Antigone — Donner (1875), OCR review edition Sophocles Johann Jakob Christian Donner OCR cleanup, verse reconstruction, source collation and reference-card alignment; further proofreading required Editorial processing with Codex

Perseus Multitext, 2026. Review edition.

Sophokles. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift von J. J. C. Donner. Achte Auflage. Leipzig und Heidelberg: C. F. Winter, 1875.Independent 1875 scan 1875 eighth edition, Cornell OCR; copy text. 1889 eleventh edition, University of California OCR; corroborating later witness, not assumed identical. 1850 third newly revised edition, Illinois OCR in two volumes; earlier edition, kept separately.

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Volume 1, printed page 256; PDF page 267. Original PDF Volume 1, printed page 257; PDF page 268. Original PDF Volume 1, printed page 258; PDF page 269. Original PDF Volume 1, printed page 259; PDF page 270. Original PDF Volume 1, printed page 260; PDF page 271. Original PDF Volume 1, printed page 261; PDF page 272. Original PDF Volume 1, printed page 262; PDF page 273. Original PDF
Frühe Morgendämmerung. Freier Plaz vor dem Königspalaste zu Thebe. Antigone. Ismene. Antigone. Ismene, traute Schwester, vielgeliebtes Haupt,OCR review edition. D. numbers are Donner’s own citations; u suffixes mark unresolved verse division. Correspondence is to containing Storr passages. Source comparisons, repairs, numbering review and unattributed notes Weißt du von einem Leide, das vom Vater her Zeus nicht an uns vollendet, die wir leben noch? Denn keinen Jammer gibt es, nichts Entsezliches, Nichts Arges, nichts Schmachvolles, das ich nicht bereits In deiner Noth gesehen und in meiner Noth. Und welche Botschaft, heißt es, ließ jezt eben erst Der Herrscher wieder allem Volk verkündigen? Weißt du's, vernahmst du's, oder blieb dir unbekannt, Daß unsern Lieben Böses naht von Feindesmacht? Ismene. Zu mir gelangte keine Kund', Antigone, Von unsern Lieben, frohe nicht noch traurige, Seitdem das Paar der Brüder uns entrissen ward, Die Eines Tages fielen durch zwiefachen Mord. Und seit in dieser jüngsten Nacht sich Argos' Heer Zur Flucht gewendet, wurde mir nichts weiter kund, Nicht, ob mir mehr des Glückes, ob des Leides ward. Antigone. Wohl wußt' ich das, und führte deßhalb dich heraus Zum Thor des Hofes, dir allein es kundzuthun. Ismene. Was hast du? Sichtbar wogt in dir ein schweres Wort. Antigone. Hat Kreon nicht dem Einen Bruder nur gegönnt Des Grabes Ehre, jenem sie schmachvoll versagt? Den Eteokles hat er, wie man sagt, gerecht Gerechter Ordnung huldigend, in der Erde Schooß Geborgen, daß ihm Ehre sei im Todtenreich;[OCR transcription; compare the scan.] Die Alten glaubten, daß die Unbegrabenen oder diejenigen, die nicht mit den üblichen Feierlichkeiten bestattet worden waren, von den übrigen Bewohnern des Todtenreiches verachtet würden. Printed p. 263 Doch Polyneikes' jammervoll entseelten Leib Verbot er, heißt es, allem Volk durch lauten Ruf Im Grab zu bergen und um ihn zu klagen; nein, Daliegen soll er unbeweint, grablos, ein Mahl Den Vögeln, die zum süßen Raube niederschau'n. Und solches, sagt man, ließ der edle Kreon dir Und mir, ich sage mir sogar, verkündigen; Er komme selbst, es deutlich Allen kundzuthun, Die nicht davon vernommen, und er achte nicht Für Nichts die Sache; sondern wer deß Eines thut, Den trifft an offner Stätte Tod durch Steinigung. So ward's von ihm beschlossen, und du zeigst sofort, Ob edel, ob unedel du von Edlen stammst. Ismene. Was kann ich, wenn dies also steht, Unselige,[OCR transcription; compare the scan.] lösend oder bindend", eine sprichwörtliche Redeweise, wodurch die völlige Rathlosigkeit der Ismene bezeichnet wird. Der Sinu ist: was vermag ich hier zu thun oder zu lassen? Printed p. 263 Hier, lösend oder bindend, uns zum Frommen thun? Antigone. Sieh, ob du helfen, ob die Mühe theilen wirst Ismene. Bei welchem Unterfangen? Wo geräthst du hin? Antigone. Ob du den Todten, mir gesellt, aufnehmen willst! Ismene. Ihn denn bestatten willst du, dem Verbot zum Troz? Antigone. Ja, meinen Bruder und den deinen, wenn auch du Nicht willst; denn niemals soll man mich Verrathes zeih'n![OCR transcription; compare the scan.] Mit diesen Worten beruft sich Antigone auf das Urtheil des Todten, an dem sie nicht als treulos, als Verrätherin erfunden sein wolle. Printed p. 263 Ismene. Tollkühne, während Kreon's Wort es dir verwehrt? Antigone. Fern halten darf mich dieser nie von meiner Pflicht. Ismene. Weh mir! Bedenk', o Schwester, wie der Vater uns, Mit Haß und Hohn belastet, ruhmlos unterging, Nachdem er selbst um Gräuel, die er selbst enthüllt, Der Augen Sterne sich zerriß mit eigner Hand; Wie dann die Mutter, Mutter ihm und Weib zugleich, Schmachvoll mit frevlem Strange sich das Leben nahm; Zum dritten, wie die Brüder beid' an Einem Tag Im Wechselmord sich ein gemeinsam Todesloos, Die