Iphigenia among the Taurians — Donner (1845), OCR review edition Euripides Johann Jakob Christian Donner OCR source collation, conservative repairs and citation alignment Editorial processing with Codex

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Euripides. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift von J. J. C. Donner. Volume 2. Heidelberg: C. F. Winter, 1845. Harvard supplied OCR, H12; running-text copy text. Independent BSB copy, page-coordinate OCR and facsimiles; used to check layout and notes.BSB digitization Source reviews and editorial inventory

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Iphigenia. Pelops, der Tantalide, kam in Pisa's Aun[OCR note; compare the printed page.] Pelops, der Sohn des Tantalos aus Lydien, besiegte den König von Elis, Denomaos, durch List, und empfing als Preis des Sieges Hippodame, die Tochter des Denomaos. Compare printed p. 133OCR review edition. D. citations belong to Donner; u marks unresolved verse division. Sources, repairs and unattributed notesDonner’s metrical analyses and notes: page facsimiles Mit schnellen Rossen, und gewann Hippodame; Sie ward des Atreus Mutter: Atreus' Sohne sind Menelaos und Agamemnon; dieser zeugte mich, Der Tyndaride Tochter, Iphigenia, Die bei den Strudeln, wo mit endlos düsterm Hauch Euripos krauselnd ewig thurmt die blaue Flut,[OCR note; compare the printed page.] Euripos, die Meerenge zwischen Böotien und Euböa, war sehr ſtürmisch. Compare printed p. 133 Der Vater wegen Helena's der Artemis, So glaubt man, opfert' in Aulis' hochberühmter Bucht. Dort war es, wo der tausend Schiffe Zug vordem Aus Hellas' Reich Fürst Agamemnon sammelte, Damit des Sieges schönen Kranz vor Ilion Das Volk Achaa's sich erkampf und Helena's Entehrtes Lager råche nach Menelaos' Wunsch. Doch als in grauser Stille rings verstummt der Wind,[OCR note; compare the printed page.] Ε. δεινῆς ἀπνοίας πνευμάτων δὲ τυγχάνων. Anders übersezt: In grauser Stille lag das Meer, es schwieg der Wind. Compare printed p. 133 Da bringt er Opfer, und vor ihm spricht Kalchas dies: ,,Du, der gebeut hier über Hellas' Heeresmacht, Agamemnon, eher segelt dir kein Schiff hinaus, Als Artemis zum Opfer Iphigenia, Dein Kind, empfangen; denn die schönste Frucht des Jahrs Gelobtest du der Strahlengsttin einst zu weihn. Und nun gebar im Hause Klytamnestra dir Die Tochter: (also gab er mir der Schöne Preis;) Sie mußt du schlachten." Und Odysseus' Trug entriß Zum Bund mit Peleus' Sohne mich der Mutter Arm. Und als ich kam gen Aulis, ward (ich Elende!) Auf hohem Holzstoß über mir der Stahl gezuckt: Doch mich entraffte Leto's Kind, an meiner Statt Die Hindin sendend, durch des Aethers lichten Raum, Und ließ mich hier im Taurerlande nieder, wo Barbarenhorden ein Barbar Geseze schreibt, Der, Flügeln gleich, die raschen Füße schwingt, und dem Den Namen Thoas seine Schnelligkeit verlieh.[OCR note; compare the printed page.] Thoas, meint Iphigenia, habe den Namen von thoos, d. i. schnell. Compare printed p. 133 In diesem Tempel sezt er mich als Priesterin, Hier, wo sich Gottin Artemis der Bräuche freut Des Festes, welches schon allein von Namen ist; Vom Andern schweig' ich, scheuend sie, die Göttliche. Denn opfern muß ich, nach der Stadt uraltem Brauch, Wer aus Achda's Volke dieses Land betritt. Doch weih' ich nur das Opfer; Andre dann vollziehn[OCR note; compare the printed page.] Ich weihe nur das Opfer durch Besprengung desfelhen mit dem heiligen Wasser. Vgl. V. 602. Compare printed p. 133 Die grause Schlachtung innerhalb des Heiligthums. Welch neues Traumbild aber mir die Nacht gesandt, Zum Aether will ich's rufen, bringt das Hülfe mir. Mir träumte, daß ich, fern' entrückt von diesem Land, Daheim in Argos unter meinen Fraun entschlief; Der Erde Rücken unter mir erbebt', ich floh; Und außen stehend, sah ich, wie des Hauses Sims Einfiel, und alle Decken, ringsher eingestürzt, Aus hohen Pfeilern auf den Grund hinschmetterten. Nur Eine Säule blieb zuruck (so dunkte mir) Des Vaterhauses; blondes Haupthaar floß hinab Vom Knauf der Säule, die mit Menschenstimme sprach. Ich, meinem Amt obliegend, das die Fremden würgt, Ich wusch die Saul', als müßte diese sterben, rein, Und weinte laut. Dies Traumgebilde deut' ich ſo: Es starb Orestes, und ich weiht' als Opfer ihn. Denn Säulen unsrer Häuser sind die Söhne ja, Und Tod erdulden Alle, die mein Bad besprengt. Auf Freunde deuten kann ich doch nicht wohl den Traum; Denn Strophios hatte keinen Sohn, als ich verschwand. So will ich nun dem Bruder Todtenopfer weihn, Die Lebende dem Geschiednen, dies vermag ich ja, Mit Dienerinnen, die der Fürst uns beigesellt, Hellenenfrauen. Aber was hålt diese wohl Noch immer ferne? - Geh' ich denn in's Haus hinein,[OCR note; compare the printed page.] L. ἔπω τίνος πάρεισιν; εἶμ' εἴσω δόμων. Compare printed p. 133 In dem ich wohne, meiner Göttin Heiligthum. Orestes und Pylades, vom Meere her kommend. (ab.) Orestes. Schau, sich dich vor, Freund, ob kein Mensch am Wege weilt. Pylades. Ich schau', ich spåhe, werfe rings umher den Blick. Orestes. Dunkt das der Göttin Tempel dir, o Pylades, zu welchem wir von Argos über Meer geschifft? Pylades. Mir wohl, Orestes; zweifle du auch nicht daran. Orestes. Und dies der Altar, dem Hellenenblut entströmt? Pylades. Von Blute wohl sind seine Seiten rothgefärbt. Orestes. Du siehst am Dachsims aufgehängt die Beute dort? Pylades. Siegsmale sind's von hingewürgten Fremdlingen. Orestes. Ringsum das Auge wendend, muß man sorgsam spåhn.[OCR note; compare the printed page.] Unders: Wohl muß man umſpähn, rings das Augumhergewandt. Compare printed p. 133 Wie lockst du, Phobos, wieder mich in dieses Nez Durch dein Orakel, seit ich meines Vaters Blut, Die Mutter mordend, rachte? Von den Erinnyen Rastlos getrieben, flohen wir von Haus und Land, Und manchen Irrlauf ohne Ruh vollendet' ich. Ich ging dich fragen, wie das Ziel umschweisenden Wahnsinns ich fånde, wie das Ende meiner Mühn; Und du gebotst mir, hinzuziehn in's Taurerland, Wo deine Schwester Artemis Altåre hat, Der Göttin Bild zu rauben, das (so sagt man hier) In diesen Tempel einst herab vom Himmel fiel, Und wenn ich das durch Listen oder Glück entwandt, Und die Gefahr bestanden, es dem Volk Athens zu bringen: weiter sagte dein Orakel Nichts: Und that' ich dieses, wurd' ich frei von meiner Noth. Ich kam, gehorsam deinem Wort, in dieses Land, Das unbekannte, wilde. Doch - dich frag' ich nun, Mein Pylades: (du theilst ja diese Noth mit mir) Was machen wir? Du siehst der Mauern ragende Befestigungen. Suchen wir die Tempelwand Hinanzuklimmen? Wie vermochten wir's geheim? So sprengen wir mit Hebeln eherne Riegel ein? Hier, wo wir fremd sind? Aber öffnen wir das Thor, Versuchen Einbruch, und ergreift man uns, so droht Gewisser Tod uns. Eh wir sterben, fliehen wir Zum Schiffe lieber, das uns trug an diesen Strand. Pylades. Fliehn ist mir unerträglich, ist mir ungewohnt, Und nicht verachten dürfen wir des Gottes Spruch. So bergen wir, vom Tempel abgewendet, uns In Höhlen, die des Mecres dunkle Flut bespult, Vom Schiffe fern, daß Keiner, der den Kahn erblickt, Dem Herrn es meldet, und man uns gewaltsam greift. Doch wenn das Auge schwarzer Nacht empor sich hebt, So wage du, das blanke Götterbild hinweg[OCR note; compare the printed page.] Ε. τολμητέον σοι. Compare printed p. 133 Zu nehmen aus dem Tempel, wag's durch jede List. Sich zwischendurch die Triglyphen, ob kein leerer Raum,[OCR note; compare the printed page.] L. εἶπε κενόν. Compare printed p. 133 Dich dort hinabzulassen; denn Gefahren wagt Der Tapfre, Nichts ist überall der feige Mann. Sind wir des Meeres lange Bahn nicht hergeschifft, Und nun am Ziele lenkten wir die Fahrt zurück? Orestes. Wohl sprachst du; folg' ich deinem Wink! Nun geh' und sieh,[OCR note; compare the printed page.] Ε. χώρει δ' ὁρῶν. Compare printed p. 133 Wohin wir uns verbergen, heimlich, ungesehn. Denn nicht am Gotte soll die Schuld erfunden sein, Daß sein Orakel triglich sei; so wagen wir's! Beut doch dem Jungling keine Noth Entschuldigung. Schweig' andachtvoll, Chor. Du Volk am Eureinos, das du die zwei Sich begegnenden Felsanhdhen umwohnst:[OCR note; compare the printed page.] Die zwei sich begegnenden Felsanhöhen sind die Symplegaden. S. zu Med. V. 1. Compare printed p. 133 O Geborene Leto's, Bergliebende Jågerin, Zu dem Vorhof deines Palastes (Sie gehen ab.) Mit der Säulen Geprång' und den Zinnen von Gold Sez' ich den heiligen jungfräulichen Fuß, Dienend der heiligen Schlusselbewahrerin,[OCR note; compare the printed page.] Der Schlüsselbewahrerin, der Priesterin Iphigenia. Compare printed p. 133 Nachdem ich die Thurm' und die Mauern[OCR note; compare the printed page.] Anders: Nachdem ich die Thürme von Hellas' Roßprangenden Au'n und Europa, den Siz. Gemeint sind besonders die roßreichen Gefilde von Argos, dem Vaterlande der Iphigenia. Compare printed p. 133 Compare printed p. 134 Roßreicher Gefild' und Europa, den Siz, Den unsere Våter bewohnten, Voll prangender Bäume, verlassen. Hier sind wir; was gibt's? Was bekümmert dich so? Was riefest du mich zu dem Tempel daher, Du Tochter des Manns, der Ilions Höhn Mit den Rudern genaht in gefeiertem Zug, Mit der Schiff Unzahl und von Kriegern umschaart, Den gefeierten Söhnen Achaa's?[OCR note; compare the printed page.] ξ. Ατρειδᾶν 1. ᾿Αργείων. Compare printed p. 134 Iphigenia. Ihr Sclavinnen, weh! Wie ward ich verstrickt In unausweinbares Weinen, In den Mislaut jammernder Klage, Unholdes Gesangs, Ach, ach, in dem Leide des Hauses, Daß mich solch schweres Geschick traf, Da den Bruder ich weint' in einsamem Gram! Welch schreckendes Traumbild wies mir die Nacht, Die nun mit dem Dunkel dahinschwand! Ich verging, ich verging; mein våterlich Haus Ist nicht mehr, (wehe!) dahin mein Geschlecht! Weh' über die Leiden in Argos! Ach, ungluckseliger Damon, der Du den Bruder mir raubst und den einzigen mir In den Hades entrückst! Ich bereite mich, ihm Trankopfer zu weihn, und der Todten Pokal Auf den Rücken der Erde zu gießen, Und die Quellen von bergliebenden Rindern,[OCR note; compare the printed page.] Die Quellen von bergliebenden Kindern, d. i. Milch. Aus Wasser, Milch, Wein und Honig bestanden die Todtenopfer. Vgl. die beiden folgenden Verse. Compare printed p. 134 Und den heiligen Trank des Lydos, Und das Werk hellschwirrender Bienen, Was Sühnungen sind für die Todten. So reiche das goldne Gefäß denn Und die Spenden mir dar für den Hades! Du, wohnend in Nacht, Agamemnons Kind, Ich opfere dir, dem Geschiedenen, dies; O empfang' es mit Gunst; ich kann auf das Grab Nicht bräunliches Haar, nicht Thränen dir weihn.