; Im Geist des reichen Mannes sah ich Dürftigkeit, Und hohen Sinn in armer Hülle großgenährt. Wie fållt man, sorgsam scheidend, hier den rechten Spruch? Nach Gelde? Traun, ein übler Richter wäre das. Vielleicht nach Armuth? Doch an ihr hångt dieser Fluch: Sie führt den Menschen durch die Noth zum Bösen an. So doch nach Waffen? Wer vermag im Angesicht Des Speeres auszusprechen, wer der Wackre sei? Am besten also lassen wir's dahingestellt. Denn dieser Mann hier, weder groß in Argos' Land, Noch ausgeblåht von seines Hauses Ahnenglanz, Ein Mann des Volkes, zeigte sich als Biedermann. Nicht weise wollt ihr werden, die voll eitlen Wahns Ihr blind umherirrt, wollet nicht nach Handlungen Der Menschen Adel scházen, nicht nach Seel' und Geist? Denn weise Männer stehen wohl den Staaten vor Und wohl dem Hause; Körpermassen, leer an Geist, Sind Säulen nur des Marktes: auch im Kampfe hålt[OCR note; compare the printed page.] Säulen des Marktes, elende Volksredner, die, auf Stand und Reichthum stolz, wohl auf den Markt in die Volksversammlungen kommen, aber nicht reden können. Bothe. Compare printed p. 192 Ein starker Arm nicht besser als ein schwacher aus: Der Muth, des Geistes Gegenwart entscheidet hier. Nun (er verdient es, ob er fern, ob nahe sei, Orestes, dem zuliebe wir gekommen sind,) Nehm' uns die Halle gastlich auf! Ihr, tretet ein In's Haus, o Diener! Zieh' ich doch den durftigen Gastfreund, den liebevollen, vor dem reichen Wicht. So lob' ich denn auch dieses Mannes Gastlichkeit. Doch lieber, Jungfrau, wollt' ich, daß dein Bruder mich Im Haus des Gluck's einführte, selbst ein Glucklicher. Vielleicht, er kommt noch: denn Apollons Spruche sind Wahrhaft, der Menschen Seherkunst ist eitles Nichts. (Orestes und Pylades gehen mit den Dienern in's Haus.) Der Chor. Elektra, nun ist unser Herz mehr als zuvor Erwärmt von Freude; denn vielleicht gestaltet sich Dein Schicksal, wenn auch langsam, jezt in's Bessere. Elektra. Du kanntest deines Hauses Noth, warum empfingst Du diese Fremden, Armer, die doch edler sind? Der Landmann. Nun, sind sie edel, wie es scheint, so werden sie Bei Kleinem so zufrieden wie bei Großem sein. Elektra. Mein Freund, du fehltest, weil wir unvermögend sind: Drum gehe hin zum Greise, der den Vater mir Erzog, den theuren, und am Flusse Tanaos, Der Argos' Marken scheidet vom Lakonerland, Die Heerden weidet, aus Mykene's Stadt verbannt: Und kamst du dorthin, melde, daß er Einiges[OCR note; compare the printed page.] 2. κέλευε δ' αὐτὸν, εἰς δόμες ἀφιγμένος. Compare printed p. 192 Hieher beschaffen müsse für der Gåste Mahl. Er wird sich freuen, wird den Göttern danken, wenn Er hört, der Knabe lebe, den er rettet' einst. Von meiner Mutter aus dem Vaterhause bleibt Uns nichts zu hoffen; ja, die Schnide gråmte sich, Vernahme sie die Kunde, daß Orestes lebt. Der Landmann. Nun, wenn es also dir gefällt, so will ich das Dem Greise melden: gehe du sogleich in's Hauв, Und ordne drinnen. Eine Frau ja findet Viel Zum Essen auszutischen, wenn sie's finden will. Soviel gewiß auch haben wir im Hause noch, Um diese Fremden Einen Tag zu såttigen. (Elektra geht in's Haus.) Erwåg' ich Fålle solcher Art in stillem Sinn, Erkenn' ich wohl auch, welche Macht im Gelde wohnt, Um Fremden mitzutheilen, um den kranken Leib Durch Pflege herzustellen; denn zum tåglichen Genuß bedarfst du wenig; wer gesättigt ist, Der Arme, wie der Reiche, hat gleichviel davon. Erste Strophe. Der Chor. Herrliche Schiffe, die mit zahllosen Rudern Einst hinflogen vor Ilios, (er geht ab.) Im Chor tanzend mit der Nereïden Schwarm, Wo, von der Flöte Tönen entzückt, Der Delphin um die blauen Schnabel Im Wirbel sich schwang, Der zu des Simois Ufern nach Troas Thetis' erhabnen Sohn, Flüchtiger Renner Achilleus, dich Und Agamemnon geleitet! Erste Gegenstrophe. Der Nereiden Chor brachte vom Strand Eubda's Ihm des Hephåstos goldenen Schild, Den kunstvollen, goldner Ambosse Werk. Und am Pelion suchen, an Ossa's außersten heil'gen Waldhöhn, Wo sie fern' umspåh'n, Ihn die Nymphen, wo Hellas' Ruhm[OCR note; compare the printed page.] Ε. κόραι ματεῖο᾽ ἔνθα πατήρ. ματεῦσι dorisch für ματέουσι. Compare printed p. 192 Einst der reisige Vater erzog, Den Meerspråßling der Thetis, den schnellfüßigen Hort der Atriden. Zweite Strophe. Neulich erzählte mir Einer in Nauplios' Port, Der von Troja gekommen, Welche Bilder, die Schrecken des Phrygervolkes, den Umkreis Deines gepriesenen Schildes dir Schmuckten, Achilleus. Auf dem Felde des Reises hielt Perseus, mordend über die See Mit geflügelten Fußsohlen einherschwebend, die Gorgo, Samt Zeus' Gesandten, Hermes, Dem Sohn Maja's, der Fluren Hüter. Zweite Gegenstrophe. Aber im Mittel des Schildes in blendendem Glanz Strahlte Helios' Scheibe Mit den geflugelten Rossen, Auch der Sterne himmlischer Chor, Regengestirn und Plejaden, får Hektors Auge so furchtbar. Auf dem Helm mit den goldnen Bildern Trugen die singenden Sphinre den Raub In den Klauen; am brusthüllenden Blech eilte die glutschnaubende Löwin, die sich wuthend Dem Roß nachsturzt' am Quell Peirene's. Schlußgesang. Dort auch stürmten in blutigem Kampf vierfüßige Rosse,[OCR note; compare the printed page.] Vierfüßige Rosse, im Gegensaze gegen das geflügelte Roß Pegasos, das V. 469 gemeint ist. Compare printed p. 192 Und schwarz wogt' hinter ihnen auf der Staub. Und solcher lanzenkundigen Männer König, ihren Gemahl, erschlug[OCR note; compare the printed page.] Ε. ἃ λέχεα, suum maritum. Compare printed p. 192 Das ruchlose Weib. Drum werden dich Die Götter in den Tod senden; ich sehe noch, Wie vom Nacken das Blut dir stromt, Den der entseelende Stahl getroffen! Der greise Erzieher Agamemnons tritt auf. Bald hernach Elektra. Der Greis. Wo weilt die Jungfrau, meine hohe Gebieterin, Die Tochter Agamemnons, den ich einst erzog?[OCR note; compare the printed page.] Ε. ὃν ποτ' ἐ. ἐ. Compare printed p. 192 Welch steilen Ausgang hat man doch zu diesem Haus, Wie schwer zu klimmen für des Greises matten Fuß! Doch muß ich wohl zu Freunden ohne Weigerung Den krummen Rücken schleppen und das måde Knie. O Tochter - eben seh' ich ja vor'm Hause dich! - Ich komm' aus meiner Heerde dir ein junges Lamm Zu bringen, das ich seiner Mutter Brust entzog, Und Kuchen, Kås auch, den ich aus den Körben nahm,[OCR note; compare the printed page.] Ε. πελάνες. Compare printed p. 192 Und diesen alten langbewahrten Bacchosschaz, Der lieblich duftet; wenig nur; doch mundet wohl Davon ein Becher, beigemischt dem schwächern Trank.