Armen, schufen, Einer durch des Andern Hand! Wir sind allein jezt übrig; du bedenke denn, Wie schmählich wir verdürben, wenn wir wider Necht Der Herrscher Ausspruch und Gewalt mißachteten. Wohl mußt du doch erwägen, daß wir Frauen sind, Und nicht geschaffen, Männern kühn im Kampf zu steh'n, Dann aber, daß wir, weil beherrscht von Stärkeren, Hier folgen müssen und sogar in Härterem. Drum will ich jene, die der Erde Schooß verbirgt,[OCR transcription; compare the scan.] Jene, die der Erde Schooß verbirgt", sind die Götter der Unterwelt und die Todten, denen Antigone länger gefallen muß, als den Lebenden, wie sie V. 75 erklärt. Printed p. 263 Anfleh'n um Nachsicht, weil Gewalt mich bindet hier, Und ihm gehorchen, dem die Macht geworden ist; Denn Unverstand ist's, über seine Kraft zu thun. Nicht mehr verlang' ich's, möchte dich zur Helferin Nicht mehr, erklärtest du dich auch bereit dazu. Nein, wähle deinem Sinne nach: ihn werd' ich selbst Bestatten; ruhmvoll ist der Tod für diese That. Bei ihm, dem Lieben, werd' ich ruh'n, die Liebende, Die frommen Frevel übte; muß ich länger doch Den Todten dort gefallen, als den Lebenden. Denn dort ja ruh' ich ewig; du, wenn dir's gefällt, Entehre, was in Ehre selbst bei Göttern steht. Ich acht' es auch der Ehre werth; indeß der Stadt Zum Troz zu handeln, fühl ich mich nicht stark genug. Antigone. So wende du das vor; doch ich geh' unverweilt, Und schütt' ein Grab dem heißgeliebten Bruder auf. Ismene. Tollkühne, weh mir! Ha, wie fürcht' ich deinethalb! Antigone. Sei nicht um mich bang; sich're du nur dein Geschick! Ismene. Doch offenbare ja zuvor Niemand die That; Im Dunkel birg' sie; gerne schweig' auch ich davon. Antigone. Ha, laut verkünd' es! Viel verhaßter wirst du mir Durch Schweigen, offenbarst du's nicht vor aller Welt. Ismene. Dir wallt der Busen glühend, wo mich Schauder faßt. Antigone. Doch weiß ich hold mir, deren Huld mein Höchstes iſt. Ismene. Wenn du's vermöchtest; doch du willst Unmögliches. Nun freilich, wenn ich's nicht vermag, so lass' ich ab. Auch nicht von Anfang jage nach Unmöglichem. Antigone. Durch solche Reden wirst du billig mir verhaßt, Und billig hassen wird dich auch der Todte dort. Nein, laß du mich und meines Sinnes Unverstand Dies Grauenvolle dulden. Was ich Schweres auch[OCR transcription; compare the scan.] Dies Grauenvolle", wie es nämlich der Ismene erscheint. Printed p. 263 Erleiden möge, bleibt mir doch ein schöner Tod. Ismene. Nun, wenn dir's gut dünkt, ziehe hin: ächt schwesterlich Als Schwester fühlend gehst du, wenn als Thörin auch. (Sie gehen nach verschiedenen Seiten ab. Der Chor tritt auf.) Erste Strophe. Der Chor. Strahl des Helios, schönstes Licht,Donner’s metrical appendix: all 7 page facsimiles Das der siebenthorigen Stadt Thebe's nimmer zuvor erschien! Du strahlst endlich, des gold'nen Tags Aufblick, herrlich herauf, Ueber Dirke's Fluten herüberwandelnd;[OCR transcription; compare the scan.] Ueber die Fluten der Dirka, einer Quelle bei Thebä, herüberwandelnd hat der Sonnengott die Evene erleuchtet, wo das Argeierheer geschlagen war. Denn der Mann, der mit leuchtendem Schild in voller Wehr von Argos kam", ist das Heer der Argeier mit seinem Führer Adrastos, deren weiße Schilde V. 114 als „Schwingen weißglänzenden Schnee's" bezeichnet werden, von welchen gedeckt sie gleich Raubvögeln heranstürmen. Printed p. 263 Und Ihn, der mit leuchtendem Schild Kam von Argos in voller Wehr, Triebest du flüchtig in eilendem Lauf Fort mit hastigem Zügel: Ihn, den Polyneikes' feindlicher Zwist Zu dem Kampfe geführt auf unsere Gau'n, Der kühn, wie der Aar, Hellkreischend herab flog über das Land, Von der Schwinge gedeckt weißglänzenden Schnee's, Mit der Rüstungen viel Und mähnenumflatterten Helmen. Erste Gegenstrophe. Ueber den Dächern stehend, umgähnt' Er den siebenthorigen Mund Mit blutlechzenden Speeren rings, Und floh, eh' in unserem Blut Sich sein gieriger Schlund Schwelgend füllt und ehe den Kranz der Thürme Flammenglut des Hephästos fraß. Also braust' im Rücken umher Donner des Kriegs; schwer wurde der Kampf Dem anstürmenden Drachen.[OCR transcription; compare the scan.] Der Drache, das Zeichen der Theber, steht für die Theber selbst, die aus den von Kadmos gesäten Drachenzähnen entsprossen waren. S. die Anmerkung zu Dedipus auf Kolonos Printed p. 263 Denn schwer haßt Zeus der vermessenen Zung' Hochfahrenden Stolz; und als er ihr Heer, Den heranwogenden Strom, schimmernd in Gold, Im Geräusch unbändigen Trozes ersah, Da traf er den Mann mit geschwungenem Strahl,[OCR transcription; compare the scan.] Der Mann, an welchem Zeus den frevelnden Uebermuth der Angreifer straft, ist Kapaneus, der, als er schon die Mauer erstiegen hatte, vom Blize getroffen ward, daß er verbrannt hinabstürzte. Der Dichter nennt ihn (V. 135), bewehrt mit der Fackel" (feuertragend), indem er ihn nach seinem Schilde bezeichnet. Aeschylos sagt von ihm in den Sieben vor Thebä V. 411: Ein nackter Feuerträger prangt auf seinem Schild, In dessen Hand die helle Fackel flammt; er ruft In goldner Inschrift:,, Brennen muß durch mich die Stadt! “ Printed p. 263 Printed p. 264 Der schon an die Höh'n, Siegsruf anstimmend, empordrang. Zweite Strophe. Niedergeschmettert zur dröhnenden Erde stürzt' er, Welcher, bewehrt mit der Fackel, in trunk nem Wahnsinn, In wuthathmendem Drang, Wild herschnob mit feindlichem Sturm. Doch es ging anders aus; Andern beschied anderes Loos Ares, der Held, der die Bedrängten Stürmend davontrieb. Denn Sieben, um sieben Thore gestellt, Mann wider den Mann, sie ließen dem Zeus, Dem Verleiher des Siegs, die gediegene Wehr.