[OCR note; compare the printed page.] Haarlocken legte man als Todtengeschenk auf die Gräber. Compare printed p. 134 Denn ich ward in die Ferne von deinem Gebiet Und von meinem entruckt, wo, wie man gewähnt, Ich Arme geschlachtet dahinsank. Chor. Ein Lied, antwortend dem Liede, Gesang In barbarischem Ton, asiatischem Klang, O Gebieterin, heb' ich dir an,[OCR note; compare the printed page.] Ε. δέσποιν', ἐξαυδάσω. Compare printed p. 134 Die Gesänge der Trauer in Liedern, Wie Hades ohne des Paans Laut Anstimmt, den Entschlafnen geweiht.[OCR note; compare the printed page.] Ε. νέκυσι μελομέναν. M. f. Hermanns Ausgabe. Compare printed p. 134 Weh' über den Stamm der Atreiden! Das Licht[OCR note; compare the printed page.] ff. L. οἴμοι, τῶν ᾿Ατρειδᾶν οἶκων ἔῤῥει φῶς σκήπτρων, οἴμοι, τῶν σῶν πατρῴων οἴκων. Compare printed p. 134 Einheimischer Zepter erloschen, Und dahin dein Vatergeschlecht! Bei welchem der glucklichen Herrscher In Argos' Lande begann's? Drangsal stürmt' her auf Drangsal, Da mit kreisendem Flügelgespanne, Sein heiliges Aug' abwendend, der Gott Die durchmessenen Bahnen zuruckfloh.[OCR note; compare the printed page.] 2. ἱερὸν μετέβαλεν ὄμμ' αὐγᾶς. Im zweiten Anapäst ist die Länge in zwei Kürzen aufgelöst. Nach dem Tode des Pelops (berichtet ein alter Ausleger) stritten seine beiden Söhne, Atreus und Thyestes, um die Thronfolge. Ein göttliches Zeichen sollte entscheiden: und siehe! Atreus fand in seiner Heerde ein Lamm mit goldenem Vließe. Aber seine Gemahlin Nërope entwendet das Thier, und schenkt es ihrem Buhlen Thyestes. Atreus, darüber ergrimmt, stürzt die Verrätherin in's Meer, ermordet ingeheim die Söhne des Bruders, und tischt ihm das Fleisch derselben auf: ein Gräuel, vor dem der erschreckte Sonnengott nach Morgen zurückfloh, und die Plejaden aus ihren Bahnen wichen. Compare printed p. 134 Und zum anderen Leid kam anderes Leid[OCR note; compare the printed page.] L. ἄλλαις sc. ὀδύναις. Compare printed p. 134 Um das goldene Lamm in der Herrscher Palast, Mord auf Mord und Mühn auf Mühen. Drum schreitet ihr Haus durch råchend der Geist Der erschlagenen Tantalossöhne, Und es stürzt in unheilbringendem Sturz Sich ein Damon auf dich. Iphigenia. Mir grollt' er finster von Anfang, Seitdem sich vermählte die Mutter, Und seit der Nacht, da des Schicksals[OCR note; compare the printed page.] L. καὶ νυκτὸς κείνας ἐξ ὧς. Compare printed p. 134 Göttinnen das Loos strengbildender Zucht In den werdenden Faden mir spannen, Mir altestem Sprossen des Ehbetts, die Leda's ungluckliche Tochter Zum Morde dem frevelnden Vater, Als grausenerregendes Opfer, Gebar, erzog; da der Rosse Gespann Das erkorene Mädchen im Wagen Zu dem aulischen Sande dahintrug, Als Braut, als ungluckselige Braut Dem erhabenen Enkel des Nereus. Nun Gast ungastlicher Meere bewohn' ich die uneinladende Wildniß, Ohne Kind und Gatten, ohne Freund und Heimat, Ich, einst von hellenischen Freiern umschwärmt; Nicht Argos' Hera besing' ich hier, Noch wirk' ich der attischen Pallas Bild Und titanischen Kampf auf buntes Gewand Am lieblich ertönenden Webstuhl, nein, Ich råthe den Grund der Altåre Mit der Fremdlinge graunvoll blutigem Mord, Die mit klåglichem Ton ausjammern ihr Leid, Und in klåglichen Thränen zerfließen. Doch nun sei dieses vergessen: um ihn, Ich jammer' um ihn, der in Argos erlag, Um den Bruder ja nur, ach, den ich daheim Noch als såugendes Kind, noch als junges Gewächs, In dem Arm und am Busen der Mutter verließ, Mykend's. Herrscher, Orestes. Ein Hirt. Iphigenia. Der Chor. Chor. Sieh da, vom Meergestade kommt ein Rinderhirt Heran, dir etwas Neues anzukündigen. Der Hirt. Tochter Agamemnons und der Klytamnestra Kind, Vernimm das Neue, das ich dir zu melden kam. Iphigenia. Was weckt aus meiner Trauer mich erschitternd auf? Der Hirt. Zu Schiffe fluchtig, nahten sich dem dunkeln Land Der Symplegaden eben nur zwei Junglinge, Ein wohlgefällig Opfermahl der Herrscherin Diktynna. Willst du nicht sofort Weihwasser ihr[OCR note; compare the printed page.] Diktynna, ein anderer Name der Artemis. Compare printed p. 134 Und Erstlingsopfer, wie's geziemt, beschleunigen? Iphigenia. Von wannen? Woher nennen sich die Fremdlinge? Der Hirt. Von Hellas; nur dies Eine weiß ich, weiter nicht. Iphigenia. Auch ihren Namen weißt du nicht uns kundzuthun? Der Hirt. Der Eine ward vom Andern Pylades genannt. Iphigenia. Der zweite Fremdling, sein Genoß, wie nennt sich der? Der Hirt. Das weiß dir Keiner; denn wir hörten nicht davon. Iphigenia. Wie sahet, fandet, griffet ihr die Fremdlinge? Der Hirt. Am fernsten Rand der wilden unwirthbaren See. Iphigenia. Was haben Rinderhirten mit dem Meer gemein? Der Hirt. Das Vieh zu baden gingen wir in Meeresthau. Iphigenia. Darauf zurück nun komme mir: wie grifft ihr sie, In welcher Weise? Denn zu wissen wunsch' ich das. Wohl ist es lange, daß der Göttin Opferherd[OCR note; compare the printed page.] χρόνιοι γὰρ ἥκεσ', ἐδέ πω u. s. f. Diu est et nondum sacrificati sunt Græci, für: diu est ex quo Græci non sunt sacrificati. Hermann. Compare printed p. 134 Von Blut der Hellassohne nicht gersthet ward. Der Hirt. Wir trieben unsrer Rinder walddurchweidend Volk In's Meer hinab, das durch die Symplegaden rauscht; Da fand, von stetem Wogenschlag durchbrochen, sich Ein hohler Fels, der Purpurfischer Aufenthalt. Hier sah ein Hirte, der mit uns am Ufer stand, Ein Junglingspaar; er wandte seinen Schritt zurück, Auf hohen Zehenspizen ihn beschleunigend, Und rief den Andern: „Seht ihr nicht? Unsterbliche Sind hier gelagert!" Und ein frommer Mann von uns Erhob die Hånde betend, als er sie gewahrt: „O Sohn der Meeresherrscherin Leukothea, Seegott Palamon, Schiffeshort, sei gnädig uns, Auch ihr, o Dioskuren, wenn ihr weilt am Strand, Und ihr, des Nereus Töchter, der mit Doris einst Der fünfzig Nereïden edeln Chor gezeugt!" Ein Andrer, eitel trozig voll Ruchlosigkeit, Dies Flehn verhöhnend, meinte, daß Schiffbrüchige In jener Schlucht sich bårgen, die von unserm Brauch Gehört mit Schrecken, daß wir Fremde schlachteten. Sein Wort gefiel den Meisten, und wir eilten schon, Ihr üblich Opfer unsrer Königin zu fahn; Da tritt der eine Fremdling rasch vom Felsen her, Bleibt stehn, und schittelt wild das Haupt hinab, hinauf, Und Arm' und Hände zittern ihm, er stöhnt und seufzt, Und schreit, von Wahnsinn umgestürmt, dem Jäger gleich: „Erblickst du die da, Pylades? Gewahrst du nicht Die dort, des Hades Schlange, die mich morden will, Mit grausen Nattern wider mich zornvoll bewehrt? Und Jene, schnaubend Glut und Mord, mit Flügeln am Gewande, rudert, meine Mutter hoch im Arm, Auf mich herabzuschmettern einen Felsenberg. Sie wird mich todten! Wie entfliehn?" Man konnte Nichts Von diesen Graungestalten sehn; er achtete Der Rinder Brillen und der Hunde dumpf Geheul Für Laute, die der Eumeniden Zung' entströmt. Wir, uns zusammenschmiegend, wie von Furcht betaubt, Verharrten ruhig. Aber er entbloßt das Schwert, Sturzt auf die Rinder mitten los, dem Lowen gleich, Und haut mit Stahl in die Weichen, sturmt in die Seiten ein, Als wehr' er so der Eumeniden Wuth sich ab, Daß hoch das Meer von rothem Blutschaum überwallt. Und nun bewaffnet jeder Mann zum Streite sich, Sobald er stürzen unsre Heerd' und sterben sieht, Und blåst die Muscheln und beruft des Landes Volk;[OCR note; compare the printed page.] Und bläst die Muscheln, welcher man sich, vor Erfindung der Trompete, zum Lärmblasen bediente. Compare printed p. 134 Denn wider wohlgenährte, junge Fremdlinge Erschienen Rinderhirten allzuschwach im Kampf.[OCR note; compare the printed page.] Unders: Bedünkten Rinderhirten uns zu schwach im Kampf. Compare printed p. 134 Und unser viele wurden wir in kurzer Zeit. Da stürzt der Fremdling nieder, frei der tollen Wuth, Sein Kinn von Schaume triefend. Als wir so nach Wunsch - Ihn liegen sahen, mühte sich ein Jeder ab Mit Wurf und Stoße. Doch der Andre, sein Genoß, Wischt ihm den Schaum ab, und bemüht sich viel um ihn, Und hullt in seiner Mäntel schön Geweb' ihn ein, Und merkt auf alle Wunden, die dem Freunde drohn, Und nimmt mit jedem Dienste sich des Theuren an. Nun rafft der Fremdling, wieder sein bewußt, sich auf, Erkennt die Feindeswoge, die heran sich wålzt, Das Ungewitter, das so nah' um beide schwebt, Und stöhnt; wir Andern warfen Stein' ohn' Unterlaß, Und hier und dort, auf allen Seiten drångten wir. Da drohnt der grausenvolle Ruf in unser Ohr: ,,Wir sterben, Pylades; aber laß den schönsten Tod Uns sterben! Mir nach, in der Hand das Schwert gezickt!" Und als wir zwei geschwungne Feindesschwerter sahn: Durch felsig Waldthal stürzten wir in jåher Flucht. Doch, floh der Eine, drang ein Andrer rasch herbei, Die Fremden werfend; wann sie den zurückgedrängt, So warf mit Steinen wiederum, wer nun entwich. Doch war es ganz unglaublich, daß von tausenden Nicht Eine Hand der hohen Göttin Opfer traf. Kaum konnten wir sie zwingen, nicht durch Tapferkeit; Sie rings im Kreis umschließend, schlugen wir die Wehr Aus ihrer Hand mit Steinen, und ermattet sank Ihr Knie zur Erde. Wir geleiten sie darauf Zum Landesherrscher. Dieser sieht und sendet sie Sofort zum heiligen Wasser und als Opfer dir. Doch flehe, Jungfrau, daß es dir an Solchen nie Zum Opfer mangle; wenn du solche Fremdlinge Hinschlachtest, dann büßt Hellas deinen Opfertod, Und zahlt die Strafe deines Falls in Aulis' Bucht. Chor. Du meldest Wunder über ihn, wer's immer sei, Der fern an's unwirthbare Meer aus Hellas kam. Iphigenia. Wohlan; so geh' und hole mir die Fremdlinge. Was unser Amt uns hier gebeut, vollbringen wir. Mein armes Herz, du warest immerdar zuvor Sanftmüthig gegen Fremdling' und erbarmenvoll, Und brachtest Stammverwandten gern der Thrane Zol, So oft ein Mann Achia's fiel in deine Hand! Nun, nach dem Traumbild, das mich schreckt' in wilder Angst, Als weil' Orestes nimmermehr im Sonnenlicht, Sollt ihr mich grausam finden, wer mir immer naht! Und ewig wahr bleibt dieses: (ich erfuhr's, o Fraun :)[OCR note; compare the printed page.] L. ἠσθόμην, φίλαι. Compare printed p. 134 Der, den das Ungluck beugte, pflegt dem Glücklichern, Weil ihn das Glück verlassen, niemals hold zu sein. Doch nie bis diese Stunde kam ein Wind von Zeus, Kein Segel, das der Symplegaden Fels hindurch Hierher die Helena trüge, die mich mordete, Und den Menelaos, daß ich ihn bestraft' und sie, Daß dieses Aulis lohnte für das dortige, Wo mich die Danaïden, einer Fårse gleich, Zum Opfer schleppten; Priester war mein Vater selbst! Weh! Dieser Leiden bange Zeit vergess ich nie, Wie oft zu meines Vaters Kinn ich flehentlich Die Hånd' emporwarf, und an seinen Knieen hing, Und rief: „o Vater, einem unglückseligen Brautfest entgegen führst du mich; du tödtest mich, Indessen meine Mutter und Mykene's Fraun Hochzeitsgesång' anstimmen, und das ganze Haus Erschallt von Flöten; aber uns gibst du den Tod! So war es Hades, den du mir zum Gatten gibst,[OCR note; compare the printed page.] L. "Αιδης, ᾿Αχιλλεὺς ἦν ἄρ᾽ ἐχ, ὁ Πηλέως. Compare printed p. 134 Und nicht Achilleus, Thetis' Sohn; zu blutigem Brautfeste hat mich dein Gespann durch Trug entführt!" Ich hullt' in zarte Schleier mir das Aug', und nicht Umfing ich meinen Bruder