[OCR note; compare the printed page.] Ε. σκίύφον τῶδ'. Compare printed p. 192 Geh' Einer, bringe den Fremden dies in's Haus hinein! Ich will indeß mit meines Rockes Zipfel hier Mein Auge trocknen, welches feucht von Thränen ist. Elektra. Was preßt dir, Alter, Thränen aus? Wohl mahnte dich's An meine Leiden wiederum nach langer Zeit? Wohl jammert dich Orestes' unglucksel'ge Flucht, Wohl auch mein Vater, den du einst im Arme trugst Und dir und deinen Freunden fruchtlos auferzogst? Der Greis. Fruchtlos, ja wohl! Doch nicht versagen konnt' ich's mir: Ich ging, vom Weg' ablenkend, seinem Grabe zu, Und kniete hin und weinte, weil Niemand mich sah; Und aus geldstem Schlauche, den ich bringe hier, Wein spendend, legt' ich um die Gruft der Myrte Zweig.[OCR note; compare the printed page.] S. zu V. 320. Compare printed p. 192 Doch nun gewahrt' ich auf der Brandstatt selbst ein Schaf, Von Wolle schwarz, als Opfer, frisch vergoßnes Blut, Und abgeschor'ne Locken auch von blondem Haar, Und staunte, Tochter, welcher Mensch den Muth gehabt, Zu nah'n dem Grabe. Sicher kein Argeier war's; Wohl aber kam dein Bruder ingeheim vielleicht, Und ehrte seines Vaters unglückselig Grab. Sieh diese Locken, lege sie zu deinem Haar, Ob dies dem abgeschor'nen gleich an Farbe sei. Denn, die von Eines Vaters Blut entsprossen sind, Sind meist in Allem an Gestalt und Art sich gleich. Elektra. Du redest nicht, wie's klugen Männern ziemt, o Greis: Du meinst, Aegisthos fürchtend, sei mein muthiger Orestes heimlich angelangt in diesem Land? Und dann sein Haar, wie glich' es meinem Haare wohl? Er wuchs im Ringplak, edler Våter Kind, heran; So ward es rauher: meines blieb vom Kamme zart. Auch findest du bei Vielen gleiches Haar, o Greis, Die doch von Einem Blute nicht entsprossen sind. Der Greis. So tritt in seiner Sohle Spur und prufe, Kind, Ob sie mit deines Fußes Maß zusammenstimmt. Elektra. Wie könnte hartem Steinesgrund der Füße Spur Wohl eingedrückt sein? Aber war' es möglich auch : Nie könnten doch des Bruders und der Schwester Fuß Einander gleich sein: großer ist der månnliche. Der Greis. Doch wenn Orestes heimgekehrt hier stunde, hast Du Nichts, woran du dein Geweb' erkennen magst, In das ich ihn einhullend einst dem Tod entriß? Elektra. So weißt du nicht mehr, daß ich, als Orestes floh, Noch Kind war? Aber hatt' ich auch ein Kleid gewebt: Wie trüg' er, damals Knabe, jezt dasselbe noch, Wenn mit dem Leibe nicht zugleich die Kleidung wächst? Nein, wohl im Dunkel nahte mitleidvoll dem Grab Ein Fremdling oder Bürger und beschor sein Haupt.[OCR note; compare the printed page.] Ε. σκότος λαβών ἐκείρατ' ἢ τῆςδε χθονός. Compare printed p. 192 Der Greis. Wo sind die fremden Männer? Denn ich will sie sehn, Und deines Bruders wegen mich erkundigen. Elektra. Dort aus dem Hause kommen sie mit raschem Schritt. Orestes. Pylades. Elektra. Der Greis. Der Greis. Sie scheinen edel: aber das ist trügerisch. Denn Mancher hohen Standes ist doch båsgesinnt. Indessen rus ich grüßend: Heil euch, Fremdlinge! Orestes. Heil dir auch, Alter! Welchem Freund aus alter Zeit Gehört, Elektra, dieses alt verblichne Bild? Elektra. Der ist es, Freund, der meinen Vater auferzog. Drestes. Wie? Der Oresten ingeheim dem Tod entrückt? Elektra. Der ihn gerettet, wenn er noch am Leben ist. Ha! Orestes. Was průst mich doch der Alte, wie des Silberstucks Glanzhellen Stempel? Seh' ich sonst Jemanden gleich? Elektra. Ihn freut's, Orestes' Jugendfreund in dir zu sehn. Orestes. Des lieben Junglings! Sieh', er hupst um mich herum! Elektra. Cuch ich, o Fremdling, wundre mich, ihn so zu sehn. Der Greis. Elektra, Herrin, sage, Kind, den Göttern Dank Elektra. Für etwas Fernes oder was uns nahe liegt? Der Greis. Des theuren Schazes wegen, den ein Gott dir zeigt. Elektra. Wohlan, ich bete! - Willst du noch Etwas, o Greis? Der Greis. So blicke, Tochter, diesen an, den Theuersten! Elektra. Schon lange fürcht' ich, daß du nicht bei Sinnen seist. Der Greis. Von Sinnen ich und sehe deinen Bruder hier? Elektra. Was sprichst du doch ein Überraschend Wort, o Greis! Der Greis. Ich seh' Oresten, Agamemnons Sohn, vor dir. Elektra. Und welches Merkmal hast du, dem ich trauen darf? Der Greis. Die Narb' an seiner Braue: noch daheim, mit dir Ein Reh verfolgend, fiel er und verlezte sich. Elektra. Wie, Greis? Das Zeichen dieses Falls bemerk' ich wohl. Der Greis. Und såumst zu stürzen an das Herz des Theuersten? Elektra. Nicht langer; denn dein Zeichen überzeugte mich, Mein Alter! (Dresten umarmend.) Endlich kamst du mir, ich halte dich Im Arme wider Hoffen! Orestes. Und ich endlich dich! Elektra. Ich ahnte dieses niemals. Orestes. Auch ich hofft' es nicht. Elektra. Du bist Orestes? Orestes. Und allein Erretter dir, Gelingt der Raub mir, welchen ich erjagen will. Vertrauend hoff' ich's; oder, wenn Gerechtigkeit Erliegt dem Unrecht, glaub' ich nicht an Götter mehr. Der Chor. Du kamst endlich, Tag, kamest in spåter Zeit! Du strahltest herauf, du zeigst dem Volk Ein glanzhelles Licht, ihn, der in langer Flucht, Fern vom Hause des Vaters, ach! Umherirrend, wiederkam! Ein Gott, ja, ein Gott bringt unseren Sieg, O Freundin, zurück! Hebe die Hånde, hebe das Wort, Sende Gebete himmelan, daß mit Glück, Mit Glück der Bruder einzieh' in der Våter Stadt! Orestes. Wohlan! Des Grußes holde Lust ward mir zu Theil, Und spåt hernach noch wollen wir die Lust erneu'n. Nun aber, Alter, der so ganz gelegen kam, Sprich, wie des Vaters Mörder ich bestrafen mag, Und wie die Mutter, die des Frevlers Lager theilt? Sind wohl in Argos Freunde mir noch zugethan? Ach, oder schwand mir Alles, wie mein Gluck, dahin? Wem zugesellen darf ich mich? Nachts oder Tags? Auf welchem Pfade stürzen wir auf meinen Feind ? Der Greis. Mein Sohn, du bist unglucklich, hoff' auf keinen Freund! Ein unverhoffter, seltner Fund ist solcher Schaz, Daß Einer so das Bose, wie das Gute, theilt. Doch du, von Grund aus bist du für die Freunde todt, Und keine Hoffnung blüht dir mehr: so hore mich. In deiner Hand ruht und im Glück all deine Macht, Womit du Stadt und Vaterhaus gewinnen mußt. Orestes. Doch was beginnend, kommen wir an dieses Ziel ? Der Greis. Thyestes' Sohn und deine Mutter todtest du. Orestes. Nach diesem Kranz verlangt mich: doch wie wird er mir? Der Greis. Nicht innerhalb der Mauern, ob du wolltest auch. Orestes. Von Wachen, Lanzenträgern ist die Stadt umringt? Der Greis. Gewiß! Vor dir sich fürchtend, schläft er wenig nur. Orestes. Wohlan, so gib du deinen Nath uns jezt, o Greis! Der Greis. Und höre du mich; eben fiel mir Etwas ein. Orestes. D mögst du Heil verkunden, und verstånd' ich es! Der Greis. Ich sah Vegisthos, als ich herkam diesen Pfad - Orestes. Ich hör' es gerne, dieses Wort. Wo sahst du ihn? Der Greis. Nicht weit vom Feld