[OCR transcription; compare the scan.] Die Wehr der erschlagenen Feinde ward in den Häusern aufgehängt, oder in den Tempeln dem Zeus und anderen Göttern als Weihgeschenk dargebracht. Printed p. 264 Nur das schreckliche Paar, von dem Einen gezeugt Mit demselben Gemahl, die wider sich selbst Mit siegendem Speer einstürmten, umfing Des gemeinsamen Todes Verhängniß. Zweite Gegenstrophe. Aber die namenverleihende Nike kam ja,[OCR transcription; compare the scan.] Nike, die Siegesgöttin, die Namen und Ruhm verleiht. Printed p. 264 Gnädig vergeltend der wagenumrauschten Thebe; Darum werde des Kriegs Heute nimmer gedacht von euch;[OCR transcription; compare the scan.] Ε. τὰ νῦν. Printed p. 264 Laßt in Nachtreigen uns Tanzend umher zieh'n zu der Stadt Tempeln, voran hebe sich Bacchos, Theben erschütternd![OCR transcription; compare the scan.] Ueber den thebischen Bacchios oder Bacchos f. zu König Oedipus V. 212. Printed p. 264 Doch hier naht Kreon, Menökeus' Sohn, Zum König der Stadt auf's Neue bestellt Nach dem neuen Geschick, das Götter verhängt: Was sinnt er im Geist, was bewegt ihm die Brust, Daß er diesen Verein von Greisen hieher Zur Berathung entbot, Durch Heroldruse sie einlud? Kreon mit Gefolge. Der Chor. Kreon. Ihr Männer, fest hob Götterhuld uns wiederum Aus vieler Stürme wildem Drang die Stadt empor: Doch euch beschied ich jezt allein aus Allen her Durch meine Boten; denn ich weiß, daß allezeit Ihr heilig ehrtet Thron und Macht des Laïos, Und wieder, als uns Dedipus die Stadt erhob, Und als er hingeschieden, auch den Söhnen noch In wandellosem Sinne treu ergeben bliebt. Nun diese Beiden durch ein zwiefach Todesloos An Einem Tag gefallen, sich erschlagend und Erschlagen durch der eignen Hände Gräuelthat: So wurden mein die Throne, mein ward alle Macht Der Todten nach dem Rechte stammverwandten Bluts. Wohl ist's unmöglich, auszuspäh'n an jedem Mann Verstand, Gemüth und Sinnesart, bevor er sich Mit Aemtern und Gesezen wohlvertraut bewies. Denn mir erscheint, wer einen ganzen Staat beherrscht, Und nicht am besten Rathe sich zu halten weiß, Ja, feig und furchtsam seinen Mund verschlossen hält, Verworfen scheint er heute mir und schien es längst. Und wer des eignen Landes Wohl nicht höher stellt, Als seine Freunde, diesen acht' ich völlig Nichts. Denn ich vernehm' es Zeus, der stets allsehende! Ich schwiege niemals, säh' ich auf die Bürger je Heran das Unglück schreiten an des Glückes Statt, Noch werd' ich jemals einen Feind des Landes mir Zum Freunde wählen, weil ich wohl erkenne, daß Nur dieses uns behütet, daß uns Freunde treu Zur Seite stehen, schiffen wir an seinem Bord. Durch solche Sazung heb' ich diese Stadt empor; Und dem entsprechend ließ ich jezt von Dedipus' Zwei Söhnen allem Volke-laut verkündigen: Eteokles, welcher kämpfend fiel für diese Stadt, Und jeden Preis des Heldenmuthes sich errang, Er soll ein Grab und alle Grabesweih'n empfah'n, So wie's den Besten folgt hinab zur Todtenwelt;[OCR transcription; compare the scan.] Denn die Grabesspenden dringen zu den Todten unter die Erde hinab. Printed p. 264 Doch seinem Bruder - Polyneikes mein' ich, der Das Land der Ahnen und die Götter dieser Flur, Heimkehrend aus dem Banne, durch des Feuers Glut Austilgen wollte, wollte sich in Bürgerblut Satt schwelgen, euch zu Knechten frech entwürdigen, Ihm dürfe, so ward eurer Stadt es kundgethan, Niemand ein Grabmal schmücken, noch ihm Klage weih'n; Nein, unbestattet lieg' er, zur Verstümmelung, Zum Fraß für Hund' und Vögel, graunvoll anzuseh'n. So lautet denn mein Wille: niemals werden wir Dem Schlechten Ehre geben vor dem Redlichen; Doch wer da wohlwill dieser Stadt, der wird im Tod Und Leben gleicherweise stets von mir geehrt. Der Chor. Dir, Sohn Menökeus', Kreon, ist es so genehm Mit dieses Landes Gegner und mit seinem Freund. Denn jede Sazung anzuordnen steht dir frei, So für die Todten, wie für uns, die Lebenden. Kreon. Seid ihr die Hüter dessen nun, was ich gebot! Der Chor. Der Jüngern Einem lege dies zu tragen auf. Kreon. Die, so den Leichnam hüten, steh'n ja schon bereit. Der Chor. Warum denn einem Andern noch gebeutst du dies? Kreon. Daß Keinem Nachsicht werde, der dawider thut. Der Chor. Wer ist so thöricht, daß er sich zu sterben sehnt? Kreon. Und