mehr mit diesem Arm,[OCR note; compare the printed page.] L. ἀδελφὸν ἔτ' ἀνειλόμην χεροῖν. Compare printed p. 134 Den nun verblichnen, küßte nicht der Schwester Mund,[OCR note; compare the printed page.] L. κασιγνήτη. Compare printed p. 134 Aus Scham; zu Peleus' Hause wähnt' ich fortzuziehn,[OCR note; compare the printed page.] Xus Scham; sie hätte, wenn sie die Schwester küßte, das Angesicht enthüllen müssen, das sie als Braut verschleiert trug. Vgl. V. 360. Compare printed p. 134 Und viele Zärtlichkeiten schob ich hoffend auf, Als kehrt' ich einmal wieder heim in Argos' Land. O wenn du starbst, Orestes, ach! von welchem Glanz Des Vaterhauses schiedest du, von welchem Glück! Doch unsre Gittin tadl' ich ob des Widersinns, Sie, die den Mann, der eines Andern Blut vergoß, Der Leichen anruhrt' oder Neugeborenes, Ausschließt von ihren Tempeln, ihm als Frevler zürnt, Und selbst der Menschenopfer sich, des Mordes freut. Nein, nimmermehr hat Leto solchen Unverstand Erzeugt, Kronions hohe Braut. Ich acht' es auch[OCR note; compare the printed page.] Unders: Geboren, Zeus' crhabne Braut. Compare printed p. 134 Als eitle Fabel, jenes Mahl des Tantalos,[OCR note; compare the printed page.] Tantalos hatte den Göttern, um ihre Allwissenheit zu erproben, seinen geschlachteten Sohn Pelops zum Mahle vorgesezt: Zeus merkte es, kochte die Glieder, bis auf eine von Demeter schon angegessene Schulter, in einem Kessel wieder zusammen, und schloß die Lücke mit Elfenbein; nach Andern ersezte er die verlorene Schulter durch eine goldene. Compare printed p. 134 Daß Götter sich an seines Sohnes Fleisch ergözt, Wie dieses Volk hier, weil es selbst nach Blute giert, Wohl eigne Schuld auf unsre Gottheit übertrågt; Denn kein unsterblich Wesen dünkt mich båser Art. Erste Strophe. Chor. Blauliches Meer, blauliche, brandende Meeresenge,[OCR note; compare the printed page.] Die bläuliche Meeresenge, der thrakische Bospогов. Compare printed p. 135 Wo, von der Bremse gestachelt, im Fluge sich[OCR note; compare the printed page.] L. ἵν' οἶςρος ὁ ποτώμενος ᾿Αργόθεν Εὔξενον ἐπ᾿ οἶδμα διεπέρασεν Ἰῶς. Io, die Tochter des Flußgottes Inachos, wurde von Zeus, der sie den Augen Here's entziehen wollte, in eine Kuh verwandelt. Aber die eifersüchtige Göttin erbat sich die Kuh zum Geschenke, und nachdem ihr hundertäugiger Wächter, Argos, durch Hermes getödtet war, sandte sie ihr eine Bremse, die samt dem Schatten des Argos sie auf dem ganzen Erdkreise umhertrieb. Jo schwamm über den thrakischen Bosporos nach Asien. Compare printed p. 135 Jo zum Eureinosstrudel von Argos herschwang, Zu des asischen Landes Gauen floh von Europa! Wer sind die Männer, die dem rohrumgrûnten Strom, Eurotas' Flut, entschifft Und den heiligen Wassern Dirka's, Gekommen, gekommen zum grausen Lande, wo die hehre Jungfrau den Altar[OCR note; compare the printed page.] 2. δία τέγγει. Compare printed p. 135 Und ihr såulenumringtes Haus Nezt mit menschlichem Blute? Erste Gegenstrophe. Trieben sie wohl, rauschende tannene Doppelruder Schwingend, durch wogende Fluten den schwimmenden Wagen, (in die Segel bliesen die Winde schwellend,)[OCR note; compare the printed page.] Ε. λινοπόροισιν αὔραις. Compare printed p. 135 Um die Wette den Reichthum ihres Hauses zu mehren? Denn süße Hoffnung ist es, die, den Sterblichen Zum Leid, sich nicht erschöpft; Aus ziehn sie, das Glück zu gewinnen, Durchirren die Meere, besuchen fremder Menschen Städte, Voll thörichten Wahns.[OCR note; compare the printed page.] L. κεινᾷ δόξα. Compare printed p. 135 Harrst du still auf des Glückes Zeit,[OCR note; compare the printed page.] Ε. γνώμα δ' οἷς μενέκαιρος ὄλβε, τοῖοδ᾽ εἰς μέσον ἥκει. Compare printed p. 135 Ungerufen erscheint es. Zweite Strophe. Wie den doppelten Fels hindurch, Wie drangen sie durch des Phineus[OCR note; compare the printed page.] Phineus, König der thrakischen Stadt Salmydessos, wohnte nicht weit von der Mündung des Bosporos und den symplegadischen Felsen. Schlaflos nennt der Dichter die Gestade wegen des stürmischen Meeres. Compare printed p. 135 Schlafloses Gestade, In Amphitrite's Wogenreich am Seestrand Mit den Wellen ringend, (Wo die fünfzig Tochter des Meer = greises sich mit Gesang In frohen Reigen ergehn,) Bei segelschwellendem Hauch, Indeß am Steuer das Ruder, Unthätig ruhend, erdröhnt, Während sudlicher Wind Weht oder Zephyros' Hauch,[OCR note; compare the printed page.] 2. ἢ πνεύμασιν Ζεφύρα. Compare printed p. 135 Und zu dem Eilande der Vogel,[OCR note; compare the printed page.] Auf dieser Insel oder vielmehr Halbinsel, die im Pontos Eureinos lag, feierte Achilleus, der mit einer Flotte in diese Gewässer eingedrungen war, seine Siege durch Wettrennen und andere Spiele. Die weißen Gestade und die vielen Vögel der Insel erwähnt auch Arrian. Wahrscheinlich dachte sich Euripides auch dieses Land, wie Tauri dieessits des Pontos Eureinos, in der Nähe des thrakischen Bosporos. Nach Bothe. Compare printed p. 135 Zu dem weißen Gestad', an Achilleus', Des Renners, Bahnen sie trågt, Nach Eureinos' Gewässern? Zweite Gegenstrophe. Daß doch Helena, Leda's Kind, Auf unserer Herrin Flehen, Vom Lande der Troër An dieses User kame, damit sie, das Haupthaar Mit dem blut'gen Thaue Benezt, stürbe von unserer Herrin Hånden entseelt, Daß gleiche Strafe sie büßt! Doch klang' am lieblichsten uns Die Botschaft, wenn von der Heimat, Aus Hellas kam' ein Pilot, Vom mühseligen Leid Der Knechtschaft uns zu befrein. Konnt' ich die Wohnståtte der Våter,[OCR note; compare the printed page.] L. καὶ γὰρ ὀνείροις ἐπιβαίην οἴκοισι πόλει τε πατρώα, τερπνῶν ὕπνων ἀπολαύειν κοινὰν χάριν ὄλβῳ. Compare printed p. 135 Ihr Land nur im Traume betreten, Zu schlummern seligen Schlaf, Den ein Glücklicher schlummert! Doch siehe, da kommt, mit Fesseln die Hånd' Umwunden, ein Paar, Schlachtopfer, bereit Für der Göttin Altar: ihr Geliebten, verstummt! Dort schreiten sie schon, die Hellenen, geweiht Der Unsterblichen, nahe dem Tempel. Kein Lugenbericht war's, welchen der Hirt Uns eben gebracht. Ehrwürdige, wenn dir dieses gefällt, Was unsere Stadt ausrichtet, so nimm Dies Opfer mit Huld, das unser Gesez Darbringt, den Hellenen ein Grauel! Orestes und.Pylades werden herbeigeführt. Iphigenia. Wohlan! Iphigenia. Der Göttin Brauch zu wahren, sei vor Allem mir Die nächste Sorge. Laßt der Fremden Hånde frei; Geweihte dürfen nimmermehr gebunden sein. Nun geht hinein zum Tempel, sorgt und ordnet an, Was hier zu thun vonndthen, was die Sitte will. (Die Tempeldiener ab.) Ach! (zu den Gefangenen:) Wer ist die Mutter, deren Schoß einst euch gebar, Der Vater und die Schwester, wenn euch eine ward, Die, solches Bruderpaares, ach! beraubt, hinfort Dasteht verlassen? Wer erkennt, daß sein Geschick Ein solches sein wird? Was der Götter Rath beschließt, Im Finstern schleicht es, Keiner sieht Unheil zuvor; Denn unser Schicksal leitet uns in Dunkelheit. Von wannen kommt ihr, jammervolle Fremdlinge? Auf langen Bahnen schifftet ihr in dieses Land, Und lang von Hause werdet ihr - dort unten sein.[OCR note; compare the printed page.] L. ἐκεῖ κάτω. Compare printed p. 135 Orestes. Warum beklagst du solches, und betrübst auch uns[OCR note; compare the printed page.] L. κτανεῖν f. θανεῖν. Compare printed p. 135 Mit diesem drohenden Leide, wer du seist, o Frau? Nicht weise dünkt mich, wer auf Mord des Andern sinnt, Und durch Bedauern stillen will die Todesfurcht, Noch wer bejammert, daß der Tod ihm nahe trat, Und keine Hoffnung leuchtet; denn zwiefaches Leid Aus Einem schafft er, blinden Wahnes voll, und stirbt Nicht minder. Nein, das Schicksal gehe seinen Gang! Uns darfst du nicht beweinen; denn der Opfer Brauch In diesem Lande kennen und verstehen wir. Iphigenia. Wer unter euch hier ist es, den man Pylades Mit Namen nennt? Vor Allem wissen möcht' ich das. Orestes. Der, wenn dir dies zu wissen irgend Freude macht. Iphigenia. Und welche Stadt in Hellas nennt er Vaterland? Orestes. Was aber frommt dir's, wenn du das vernimmst, o Frau? Iphigenia. Seid ihr von Einer Mutter, seid ihr Brüder wohl? Orestes. Durch Liebe sind wir's, aber nicht durch's Blut, o Frau. Iphigenia. Und welchen Namen legte dir dein Vater bei? Orestes. Mit rechtem Namen hießen wir Unselige. Iphigenia. Nicht dieses frag' ich; rechne dies dem Schicksal zu. Orestes. Wenn namenlos wir sterben, lacht man unser nicht. Iphigenia. Was weigerst du mir dieses? Hegst du solchen Stolz? Drestes. Mein Körper, nicht mein Name, soll das Opfer sein. Iphigenia. Und auch die Stadt nicht nennst du, welche dich gebar? Orestes. Nichts frommt ja mir dein Forschen, weil ich sterben muß. Iphigenia, Doch diese Gunst mir zu gönnen, was verhindert dich? Orestes. Des hohen Argos ruhm' ich mich als Vaterstadt. Iphigenia. Bei Zeus! In Wahrheit wårst du, Freund, von dort entstammt? Orestes, Wohl, aus Mykend, das vordem so glucklich war. Iphigenia, Vertrieb dein Volk dich, oder welch ein andres Loos? Orestes. Nicht wollend, wollend floh ich, wie du's nennen magst.[OCR note; compare the printed page.] Nicht wollend, weil er von seinen Mitbürgern vertrieben ward; wollend, weil er von dem Muttermorde entsündigt zu werden wünschte. Compare printed p. 135 Iphigenia. Nun, wirst du mir wohl sagen, was ich wissen will? Orestes. Ein Nebenwerk nur meines Jammers wird es sein. Iphigenia. Erwunscht in Wahrheit kommst du mir von Argos her. Orestes. Mir nicht, gewiß nicht; doch ob dir, das siehe selbst. Iphigenia. Wohl kennst du Troja, das in Aller Munde lebt. Orestes. O hatt' ich's niemals, auch im Traume nie gesehn! Iphigenia. Es sei dahin, erzählt man, durch das Schwert zerstört. Orestes. Wohl ist es also; was geschehn, vernahmet ihr. Iphigenia. Kam Helena wieder in Menelaos' Haus zuruck? Orestes. Sie kam, zum Ungluck eines meiner Theuersten. Iphigenia. Wo weilt sie? Mir auch war sie Schuld an vielem Leid. Orestes. Zu Sparta wohnt sie bei dem frühern Ehgemahl. Iphigenia. Abscheu für Hellas' Söhne, nicht für mich allein! Orestes. Auch ich empfand sie bitter, ihre Buhlerei'n. Iphigenia, Kam Argos' Heer nach Hause, wie verkundet wird? Orestes. So fragend, sprichst du Alles aus in Einem Wort. Iphigenia. Bevor du stirbst, erfuhr' ich dieses gerne noch. Orestes. So frage, weil dich's lustet; ich will Rede stehn. Iphigenia, Ein Seher, Kalchas, kam er heim von Ilion? Orestes. Er ward getödtet, wie die Sag' in Argos ging. Iphigenia, Schön, große Göttin! Wie ergeht's Laërtes' Sohn? Orestes. Noch nicht nach Hause kam er; doch man sagt, er lebt. Iphigenia. Er sterbe, niemals komm' er heim in's Vaterland! Orestes. Kein Böses wunsch' ihm; alles Ueble kam auf ihn. Iphigenia. Der Nereïde Thetis Sohn, - lebt dieser noch? Orestes. Nicht mehr. Vergebens hat ihn Aulis frei'n gesehn. Iphigenia. Ein triglich Frei'n! So nennt es, wer betheiligt war. Orestes. Wer bist du? Dir sind Hellas' Dinge wohlbekannt. Iphigenia. Ich stamme dorther; noch ein Kind, verschwand ich schon. Orestes. Recht hast du denn, zu forschen, wie's dort steht, o Frau.