hier, wo die Nosse weidend gehn. Orestes. Was thut er? Hoffnung seh' ich blüh'n aus herbem Leid. Der Greis. Ein Fest der Nymphen ordnet er, so schien es mir. Orestes. Für schon geborne Kinder oder kunstige? Der Greis. Nur Eines weiß ich: Stieresopfer rüstet' er. Orestes. Mit was für Männern? War er nur mit Knechten da? Der Greis. Bloß sein Gesinde, kein Argeier war mit ihm. Orestes. Nicht einer, der mich, såh' er mich, erkennte, Greis? Der Greis. Nur Knechte sind es, welche dich niemals gesehn. Orestes. Sie würden, wenn wir siegten, übergehn zu mir? Der Greis. Das ist so Sklavensitte, vortheilhaft für dich. Orestes. Wie mag es mir gelingen, ihm zu nah'n, o Greis? Der Greis. Geh' hin, wo Stiere schlachtend er dich sehen muß - Orestes. Wohl hat er dicht am Wege seinen Meierhof? Der Greis. Dich dort erblickend, ruft er dich zum Opfermahl. Orestes. Den schlimmsten Tischgenossen, wenn ein Gott es will! Der Greis. Wie's dann sich weiter findet, sieh am Orte selbst. Orestes. Ganz wohl! Doch meine Mutter, wo verweilt sie jezt? Der Greis. In Argos: später wohnt sie noch dem Mahle bei. Orestes. Was folgte sie dem Gatten nicht sogleich dahin? Der Greis. Den Hohn der Bürger fürchtet sie und blieb daheim. Orestes. Das Volk, sie weiß es, nimmt an ihr wohl Aergerniß. Der Greis. So ist es: Alle hassen sie, die Frevlerin. Orestes. Wie geb' ich nun auf Einmal ihr und ihm den Tod? Elektra. Zum Mord der Mutter schaff' ich selbst Gelegenheit. . Orestes. Und jenen andern wird das Glück vollziehn mit uns. Elektra. Nur soll der Greis uns beiden seine Hülfe leihn. Der Greis. So sei es: wie vollstreckst du dann der Mutter Mord? Elektra. Geh', Alter, Klytamnestren anzukundigen, Geboren hab' ich einen Sohn, sei Wichnerin. Der Greis. Von lange her schon, oder erst in jungster Zeit? Elektra. Seit zehen Sonnen: heute sei die Reinigung.[OCR note; compare the printed page.] Ε. δέχ᾽ ἡλίες. Compare printed p. 192 Der Greis. Wohl; aber wie führt dieses ihren Tod herbei? Elektra. Sie kommt sogleich, vernimmt sie, daß ich Mutter bin. Der Greis. Wie so? Du meinst wohl, sie bekümmre sich um dich? Elektra. Gewiß; sie weint um meiner Kinder edles Loos. Der Greis. Vielleicht: doch lenke wieder um auf's Vorige. Elektra. Nun, kommt die Mutter, ist es, traun, um sie geschehn! Der Greis. Sie muß hinein, zum Hausesthore selbst hinein! Elektra. So steigt sie leicht in Hades' distres Haus hinab! Der Greis. O daß ich stürbe, wenn ich das nur noch gesehn! Elektra. Vor Allem weise diesem nun den Weg, o Greis Der Greis. Wo jezt Aegisthos Opfer bringt den Himmlischen. Elektra. Dann geh zur Mutter, melde, was ich dir gesagt.[OCR note; compare the printed page.] L. ἔπειτ' ἀπαντῶν μητρί. Compare printed p. 192 Der Greis. So daß sie meint, aus deinem Munde höre sie's. (zu Orestes.) Elektra Du mußt voran nun, du vollziehn den ersten Mord. Orestes. Ich möchte gehen, wiese mir Iemand den Weg. Der Greis. Und ich geleite wahrlich nicht ungerne dich. Orestes. Zeus, meiner Ahnen Gott, Der über meine Feinde mir den Sieg verleiht, Erbarm dich unser: jammervoll fiel unser Loos! Elektra. Erbarme dich: aus deinem Stamme sproßen wir! Orestes. Und Hera, die du waltest auf mykenischen Altären, gib uns, wenn gerecht wir flehn, den Sieg, Und Gåa, Herrin, deren Grund mein Arm berührt! Elektra. O laß sie Rache nehmen für des Vaters Tod! Orestes. Du, der so schmachvoll hingewürgt im Grabe wohnt, Hilf, Vater, hilf den Kindern, die du so geliebt! Komm, nimm zu Bundsgenossen all die Todten dir, Die, dir vereinigt, Troas einst eroberten, Und die dem Frevler zürnen, den ein Mord befleckt! Hörst du's, an dem so Grauses meine Mutter that? Elektra. Ich weiß, er hört dies Alles. Doch zum Werke nun, Und triff Aegisthos tuchtig! Das empfehl' ich dir.[OCR note; compare the printed page.] L. καὶ σοἱ προφωνῶ, θρασύτατ' Αίγισθον θενεῖν. Compare printed p. 192 Wenn du, besiegt im Kampfe, sinkst in Todesnacht, So bin auch ich todt: nenne mich nicht lebend mehr! Ich stoß' ein doppelschneidig Schwert in meine Brust. Hinein zum Hause gehend, mach' ich mir's zurecht, Und wenn von dir uns frohe Kunde kam, so wird Das ganze Haus frohlocken: doch, erleidest du Den Tod, geschieht ganz Andres: das erklär' ich dir. Orestes. Nun weiß ich Alles. Elektra. Darum zeige dich als Mann! Doch ihr, o Frauen, gebet mir durch lauten Ruf Von diesem Kampf ein Zeichen! Ich will Wache stehn, Das Schwert in meiner Rechten, wohlbereit zum Kampf. Denn meinen Widersachern geb' ich nimmerdar, Besiegt, zum Hohn, zur Nache meinen Leib dahin. (Orestes geht mit dem Greise, Elektra in's Haus zurück.) Erste Strophe. Der Chor. Von der zärtlichen Mutter weg[OCR note; compare the printed page.] S. die Anmerk. zu Iphigen. in Tauri V. 185. Nach dem Tode des Pelops stritten seine beiden Söhne, Atreus und Thyestes, um die Thronfolge. Ein göttliches Zeichen sollte entscheiden: und siehe! Atreus fand in seiner Heerde ein Lamm mit goldenem Vlies. Aber seine Gemahlin Xerope entwendet das Thier, und schenkt es ihrem Buhlen Thyestes. Atreus, darüber ergrimmt, stürzt die Verrätherin in's Meer, ermordet ingeheim die Söhne des Bruders, und tischt ihm das Fleisch derselben auf: ein Gräuel, vor dem der erschreckte Sonnengott nach Morgen zurückfloh und die Gestirne aus ihren Bahnen wichen. Vgl. V. 715 ff. Compare printed p. 192 (Lebt ein Gerucht in den grauen Sagen,) Hat auf Argolis' Höhen einst Pan, der Fluren Behüter, das Lamm mit dem schonen, goldenen Vließ Entführt; in das künstliche Rohr Athmete der Gott das süßhallende Lied des Waldes; Da von steinernen Stufen[OCR note; compare the printed page.] Auf eine steinerne Bühne traten die Herolde, wenn sie dem Volke Etwas kundthun wollten. Compare printed p. 193 Ertonte des Herolds Nuf: „Auf den Markt, auf den Markt, o Mykend's Volk, Eile, zu sehn der glückseligen Herrscher holde Wundergesichte!"[OCR note; compare the printed page.] Ε. φάσματ' ἄδειμα, Zeichen, wodurch jede Furcht vor einem einheimischen Kriege entfernt wurde. Daher die Chortänze V. 701, daher die Opfer bei offenen Tempeln V. 702 ff. Compare printed p. 193 Chortanz verherrlichte das Haus des Atreus. Erste Gegenstrophe. Und die Hallen der Götter, die Goldenen, schlossen sich auf, und in Argos Loderte hoch auf den Herden die Glut. Auch die Flåte, des Musenchors Dienerin, klang in melodischem Hall. Holdseliger tonte das Lied, Tonte von dem goldnen Lamm, feiernd als Herrn den Thyestes:[OCR note; compare the printed page.] L. ὡς ἐπίλογοι Θυές8, carmina Thyesten dominum nominantia, celebrantia, ἐπιλέγεσαι Θυέςην. Compare printed p. 193 Denn in heimlicher Liebe Bethort' er des Atreus Weib, Und entrückte das Wunder in seinen Palast, Kehrte sodann zurück in die Versammlung, rufend: Daß er im Hause Das Lamm bewahre mit dem goldnen Vließe. Zweite Strophe. Da war's, da verrückte Der Sterne leuchtende Bahn Zeus und Helios' lichten Glanz Und der Eos schimmerndes Antliz, Trieb sie durch das Gebiet des Westes, Daß es die gottliche Flamme durchgluht, Und die Wassergewölke nach Norden; Und Ammons durstende Wüsten Verschmachteten, da kein Thau, Da kein Regen sie nezt, Zeus' holde Gabe. Zweite Gegenstrophe. So lautet das Gerucht: doch Ich traue der Sage kaum, Daß Hyperion seinen Siz, Den goldenen, heißen gewechselt, Leid dem Menschengeschlecht zu bringen Wegen eines Sterblichen Schuld.