dieses wäre, traun, der Lohn; doch Vielen ja Hat schon die Hoffnung auf Gewinn den Tod gebracht. Ein Wächter. Die Voriger. Der Wächter. Herr, ich will nicht sagen, daß ich athemlos Vor Eile komme mit behend erhob'nem Fuß; Denn viel Bedenken schus mir manchen Aufenthalt, Und oft zur Rückkehr wandt' ich unterwegs mich um. Denn meine Seele sprach zu mir und warnte viel: „Was willst du dorthin, Armer, wo dir Strafe droht? Elender, säumst du? Doch erfährt es Kreon dann Von einem Andern, würde dir's nicht schlimm ergeh'n?" In solchem Grübeln ging ich langsam schnell voran, Und also streckt sich lange hin der kurze Weg. Doch siegt' am Ende der Entschluß, hieher zu geh'n, Zu dir; und sag' ich dir auch Nichts, ich sag' es doch. Denn an die Hoffnung klammr' ich unverrückt mich an, Nichts könne sonst mich treffen, als bestimmtes Loos. Kreon. Was ist's, warum befiel dich solche Bangigkeit? Der Wächter. Erst laß dir sagen, was mich selbst betrifft: die That Verübt' ich nicht, noch sah ich, wer der Thäter war; Und nur mit Unrecht widerführe mir ein Leid. Kreon. Du zielst behutsam und verschanzest dich geschickt Ringsher; du bringst uns, seh' ich wohl, ein schweres Wort. Der Wächter. Das Arge freilich regt die Furcht gewaltig auf. Kreon. Nun, wirst du reden endlich und dann weiter geh'n? Der Wächter. Wohlan, so sag' ich's: Einer, der sofort verschwand, Begrub den Todten eben, hat mit trocknem Staub Bestreut den Leichnam, und geweiht, was üblich ist. Kreon. Was sagst du? Wer auf Erden hat sich deß erkühnt? Der Wächter. Ich weiß es nicht; denn weder eines Beiles Hieb War dort, noch einer Hacke Wurf, der Boden dicht Und fest und bruchlos, auch mit Wagenrädern nicht Befahren; spurlos blieb es, wer der Thäter war. Und wie es uns der erste Tageswächter zeigt,[OCR transcription; compare the scan.] Der erste Tageswächter, weil Antigone mit anbrechendem Tage die That vollbracht hatte. Printed p. 264 Erschien es Allen unerklärlich wunderbar. Die Leiche war verschwunden, nicht begraben zwar; Dünn, wie den Fluch zu meiden, lag der Staub darauf.[OCR transcription; compare the scan.] Wer einen unbegrabenen Leichnam liegen sah, und ihn nicht mit Erde bedeckte, lud einen Fluch auf sich, den kein Sühnopfer zu lösen vermochte. Der Scholiast. Printed p. 264 Von einem Raubthier oder Hund war keine Spur, Die hergekommen und an ihr herumgezerrt. Nun schollen böse Reden auf einander los, Der Wächter zich den Wächter; wohl auch endet' es Zulezt mit Schlägen; Keiner war zu wehren da. Denn Einer wie der Andre war der Thäter hier, Und Keiner überführbar; Jeder stritt es ab. Mit Händen fassen wollten wir ein glühend Erz,[OCR transcription; compare the scan.] Die älteste Angabe von Ordalien ist bei Hesiod, wo bei den Göttern selbst eine Wasserprobe gemacht wird. Eine andere berichtet Macrobius als in Sicilien gebräuchlich, und, wie es scheint, von Aeschylus angeführt, wo der, welcher einen falschen Reinigungseid geschworen hatte, von einem grundlosen See verschlungen wurde. Die Feuerprobe hat in unserer Stelle ihr ältestes Zeugniß. Das Eisentragen wird in der ersten Erklärung des Scholions übel auf den Gebrauch gedeutet, den einst die Phokäer anwandten, um einen Eid unauflöslich zu machen: sie warfen nämlich eine Eisenmasse in's Meer, und ihr Eid sollte so lange gültig sein, bis das Eisen hervorkäme. Dann aber erklärt es der Scholiast richtig vom Tragen in der Hand, als der einen von den beiden Arten. Die zweite, das Gehen durch's Feuer, ist bekannt genug, wie auch, daß man allezeit Verwahrungsmittel gekannt hat. Dies Geheimniß besaßen zur Zeit des Virgilius (Aen. 11, 787) wenige Familien in der Nähe von Rom, welche jährlich, bei einem nach altem Brauch dem Apollo gebrachten Opfer, unversehrt über einen brennenden Holzhausen gingen. Thudichum. " Printed p. 264 Printed p. 265 Durch Feuer gehen, schwören bei den Göttern selbst, Daß wir es nicht verübten noch im Bunde sei'n Mit Einem, der's ersonnen oder ausgeführt. Am Ende, da kein Forschen mehr uns weiter half, Sprach Einer, der uns alle zwang, vor Furcht das Haupt Zur Erd' hinabzusenken denn wir wußten nicht Zu widersprechen, noch wiefern wir, thäten wir's, Uns helfen könnten dieser rieth, man müsse dir Die Sache hinterbringen, nicht verheimlichen. Und seine Meinung siegte: mich Unseligen Verdammt zu diesem schönen Glück des Looses Wurf. Nun steh' ich hier, nicht willig vor Unwilligen: Niemand ja liebt den Boten unwillkommner Mähr. Der Chor. Schon lang, o König, überlegt mein Inneres, Ob eine Gottheit diese That nicht angeregt. Kreon. Schweig', eh mich deine Rede gar mit Zorn erfüllt, Daß du, der Alte, nicht zugleich als Thor erscheinst. Denn unerträglich ist es, daß du sagen magst, Die Götter trügen Sorge für den Todten dort. Sie hätten, wie zu schöner That Verherrlichung, Den Mann begraben, der mit Brand zu tilgen kam Die säulumringten Tempel und der Gaben Schmuck, Und ihre Fluren, ihr Gesez zu