[OCR note; compare the printed page.] Unders: Mit Recht erfahren willst du denn, was dort geschah. Compare printed p. 135 Iphigenia. Wie geht's dem Feldherrn, den man einst als glucklich pries? Orestes. Wem? Den ich kenne, dieser war kein Glücklicher. Iphigenia. Ein König war's, Agamemnon, Atreus' Sohn genannt. Orestes. Weiß nicht; von dieser Sache ſprich nicht mehr, o Frau. Iphigenia. Nein, bei den Göttern! Rede, Freund, zum Troste mir. Orestes. Todt ist er, zog auch Andre mit in seinen Tod. Iphigenia. Todt? Welcher Unfall todtet' ihn? Ich Elende! Orestes. Was seufzest du darüber? War er dir verwandt? Iphigenia. Um seines Gluckes alten Glanz beseufz' ich ihn.[OCR note; compare the printed page.] Unders: Sein alter Glückstand ist es, dem mein Seufzen gilt. Compare printed p. 135 Orestes. Graunvollen Todes kam er um durch Gattenhand. Iphigenia. O Thränenwerthe, Mörderin und Gemordeter! Orestes. Nun schweige, bitt' ich, frage mich nicht weiter mehr. Iphigenia. Nur Eines: lebt sie noch, des armen Mannes Weib? Orestes. Nicht mehr; der Sohn erschlug sie, den sie selbst gebar. Iphigenia. O Haus des Unglücks! Und warum erschlug er sie? Orestes. Des Vaters Tod zu råchen, gab er ihr den Tod. Iphigenia. Wie wacker ubt' er, was gerecht und schändlich war! Orestes. Doch schlimm ergeht's ihm, den die Götter rein erklärt. Iphigenia. Ließ Agamemnon noch ein andres Kind daheim? Orestes. Elektra, seine Tochter, noch als einziges. Iphigenia. Wie? Weiß man nichts von jener, die geopfert ward? Orestes. Blos dies: gestorben ist sie, schaut die Sonne nicht. Iphigenia. Elend sie selbst und der Vater, der sie mordete! Orestes. Sie fand um schndden Weibes Dank danklosen Tod. Iphigenia. Der Sohn des todten Vaters lebt in Argos noch? Orestes. Er lebt, in Elend, nirgendwo und uberall. Iphigenia. Fahrt wohl, ihr Lügenträume! Nichts denn waret ihr. Orestes. Und auch die Götter, die der Mensch allweise nennt, Sind lügenhaft, beschwingten Traumgebilden gleich.[OCR note; compare the printed page.] Wörtlich: Sind minder nicht, als flüchtige Träume, lügenhaft. Compare printed p. 135 In Allem, ob es göttlich, ob es menschlich sei, Ist viel Verwirrung. Schmerzlich ist ihm Eines nur: Lbwohl verständig, baut' er auf Prophetenwort,[OCR note; compare the printed page.] Unders: Zwar nicht verstandlos, folgt er doch Prophetenwort. Compare printed p. 135 Und endet, wie ihn endend weiß der Kundige. Chor. Wie geht's mit uns? Was ward aus unsern Aeltern? Ach! Ach! Sind sie lebend? Sind sie todt? Wer sagt es uns? Iphigenia. Vernehmet! Eben kamen wir auf einen Punkt, Der euren Vortheil fördert und den meinigen, O Freunde. Doch zum Heile führt es dann gewiß, Wenn Andern auch derselbe Rathschlag wohlgefällt. Errett' ich dich, Freund: willst du dann gen Argos ziehn, Ein Wort an meine Lieben dort verkündigen Auf einem Blatte, welches mir ein Gefangner schrieb, Der, mich bedauernd, wähnte, daß nicht meine Hand Den Mord verschulde, sondern daß des Gesezes Macht Ihn tödte, weil's der Göttin also recht erschien? Denn Keinen fand ich, der mir Kunde bracht, und heim[OCR note; compare the printed page.] Ε. ὅςις ἀγγείλαι, μολὼν δ᾽ εἰς᾿Α. ἀ. Compare printed p. 136 Nach Argos kehrend und gerettet meinen Brief. An einen meiner Theuern überlieferte. Du denn, (du bist ja, scheint mir, nicht unedler Art, Und kennst Mykend, kennest, die mir theuer sind,) Du sei gerettet, nimm von mir für flüchtige Schriftzüge keinen schndden Lohn, dein Leben, hin. Doch dieser falle, weil das Volk mir so gebeut, Als Opfer unsrer Königin, getrennt von dir. Orestes. Wohl sprachest du dies Alles bis auf Eins, o Frau: Daß er geopfert sterben soll, betrubt mich schwer. Denn ich bin's, der in seinem Schiffe führt das Leid, Und dieser zog um meiner Mühsal willen mit. Drum wär' es unrecht, wollt' ich Dank durch seinen Tod Für mich gewinnen, und mich selbst aus Noth befrein. Nein, so gescheh' es: diesem übergib den Brief; Er fördert ihn nach Argos, ganz nach deinem Wunsch; Uns aber toote, wer da will! Die größte Schmach Ist wahrlich, wenn man Freunde stürzt in Ungemach, Sich selbst errettet. Dieser ist mein edler Freund, Und wie mir selber, wunsch' ich ihm der Sonne Licht. Iphigenia. Erhabne Seele! Hohem Stamme bist du wohl Entsprossen, wie du redlich Freund der Freunde bist! O wåre der ein solcher, der von Brüdern mir Allein geblieben! Denn auch ich, o Freunde, bin Nicht ohne Bruder, sieht ihn auch mein Auge nicht. Doch, ist es so dein Wille, send' ich diesen fort, Den Brief zu bringen, und du stirbst. Groß ist sie, traun, Die Liebe, die dich gegen diesen Freund beseelt. Orestes. Wer wird mich opfern und bestehn das grause Werk? Iphigenia. Ich; denn die Göttin legte dies Geschäft mir auf. Orestes. Ein traurig Amt, o Mädchen, und kein glückliches. Iphigenia. Mich zwingt ein fremder Wille, dem ich folgen muß. Orestes. Selbst opfern willst du mit dem Schwert, das Weib den Iphigenia. Mann? Nein; deine Locken weih' ich nur besprengend ein. Orestes. Wer schwingt den Mordstahl, wenn ich das erfragen darf? Iphigenia. Im Tempel hier sind, welchen dies obliegt zu thun. Orestes. Und wenn ich todt bin, welches Grab empfångt mich dann? Iphigenia. Ein heilig Feuer drinnen und ein Felsenschlund.[OCR note; compare the printed page.] Vielleicht dachte Euripides an die eherne Bildsäule des Kronos zu Karthago, welche, die Hände mit den Rücken gegen einander zur Erde gestreckt, die Geschlachteten in einen mit Feuer gefüllten Erdschlund hinabfallen ließ. S. Diodor. Sic. 20, 14. Compare printed p. 136 Orestes. daß der Schwester Hånde mich bestatteten! Iphigenia. Vergeblich, Armer, wer du seist, war dieser Wunsch; Denn ferne wohnt sie, ferne vom Barbarenland. Indeß auch ich will, weil du stammst aus Argos her, Dir Nichts verweigern, was ich dir gewähren kann. Denn viel des Schmuckes leg' ich dir in deine Gruft, Mit braunem Del besprengen will ich deinen Leib, Und gelben Saft dir, den die Bien' aus Blumen sog, Die Bergesfreundin, auf den Scheiterhausen streun. Nun geh' ich, aus dem Heiligthume dir den Brief Bu holen; aber grolle du nicht feindlich uns. Bewacht sie, Tempeldiener, laßt sie fessellos. Wohl unverhoffte Kunde send' ich einem Freund, Den ich vor. Allen liebe, heim in Argos' Land; Denn die er todt glaubt, nennt mein Blatt als lebend ihm, Und kündet ihm unzweifelhafte Wonnen an. (ab in den Tempel.) Chor. O wie beklag' ich dich, wie sehr, daß nun bald[OCR note; compare the printed page.] Ε. κατολοφύρομαί σε τὸν χερνίβων ῥανίσιν ἐν κάρᾳ μελόμενον αἱμακταῖς. Compare printed p. 136 Des Weihwassers Flut dein Haupt blutig nezt! Orestes. Klagt nicht um dieses; frenet euch, o Freundinnen![OCR note; compare the printed page.] Den Worten der Urschrift näher kommt die Uebersezung: Das dürft ihr nicht beklagen; jubelt, Freundinnen! Compare printed p. 136 Chor. Doch dich, Jungling, dein Geschick preis ich hoch: Du kehrst wiederum in's Heimland zurück! Pylades. O bittrer Schmerz dem Freunde, stirbt der Freund dahin! Erster Halbchor. Weh, unselige Heimfahrt! Weh, du bist des Todes Raub! Zweiter Halbchor. Wer wird des Todes? Denn stets irrt mir noch zweifelnd umher der Geist, Wen ich zuvor beklage, dich oder dich. Orestes. Mein Pylades, bei den Göttern, denkst du gleich mit mir? Pylades. Weiß nicht; du fragst mich, was ich dir nicht sagen kann.[OCR note; compare the printed page.] Wörtlich: Weiß nicht; du fragst mich, welchernicht erwiedern kann. Compare printed p. 136 Orestes. Wer ist die Jungfrau? Wie besorgt um Hellas' Volk Sie mich nach seinen Kämpfen frug vor Ilion, Nach seiner Heimkehr, nach dem vogelkundigen Kalchas und Peleus' Sohne! Wie beklagte sie Des Agamemnon traurig Loos, wie forschte sie Nach seinem Weib und Kindern! Diese Fremde stammt Gewiß von dort, aus Argos; sonst bestellte sie Wohl nie das Schreiben, fragte nicht nach Allem fo, Als ob es ihr wohl ginge, geht es Argos wohl. Pylades. Du kamst um etwas mir zuvor, und sagtest, was Ich sagen wollte; doch das Loos der Könige Kennt Jeder, der mit Menschen aufmerksam verkehrt. Indeß erwåge nun mit uns ein Andres noch.[OCR note; compare the printed page.] 2. δίελθε. Compare printed p. 136 Orestes. Was? Offenbar' es, und du wirst es klarer sehn. Pylades. Schmach ist es uns, zu leben, fandest du den Tod. Mit dir ja schifft' ich, sterben muß ich auch mit dir. Denn feiger Bosheit wird man mich beschuldigen[OCR note; compare the printed page.] Anders: Feigherzig schelten wird man mich und frevelhaft. Compare printed p. 136 In Argos und der Phoker schluchtenreichem Land, Und alle Welt wähnt, (denn die Welt ist bose ja)[OCR note; compare the printed page.] Unders: Und Viele werden wähnen; denn viel Böse gibt's. Compare printed p. 136 Allein mich heimzuretten, hab' ich schnode dich[OCR note; compare the printed page.] σώζεσθαι Infinitiv der Absicht. Compare printed p. 136 Verrathen, oder, weil ja schon dein Haus erlag, Dir Tod bereitet, lustern wohl nach deinem Thron, Um deine Schwester dann zu frein mit solchem Schaz. Das, Freund, besorg' ich, und mit Scham erfullt es mich; Ich kann nicht anders, sterben muß ich, dir vereint, Mit dir geopfert werden und in Glut verbrannt; Dein Freund ja bin ich, scheue bang des Tadlers Wort. Orestes. O sprich bedachtsam! Tragen muß ich mein Geschick, Und will für einfach Leiden nicht ein doppeltes. Denn was du traurig nanntest und von Schmach erfüllt, Das trifft ja mich auch, opfr' ich dich, der meine Noth Mitleidet. Denn mich schmerzt es nicht, durch Götterzorn Das, was ich dulde, duldend, aus der Welt zu gehn. Dir lacht das Gluck, und lauter, ohne Flecken, ist Dein Haus, das meine frevelvoll und segenlos. Du wirst gerettet, Söhne blühn dir auf, erzeugt Mit meiner Schwester, welche dir ich anvermählt; Mein Name wird dann leben, und nicht kinderlos Erlöschen wird mein våterliches Haus hinfort. Drum ziehe hin und lebe, wohn' im Vaterhaus! Doch wann du kommst nach Hellas und in's Rosseland Von Argos, dann, bei dieser Rechten fleh' ich dir, Erbau' ein Grabmal, richte mir Denksäulen auf, Und Haar und Thränen weih' Elektra meinem Grab. Verkunde, wie durch eines argischen Weibes Hand Ich hier ein blutig Opfer am Altare fiel. Und meine Schwester, o verlaß sie nimmermehr, Wenn Stamm und Haus des Vaters du verdet schaust. Und lebe wohl! Dich fand ich meinen treusten Freund, Du Jagdgenosse, der mit mir erzogen ward, Du, der so viele Lasten trug von meinem Leid! Mir log Apollon, er, der schicksalkundige, Und trieb mich trugvoll fern' hinaus von Hellas' Volk, Von Scham erfüllt um seinen ersten Seherspruch. Ihm ganz mich übergebend und auf sein Gebot Die Mutter mordend, fall' ich selbst des Todes Raub.