[OCR note; compare the printed page.] Ε. θνατᾶς ἕνεκ᾿ ἀδικίας. Compare printed p. 193 Wohl frommen die Sagen des Schreckens, Daß der Sterbliche ehre die Götter, Die du vergessend, den Mann Mordest, mit dem du die edlen Geschwister zeugtest. Ha, Freundinnen! Vernahmt ihr - oder tauschte mich ein eitler Wahn? - Den Larmen? Klang's nicht unterirdischen Donnern gleich? Horch! Deutlich, unverkennbar schwillt der Stimmen Laut. Elektra, Herrin, komm hervor, verlaß das Haus! Elektra eilt aus dem Hause. Der Chor. Elektra. Was giebt es? Wie, Freundinnen, steht's um unsern Kampf? Der Chor. Nur Eines weiß ich: Mordgeschrei vernahm mein Ohr. Elektra. Auch ich vernahm es, zwar von fernher, aber doch. Der Chor. Weither ja tont die Stimme, doch vernehmlich klar. Elektra. Wehlaut der Meinen? Oder ståhnt Aegisthos hier? Der Chor. Weiß nicht: denn ganz verworren schallt der Stimmen Ton, Elektra. Damit zum Morde rufst du mich! Was saumen wir?[OCR note; compare the printed page.] σφαγὴν ἀϋτεῖς τήνδε μοι. Der Sinn ist: cum haec mihi dicis, hortaris, ut me occidam. Compare printed p. 193 (sie zückt das Schwert auf sich.) Der Chor. Halt ein, bevor du deutlich dein Geschick erkennst![OCR note; compare the printed page.] C. ἐπισχε, τρανῶς ἕως μάθης τύχας σέθεν. ἕως ist einsylbig zu lesen. Compare printed p. 193 Elektra. Nein! Wir erlagen: bleiben doch die Boten aus! Der Chor. Sie werden kommen: nicht so leicht ist Königsmord. Ein Bote. Elektra. Der Chor. Der Bote. Ihr sieggekrönten Frauen vom Mykenervolk! Orestes siegt', ich kund' es allen Freunden an, Und Agamemnons Mörder liegt am Boden todt, Aegisthos: bringt denn euren Dank den Göttern dar! Elektra. Wer bist denn du? Wie mag ich deinem Wort vertraun? Der Bote. Erkennst du mich, den Diener deines Bruders, nicht? Elektra. Mein Liebster, traun, vor Schrecken mocht' ich dein Gesicht Nicht gleich erkennen; aber nun erkenn' ich dich. Wie sagst du? Todt ist der Arge, der den Vater mir erschlug? Der Bote. Todt ist er: zweimal sag' ich, was du gerne hörst. Der Chor. Ihr Götter und o Dike, du allsehende, Elektra. Du kamest endlich! Wie geschah's, wie gab er ihm Den Tod, Thyestes' Sohne? Gern erführ' ich das. Der Bote. Wir lenkten unsre Schritte weg vom Hause hier, Und kamen dorthin, wo der Weg zwiefach sich theilt, Da, wo Mykend's Herrscher war, der stolze Fürst. In wasserreicher Garten Grun lustwandelt' er; Von zarter Myrte Zweigen flocht er Kranze sich, Und uns gewahrend rief er: „Heil euch, Fremdlinge! Wer seid ihr, woher kommet ihr, aus welchem Land?" Da spricht Orestes: „Aus dem Land der Thessaler; Wir gehn zum Alpheos, um dem Zeus Olympia's Zu opfern." Das vernehmend, hob Aegisthos an: „Heut müßt ihr unsre Gåste sein am Opfermahl: Stieropfer bring' ich eben hier den Nymphen dar. Hebt ihr am frühen Morgen euch vom Lager dann, So mogt ihr gleichweit kommen. Drum in's Haus hinein:" (Und also sprechend, faßt er unsre Hand, um uns Hineinzuführen:) nicht verweigern dürfet ihr's!" Als wir im Hause waren, fuhr Aegisthos fort: „Man bringe diesen Fremden schnell ein Bad herbei, Daß sie am Altar nahe stehn der heil'gen Flut!" Da spricht Orestes: „Eben erst entsündigten Wir uns mit lautern Bådern aus des Stromes Born. Doch, darf der Fremdling opfern mit dem Bürger, Herr, Sind wir bereit, Aegisthos, und verweigern's nicht." Auf dieses Wort nun hatte Niemand weiter Acht; Sie stellten weg die Lanzen, ihres Königes Schuzwehr, die Sclaven, und begannen all' ihr Werk. Die tragen Opferkörbe, die das Opfer her, Noch Andre zunden Feuer an und stellen auf Den Herd die Kessel: Lärm erschallt im ganzen Haus. Da nimmt das Salzmehl deiner Mutter Gatte, streut Es auf den Altar und beginnt also zu flehn: „Ihr Felsennymphen, mich und mein Gemahl daheim, Die Tyndaride, lasset oft euch Opfer weihn, Gebt Glück, wie heut, uns, meinen Feinden bittre Noth!" Dich meint' er und Oresten. Doch das Gegentheil Erflehte mein Gebieter, nicht mit lautem Ruf, „Sein Vaterhaus zu gewinnen." Aus dem Korbe nahm Aegisthos drauf das Messer, schnitt des Kalbes Haar, Und mit der Rechten warf er's in die lautre Glut. Und auf der Diener Schultern stach er nun das Thier, Wie's diese trugen, spricht zu deinem Bruder dann: „Als edel, hort' ich ruhmen, gilt den Thessalern Auch dieses, wenn man einen Stier geschickt zerlegt Und Nosse zügelt. Nimm den Stahl und zeige, Freund, Daß uns der Ruf von deinem Volke nicht belog." Rasch griff Orestes nach dem blanken Dorerstahl, Von hoher Schulter riß er sich das Festgewand, Und wählt zum Helfer seines Werks den Pylades, Stoßt weg die Knechte, faßt sodann des Kalbes Fuß, Entblößt, die Hand einstemmend, rings das weiße Fleisch, Und zog die Haut ab, schneller als die Doppelbahn Der Ross' ein Renner zweimal durchzulaufen pflegt, Und schloß des Thieres Inn'res auf. Aegisthos nahm Das Eingeweid' und forschte, fand der Leber Kopf Versehrt, und wie daneben Adern und Gefäß Der Galle schweres Leiden ihm verkündigten. Da runzelt er die Stirne; doch dein Bruder fragt: „Warum so traurig?" „Tücke, Freund, und Hinterlist Von aussen fürcht' ich. Unter allen Menschen ist Orestes mein und meines Hauses schlimmster Feind." Der aber sprach: „Du fürchtest eines Fluchtlings Trug, Du, Fürst des Landes? Reicht mir statt des Dorerstahls Ein Phthiermesser, daß wir Forschungsopfer noch Zulezt verspeisen! Denn das Brustbein hau' ich durch." Er nimmt's, zerhaut es, und das Eingeweid' erforscht Aegisthos sondernd. Während er sich niederbeugt, Jezt, auf die Zehen tretend, trifft dein Bruder ihm Des Halses Wirbelknochen und zerbricht zugleich Des Nückens Fugen. Auf und nieder zappelt er Am ganzen Körper, jammert auf in schwerem Tod. Die Knechte sahn's und rannten ungestum zum Kampf, Daß Viele stritten wider Zwei. Doch heldenkühn Stand Pylades mit Orestes, gegen sie gezückt Die blanken Schwerter. Dieser rief: „Ein Feind der Stadt Und meiner Diener kam ich nicht in dieses Land; Nein, seines Vaters Mörder straft' Orestes