stürzen sann? Wann sahst du Frevler je geehrt durch Götterhuld? Nie wahrlich, nie! Doch lange murrten schon darum, Ungern gehorsam, wider mich die Bürger hier, Geheim die Häupter schüttelnd; ja, sie hielten nicht Pflichttreu den Nacken unter'm Joch, wie's mir genügt. Von ihnen wurden jene, sicher weiß ich das, Durch Lohn verleitet und verübten diese That. Denn wahrlich, nichts von Allem, was bei Menschen gilt, Ist, wie das Geld, verderblich: dies mag Städte selbst Zerstören, dies treibt Männer aus von Hof und Herd; Dies unterweiset und verkehrt den edlen Sinn Rechtschaff'ner Männer, nachzugeh'n ruchloser That, Zeigt an die Wege böser List den Sterblichen, Und bildet sie zu jedem gottverhaßten Werk. Doch die für Lohn gedungen diese That vollbracht, Erwirkten sich's nun endlich, daß sie Strafe trifft. Ia, wenn noch irgend Ehre Zeus von mir empfängt, So sei versichert, und mein Schwur betheur' es dir: Wofern ihr nicht den Frevler, der den Todten dort Bestattet, aufspürt und mir hier vor Augen stellt, Genügt es nicht an eurem Tode nur, ihr sollt Am Kreuze hängen, bis ihr offenbart die Schmach, Auf daß ihr, wissend, wo Gewinn zu suchen sei, Ihn künftig dort erhaschet und begreifen lernt, Daß nicht in Allem nach Gewinn zu spähen frommt. Denn mit dem Preis des Schlechten wirst du Mehrere Unglücklich enden, als das Glück gewinnen seh'n. Der Wächter. Herr, darf ich reden? Oder geh' ich so von dir? Kreon. Gewahrst du noch nicht, wie verhaßt dein Wort mir ist? Der Wächter. Verlezt es dir die Ohren oder dein Gemüth? Kreon. Wie? Nach dem Size meiner Unlust spähst du gar? Der Wächter. Der Thäter kränkte dir das Herz, und ich das Ohr. Kreon. Was doch ein ganz durchtrieb'ner arger Schalk du bist! Der Wächter. Doch nimmermehr bin ich es, der die That gethan. Kreon. Du bist's, verkauftest deine Seel' um goldnen Lohn. Weh! Der Wächter. Schlimm wahrlich, wenn man, wähnend, auch noch Falsches wähnt! Kreon. Ia, wizle mit dem Wahne nur; doch stellt ihr nicht Die Thäter mir vor Augen, dann bekennt ihr noch, Daß feige Habsucht überall Unsegen bringt. (ab in den Palast.) Der Wächter. Ia, fände man den Thäter! Aber ob man ihn, Ob nicht ihn fahe denn das Glück entscheidet dies Mich sollst du niemals wieder hier erscheinen seh'n! Denn über all mein Hoffen, all mein Denken jezt Gerettet, schuld' ich vielen Dank den Himmlischen. (ab.) Erste Strophe. Der Chor. Vieles Gewalt'ge lebt, und Nichts Ist gewaltiger als der Mensch. Denn selbst über die dunkele Meerflut zieht er, vom Süd umstürmt, Hinwandelnd zwischen den Wogen Die rings umtoste Bahn. Er müdet ab der Götter höchste,[OCR transcription; compare the scan.] Gäa, die Erde, heißt der Götter höchste" einmal als die älteste Göttin, die Götter und Menschen gezeugt hat, dann aber und vornehmlich als die Mutter und Nährerin aller Geschöpfe, die der Mensch gleichwohl Jahr um Jahr mit dem Pfluge zu durchschneiden nicht müde wird. Printed p. 265 Gäa, die ewige, nie zu ermattende, Während die Pflüge sich wenden von Jahr zu Jahr, Wühlt sie durch der Rosse Kraft um. Erste Gegenstrophe. Flüchtiger Vögel leichte Schaar Und wildschwärmendes Volk im Wald, Auch die wimmelnde Brut der See Fängt er listig umstellend ein Mit nezgeflochtenen Garnen, Der vielbegabte Mensch. Er zwingt mit schlauer Kunst des Landes Bergdurchwandelndes Wild, und den mähnigen Nacken umschirrt er dem Roß mit dem Joche rings, Wie dem freien Stier der Berghöh'n. Zweite Strophe. Und das Wort und den luftigen Flug Des Gedankens erfand er, ersann Staatordnende Sazungen, weiß dem ungastlichen Froste des Reifes und Zeus' Regenpfeilen zu entflieh'n; Ueberall weiß er Rath; Rathlos trifft ihn nichts Zukünftiges; vor dem Tode nur Späht er kein Entrinnen aus; Doch für der Seuchen schwerste Noth Fand er Heilung. Zweite Gegenstrophe. In Erfindungen listiger Kunst Weit über Verhoffen gewandt, Neigt bald er zu Bösem, zu Gutem bald, achtet hoch Der Heimat Gesez, Der Götter schwurheilig Recht, Segen der Stadt! Aber zum Fluch Lebt ihr, wer, gesellt Dem Laster, frechem Troze fröhnt. Nimmermehr an meinen Herd Gelange, noch in meinen Rath, Solch ein Frevler! (der Wächter bringt die Antigone.) Was seh' ich? Erscheint, von den Göttern gesandt, Dies Wunder? Ich weiß, wie läugnet' ich's noch, Daß die Jungfrau dort Antigone sei? Unglückliches Kind Von dem Unglücksvater, dem Dedipus, ach! Was ahnt mir? Wie? Dich führen sie her, Weil kühn du verlezt die Gebote des Herrn, Und ergriffen dich über der Thorheit? Der Wächter. Antigone. Der Chor. Bald darauf Kreon. Der Wächter. Hier ist des Frevels Thäterin: sie griffen wir Das Grab bestellend. Aber sagt, wo Kreon ist. Der Chor. Hier tritt er wieder aus dem Haus zu rechter Zeit. Kreon. Was gibt es? Wozu kam ich euch gelegen her? Der Wächter. Herr, verschwören sollte nichts ein Sterblicher; Denn spät'res Wissen straft den Vorsaz Lügen. So Gelobt' ich, niemals wiederum hieher zu geh'n, Ob deiner Drohung, wie sie mich vorhin