[OCR note; compare the printed page.] Unders: Die Mutter mordend, büß ich selbst den Tod dafür. Compare printed p. 136 Pylades. Dir soll ein Grabmal werden, und der Schwester Hand Verrath' ich niemals; denn du wirst, Unglucklicher, Im Tode mir noch theurer, als im Leben, sein. Doch hat der Spruch des Gottes dir den Untergang Noch nicht bereitet, stehst du gleich dem Tode nah. Nein! Ewig, ewig sehen wir das größte Leid Den größten Wechsel dulden, wenn's das Schicksal fugt. Orestes. Sei still! Apollons Götterwort, nichts frommt es mir; Denn aus dem Heiligthume tritt die Priesterin. (zu den Tempeldienern). Iphigenia Entfernet ihr euch, ordnet an im Heiligthum, Was sie bedürfen, die den Opferdienst vollziehn. (die Männer gehen ab.) Mein vielgefaltet Schreiben, seht, o Fremdlinge, Hier ist es; aber was ich nun noch weiter will, Vernehmt. Ein Andrer ist der Mensch im Ungemach, Ein Andrer, wann er statt der Furcht Vertraun gewann.[OCR note; compare the printed page.] Unders: Ein Andrer, wann er sich von Furcht zum Hoffen kehrt. Compare printed p. 136 Darum befürcht' ich: kehrt er heim aus unserm Land, Der diesen Brief nach Argos überbringen soll, So wird er nicht mehr achten, was ich ihm befahl. Orestes. Was also willst du? Sage, was dich ångstiget.[OCR note; compare the printed page.] Unders: Was also willst du? Was beängstet dich so sehr? Compare printed p. 136 Iphigenia. Er soll mir schworen, diesen Brief in Argos' Land Dem Freund zu bringen, welchem ich ihn senden will. Orestes. Und du dagegen leistest, ihm denselben Schwur? Iphigenia. Was ihm zu thun, sprich, oder was ihm nicht zu thun? Orestes. Ihn lebend fortzusenden aus dem fremden Land. Iphigenia. Naturlich: wie denn könnt' er sonst auch Bote sein? Orestes. Wird auch des Landes Herrscher das dir zugeftehn? Iphigenia. Ihn überred' ich; selbst geleit' ich den zu Schiff. So schwore: (auf Pylades deutend.) (zu Pylades) (zu Iphigenia) Orestes. du sprich einen frommen Eid ihm vor. Iphigenia. Sprich denn: „ich überbringe deinem Freund den Brief." Pylades. Ich überbringe diesen Brief an deinen Freund. Iphigenia. Und ich errette durch die Kyanenfelsen dich. Pylades. Bei welcher Gottheit schworst du, dies bekräftigend? Iphigenia. Bei Tauri's Göttin, der ich dien' als Priesterin. Pylades. Ich bei des Himmels höchstem Herrn, dem großen Zeus. Iphigenia. Und wenn du Meineid schworst, an mir zum Frevler wirst? Pylades. Nie mog' ich dann heimkehren! Doch Iphigenia. Eid brichst du den So sez' ich lebend nie den Fuß in Argos' Land! Pylades. Vernimm noch Eines, was ich unbeachtet ließ. Iphigenia. Nichts kommt zur Unzeit, wenn es etwas Gutes ist.[OCR note; compare the printed page.] L. ἀλλ' ἔτις ἐς᾽ ἄκαιρος, ἢν καλῶς ἔχῃ. ἔτις bez. auf λόγος V. 729. Compare printed p. 136 Pylades. Vergonne dies Besondre; wenn dem Schiff ein Leid Geschieht, und dieses Schreiben samt der andern Last Die Flut hinabschlingt, ich allein mich rettete, Daß dann der Eidschwur fürder nicht mehr gelten soll. Iphigenia. Nun, was ich thun will Manches trifft sich manchesmal : Was dieses Briefes Falte birgt, eröffn' ich dir In Worten Alles, meinem Freund es kundzuthun. Denn also gehn wir sicher. Rettest du die Schrift, Selbst offenbart sie schweigend, was ich ihr vertraut; Doch wenn das Schreiben untergeht im Meeresgrund; Dann, dich errettend, rettest du mein Wort in dir. Pylades. Schon sorgtest du für die Götter und für mich zugleich.[OCR note; compare the printed page.] Für die Götter, um einem Meineide vorzubeugen, für mich, um meinem Gewissen zu genügen. Bothe. Compare printed p. 136 Doch sprich, an wen ich diesen Brief in Argos' Land Bestellen, was ich sagen soll auf dein Gebot. Iphigenia. Verkünd' Oresten, Agamemnons edlem Sohn: „Sie, die vor Aulis unterging, Iphigenia, Die dort für todt gilt, diese lebt, und sendet dies." Orestes. Wo weilt sie? Kam sie wieder aus des Todes Nacht? Iphigenia. Hier, die du siehest; store mich durch Reden nicht. „O rette mich nach Argos, eh' ich sterbe hier, Vom Fremdlingslande, Bruder, heim vom Opferherd Der Artemis, auf dem ich Fremde schlachten muß." Orestes. Was sag' ich, Freund? Wo sind wir, wo verirrten wir? Iphigenia. ,,Wo nicht, so ruf ich Fluch herab auf dein Geschlecht, Orestes!" Merke den Namen, zweimal nannt' ich ihn. Götter! Rufst du meinethalb die Götter an? Pylades. Nein. Ende! Meine Gedanken waren anderswo. Iphigenia. Sprich, daß die Göttin Artemis an meiner Statt Gesandt ein Hirschkalb, das der Vater opferte, Im Wahn, er zücke wider uns den scharfen Stahl, Und daß sie rettend mich entrückt in dieses Land. Das ist der Inhalt meiner Schrift, das ist der Brief. Pylades. Du, die mit leichtem Schwure mich umwunden hat, Am schönsten selbst geschworen, långer såum' ich nicht, Und will bestellen, was mein Schwur mir auferlegt.[OCR note; compare the printed page.] Wörtlich: Und will den Eidschwur, den ich schwor, bestätigen. Compare printed p. 136 Da sieh, das Schreiben bring' ich, übergeb' ich dir, Orestes, das hier deine Schwester dir gesandt. Orestes. Ich nehm' es; doch bei Seite lass ich nun die Schrift, Und nicht aus todten Worten schopf ich meine Lust. O Schwester, liebstes Leben, so besturzt ich bin, So schling' ich doch unglaubig meinen Arm um dich,[OCR note; compare the printed page.] L. ὅμως σ' ἀπίςῳ περιβαλὼν βραχίονι. Compare printed p. 136 Und juble, da mir wunderbare Kunde ward. Chor. Verwegen, Freund, berührst du diese Priesterin, Umschlingst ihr heilig rein Gewand mit deinem Arm. Orestes. O meine Schwester, die von Einem Vater stammt, Von Agamemnon, wende dich nicht ab von mir! Du hast den Bruder, den du nie zu sehn gehofft. Iphigenia. In dir ich meinen Bruder? Schweigst du nicht sogleich? Oft ist er wohl in Argos, oft in Nauplia. Orestes. Dort ist er nicht, dein Bruder, Ungluckselige. Iphigenia. Gebar die Tyndaride dich, die Sparterin? Orestes. Und auch von Pelops' Enkelsohne stamm' ich her. Iphigenia. Was sagst du? Hast du dessen mir ein Unterpfand? Orestes. Wohl; frage mich von unserm Vaterhause nur.[OCR note; compare the printed page.] Wohl: frage mich von unserm Vaterhause nur. Das fehlende Wörtchen etwas" ergänzt man hier leicht; wer es vermißt, der lese: Wohl; frag' um etwas aus dem Vaterhause nur. Compare printed p. 136 Iphigenia. Dir ziemt es denn, zu reden, und zu hören mir. Orestes. So sag' ich erstens, was Elektra mir vertraut Iphigenia. Bald hor' ich ohne Fragen, was unglaublich ist.[OCR note; compare the printed page.] Ε. τάχ' ἐκ ἐρωτῶσ᾽ εἰς ἄπις᾿ ἀφίξομαι. Compare printed p. 136 Orestes. Den Zwift des Atreus und Thyestes kennst du doch? Iphigenia. Ich hörte, daß er sich entspann um's goldne Lamm. Orestes. Auf schon Gewebe sticktest du's, wohl weißt du noch? Iphigenia. Liebster, meines Herzens Grund erschütterst du. Orestes. Ein Bild, gewoben, stellte dar der Sonne Flucht? Iphigenia. Auch dies Gebilde wob ich einst mit seinem Garn. Orestes. Du zogst nach Aulis; badet' auch die Mutter dich? Iphigenia. Ja; denn der edeln Ehe Bund verlangte das. Orestes. Auch deine Locken gabest du der Mutter mit? Iphigenia. Denkmal' an meines Körpers Statt dem Grab zu sein. Orestes. Ich nenne nun als Zeichen, was ich selbst gesehn: Pelops', des Ahnherrn, alten Speer im Vaterhaus, Womit er Hippodameia sich, die pisische Jungfrau, gewonnen nach dem Fall Denomaos', Und der in deinem Fraungemach verborgen liegt. Iphigenia. Mein Liebster, und nichts Andres, denn das bist du ja, Ich hab', Orestes, Lieber, dich, Der fernher vom Heimlande, von Argos kam! Orestes. Ich habe dich, die Todte, wie die Sage wähnt. Thränen der Wehmuth sieh, Wonne zu Leid gesellt, Dein Augenlied benezen, wie das meinige. Iphigenia. Da, da ließ ich dich, ruhend im Arme der Pflegerin, noch ein zart lallendes Kind, daheim, Dich, mehr beglückt, als unsre Sprache sagen kann.[OCR note; compare the printed page.] Ohne ψυχά. Compare printed p. 136 Doch nun? Mehr, als wunderbar, (keine Sprache nennt's,) fiel dein Loos. Orestes. O mogen wir verbunden fortan glucklich sein! Iphigenia. Mir ward ungehoffte Lust, Freundinnen! Doch fürcht' ich, daß er himmelan aus meinem Arm Sich aufschwingend flieht. Auf, ihr Kyklopenherde, du mykenisches[OCR note; compare the printed page.] Herde der Kyklopen. Mykene war von den Kyklopen erbaut. Compare printed p. 136 Heimland, theure Stadt, Dank für mein Leben, Dank, daß du mich auferzogst, Dank, daß du den Bruder mir, Ein Licht unserm Haus, heranbildetest! Orestes. Von Stamme sind wir glucklich; doch zum Ungemach, O Schwester, führten Götter uns in's Leben ein. Iphigenia. Weh, ich erfuhr es, als, von Wahnsinn berückt, Mir auf die Brust den Stahl zückend der Vater schwang, Orestes. Ach, ach! Entfernt auch, wahn' ich doch dich dort zu sehn. Iphigenia. Da man, o Bruder, mich ohn' Hymenden dort Zu des Achilleus Zelt trüglich als Braut geführt;[OCR note; compare the printed page.] L. δόλι' ὅτ' ἀγόμαν. Compare printed p. 136 Um den Altar erscholl Weinen und Klageruf. Wehe dort der Opferflut! Orestes. Auch ich beklagte, was der Vater frevelte. Iphigenia. Ein grausam harter Vater ward uns; Leiden keimt' aus Leiden auf. Orestes. Wohl, wenn du deinen Bruder, Arme, mordetest Durch ein feindlich Götterloos. Iphigenia. Grauses erkühnt' ich Elende mich, grauser That, grauser Weh mir! That, Entslohn wårst du kaum ruchlosem Untergang, Bruder, von meinen Hånden graunvoll erwürgt. Welches Ende folgt auf dieses? Welches Schicksal wird mein Loos sein? Was sinn' ich dir aus, auf welchem Pfad send' ich dich Von hier, frei von Tod, in's Land Argos heim, Eh' hier dein Leben dem Stahle verfällt? Das, das ist es, o armes Herz,[OCR note; compare the printed page.] L. τόδε, τόδ', ὦ μελέα ψυχά. Compare printed p. 136 Was du mir ausspåhn mußt, Ob du zu Lande, nicht im Schiffe, Ob du mit eilendem Fuß Dich gibst in den Tod, wenn du Stämme der Barbaren Und unwegsame Wege durchziehst; durch kyanische Felsen Den Engpaß hindurch, dehnt für die Flucht sich, traun, Der Meerpfad zu weit. Ich Arme, ich Arme! Wer, ob es ein Gott, ob ein Sterblicher sei, Welch glucklicher Zufall Entwirrt den verworrenen Pfad,[OCR note; compare the printed page.] L. ἄπορον πόρον ἐξανύσας. Compare printed p. 136 Zeigt uns, die noch allein leben von Atreus' Stamm, Aus Noth Rettung an? Chor. Dies Wunderbare, dieses Unaussprechliche, Ich sah es selber, hört' es nicht aus Andrer Mund.[OCR note; compare the printed page.] Wörtlicher: meld' es nicht aus Andrer Mund. Compare printed p. 136 Pylades. Daß Freunde, wenn sie Freunde plozlich wiedersehn, Sich froh umarmen, das, Orestes, ziemt sich wohl; Doch nun die Klage lassend, komm' auf jenes auch, Wie wir der Rettung hohes Werk mit hohem Ruhm Sofort bestehend, aus dem Fremdlingsland entfliehn. Denn weise Männer trachten nicht nach andrer Lust, Das Glück versäumend, wenn die Zeit zur That erschien. Orestes. Ganz wohl gesprochen! Doch das Schicksal sorgt mit uns Für dieses, hoff' ich; bist du wohlbereit zur That,[OCR note; compare the printed page.] L. ἦν δέ τις πρόθυμος ᾖ. Compare printed p. 136 Erringt die Gottheit über andre Macht den Sieg. Iphigenia. Nichts hemmt mich weiter, oder hålt mein Wort zurück, Zuvor zu fragen, welch ein Loos des Lebens ihr, Elektren, wurde; das vor Allem hört' ich gern.