nur, Der Sohn des Unglücks. Also last mich leben, ihr, Des Vaters greise Diener!" Als sie das gehört, Da ruhten ihre Lanzen, und Orestes ward Erkannt vom grauen Alten, der im Hause lebt. Sogleich bekränzen alle deines Bruders Haupt, Erfreut und hoch aufjubelnd: und er kommt heran, Um dir das Haupt zu zeigen, nicht der Gorgo Haupt, Nein, dessen, dem du feindlich grollst, Aegisthens! Ihm, Der eben fiel, ward Blut des Blutes bittrer Lohn. Der Chor. Auf, hebe zum Reigen die Füße, Theure, den luftigen Tanz, Wie Reh'n des Waldes, hupfend in reizendem Schwung! Denn schönere Kranze des Siegs,[OCR note; compare the printed page.] L. νικᾷ σεφαναφορίαν κρείσσω παρ' ᾿Αλφειῦ ῥεέθροις τελετᾶς. Compare printed p. 193 Als dort am Strom Alpheios im heiligen Kampf, Errang dein Bruder. So stimme den schönen Siegsgesang sofort an zu meinem Tanz! Elektra. O Licht, o strahlend Viergespann des Helios, O Erd', o Dunkel, das zuvor mein Aug' umfing! Nun schlag' ich frei zum Aether dieses Aug' empor, Nachdem Aegisthos, meines Vaters Mörder, fiel. Auf, Liebe, was ich habe, was mein Haus bewahrt, Sein Lockenhaar zu schmucken, hol' ich jezt heraus, Und kränze meines Bruders siegbekröntes Haupt! (sie geht in das Haus.) Der Chor. So schmucke denn du des Geliebten Stirne mit Kranzen, und ich Führ' auf den Reigen, welcher die Musen erfreut! Bald herrscht er wieder im Land, Der theure Stamm, der früher in Argos gebot, Und mit Recht ihn erschlug, den Verhöhner des Rechtes. Brause denn, Gesang, hell im Jubelschall! Elektra kommt aus dem Hause zurück. Orestes und Pylades mit den Dienern, welche die Leiche des Vegisthos tragen. Elektra. Siegreicher Sohn des Helden, der den Sieg gewann Im Kampf um Troja's stolze Stadt, Orestes, nimm, Nimm diesen Kranz, der deine Locken schmucken soll! Denn auf der Rennbahn rangst du nicht in eitlem Kampf, Nein, kommst zuruck, nachdem du deinen Feind erlegt, Aegisthos, der den Vater dir und mir erschlug. Auch du, des frommsten Mannes Kind, o Pylades, Der ihm zur Seite kämpfte, nimm aus meiner Hand Den Kranz: du hast im Kampfe gleiches Theil mit ihm Errungen. Mög' ich allezeit euch glucklich sehn! Orestes. Zuerst, Elektra, glaube mir: die Götter sind Urheber dieses Glückes; dann auch preise mich, Der seinen Arm den Göttern und dem Glucke lieh. Ich kampste nicht mit Worten, nein, durch meine That Erlag Aegisthos: und damit ich's Allen klar Vor Augen stelle, bring' ich dir den Todten selbst. Wirf ihn zum Kaube, wenn du willst, den Thieren hin, Hang' ihn am Pfahle schwebend auf, dem Luftgeschlecht Zum Mahl, den Vögeln: ist er doch dein Sklave nun, Der dein Gebieter ehedem geheißen war! Elektra. Ich muß erröthen, (aber doch erklar' ich mich) - Orestes. Wovor? O rede! Denn befürchten darfst du nichts. Elektra. Auf Todte Schmach zu häufen: Haß war' unser Lohn. Orestes. Hier gibt es Niemand, der dich darum schelten wird. Elektra. Reizbar, zu Tadel aufgelegt ist unser Volk. Orestes. Sprich, was du willst, o Schwester; unversöhnliche Feindschaft, ein ewig bittrer Haß trennt ihn und uns. (zu der Leiche tretend) Elektra. Wohl! Wo beginn' ich meine Klagen wider dich? Wo end' ich? Was soll meiner Rede Mittel sein? Und doch versäumt' ich, wann der Morgen graute, nie, Bei mir zu sinnen, was ich Aug' in Auge dir Erklären wollte, wurd' ich frei der vorigen Drangsal. Ich bin's jezt, und du hörst im Tode nun Das Arge, das du lebend nicht von mir gehört. Du warest mein Verderben, raubtest mir und ihm Den Vater, und wir hatten dir kein Leid gethan. Und mit der Mutter buhltest du, (o Schmach!) erschlugst Achaa's Feldherrn, der du nie nach Troja zogst. Ia, was der Thorheit Gipfel war, du hofftest kühn, Treu werde Klytamnestra dir als Gattin sein, Nachdem du meines Vaters Bett entheiligtest. Doch Jeder wisse, der ein fremdes Weib berückt Zu loser Buhlschaft, und sie dann gezwungen nimmt, Unglucklich ist er, wenn er wähnt, sie werde Zucht Bei ihm bewahren, die sie früher nicht bewahrt. Du lebtest elend, wähntest du dich glucklich auch: Denn, traun, du wußtest, wie verrucht die Gattin war, Und meine Mutter, welch ein Mann ihr Gatte sei. So nahmt ihr, ruchlos beide, würd'gen Lohn dahin : Sie ward durch dich unglucklich, du durch ihre Schuld. In Argos' Volke hieß es überall von dir: Der Mann gehorcht dem Weibe, nicht das Weib dem Mann. Und wahrlich, schmachvoll ist es, wenn im Haus das Weib, Und nicht der Mann gebietet. Jene Kinder auch Sind mir zuwider, die man nicht dem Manne nach, Dem Vater, sondern nach dem Stamm der Mutter nennt. Denn so der Mann sich einem edlern Weib vermählt, Wird seiner gar nicht, und allein der Frau gedacht. Am schlimmsten aber tauschte dich Unkundigen Der Wahn der Größe, weil du reich an Schazen warst. Das ist ja nichtig, das verweilt nur kurz bei uns. Nicht Schaze, nur ein großer, edler Sinn besteht: Denn er allein bleibt ewig, er besiegt das Leid; Doch ungerechter Reichthum, der dem Thoren ward, Fliegt weg vom Hause, wann er kurze Zeit geblüht. Von andern Frau'n (denn einer Jungfrau ziemt es hier zu schweigen) deut' ich's kennbar an in dunklem Wort: Stolz blåhtest du dich als des Königshauses Herr, Auf deine Schönheit trozend; doch mein Gatte sei Begabt mit Mannessinne, nicht mit Mädchenreiz! Denn Söhne solcher Männer gluh'n von Kriegesmuth; Die schonen Knaben sind ein Schmuck für Reigen nur. Fahr' hin, du Thor: als solcher wurdest du zulezt Erkannt und büßtest! Måge, wer so frevelte, Wenn auch der Rennbahn erster Gang vollendet ward, Sich nicht den Sieger wähnen, eh' er nahe sich Dem Ziel geschwungen und des Lebens End' erreicht! Der Chor. Er übte schwere Thaten, schwer auch bust' er dir Und deinem Bruder: denn des Rechtes Macht ist groß. Orestes. Wohlan, den Leichnam, Diener, tragt in's Haus hinein, Und huut ihn ein in Dunkel, daß die Mutter, wann Sie kommt, den Todten nicht erblickt, bevor sie stirbt! Elektra. Halt ein! An Andres werde nun von uns gedacht! Orestes. Wie? Siehst du Helfer etwa, die von Argos nah'n? Elektra. Nein; nur die Mutter seh' ich, die mich einst gebar. Orestes. So geht sie glucklich mitten in das Nez hinein! Elektra. Und prangt dabei im Wagen, prangt in stolzem Kleid. Orestes. Was also thun wir? Wagen wir den Muttermord? Elektra. Erbarmt dich denn der Mutter, nun du sie gesehn? Weh! Orestes. Sie soll ich morden, die mich aufzog und gebar? Elektra. So wie sie selbst den Vater dir und mir erschlug. Orestes. Welch Wort des Wahnes, Phobos, scholl aus deinem Mund - Elektra. Doch, ist Apollon thoricht, wer ist weise dann? Orestes. Das mir den Mord der Mutter (welchen Graul!) gebot! Elektra. Wie kann's dir schaden, wenn du deinen Vater