bestürmt. Doch denn die Freude, welche nicht gehofft erscheint, Vergleicht ja keiner andern Lust an Größe sich Ich komme troz dem Eide, den ich schwur, zurück, Und diese Jungfrau bring' ich, die getroffen ward Das Grab bestellend. Diesesmal ward nicht geloost; Nein, mir gehört, und keinem Andern, dieser Fund. Und jezt, o König, nimm sie selbst, wie dir's gefällt, Forsch' aus und überführe sie; ich, frei von Schuld, Muß billig auch von aller Strafe ledig sein. Kreon. Wie bringst du diese mir daher, wo griffst du sie? Der Wächter. Sie hat den Mann bestattet: Alles weißt du nun. Kreon. Begreifst du's auch und sagst du richtig, was du sagst? Der Wächter. Sie sah ich den bestatten, welchem du, o Herr, Das Grab verweigert. Red' ich klar und deutlich hier? Kreon. Wie sah man und entdeckte, wie ergriff man sie? Der Wächter. Dies war der Hergang. Als ich hingekommen war, Von deinen harten Reden hier so schwer bedroht, Und wir vom Leichnam allen Staub hinweggekehrt, Bis ganz in seiner Blöße lag der modernde: Da sezten wir am Hügel uns, dem Winde fern, Daß uns der Dunst nicht treffe, der vom Todten kam, Und wachsam regte Mann den Mann mit drohenden Scheltworten auf, wenn Einer lässig war im Dienst. Das währte fort so lange, bis im Mittelraum Des Aethers hoch die lichte Sonnenscheibe stand Und glühend brannte: plözlich hebt sich da vom Grund Sturmwirbelwind mit Sausen, ungeheures Grau'n, Und füllt das Blachfeld, und zerstiebt weitum das Laub Vom Wald der Ebne; Staubgewölk erfüllt die Luft; Wir trugen blinzend diese gottverhängte Noth. Doch als die Windsbraut endlich schwieg nach langer Zeit, Erscheint die Jungfrau: bitter scholl ihr Jammerruf, Wie banger Laut des Vogels, wann er, heimgekehrt, Die leere Lagerstätte sieht der Brut beraubt. So klagt die Jungfrau, da sie nackt den Todten sieht, In lautem Wehruf, und verflucht mit gräßlicher Verwünschung jene, welche dieses Werk verübt. Schnell auf den Händen trägt sie trocknen Staub herbei, Und krönt mit dreifach heil'gem Guß aus ehernem,[OCR transcription; compare the scan.] Drei Güsse aus Wein, Honig und Milch waren bei Spenden gewöhnlich. Odyss. 11, 24 sagt Odysseus: Aber ich selbst zog schnell mein schneidendes Schwert von der Hüfte, Höhlte die Grube mir aus von der Läng' und der Breite des Armes, Spendete neben ihr dann für die sämmtlichen Todten ein Opfer, Erst von Honig und Milch, hierauf von gewürzigem Weine, Wasser sodann. Printed p. 265 Kunstreich getrieb'nem Kruge dann den todten Leib. Und wir, gewahrend Alles, eilten flugs heran, Alsbald der nicht Erschrocknen uns bemächtigend, Und klagten jener ersten, wie der lezten That, Sie an, und nichts abläugnend, stand sie ruhig da; Das ist für mich erfreulich und schmerzhaft zugleich. Denn selber glücklich aus der Noth entronnen sein, Ist höchst erfreulich; doch in Noth die Freunde zieh'n, Das schmerzt. Indeß dies Alles acht' ich weniger, As meine Wohlfahrt, also liegt's in meiner Art. Kreon. Dich frag' ich denn, dich, die zur Erde senkt das Haupt: Bekennst du, oder läugnest du die Missethat? Antigone. Ich that es, ich bekenn' es und verläugn' es nicht. (zu dem Wächter) Kreon. Du wende dich von hinnen nun, wohin du willst, Erlöst und ledig aller Schuld der schweren That. (zu Antigone) Du sage kurz und bündig ohn' Umschweise mir: War dir der Ausruf unbekannt, der dies verbot? Antigone. Bekannt: warum nicht? Offenkundig war er ja. Kreon. Und wagtest dennoch wider mein Gebot zu thun? Antigone. Nicht Zeus ja war es, welcher mir's verkünden ließ, Noch hat das Recht, das bei den Todesgöttern wohnt,[OCR transcription; compare the scan.] Das Recht, Dike, wohnt bei den Todesgöttern, inwiefern Dike mit Zeus über die Pflichten gegen die Todten zu bestimmen hat und die Rechte derselben wahrnimmt, weil auch in der Unterwelt, wie auf der Oberwelt, Recht und Gerechtigkeit gilt. Printed p. 265 Solch eine Sazung für die Menschen aufgestellt.[OCR transcription; compare the scan.] Ich lese: τοιούς δ᾽ ἐν ἀνθρώποισιν ὥρισεν νόμους. 3u ὥρισεν iſt Δίκη Subjekt. Printed p. 265 Auch nicht so mächtig achtet ich, was du befahlst, Daß dir der Götter ungeschrieb'nes, ewiges[OCR transcription; compare the scan.] Die „ungeschriebenen" Rechte sind die niemals alternden, dem Menschen angeborenen Geseze der Natur, der Religion und Sitte, die nach König Dedipus V. 849 in den Höhen über der Erde wandeln, weil aus dem Schooße der Götter stammend und unberührt von menschlichem Wiz, das Todtenrecht und die Pflicht der Geschwisterliebe. Printed p. 265 Gesez sich beugen müßte, dir, dem Sterblichen. Denn heute nicht und gestern erst, nein, alle Zeit Lebt dies, und Niemand wurde kund, seit wann es ist. Für dieses wollt' ich nicht dereinst, aus feiger Furcht Vor Menschendünken, mir der Götter Strafgericht Zuziehen. Daß ich sterben werde, wußt' ich ja, Wenn's dein Gebot auch nicht verhieß. Und nimmt der Tod Mich vor der Zeit hin, acht' ich das Gewinn für mich. Denn