[OCR note; compare the printed page.] Ε. φίλα γὰρ ἐςαι ταῦτ᾽ ἐμοί. Compare printed p. 136 Orestes. Vermählt mit diesem, lebt sie froh das Leben hin. Iphigenia. Und der, woher ist dieser, wer und wessen Sohn?[OCR note; compare the printed page.] L. τίς τίνος πέφυκε παῖς; Compare printed p. 137 Orestes. Sein Vater nennt sich Strophios im Phokerland. Iphigenia. So wår' er Atreus' Tochtersohn und mir verwandt? Orestes. Geschwisterkind, mein einzig treubewährter Freund. Iphigenia. Er lebte noch nicht, als der Vater mich erschlug. Orestes. Nein; Strophios war lange Jahre kinderlos. Iphigenia. Sei mir gegrußt, o meiner Schwester Ehgemahl! Orestes. Und mein Erretter, nicht allein Verwandter mir. Iphigenia. Doch das zu thun der Mutter, wie vermochtest du's? Orestes. O still davon: ich råchte meines Vaters Tod. Iphigenia. Doch welcher Grund war's, daß ihr Arm den Gatten schlug? Orestes. Laß doch die Mutter; dir auch frommt die Kunde nicht. Iphigenia. So schweig' ich. Argos' Bürger sehn nun wohl auf dich? Orestes. Menelaos herrscht; ich irre fluchtig außer Lands. Iphigenia. Hat doch der Oheim nicht verhöhnt des Hauses Noth? Drestes. Nein; Schrecken von den Erinnen trieben mich hinaus. Iphigenia. Deßwegen hieß es, daß du ras'test hier am Strand. Orestes. Nicht heute sah man unser Leid zum erstenmal. Iphigenia. Der Mutter wegen quålten dich die Göttinnen. Orestes. Sie faßten mich mit bluterfülltem Schlangenmund. Iphigenia. Was wandtest du nach diesem Lande deinen Schritt? Orestes. Gehorsam Phobos' Götterwort, erschien ich hier. Iphigenia. Zu welchem Zwecke? Sagst du's oder schweigst du mir? Orestes. Erfahre, was mir Quelle ward von vielem Leid. Nachdem mein Arm der Mutter Gråuelthat geracht, Von der ich schweige, trieben mich verfolgende Erinnen fluchtig außer Lands, bis Lorias' Orakel endlich nach Athen mich gehen hieß, Zu bußen hier den namenlosen Göttinnen[OCR note; compare the printed page.] Den namenlosen Göttinnen, den Erinnyen, deren Namen man zu nennen mied. Compare printed p. 137 Vor jenem hohen Richterstuhl, den Zeus vordem Für Ares sezte, weil er sich durch Mord entweiht. Dort, als ich hinkam, schloß kein Freund die Pforten mir Willfährig auf, als einem gottverhaßten Mann; Und, die sich schämten, reichten mir auf eignem Tisch Die Gastgeschenke, wenn sie schon Ein Haus umschloß, Und saßen schweigend, daß auch ich verstummt' und scheu Von ihrem Mahle keinen Theil mir forderte; In eignen Becher füllten sie für Alle gleich[OCR note; compare the printed page.] Während sonst allen Gästen die Becher aus einer gemeinsamen Schöpfwanne gefüllt wurden, erhielt hier Jeder sein eigenes Gefäß, um mit dem Muttermörder Nichts gemein zu haben. Compare printed p. 137 Des Weines Maaß, und tranken, lautrer Wonne voll. Und ich, zu schelten wagt' ich doch die Freunde nicht, Litt Schmerz in Stillen, stellte mich, als ahnt' ich nichts, Und seufzte schwer auf, weil ich Muttermårder war. Nun hor' ich, daß in Atthis' Lande mein Geschick Ein Fest veranlaßt, und die Sitte noch besteht, Daß Gießgefässe Pallas' Volk in Ehren hålt. Als ich zum Areshügel kam und vor Gericht Mich stellte, nahm ich selber ein den einen Siz, Den andern nahm der Eumeniden älteste. Und sprechend selbst und hörend um den Muttermord, Errettet' uns Apollon durch sein Zeugniß; gleich Ward mir, von Pallas zugezählt der Stimmen Zahl, Und siegend trat ich aus dem Blutgericht hervor. Am Ort des Urtheils wählten sich ein Heiligthum Die Eumeniden, die der Spruch befriedigte; Doch jene, welchen nicht genehm der Spruch erschien, Verfolgten stets in ruhelosem Laufe mich, Bis ich in Phobos' heilig Land von neuem kam, Und vor dem Altar ausgestreckt, der Speise mich Enthaltend, schwur, des Lebens Faden reiß ich ab, Wenn Phobos nicht mich rette, der mich mordete. Da scholl Apollons hehrer Spruch vom goldenen Dreifuß, mich hierher weisend, um das himmlische Bildniß hinwegzuführen in Athens Gebiet. So hilf die Rettung, die der Gott mir zugedacht, Uns miterringen; rauben wir das Gottesbild, So flieht der Wahnsinn meinen Geist, ich bringe dich Zum Argosland im ruderreichen Schiff zurück. Du denn, o trautes Schwesterhaupt, Geliebteste, Sei Schuz dem Vaterhause, sei mir Retterin; Denn all mein Glück und unsers Hauses Glück zerrinnt, Wenn nicht der Göttin Himmelsbild uns eigen wird. Chor. Ein schwerer Zorn der Götter brach entbrannt herein, Und treibt in Noth der Tantaliden Stamm umher. Iphigenia. Bevor du hierher kamest, war schon mein Entschluß, Zu gehn nach Argos, und, o Bruder, dich zu sehn. Ich will, was du willst: dich befrein aus Ungemach, Und hoch aus Leid aufrichten unsrer Ahnen Haus, Nicht mehr dem Mörder grollend, der mich opferte. Von deinem Blute halt' ich so die Hånde rein, Und rette meiner Våter Haus; doch Artemis, Wie tausch' ich diese, wie den König, wann er leer Den Marmorsokel findet, der die Säule trågt? Wie dann dem Tod entrinnen? Was erklär' ich dann? Ja, wenn du dies in einer einzigen That versuchst, Das Bild entwendest, und mich selbst in hohem Schiff Fortführst; gelingen kann es wohl, das Wagestück. Doch, hievon ausgeschlossen, sind' ich meinen Tod, Du kehrst nach Hause, wenn du wohl dein Werk bestellst. Traun, dich zu retten, fürcht' ich Nichts, und muß ich auch Den Tod erdulden; stirbt ein Mann vom Hause weg, Er wird betrauert; doch die Frau wird schwach vermißt. Orestes. Ich möchte nicht dein Mörder und der Mutter sein; Ihr Blut genüge! Dir vereint zu leben, ist Mein Wunsch, und sterbend gleiches Loos zu theilen auch. Ich gehe, wenn mich mein Geschick nicht hier ereilt, Mit dir nach Argos, oder sterb' ich hier mit dir. Vernimm die Grunde: wenn die That der Artemis Zuwider wåre, wie gebote Phobos mir, Das Bild in Pallas' hohe Stadt zu führen und Dein Angesicht zu schauen? Wenn ich alles dies Zusammennehme, hoff' ich froh die Wiederkehr. Iphigenia. Wie wird es möglich, daß wir uns dem Tod' entziehn Und unser Ziel erreichen? Denn hieran allein Mag unsre Heimkehr scheitern; nicht mein Wille fehlt.[OCR note; compare the printed page.] L. τῇδε γὰρ νοσεῖ νόσος π. ο. Compare printed p. 137 Orestes. Den Herrn des Landes, könnten wir ihn morden wohl? Iphigenia. Der Fremdling morden seinen Wirth - ein grauses Wort ! Orestes. Doch wenn es rettet dich und mich, so sei's gewagt. Iphigenia. Ich kann es nicht; doch loben muß ich deinen Muth. Orestes. Wie, wenn du heimlich uns verbärgst im Tempel hier? Iphigenia. Daß wir die Nacht erwarten und von dannen fliehn? Orestes. Nacht ist der Diebe Freundin, Wahrheit liebt das Licht. Iphigenia. Die Tempelwach' ist innen, der wir nicht entgehn. Orestes. Weh mir! Verloren sind wir! Wie entrinnen wir? Iphigenia. Ich habe, dünkt mir, etwas Neues ausgedacht. Orestes. Und was denn? Laß mich hören, daß auch ich es weiß. Iphigenia. Als kluger Vorwand diene mir dein Seelenleid. Orestes. Im Ränkespinnen sind die Fraun doch gar geschickt. Iphigenia. Als Muttermorder fldhst du, sag' ich, Argos' Land. Orestes. Benüze nur mein Leiden, wenn dir's frommen mag. Iphigenia. Drum wolle, sag' ich, Artemis dein Opfer nicht - Orestes. Um welches Grundes willen? Doch ich ahne schon. Iphigenia. Du wårest unrein, und das Reine toot' ich nur. Orestes. Warum erleichtert diese List des Bildes Raub? Iphigenia. Ich woll' in Meeresfluten dich entſundigen. Orestes. Das Bild, um das wir kamen, ist im Tempel noch. Iphigenia. Auch dieses woll' ich waschen, weil du's angerührt. Orestes. Wo das? Du meinst wohl, wo die Flut das Land bespült? Iphigenia. Dort, wo dein Schiff an slåchsenen Ankertauen ruht. Orestes. Trågst du das Bild in Hånden, oder Andere? Iphigenia. Ich; denn es anzurühren ist nur mir erlaubt. Orestes. Doch welche Stellung geben wir dem Pylades? Iphigenia. Die gleiche Blutschuld haft' an ihm, erklären wir. Orestes. Geschieht es heimlich, oder weiß der Fürst darum? Iphigenia. Ich überred' ihn; denn verborgen blieb ich nicht. Orestes. Des Schiffes rasches Ruderwerk, es steht bereit. Iphigenia. Du mußt besorgt sein, daß das Andre wohlgelingt. Orestes. Eins thut allein noth: dieser Fraun Verschwiegenheit. Erfind' ein überredend Wort, beschwore sie; Die Kraft zu rühren wohnt ja doch den Frauen bei. Das Andre mag dann alles glucklich endigen. Iphigenia. Auf euch, geliebte Frauen, wend' ich meinen Blick, Auf euch allein beruht es, ob ich glucklich sein, Ob elend sein soll und beraubt des Vaterlands, Des Bruders und der Schwester, meiner Theuersten. Und dieses sei vor Allem meines Worts Beginn: Wohl sind wir Frauen, Eine will der Andern wohl; Was uns gemein ist, wahren wir mit trenem Sinn. So seid verschwiegen, und gewährt hilfreiche Hand Zur Flucht! Des Ruhmes würdig ist ein treuer Mund. Ihr sehet: Ein Loos wartet auf drei Liebende, Heimkehr in's våterliche Land, ach! oder Tod. Gerettet rett' ich, daß auch du mein Schicksal theilst, Auch dich nach Hellas. Bei der Rechten flch' ich denn, Dir fleh' ich, dir auch, bei der holden Wange dir, Bei diesen Knie'n und deines Hauses Thcuerstem, Bei Mutter, Vater, Kindern, wenn du welche hast! Was meint ihr? Welche will es? Welche weigert es? O sprecht! Versagt ihr meinem Wort die Billigung, Bin ich dahin, mein armer Bruder ist dahin. Chor. Geliebte Herrin, sei getrost und rette dich; Von mir wird Alles, was du mich so dringend flehst, Verschwiegen bleiben; zeuge mir der große Zeus! Iphigenia. Dank euch für diese Worte; mögt ihr glucklich sein! (Zu Einigen aus dem Chor.) Dein Werk, und deines, ist es nun, in's Haus zu gehn; Denn bald erscheint er, dieses Landes Herr, und forscht, Ob jener Fremden Opferung vollendet sei. (Die Angeredeten gehen in den Tempel.) Erhabne Gottin, die du mich vor Aulis' Bucht Aus meines Vaters Mörderhand errettetest,[OCR note; compare the printed page.] Wörtlicher: Aus des Vaters grauser Mörderhand errettetest. Compare printed p. 137 Errette nun auch mich und sie, daß Phobos' Wort Hinfort um deinetwillen nicht als Trug erscheint! Auf, wandre huldvoll aus dem Land der Fremdlinge Zur Stadt Athene's! Hier zu wohnen ziemt dir nicht, Dir, die der Pallas Segensland bewohnen kann. (Sie geht in den Tempel.) Erste Strophe. Chor. Vogel, der du bei felsigen Meeranhdhen, o Halkyon,[OCR note; compare the printed page.] Halkyone stürzte sich, als sie den Leichnam ihres Gemahles Keyr an's Ufer treiben sah, verzweiflungsvoll in's Meer; beide wurden von Thetis in Eisvögel (Halkyonen) verwandelt. Compare printed p. 137 Klagst in traurigem Liede, Wohlverständlich Verständigen, da Du den Gemahl im Gesange stets ausrufst! Dir vergleichbar im Leid bin ich Ungeflügelter Vogel; Mich verlangt es nach Hellas, zur Artemis, der Kreisenden Schuz, Die bei dem kynthischen Hügel wohnt, an Palmbäumen mit zartem Laub, Schonblühendem Lorbeer und Heiligem, dunklem Sprosse des Delbaums, Wo Leto die Beiden gebar, Långs dem See, der wirbelnd die Flut[OCR note; compare the printed page.] L. κύκλιον. Compare printed p. 137 Hinrollt, wo der gesangesreiche Schwan feiert die Musen. Erste Gegenstrophe. O reichstromende Thränen, die Meine Wangen bethauten einst, Als die Burgen der Heimat Stürzten und ich in die Schiffe mich schwang, Und von dem Ruder und Speer des Feindes ereilt, Und um goldenen Lohn verkauft, Zog in's Land der Barbaren, Wo der hirschedurchbohrenden Artemis holde Priesterin, Wo mir gebeut Agamemnons Tochter Am opferreichen Altar! Ich preise glucklich den Mann, Der stets elend war; er ermattet Nicht in dem Leid, mit dem er erwuchs. Holder Glückstern wandelt sich oft; Aber nach glucklichen Tagen Unglück - Schwer druckt es die Menschen. Zweite Strophe. Doch, erhabene Herrin, dich Trågt ein argisches Schiff zur Heimat; Laut ertont das künstliche Rohr Des bergliebenden Pan, und ruft Seeruderndem Volk zur Fahrt. Auch der Seher Phobos erscheint, Rauscht in die Saiten der Lyra, stimmt Lieder an, und geleitet dich Wohl in Atthis' glänzendes Land.