råchst? Orestes. Einst schuldlos, werd' ich schuldig sein des Muttermords. Elektra. Und rächst du nicht den Vater, fehlst du deiner Pflicht. Orestes. Doch bus' ich dann der Mutter, geb' ich ihr den Tod. Elektra. Wem aber wirst du büßen, bleibt er ungericht? Orestes. Ein böser Geist wohl sprach es, der dem Gotte glich. Elektra. Auf heiligem Dreifuß sizend? Nein, das glaub' ich nicht. Orestes. Doch glaub' ich auch nicht, daß der Spruch wahrhaftig sei. Elektra. In feigen Unmuth sinke nicht, verzage nicht! Orestes. So soll ich sie verstricken durch denselben Trug? Elektra. Womit Vegisthos, ihr Gemahl, durch dich erlag. Orestes. Ich geh' hinein denn, schicke mich zu grausem Werk, Will thun das Grause: wenn's den Göttern so gefällt, So sei es! Süß und bitter ist der Kampf für mich. (er geht in's Haus.) Der Chor. O Beherrscherin du des Argeiergebiets, Tyndareos' Kind Und Schwester der tapferen Söhne des Zeus, Die wohnen im Licht, in atherischer Glut, Von Gestirnen umstrahlt, in der wogenden See Als Retter der Menschen gefeiert: Heil dir! Wie die Seligen, ehren wir dich Um des Reichthums Glanz, um die Fülle des Glücks: Denn jezt, o Gebieterin, ist ja die Zeit, Zu huldigen deinem Geschicke. Klytamnestra, umgeben von troischen Dienerinnen. Elektra. Klytamnestra. Verlaßt den Wagen, Troërfrau'n, und meine Hand . Ergreift, damit ich steigen kann vom Wagensiz. Mit Phrygerbeute sind die Götterwohnungen Geschmuckt, und mir ward diese Schaar erles'ner Fraun Von Troja statt des Kindes, das ich einst verlor,[OCR note; compare the printed page.] Statt des Kindes, das ich einst verlor, der Iphigeneia, die in Aulis geopfert ward. Compare printed p. 193 Zwar eine kleine Gabe, doch des Hauses Schmuck. Elektra. Darf ich, die Sclavin, die vom Vaterhause fern Verstoßen wohnt in dieser armen Hütte hier, Nicht fassen, Mutter, deine hochbegluckte Hand? Klytamnestra. Hier sind die Dienerinnen: mühe du dich nicht! Elektra. Nun, gleich der Sclavin triebst du doch vom Haus mich weg; Zur Beute ward ich, als das Haus erbeutet ward, Wie diese Frauen, die verwaist, verlassen stehn. Klytamnestra. Das wollte ja dein Vater, solche Hinterlist (O Graul!) ersann er wider seine Theuersten. So will ich reden! Freilich, wenn ein böser Ruf Die Frau verläumdet, mag ihr Wort auch bitter sein. Ich werde das nie loben: doch die Sache selbst Erwägt, und wenn euch Etwas hassenswerth erscheint, So dürft ihr grollen: aber sonst, wozu der Groll? Uns gab an deinen Vater einst Tyndareos, Nicht uns zu tödten oder die von uns entsproß. Doch er verlockte trugerisch, als liebte sie Der Sohn des Peleus, unser Kind von Hause weg Zur Bucht von Aulis; dort durchstieß des Vaters Stahl Auf hohem Holzstoß Iphigeneia's weißen Hals. Und wenn er, rettend aus des Feindes Hand die Stadt, Sein Haus erhaltend und der andern Kinder Haupt, Um Viele mordet' Eine, war's verzeihlich wohl; Nun aber gab er, Helenen, der uppigen, Zuliebe, weil ihr Gatte diese Falsche nicht Zu zugeln wußte, meinem Kind den Todesstoß. Ich hatte trozdem, ob er mich auch schwer gekränkt, Ihm nicht gegrollt, dem Gatten, nicht getödtet ihn; Da bringt er mir die gottbetraute Schwärmerin Heimkehrend als Genossin, und das Eine Bett Im Einen Hause nahm zugleich zwo Frauen auf. Wohl sind die Weiber thöricht, ich bestreit' es nicht; Wenn solcher Thorin Gatte nun der Sunde fröhnt Und seine Frau verachtet, will's das Weib dem Mann Nachthun und sieht nach einem andern Freund sich um. Der laute Tadel brustet sich sofort an uns; Die Männer, die Schuld haben, trifft der Tadel nicht. Doch, führten Räuber ingeheim Menelaos fort, Durst' ich Orestes todten, um der Schwester Mann, Menelaos, auszulösen? Ließ dein Vater dies Geschehn? Doch er wohl durfte freveln wider mich, Und ich ihm nicht vergelten, der mein Kind erschlug? Ich tödtet' ihn: wohin zu gehen war, den Weg Zu seinen Feinden schlug ich ein; denn welcher Freund Des Vaters håtte seinen Mord mit mir getheilt? Nun sage, was du sagen willst, entgegne frei, Daß euer Vater ohne Recht gemordet ward. Elektra. Du bist im Rechte; doch es ist ein schimpflich Recht; Denn eine Gattin, ist sie klug, muß überall Dem Gatten nachsehn. Wenn dir das nicht wohlgefällt, Und deine Meinung nicht zu meinen Worten stimmt:[OCR note; compare the printed page.] L. ἥκεις. Compare printed p. 193 So denke, Mutter, was du mir zulezt gesagt, Und daß du freie Rede mir an dich vergönnt. Klytamnestra. Auch nun gestatt' ich's, und verweigr' es nicht, o Kind. Elektra. Und, hörst du's, Mutter, wirst du mir kein Leides thun? Klytamnestra. Mitnichten! Deinem Sinne stimm' ich gerne bei. Elektra. So red' ich; und mit diesem Vorwort heb' ich an: O meine Mutter, wohnt' in dir ein bess'rer Sinn! Zwar Helena's und deine Schönheit ward für euch Verdienten Lobes Quelle; doch ihr waret zwei Geschwister, beide thöricht und nicht Kastors werth! Sie ward entführt und schiffte wohlgemuth davon: Du gabest Hellas' bestem Mann den Todesstoß, Vorwendend, für die Tochter müsse dein Gemahl Dir bluten. Denn nicht Jeder weiß so gut als ich:[OCR note; compare the printed page.] L. ἐ γὰρ ὡς ἐγώ σ᾽ ἴσασιν εὖ. Compare printed p. 193 Wie du, bevor man deines Kindes Tod beschloß, Als eben sich von Hause dein Gemahl entfernt, Die blonden Locken vor dem Spiegel ordnetest. Doch wenn die Gattin, ist der Mann vom Hause fern, Sich puzt und schonmacht, zähle sie den Schlimmen zu. Denn draußen braucht sie keineswegs ein reizendes Gesicht zu zeigen, wenn sie nicht auf Böses sinnt. Von allen Frau'n in Hellas weiß ich dich allein, Die, wenn es Troja glucklich ging, voll Freude war, Und deren Blick sich trübte, wenn es unterlag; Denn deines Gatten Wiederkehr verwunschtest du. Und Sittsamkeit zu wahren, war dir doch so leicht. Nicht schlechter als Aegisthos, traun, war dein Gemahl, Den Hellas sich zu seinem Feldherrn auserkor; Und da die Schwester Helena solch Arges that, So blühte dir ein hoher Ruhm: denn båse That Ist edlem Sinn ein Zeichen, dessen Wink' er folgt. Doch wenn der Vater, wie du sagst, dein Kind erschlug: Was that denn ich dir Leides, was mein Bruder dir? Was hast du nach des Gatten Tod das Vaterhaus Nicht uns gegeben, sondern einen Buhlen dir Dafür erhandelt, seine Hand um Lohn erkauft? Und nicht entfloh statt deines Sohnes dein Gemahl, Auch starb er nicht statt meiner, der mir lebenden Zwiesachen Tod gab, schlimmern als der Schwester Tod. Soll Mord den Mord vergelten, muß dein Sohn und ich Vereint, den Vater råchend, dich dem Tode weihn. Denn war das Eine billig, ist auch dies gerecht. Ja, wer auf Reichthum oder hohen Stand erpicht, Die Bose freit, ist thoricht; denn ein züchtig Weib Aus niederm Haus ist einer Edeln vorzuziehn. Der Chor. Im Reich der Ehen spielt das Gluck: wir sehen ja, Dem fällt ein selig Liebesloos, dem andern nicht. Klytamnestra. Den Vater stets zu lieben, ist in deiner Art. So geht es: Ein Kind gibt sich ganz dem Vater hin, Das andre neigt sich wieder mehr der Mutter zu. Ich will es dir vergeben: bin ich selbst doch nicht So gar erfreut, o Tochter, über meine That. Warum indessen bist du nicht gebadet, gehst So schlecht bekleidet, da du kaum geboren hast? Ach, weh mir Armen, daß ich solche That beschloß! Mehr, als ich sollte, reizt' ich auf des Gatten Zorn! Elektra. Zu spåt beklagst du's, nun du kein Heilmittel hast. Der Vater ist geschieden: doch was russt du nicht Den fern von hier Verstürmten, deinen Sohn zurück? Klytamnestra. Nicht sein gedenk' ich; bloß um mich bin ich besorgt: Denn mächtig zürnt er, heißt es, um des Vaters Tod. Elektra. Was aber regst du wider mich den Gatten auf?