wem so vielfach herbe Noth das Leben kränkt, Wie mir, gewährte diesem nicht der Tod Gewinn? So kann es mich nicht schmerzen, daß mich dieses Loos Betroffen hat; doch wenn ich meiner Mutter Sohn, Den Bruder, könnt' im Tode grablos liegen seh'n, Das wäre schmerzlich; jenes macht mir keinen Schmerz. Und schein' ich dir jezt thöricht, weil ich also that, Mag wohl der Thorheit immerhin ein Thor mich zeih'n. Der Chor. Wild tritt des wilden Vaters Art am Kind hervor: Dem Mißgeschick sich fügen hat sie nicht gelernt. Kreon. Doch wisse nur, des Sinnes allzustarrer Troz Beugt sich am ersten; kannst du doch den stärksten Stahl, Der allzuspröd gehärtet kam aus Feuers Glut, Am ehsten immer brechen und zersplittern seh'n. Auch weiß ich, daß der Rosse zornentbrannten Muth Ein kleiner Zügel meistert; nie ja ziemt es dem, Sich groß zu dünken, der ein Knecht der Andern ist. Doch die verstand sich schon zuvor auf frechen Troz, Indem sie frevelnd mein Gebot mißachtete; Und dieses ist nun, nach der That, der zweite Troz, Darob zu prahlen und mit Hohn sich aufzubläh'n. Jezt wahrlich wär' ich nicht ein Mann, sie wär' ein Mann, Geläng' ihr ungezüchtigt solch ein Uebermuth. Drum, sei sie meiner Schwester Kind, sei näher uns Verwandt, denn Alle, die der Zeus des Hauses schirmt, Doch soll dem schlimmsten Loose nicht sie selbst entgeh'n, Noch ihre Schwester; denn auch diese klag' ich an, Daß sie, mit ihr im Bunde, solche That ersann. Ruft sie daher mir; denn ich sah sie eben noch Im Hause rasen, ihrer Sinne nicht bewußt. So wird die Seele selbst zuvor Verrätherin Des Argen, das im Dunkel ausgesonnen ward; Doch hass' ich den auch, der in unheilvoller That Betroffen, nachher diese noch beschönen will. Antigone. Verlangst du Größ'res, als den Tod mir anzuthun? Kreon. Nichts weiter; Alles hab' ich, so mir dieses wird. Antigone. Was also säumst du? Wie von deinen Worten mir Gefällig keins ist und gefalle mir es nie! So müssen auch die meinen dir mißfällig sein. Und doch, wodurch wohl konnt' ich ehrenvollern Ruhm Erringen, als indem ich meines Bruders Grab Bestellte? Diese würden all' es wohlgethan Erklären, fesselt' ihnen Furcht die Zunge nicht. Doch wie dem Herrscher andres Glück in Menge ward, So darf er reden, darf er thun, was ihm beliebt. Kreon. Du siehst allein dies unter Kadmos' Volke hier. Antigone. Auch diese seh'ns; dir schmiegt sich ihre Zunge nur. Kreon. Nicht Scham erfüllt dich, andern Sinns, als die, zu sein? Antigone. Nicht schänden kann es, wenn man fromm den Bruder ehrt. Kreon. War Bruder nicht auch, der ihm gegenüber fiel? Antigone. Derselben Mutter und desselben Vaters Sohn. Kreon. Warum an ihm denn frevelst du durch solche Gunst? Antigone. Das wird der Abgeschiedne selbst nicht zugesteh'n. Kreon. Nicht, wenn der Frevler gleiche Gunst von dir empfängt? Antigone. Kein Knecht, der Bruder war's ja, der im Kampfe fiel. Kreon. Dies Land verheerend, während er es kämpfend schirmt. Antigone. Doch spricht für Beide gleiches Recht der Hades an. Kreon. Nur soll der Edle nicht empfah'n dem Bösen gleich. Wer sagt mir, ob dort unten auch der Brauch gefällt? Nie wird der Feind zum Freunde, selbst im Tode nicht. Antigone. Nicht mitzuhassen, mitzulieben leb' ich nur.[OCR transcription; compare the scan.] Wenn sie auch im Tode sich forthassen sollten, meint Antigone, so bin doch ich nur dazu da, die Liebe, nicht den Haß zu theilen, und muß den Polyneikes ebenso lieben, wie die Anderen, die meines Stammes sind. Printed p. 266 Kreon. Hinab denn kommend, liebe, wenn du lieben mußt, Die dort: so lang' ich lebe, zwingt ein Weib mich nie! Der Chor. Dort tritt vor das Thor Ismene heraus, Die Thränen der Lieb' um die Schwester vergießt: Ein Gewölk um die Brauen entstellt ihr Gesicht, Rothglühend im Schmerz, Und bethaut liebreizende Wangen. Ismene (die von Dienern Kreons herbeigeführt wird). Die Vorigen. Kreon. Du, die im Hause, gleich der Natter angeschmiegt, Mich heimlich ausgesogen, der ich unbewußt Zwei Gräuel mir zum Sturze meines Throns erzog: Auf, sage mir, bekennst du, Theil an dieser That Zu haben, oder schwörst du dich der Sünde rein? Ismene. Die That verübt' ich, stimmt dazu die Schwester ein, Und theile mit ihr, trage mit ihr diese Schuld. Antigone. Nein, dies verbietet dir das Recht; du hast ja nicht Gewollt, und ich gewährte dir kein Theil daran. Ismene. Doch jezt in deinem Leiden acht' ich's keine Schmach, Dir Mitgefährtin durch das Meer der Noth zu sein. Antigone. Wer Thäter war, weiß Hades und die drunten sind; Ich liebe nicht die Freundin, die mit Worten liebt. Ismene. Geliebte Schwester, achte mich nicht zu gering, Mit dir zu sterben und des Todten Grab zu weih'n. Antigone. Du darfst mit mir nicht sterben, darfst nicht, was du nicht Berührt, das Deine nennen: mein Tod ist genug. Ismene. Und welches Leben ist mir werth, getrennt von dir? Antigone. Dies frage Kreon; sorgtest du doch nur für ihn. Ismene. Was so mich kränken, ohne daß dir's