[OCR note; compare the printed page.] L. ἄξει λιπαρὰν εὖ σ' ᾿Αθηναίων ἐπὶ γᾶν. Compare printed p. 137 Doch mich låssest du hier zurück, Fliehest mit rauschendem Kiel, und es breiten sich aus in den Lüften die Segel, und flattern an Tau'n, von dem Spiegel zum Buge; rasch Theilt das Schiff die Wogen. Zweite Gegenstrophe. Könnt' ich die strahlende Rennbahn ziehn, Wo des Helios Feuer hinwallt, Daß ich heimwårts slöge den Flug, Und dann über dem heimischen Dach hemmte der Flügel Schwung! Stand' ich dort in den Reigen, wo Ich, von den Edeln umworben, stand, Und mit meinen Gespielen in Holder Lust wetteifernd den Fuß Schwang im Tanz, und in brautlichem Glanze des Haars in den Kampf mich erhob mit den Scházen, von farbigen Schleiern umwallt, und von Locken Meine Wang' umschattet! strahlenden goldenen dicht Thoas mit Trabanten und Sclaven. Der Chor. Iphigenia. Thoas. Wo weilt des Tempels Hüterin, die griechische Jungfrau? Sie hat wohl eingeweiht die Fremdlinge? Und ihre Körper flammen schon im Heiligthum? (Iphigenia kommt mit der Bildsäule der Göttin aus dem Tempel.) Hier ist sie, die dir Alles deutlich sagt, o Fürst. Ha! Was trågst du, Kind Agamemnons, hier das Gottesbild Vom unentweihten Fußgestell' im Arme fort? Iphigenia. Herr, bleibe stehen, wo du stehst, am Säulengang. Thoas. Was gibt es Neues im Tempel, Iphigenia? Iphigenia. Entseklich! Also ruf ich aus, die Priesterin. Thoas. Welch Unerhörtes meinst du? Sprich es deutlich aus. Iphigenia. Kein reines Opfer habt ihr uns erjagt, o Fürst. Thoas. Wer gab dir Kunde von diesem? Oder ahnst du bloß? Iphigenia. Das Bild der Göttin wandte sich von seinem Siz. Thoas. Von freiem? Oder weil gebebt der Erde Grund? Iphigenia. Von freiem; und der Augen Lieder drückt' es ein. Thoas. Was war der Grund wohl? Gråuelthat der Fremdlinge? Iphigenia. Nichts Andres; Grausenvolles, Herr, verübten sie. Thoas. Erschlug ihr Arm am Ufer einen Taurier? Iphigenia. In ihrer Heimat haben sie den Mord verübt. Thoas. Welch einen? Denn zu fragen kam die Lust mich an. Iphigenia. Die Mutter würgten Beide durch vereinten Mord. Thoas. O Phobos! Auch kein Wilder håtte das gewagt. Iphigenia. Verfolgt vom ganzen Hellas flohn sie außer Lands. Thoas. Aus diesem Grunde trågst du denn das Bild hinaus? Iphigenia. In heil'gen Aether, daß es fern dem Grauel sei. Thoas. Woraus erkanntest du die Schuld der Fremdlinge? Iphigenia. Ich zich die Beiden, als das Bild sich umgewandt. Thoas. Zur Weisen zog dich Hellas, daß du's wohl erkannt. Iphigenia. Nun haben sie mir süßen Köder vorgesezt, Thoas. Aus Argos etwas Liebes dir verkündigend? Iphigenia. Daß mein Orest, mein einziger Bruder, glucklich sei. Thoas. Daß ob der frohen Kunde du sie rettetest? Iphigenia. Auch lebe noch mein Vater, leb' in Wohlergehn. Thoas. Doch du verbliebst der Göttin, wie sich ziemt, getreu. Iphigenia. Ich hasse ja ganz Hellas, das mich mordete. Thoas. Was also thun wir, sage, mit den Fremdlingen? Iphigenia. Den alten Brauch bewahren heißt die strenge Pflicht. Thoas. Nun, hast du nicht Weihwasser, nicht dein Schwert zur Hand? Iphigenia. Durch fromme Waschung will ich erst sie reinigen. Thoas. Mit Wasserquellen oder Meereswellenthau? Iphigenia. Des Meeres Flut spult alle Schuld der Menschen ab. Thoas. Der Göttin mehr gefällig sterben Beide dann. Iphigenia. Und meiner Pflicht auch leb' ich so getreuer nach. Thoas. Nun, spålt an unsern Tempel nicht die Meeresflut? Iphigenia. Der Einsamkeit bedarf es; Andres thun wir noch -- Thoas. Geh, wo du hinwillst; kein Geheimniß will ich sehn. Iphigenia. Das Bild der Göttin muß ich auch entſundigen. Thoas. Wohl, wenn des Muttermordes Mal es schåndete. Iphigenia, Sonst hatt' ich's nie von seinem Marmorsiz entführt. Thoas. Der fromme Sinn, die weise Vorsicht ist gerecht. Iphigenia. Weißt du nun, Herr, was geschehn soll? Dir gebührt dies kundzuthun. Schlag' in Fesseln diese Fremden. Doch wohin entfldh'n sie dir? Hellas' Volk weiß nichts von Treue. Bringt, ihr Knechte, Fesseln her. Auch die Fremden herzuführen, gib Befehl. Thoas. Es wird geschehn. In's Gewand ihr Haupt verhullend . Iphigenia. Vor der Sonne Strahlenglanz. Dann von deinen Dienern send' uns welche mit. (auf die Diener zeigend). Thoas Die folgen dir. Iphigenia. Einen sende nach der Stadt hin, kundzuthun. Thoas. Welch Ungefähr? Iphigenia. Alles soll daheim sich halten. Thoas. Sclave, geh' und melde dies. Iphigenia. Und von Freunden darf vor Allem. Diese Mahnung gibst du mir. Keiner sich den Blicken zeigen. Thoas. Daß sie nicht der Suhne nahn. Iphigenia. Denn Entsezen weckt der Anblick. Thoas. Rühmlich sorgst du für die Stadt. Iphigenia. Wie's geziemt. Thoas. Darum bestaunt dich, wie's geziemt, die ganze Stadt. Iphigenia. Du verweile vor der Göttin Tempel hier. Thoas. Was soll ich thun? Iphigenia. Sühne ringsher seine Hallen.[OCR note; compare the printed page.] L. ἅγνισον κύκλῳ μέλαθρον. Compare printed p. 137 Thoas. Daß du rein ihn wiederschaust? Iphigenia. Wenn indeß die Fremden aus dem Thore gehn. Was muß ich dann? In's Gewand dein Auge hullen. Thoas. Daß der Graul mich nicht entweiht? Iphigenia. Schein' ich dir zu lang zu såumen. Thoas. Welche Frist bestimmst du mir? Iphigenia. Wundre drum dich nicht. Thoas. Vollend' in Muße, was dein Amt gebeut. Iphigenia. Könnt' ich doch vollziehn die Suhne, wie ich will! Thoas. Ich wunsch' es auch. (Thoas geht ab; Orestes und Pylades werden herbeigeführt.) Iphigenia. Dort gewahr' ich schon die Fremden, nahend aus dem Hei ligthum, Auch der Göttin Schmuck, und zarte Lämmer, um mit Blute Blut Auszusuhnen, auch der Fakeln Schimmer, und das Andre, das Ich geordnet für der Fremden und der Göttin Reinigung. Aus dem Wege, ruf' ich Allen, vor dem schuldbefleckten Paar; Wer, des Heiligthumes Hüter, rein die Hand den Göttern weiht, Oder Eh'n ausgeht zu knüpfen, oder wen Geburt beschwert, Flieht, entweicht, daß euer Keinen dieser Gråul entheilige! Herrscherin, von Zeus und Leto stammend, wann ich ihren Mord Suhnt' und würdig Opfer brachte, wohnst du rein im reinen Haus, Und begluckt sind wir. Das Andre sag' ich nicht; den Gittern nur Deut' ich's an, die Alles wissen, und, erhabne Göttin, dir. (Iphigenia mit den Gefangenen ab.) Strophe. Chor. Groß ist der Sohn Leto's, er, Den in des delischen Eilandes gesegneten Gründen,[OCR note; compare the printed page.] Ε. ὃν ποτε Δηλιάσιν καρποφόροις γυάλοισιν. Compare printed p. 137 Den citherkundigen, goldlockigen Gott mit der Artemis, die[OCR note; compare the printed page.] L. Φοϊβόν τε χρυσοκόμαν. Compare printed p. 137 Treffender Pfeile sich freut, Die Mutter einst trug von dem Felsen des Meers, Entflohn der gefeierten Ståtte, Wo sie gebar am wogenden Strom, Trug zu Parnassos' Gipfel empor, Den Dionysos' Jubel umschallt; Wo der fleckige Drache mit blutroth glüh'ndem Blick,[OCR note; compare the printed page.] Der fleckige Drache, Python, dessen Tödtung durch die pythischen Spiele gefeiert ward. Compare printed p. 137 Von des schattigen Lorbeers dichtem Laub umkränzt, Jenes Ungethum, Das Orakel bewacht, Ge's furchtbarer Sohn. Ihn hast du, noch ein Kind, ein Kind, In den Armen der süßen Mutter hupfend, Gemordet, Phobos, und Zogst hin zu dem göttlichen Herd; Dort auf untrüglichem Thron, Dem goldnen Dreifuß, waltest du, Sendest heilige Gottesspruch' ans Licht Aus dem göttlichen Grund, der kastalischen Flut Nah wohnend, dort, wo der Erde Mittel.[OCR note; compare the printed page.] Delphi galt für den Mittelpunkt der Erde. Compare printed p. 137 Gegenstrophe. Doch als er Ge's hohes Kind, Themis, von Pytho, der Stadt heiliger Spruche, vertrieben;[OCR note; compare the printed page.] Ε. παῖδ' ἀπενάσσατο Πυθῶνος ἀπὸ ζαθέων. Compare printed p. 137 Da zeugte Gåa sofort Nachtliche Bilder, Gesichte des Traums, Welche dem Menschengeschlecht, Was erst, was drauf war, oder das künftige Loo8 Aus düsterem Schooße, der Erde[OCR note; compare the printed page.] L. ὕπνε κατὰ δνοφερᾶς γᾶς εὐνὰς ἐφραζον ἄνω. Compare printed p. 137 Lagern, herauf kundgaben im Schlaf; Und sie raubte dem Phobos, ihr Kind zu rächen, des Sehers Ruhm. Und hinauf zum Olympos eilte flugs der Gott, Und erhob zu dem Throne des Zeus die kleine Hand, Flehte, Pytho's Haus Zu befrein von der Gåa nächtlichem Zorn.[OCR note; compare the printed page.] L. χθονίαν ἀφελεῖν μῆνιν νύχιον. Compare printed p. 137 Zeus lachte, daß das Kind so bald Erschien und um goldene Ehren buhlte; Er neigt das Lockenhaupt,[OCR note; compare the printed page.] L. ἐπι δ' ἔσεισεν κόμαν. παῦσεν νυχίες ἐνοπάς. Compare printed p. 137 Und hemmte die Stimmen der Nacht, Nahm von den Menschen hinweg Der Nachte Traumweiſſagungen, Gab dem Lorias Ehr' und Glanz zurück, Und den Menschen Vertraun zu dem göttlichen Wort, Das tont vom Thron, den sie dicht umstehen. Ein Bote. Der Chor. (ruft vor dem Tempel) Bote. Ihr Tempelhůter, Priester ihr am Opferherd! Thoas, des Landes König, sprecht, wo ging er hin? Erschließt die festverbundnen Thore mir und ruft Aus dieses Hauses Räumen uns des Landes Herrn. Chor. Was gibt es, wenn ich's sagen soll nach deinem Wunsch?