[OCR note; compare the printed page.] ἄγριον ἔχεις, ἀγριοῖς. Compare printed p. 193 Klytamnestra. So ist er einmal; du ja bist auch ungestum. Elektra. Wohl, denn man kränkt mich; aber bald erlischt mein Zorn. Klytamnestra. So wird dir auch mein Gatte nicht mehr feindlich sein. Elektra. Gar trozig ist er; denn er wohnt in meinem Haus. Klytamnestra. Schon wieder - siehst du's? - fachst du neuen Hader an! Elektra. Ich schweige; denn ich furcht' ihn; ja, wohl fürcht' ich ihn! Klytamnestra. Laß diese Reden; aber, Kind, was riefst du mich? Elektra. Du hast vernommen, glaub' ich, daß ich Mutter ward. Drum opfre du statt meiner (ich versteh' es nicht) Am zehnten Tage der Geburt, wie's üblich ist; Denn ich bin unerfahren, weil ich nie gebar. Klytamnestra. Das ziemt der Andern, die dich deiner Last entband. Elektra. Ich rang's allein aus, ich gebar das Kind allein. Klytamnestra. So ganz von nahen Freunden liegt dein Haus entfernt? Elektra. Wer achtet je des Armen Freundschaft wunschenswerth? Klytamnestra. So geh' ich, nun der Tage Zahl vollendet ist, Und opfre froh den Göttern: wann ich diesen Dienst Dir that, enteil' ich auf das Land, wo mein Gemahl Den Nymphen opsert. Aber ihr, o Diener, führt Die Kosse hier zur Krippe: wenn ihr ungefähr Vermuthet, daß mein Opfer ausgerichtet sei, So kommt: gefällig muß ich auch dem Gatten sein. (sie geht in's Haus.) Elektra. Tritt ein zur armen Hutte! Doch wohl hute dich, Daß nicht der Rauch der Wande dir die Kleider schwarzt: Denn Opfer bringst du, wie's den Göttern ziemt von dir. Dort steht der Korb, das Opfermesser ist geschärft, Das schon den Stier geschlachtet, dem zur Seite du Geopfert hinsinkst, auch im Hades dessen Braut, Mit dem du lebend buhltest! Ich bezahle dir Solch hohen Dank, du büßest mir des Vaters Tod. (sie folgt der Mutter in's Haus.) Strophe. Der Chor. So schwer büßt die Schuld. Andere Lüfte weh'n Um dich, Königshaus! Im Bad endet' einst, Der mein Führer im Kampfe war; Und laut scholl das Haus, und laut dröhnten rings Die Steinzinnen, als er rief: „Schåndliche, Warum willst du mich, o Weib, morden, mich, Der nach der zehnten Saat in sein theures Land heimgekehrt?" Gegenstrophe. Und schwerahndend lockt sie des Gerichtes Fluch Wieder an sich heran, die mit dem Fremden gebuhlt, Die den Gemahl, der spåt heimkehrt Zu der Kyklopen himmelanstrebenden Mauern, mit scharfem Mordstahle, mit eigner Hand Erschlug, hoch das Beil schwingend. Unseliger Gemahl, daß er je solchem Weib, dem Scheusal, sich verband! Schlußgesang. Der Berglowin gleich, die durch den Eichenhain Wuthend, verheerend streift, hat sie die That vollbracht! (innen.) Klytamnestra. Bei Gott, o Kinder, mordet, ach, die Mutter nicht! Der Chor. Den Schrei innen, hört ihr ihn? Klytämnestra. Weh mir, weh! Der Chor. Auch ich beklage, die von Kindeshånden stirbt! Doch Necht übt ein Gott, wenn es die Stunde fügt. Schwer, schwer bußtest du, verrucht thatest du An dem Gemahl, o Graun! Doch sieh, vom Hause wenden sie daher den Schritt, Befleckt mit ihrer Mutter kaum vergoßnem Blut: Siegsmale, weckend Trauerton' in dusterm Laut! Wohl ist auf Erden kein Geschlecht unſeliger, Kein's war es jemals, wie der Tantaliden Haus. Orestes, Pylades und Elektra treten aus dem Hause. Der Chor. Diener tragen die beiden Leichen vor das Haus. O Erdkreis, o Zeus, Orestes. Der alles Irdische sieht, Schaut hier, o schaut, die blutigen Grauelthaten: Starr am Boden liegen die Beiden, todt Vom Schlag meines Arms, ein Trost meines Leids! Elektra. Wohl werth der Thränen, Bruder; doch mein ist die Schuld! Mit Feuer kam ich Arme wider sie daher, Die mich einst geboren! Orestes. Weh, Schicksal, weh dein Schicksal, du, mir Mutter einst, Die gråßlich herbes Leid und mehr noch Von eigner Kinder Hånden litt! Doch billig båßtest du den Tod des Vaters. O weh, daß du mir die Rach' anbefahlst, Phobos, unaussprechlich unverhehlbar blutiges Leid mir schusst![OCR note; compare the printed page.] L. ἄφατα φανερὰ δ' ἐξέπραξας, φόνια δ' ὤπασας. Compare printed p. 193 In welch andre Stadt entflieh' ich? Welcher Fremdling, welcher Fromme, scheute nicht mich an- Der den Schooß der Mutter schlug? Elektra. zuschaun, Wohin, wohin, ach, werd' ich gehn? Zu welchem Tanz, zu welchem Hochzeitseste? Welcher Gemahl empfångt Mich im Brautgemache? Drestes. In andern Sinn ist dein Gemuth gewandelt nach dem Winde! Fromm denkst du jezt, und anders dachtest du zuvor: Grausam, Liebe, thatest du An mir, der sich straubte, Schwester. Ach, sahst du, wie die Mutter aus dem Kleid hervor Die Brust enthulte bei dem Mord, die Arme, (wehe, weh mir!) Und sich kläglich niederwarf am Boden? Weich ward mir[OCR note; compare the printed page.] Ε. τακόμαν δ' ἐγώ. Compare printed p. 193 Elektra. Ich weiß es, wohl ergriff dich Schmerz, Als du der Mutter Weheruf Vernahmst, die dich geboren. Orestes. das Herz. An's Kinn die Hand mir legend, rief sie jammernd mir Die Worte zu: „Mein Kind, mein Kind, Erbarmen!" Und hing sich fest an meine Wangen, Daß der Stahl aus meinen Hånden sank. Elektra. O Grauen! Wie vermochtest du's Der Mutter Mord mit Augen Zu sehen, wie sie hinstarb? Orestes. Vor diese beiden Augen warf ich mein Gewand, Hob den Stahl, wie opsernd, auf, Und senkt' ihn ein in der Mutter Brust. Elektra. Ich rief dich mahnend auf zur That, Und faßte selbst zugleich das Schwert. Der Chor. Ja, du verübtest der Thaten schwerste! Orestes. Nimm, birg in diese Tücher hier der Mutter Leib, Deck' ihre Wunden zu! (vor die Leiche tretend.) So hast du Mörder dir gezeugt! (die Todte verhüllend.) Elektra. Sieh, freundlich und nicht freundlich dir, Hull' ich dich in's Todtenkleid, Endend das schwere Geschick des Hauses! (Die Dioskuren erscheinen.) Der