[OCR note; compare the printed page.] Ε. τί δ' ἔςιν, εἴ με χρὴ κ. λ. Compare printed p. 137 Bote. Davon, entschwunden sind die beiden Junglinge; Sie flohn aus diesem Lande nach dem schlauen Rath Der Tochter Agamemnons, und entführten uns Das hohe Bild im Busen eines Achderschiffs. Chor. Unglaublich, was du meldest! Den du sehen willst, Des Landes Herr, ist aus dem Tempel fortgeeilt. Bote. Wohin? Er muß erfahren, was geschehen ist. Chor. Wir wissen's nicht; doch eile, folg' ihm ungesäumt, Ihn aufzufinden und die That ihm kundzuthun. Bote. O seht, wie treulos dieses Volk der Weiber ist! Gewiß, auch ihr habt euer Theil an dieser Schuld. Chor. Du rasest! Was geht uns die Flucht der Fremden an? Zum Haus des Königs eile schnell und ſäume nicht! Bote. Nicht eher, als bis Einer deutlich uns erklärt, Ob innen oder draußen sei des Landes Fürst. Holla, die Schlösser öffnet, ihr da drinnen, ihr, Und sagt dem König, daß ich harr' am Thore hier, Ihm üble Neuigkeiten anzukündigen! (Thoas tritt aus dem Tempel.) Thoas. Wer hebt am Gotterheiligthum so lauten Ruf, Und schlägt die Pforten, und erschreckt, die drinnen sind? (auf den Chor deutend) Bote. Sie logen also, diese, scheuchten mich hinweg,[OCR note; compare the printed page.] Ε. ψευδῶς ἄρ᾽ αἵδε. Compare printed p. 137 Als wirst du draußen; doch du warst im Hause ja. Thoas. Welch einen Lohn denn hofften oder suchten sie? Bote. Nachher bezeichn' ich ihre Schuld; vernimm zuvor, Was eben aufkam. Jenes Weib, die Priesterin An diesem Tempel, Iphigenia, floh hinaus Zum Lande samt den Fremden mit dem heiligen Standbild der Göttin; Lüge war die Reinigung. Thoas. Wie sagst du? Welcher bose Geist berückte sie? Bote. Sie will Orestes retten: darob staunst du wohl. Thoas. Wen? Jenen, den die Tochter Tyndareus' gebar? Bote. Ja, den die Göttin ihrem Altar heiligte. Thoas. O Wunder! Wie mit gråßerm Namen nennt' ich dich? Bote. Nicht wende hierauf deinen Sinn, nein, höre mich; Und wenn du hortest und erwogst, dann sinne nach, Wie wir verfolgend wieder fahn die Fremdlinge. Thoas. Du råthst mir wohl; so rede; denn sie fliehen nicht Auf kurzem Pfade, daß sie meinem Speer entfldyn. Bote. Sobald wir hingelangten an des Meeres Strand, Woselbst Orestes' Barke still vor Anker lag, Winkt' Agamemnons Tochter uns, die, deinem Ruf Dienstbar, an Fesseln fortgeführt die Fremdlinge, Fern stehnzubleiben, weil sie nun das heilige Brandopferfeuer rüstet und die Reinigung. Sie selber trug die Fesseln beider Fremdlinge, Und schritt zum Meer nach. Dieses schien verdächtig zwar; Doch deinen Dienern, edler Herr, gefiel es so.[OCR note; compare the printed page.] Anders: Indeß gefiel es deinen Dienern wohl, o Herr. Compare printed p. 137 Bulezt, damit sie fürder nicht unthatig uns Erscheine, schrie sie, sang Beschwörungsformeln ab In fremden Lauten, als versöhne sie den Mord. Nachdem wir lang gesessen, kam es uns zu Sinn, Die Fremden könnten sich der Band' entlediget, Die Frau getödtet haben, und entsprungen sein. Doch Furcht, Verbotnes anzuschaun, bewog uns, still[OCR note; compare the printed page.] Anders: Aus Furcht, Verbotnes anzuschaun, verharrten wir Stillsizend; doch am Ende kam uns Ein Entschluß. Compare printed p. 137 Zu sizen; endlich aber kam uns Ein Entschluß, Ihr nachzugehen, ob's uns gleich verboten war. Und nun gewahrten unsre Blick' ein Griechenschiff, Mit hohen Ruderblättern schon zur Fahrt beschwingt, Und funfzig Schiffer sahn wir auf den Bänkereihn Die Ruder haltend, und von ihren Fesseln frei Am Hintertheil des Schiffes stehn die Junglinge. Mit Stangen stüzt man hier den Bug, dort hången sie[OCR note; compare the printed page.] 3u κοντοῖς δὲ πρώραν εἶχον ist aus dem of de des folgenden Sazes οἱ μὲν zu ergänzen. 〃 1305. 2. τοῖν ξένοιν. Compare printed p. 137 Den aufgewundnen Anker ein, Zugbrücken eilt Man hier zu legen, windet an des Spiegels Tau'n, Und låßt die Leitern nieder für die Fremdlinge. Wir schonten nun nicht långer, und das falsche Spiel, Den Trug erkennend, faßten wir das fremde Weib, Zugleich die Spiegeltaue; dann versuchten wir Die Rudergriffe loszudrehn am Hinterschiff. Da gingen Reden: „Was entflieht ihr über Meer, Stehlt aus dem Lande Götterbild und Priester uns? Wer, wessen Sohn du, daß du die fortführst von hier?" Der sprach: „Orestes, Agamemnons Sohn, bin ich, Ihr Bruder, daß ihr's wisset, und entführe sie, Sie, meine Schwester, die daheim ich einst verlor." Doch, dessen achtlos, hielten wir die Fremde fest; Zu dir zu folgen, wollten wir sie nöthigen, Und arge Streiche ſezt es nun auf Wang' und Kinn. Denn Schwerter hatten weder jen' in ihrer Hand, Noch wir; die Fäuste schlugen auf die Fäuste los, Und schmetternd traf der beiden Jungling' Arm zugleich Auf Ribben und auf Leber uns mit schwerem Schlag, Daß unsre Glieder brachen und ermatteten. Mit Wundenmalen grauenvoll gezeichnet, floh Zum jåhen Rand des Users, unsre Schaar, am Haupt Der eine, der am Auge blutigroth gefärbt. Dort oben stehend kämpften wir gesicherter, Und warfen Steine nieder auf die Fremdlinge. Nun drångten uns die Schůzen auf dem Hintertheil Des Schiffs mit Pfeilen, jagten uns weithin zurück. Indessen trieb ein fürchterlicher Wellenstoß Das Schiff zum Lande, wenig fehlt, so scheitert es; Da nimmt Orestes auf den Arm die Schwester, springt Hinab in's Wasser, eilt die Leiter rasch hinauf, Und sezt sie wohlbehalten auf das Ruderschiff Samt unsrer Göttin Bilde, das vom Himmel einst Gefallen. Mitten aus des Schiffes Raum erſcholl Ein Ruf:,,Des Schiffes Meister ihr vom Argosland, Ergreift die Ruder, weißt mit Schaum die Meeresflut; Wir haben Alles, wessenthalb Eureinos' Furth, Die Symplegadenfelsen wir durchsegelten!" Da brüllt' in frohem Jubel auf das Schiffervolk, Und schlug die Wogen. Innerhalb des Portes noch, Schwamm leicht die Barke; doch gelangt in offne See, Da floh sie ringend vor der Wogen Schwall zurück; Denn plozlich traf ein mächtigſausender Wind das Schiff, Und warf es rückwärts; Alle rangen angestrengt Der Wog' entgegen; aber nach dem Land zurück Trieb neuer Wogen Schwall das Schiff. Agamemnon's Kind Erhob sich jezt und flehte: „Göttin Artemis, O rette mich nach Hellas, deine Priesterin, Vom Fremdlingsufer, und vergib uns diesen Trug! Du liebst ja deinen Bruder auch, du Göttliche; So glaube mir, ich liebe meinen Bruder auch." Die Schiffer stimmten jubelnd ein mit Påanston In's Flehn der Jungfrau, bis zur Schulter bloß den Arm, Zum Rudern froh sich gürtend auf des Meisters Ruf. Doch nåher, nåher trieb das Schiff den Felsen zu; Und Einer schwang mit den Füßen flugs in's Wasser sich, Ein Andrer warf gewundnes Tauwerk über Bord. Ich wurde sogleich ausgesandt, hierher zu dir, Um dir zu sagen, was sich dort, o Herr, begab. Drum eile, nimm dir Fesseln, nimm Fangschlingen mit; Denn wird des Meeres Wogen nicht besånstiget, Dann ist für diese Fremden kein Entrinnen mehr. Des Meeres Herrscher schaut mit Huld auf Ilion, Der Gott Poseidon, feindlich grollt er Pelops' Haus; Und heute gibt er, wie's geziemt, in deine Hand Und deines Volkes Agamemnons edlen Sohn Mit seiner Schwester, die, den Mord in Aulis' Bucht Vergessend, unsre Göttin undankbar verråth. Chor. Tochter Agamemnons, Arme, samt dem Bruder mußt Du sterben, fållst du wieder in des Herrschers Hand! Thoas. Ihr Bürger all' in diesem fernen Uferland, Auf! Baumt ihr eure Rosse nicht, wollt nicht hinaus An's Meergestade sprengen, um das strandende Hellenenschiff zu fassen, und in Artemis' Obhut die gottvergessnen Räuber einzufahn? Zieht ihr die schnellen Schiffe nicht hinab in's Meer? Zur See, zu Lande wollen wir auf Rossen sie Ereilen, und vom schroffen Felsenberg hinab Sie stürzen, oder auf den Pfahl befestigen! (Zum Chor:) Euch aber, Frauen, die gewußt um diesen Trug, Euch werd' ich nachher, wenn mir Zeit und Muße wir, Bestrafen. Jezo bleiben wir nicht ruhig mehr, Bis wir das dringend ernste Werk vollendeten. (Athene erscheint.) Athene. Wohin, wohin doch sendest du die Verfolger aus, O König Thoas? Hore mein, Athene's, Wort. Verfolge nicht mehr, laß den Strom des Heeres ruhn; Geführt vom Schicksal, kam, Apollons Spruch gemäß,[OCR note; compare the printed page.] ξΰν πεπρωμένοις Ι. πεπρωμένος. Compare printed p. 137 Orestes hierher, vor der Eumeniden Zorn Entflohn, um seine Schwester heim in Argos' Reich Zu bringen und das heil'ge Bild in mein Gebiet, Damit er frisch aufathme, frei von aller Noth. So lautet unser Wort an dich. Den aber du Im Meeressturm ereilen, den du morden willst, Ihn trågt Poseidon, mir zu Gunst, im sichern Schiff Jezt eben hin auf wogenloser Meeresbahn. Auch du, Orestes, achte wohl auf mein Gebot: (Du horst die Göttin, ob du gleich nicht nahe bist;) Zieh' hin mit deiner Schwester und dem Götterbild! Und wenn du kamst zur gotterbauten Stadt Athen, Dann ist an Atthis' fernstem Saum ein heil'ger Ort, Dem Strand benachbart, wo Karystos' Hügel sind;[OCR note; compare the printed page.] Karystos, eine Hafenstadt auf der Insel Euböa, der attischen Küste gegenüber. Compare printed p. 137 Von meinem Volke wird der Ort Halå genannt. Dort baue dir den Tempel, dort stell' auf das Bild; Vom Laurerlande nenn' es dann und deinem Leid, Das du von Eumenidenwuth erduldetest, Durch Hellas irrend. Kunstig heißt Tauropolos Die Lochter Leto's im Gesang der Sterblichen. Und dies Gesez verordne: wenn das Volk ein Fest Für deine Lösung feiert, beuge sich dem Stahl Der Nacken eines Mannes, strome Blut hervor, Damit der Göttin heiliger Brauch in Ehren sei.[OCR note; compare the printed page.] ὁσίας iſst Substantiv, und θεᾶς davon abhängig. Compare printed p. 137 Du, Tochter Agamemnons, wirst auf heiligen Berghohn von Brauron Priesterin der Artemis;[OCR note; compare the printed page.] Von Brauron, einem attischen Stamm mit seinem Gebiete, worin Halä lag. Compare printed p. 138 Einst wirst du dort bestattet und in Schmuck gehüllt Von schongewobnen Schleiern, den Gebårende Daheim zurückgelassen, die den Todeskampf Ausrangen. Aber diese Fraun von Hellas hier Gebiet' ich heimzuführen aus dem Taurerland Ob ihres guten Willens, ich, die früher auch Durch gleiche Stimmen auf des Ares Hugel dich Befreit', Orestes; und es gelte dies Gesez:[OCR note; compare the printed page.] L. καὶ νόμισμ' ἔςαι (oder έσω) τόδε. Man könnte auch lesen εἶναι τόδε, wo denn der Infinitiv von ἐξεφίεμαι abhängig ist. Compare printed p. 138 Daß Sieger sei, wer gleiche Stimmenzahl erhielt. So führe denn die Schwester aus dem Land, o Sohn Agamemnons, und du, König Thoas, zurne nicht. Thoas. Athene, Herrin, wer der Götter Ruf vernimmt, Und ihm Gehorsam weigert, hegt unweisen Sinn. Ich zurne nicht Oresten, weil er Artemis' Bildsäul' entführt, nicht seiner Schwester; wie vermag Mit Götterallmacht ehrenvoll der Kampf zu sein? Sie mögen samt dem Heiligthume ziehn in dein Gebiet, und glucklich stellen sie das Bildniß auf! Auch diese Frauen send' ich zum gesegneten Hellenenlande, wie mir dein Gebot befiehlt; Und meinen Speer auch senk' ich vor den Fremdlingen Und meine Ruder, Göttin, weil du's also willst. Athene. Ganz wohl! Das Schicksal waltet über dir und uns. Weht, Lüfte, führet Agamemnons Sohn dahin Im Schiff nach Atthis! Wir geleiten seine Fahrt, Und schůzen unsrer Schwester hochverehrtes Bild. Chor. Nun ziehet dahin auf gluckliche Fahrt, Stets froh des geretteten Lebens! Doch, Heilige du, von den Göttern verehrt, Und von Menschen verehrt, Pallas Athene! Wir thun, wie's uns dein Wille gebeut. Ein erfreuliches Wort, unerwartet, ist uns Dein Ruf zu den Ohren erklungen. Ehrwürdige Nike, nimm allzeit[OCR note; compare the printed page.] Diese Worte sprach der Chor, während die Zuschauer sich entfernten. Sie finden sich auch am Schlusse des Orestes und der Phönissen. Compare printed p. 138 Mein Leben in Hut, Und laß nicht ab, es zu kränzen!