Chor. Doch über das Dach des Palastes (o seht!) Dort schweben ja, sind es Dämonen? daher, Sind's himmlische Gotter? Ein Weg bahnt hier Sich für Sterbliche nicht! Was treten sie doch Sichtbar vor die Blicke der Menschen? Kastor. Sohn Agamemnons, hore mich: es rufen dir Der Mutter Brüder beide zu, die Sohne Zeus', Ich Kastor und mein Bruder Polydeukes hier. Wir dåmpften eben grausen Sturm in wilder See, Und eilten her nach Argos, als wir sahen, wie Die Schwester, deine Mutter hier, gemordet ward. Sie bußt gerecht wohl, aber du thuſt nicht gerecht, Noch Phobos. Phobos doch ich schweige, denn er ist Mein Herr - so weise, sprach er dir unweisen Spruch. Indeß - man muß es tragen: fortan mußt du thun, Was Zeus und was das Schicksal über dich beschloß. Elektra führe Pylades als Gattin heim, Und du verlaß Mykene; denn dir ziemt es nicht, Dem Muttermårder, einzugehn in diese Stadt. Die grausen Keren treiben dich, die Göttinnen[OCR note; compare the printed page.] Die Keren, hier die Erinnyen. Compare printed p. 193 Mit Hundesblicken, ruhelos voll Wuth umher. Athen erreichend, mußt du Pallas' heilig Bild, Umschlingen; denn die Nachegeister schreckt es fort Im Schlangenhaar, daß ihrer keiner dich beruhrt, Und streckt den runden Gorgoschild dir über's Haupt. Dort ist ein Areshugel, wo die Götter einst Zuerst zum Blutgerichte sich versammelten, Als, um der Tochter frevle Lieb' in Zorn entbrannt, Ares den Halirrhothios grausam mordete,[OCR note; compare the printed page.] Halirrhothios, der Sohn des Poseidon, hatte der Ulkippe, der Tochter des Ares, Gewalt angethan und wurde dafür von Ares getödtet. Ares, von Poseidon auf dem Areopagos belangt, ward von den zwölf Göttern, die dort zu Gericht saßen, freigesprochen. Compare printed p. 193 Den Sohn des Meerbeherrschers. Seitdem sprechen dort Untrůglich, heilig, unverrückt die Götter Recht. Da mußt auch du dem Blutgerichte Rede stehn. Und gleiche Stimmen werden dann vom Tode dich Freisprechen; denn Apollon nimmt auf sich die Schuld, Weil sein Orakel dir gebot der Mutter Mord. Und für die spätern Menschen wird der Brauch bestehn: Bei Stimmengleichheit ist der Angeklagte frei! Darüber grollend tauchen sich beim Hügel selbst Die grausen Nachgottinnen in der Erde Schlund, Die Ståtte hoher Spruche, die kein Mensch betritt.[OCR note; compare the printed page.] L. ἀσιβές χρηςήριον. Compare printed p. 193 Du mußt am Strom Alpheios in Arkadia Die Stadt bewohnen, nahe bei Lykios' Hain:[OCR note; compare the printed page.] Lykäos, der Heerdengott Pan, der auf den viehreichen Triften des arkadischen Lykäos gerne verweilte. Compare printed p. 193 Nach deinem Namen wird dereinst die Stadt genannt. Dir sagt' ich dieses. Doch Aegisthos' Leichnam hier, Ihn bergen Argos' Bürger in der Erde Schooß. Die Mutter wird Menelaos, der in Nauplia Jungst angelangt, nachdem er Ilos' Stadt zerstört, Wird Helena bestatten; denn aus Neilos' Land[OCR note; compare the printed page.] Neilos' Land, Aegypten, wo Proteus als König gebot. Vgl. den Prolog der Helena. Compare printed p. 193 Kam sie, von Proteus' Hause heim, sah Troja nie. Zeus sandte, daß auf Erden Mord und Fehde sei, Ein hohles Scheinbild Helena's nach Ilion. Doch diese Jungfrau, die wir ihm zur Braut bestimmt, Führ' aus Achaia Pylades als Gattin heim, Und, der Elektra's Gatte hieß, er ziehe mit Nach Phokis, und empfange reiches Gut von ihm. Du wend', Orestes, deinen Schritt zur isthmischen Landenge, zeuch zum segenvollen Haus Athens: Denn hast du, sühnend deine Schuld, dein Loos erfüllt, So wirst du dieser Leiden frei, wirst glucklich sein, Der Chor. Ihr Söhne Kronions, dürfen auch wir Uns euch zum Gespräche gesellen? Kastor. Wohl; seid ihr ja doch nicht schuldig des Mords. Orestes. Und gönnt ihr auch mir, Tyndariden, ein Wort? Kastor. Auch dir; denn ich wålze die blutige That Dem Apollon zu. Der Chor. Da Götter ihr seid und die Brüder der Frau, Der gemordeten hier, Was wehrtet ihr nicht von dem Hause die Noth? Kastor. Dies Leiden erschuf der Verhängnisse Macht[OCR note; compare the printed page.] L. μοῖραν ἀνάγκης ἦγεν τὸ χρεών. i i Compare printed p. 193 Compare printed p. 194 Und der thörichte Spruch aus Apollons Mund. Elektra. Doch welcher Apoll, welch göttliches Wort Trieb mich zu dem Mord der Gebårerin an? Kastor. Gleich thatet ihr, gleich war euer Geschick: Euch beide verdarb Ein gemeinsamer Fluch der Erzeuger. Orestes. Ach, Schwester, ich fand dich so spåt und muß Gleich deinen Umarmungen wieder entfliehn, Muß scheiden von dir, du scheidest von mir! Kastor. Ihr ward ein Gemahl und ein Haus: sie trifft Kein trauriges Loos, nur daß sie die Stadt Der Argeier verlåßt. Orestes. Wo gibt es ein Leid, das schmerzlicher ist, Als heimischen Stammlands Marken zu fliehn? So scheid' ich von dir, mein våterlich Haus, Daß ein fremdes Gericht für die blutige Schuld, An der Mutter verübt, mir spreche den Spruch. Kastor. Du kommst in Athene's heilige Stadt: Drum trag' es getrost! Elektra. O drück' an die Brust mir liebend die Brust, Bruder, Geliebtester: Uns trennt von dem Hause der Ahnen ein Fluch, Der gemordeten Mutter blutiger Fluch! Orestes. Auf, schlinge die Arm' um den Bruder, und laut, Wie den Todten am Hügel, bejammere mich! Kastor. Weh! Furchtbar tont selbst Göttern das Wort, Das jezt dir entfloh: Denn auch ich und die Himmlischen fühlen sie mit, Vielduldender Sterblichen Trübsal. Orestes. Ich sehe dich niemals wieder. Elektra. Und ich, Ich soll nie mehr in's Auge dir sehn. Orestes. Dies ist mein leztes Gespräch mit dir. Elektra. Leb' glucklich, o Stadt! Lebt glucklich auch ihr, argeiische Frau'n! Orestes. Du Treueste, scheidest du schon von mir? Elektra. Wohl scheid' ich, Thränen im zärtlichen Blick. (zu Pylades) Orestes. Mein Freund, zieh' hin, sei glucklich und nimm Dir Elektra zum Weib. Kastor. Sie schließen den Bund: du aber entfleuch Den Erinnyen dort, und flugs nach Athen! Denn sie hesten an dich den entsezlichen Schritt, Mit den Drachen bewehrt, in dem schwarzen Gewand, Und bieten als Frucht herzkränkende Qual. (Orestes entflieht mit den Zeichen des Wahnsinns). Wir eilen zurück zum sikelischen Meer, Zu behûten die Schiff' in der wogenden See. Und in Aethers Gefild' hinwallend die Bahn, Leih'n Frevlern wir nicht die beschirmende Hand: Wer Heiligkeit nur und Gerechtigkeit stets Im Leben geliebt, dem stehen wir bei, Aus quålender Drangsal retten wir ihn. Drum möge vor Unrecht Jeder sich scheu'n, Er geselle sich nie Meineidigen bei: So ruf' ich den Menschen, ein Gott, zu! Der Chor. Lebt, freut euch! Wer sich zu freuen vermag, Und des Unglücks Macht nie trauernd empfand, Er lebt ein seliges Leben.