Nuzen bringt? Antigone. Mit Schmerzen thu' ich's, wenn ich Hohn dir bieten muß. Ismene. Wie könnt' ich doch auch jezo dir noch nüzlich sein? Antigone. Errette dich nur; gerne duld' ich's, wenn du fliehst. Ismene. Weh, weh mir! Theilen soll ich auch nicht dein Geschick? Antigone. Du hast das Leben dir gewählt, und ich den Tod. Ismene. Nicht ohne daß ich meine Gründe dir enthült. Dir dünkte jenes, aber mir schien dieses gut. Doch tragen wir ja beide gleich der Sünde Schuld. Antigone. Getrost, du lebst; doch meine Seele brach im Tod Schon längst, dem Dienst der Todten sich hälfreich zu weih'n. Kreon. Von diesen Mädchen, glaub' ich, ist die Eine jezt Sinnlos geworden, jene war's von Anbeginn. Ismene. Nie bleibt, o König, selbst der angeborene Verstand in bösen Tagen; nein, er weicht von uns. Kreon. Von dir gewiß, als du mit Bösen Böses thatst! Ismene. Was ist das Leben mir allein werth ohne sie? Kreon. nenne sie nicht weiter; denn sie ist nicht mehr. Ismene. Die Braut ermorden wirst du denn dem eignen Kind? Kreon. Noch andre Fluren gibt es, wo man pflügen kann. Ismene. Doch keine, wo sich also Herz zum Herzen fand. Kreon. Mir graut vor einem schnöden Weib für meinen Sohn. Antigone. theurer Hämon, wie beschimpft der Vater dich! Kreon. Ich hasse dich und hasse deinen Ehebund. Der Chor. Und so beraubst du seiner Braut den eignen Sohn? Der Todesgott sezt solchem Ehebund ein Ziel. Beschlossen ist, ich seh' es, daß sie sterben soll. Kreon. Bei dir und mir. Jezt keine Zög'rung mehr! Hinein In's Haus, o Knechte, führt sie; fortan sollen sie Als Frauen leben, nicht so frei sich mehr ergeh'n! Denn, traun, Beherzte fliehen auch, sobald sie seh'n, Daß ihrem Leben nahe trat des Todes Ziel. (Antigone und Ismene werden abgeführt.) Kreon. Der Chor. Erste Strophe. Der Chor. Ihr Seligen, deren Geschick kein Leid gekostet! Wem sein Wohnhaus Götter erschütterten, niemals Läßt der Fluch ihn, fort von Geschlecht zu Geschlecht sich wälzend: Gleichwie das aufgeschwoll'ne Meer, Wann, vom Thrakersturm erregt, Es mächtig in die düstere Tiefe hinab sich wälzt, Vom Abgrund auf den schwarzen Meersand Wühlt und dumpf im stöhnenden Orkan die flutgeschlag'nen Ufer tosen. Erste Gegenstrophe. So seh' ich in Labdakos' Haus uraltes Leid sich Fort und fort auf's Leid der Geschiedenen stürzen:[OCR transcription; compare the scan.] Die Geschiedenen sind zunächst die beiden Brüder Eteokles und Polyneikes, rückwärts Dedipus und Jokaste, dann Lqïos, der Sohn des Labdakos. Printed p. 266 Nicht Befreiung schafft ein Geschlecht dem Geschlecht; hinab stößt Ein Gott es, löst niemals den Fluch. Denn die lezte Wurzel, die[OCR transcription; compare the scan.] Die lezte Wurzel ist Antigone, die sich selbst V. 921, obwohl Ismene noch am Leben ist, die lezte des königlichen Stammes nennt. Sie „umleuchtet noch das Licht", ein Schimmer der Hoffnung auf Lösung des Fluches, der auf dem Hause des Dedipus lastet, weil Antigone bestimmt war, sich mit Hämon zu vermählen, und so dem Unheil ein Ziel zu sezen schien. Printed p. 266 Das Licht umleuchtet in dem Haus des Dedipus, Auch die mäht nun der Todesgötter Blutigrothe Sichel ab, Der Rede Thorheit und des Geistes Wahnsinn.[OCR transcription; compare the scan.] Der Rede Thorheit", das Unüberlegte ihrer Rede gegen den Herrscher des Landes, und „des Geistes Wahnsinn“, der sie verleitete, sich über das Gebot Kreons hinwegzusezen, indem er keine ruhige Erwägung ihrer That zuließ. Printed p. 266 Zweite Strophe. Wie mag Einer in frevlem Stolze, Zeus, deine Gewalt bezwingen, Die nimmer der Schlaf bändigt, der ewig junge,[OCR transcription; compare the scan.] Σ. ὁ πάντ᾽ ἀγήρως, der ewigjunge. Printed p. 266 Nimmer die raschen Göttermonden? In nie alternder Jugend wohnst du In Olympos' lichtem, Strahlendem Glanz, o König! Und hinfort in alle Zeiten, Wie für das Vergang'ne, gilt Dies Gesez: nie waltet Im Leben das Glück lauter und frei von Leide. Zweite Gegenstrophe. Hoffnung, die in der Irr' umherschweift, So Vielen ein süßes Labsal, Wird Vielen ein Trug flatternder eitler Wünsche: Dieser beschleicht sie Arglos, bis sie den Fuß sezen auf glühend Feuer. Ein gepries'ner Ausspruch Scholl von dem Mund der Weisheit: Es erscheine gut das Böse Dem, welchem ein Gott das Herz In das Verderben lenke; Nur flüchtige Zeit wandelt er frei von Leide. Sieh, Hämon erscheint, der deinem Geschlecht (Hämon tritt auf.) Antigone, Als Lezter entsproß: wohl über das Loos Der erkorenen Braut Antigone, naht er, von Sammer erfüllt, Um den Raub des Gemahls sich betrübend. Kreon. Hämon. Der Chor. Kreon. Bald werden wir es klarer als die Seher schau'n. Mein Sohn, dem Vater nahst du doch nicht wuthentbrannt, Weil du den Spruch vernahmest, der die Braut verdammt? Nein, was ich thun mag, bleib' ich dir doch immer lieb? Hämon. Dein bin ich, Vater; du ja lenkst des Sohnes Sinn Mit klugem Rathe, dem ich gern gehorchen will. Denn höher acht' ich billig wohl kein Eheband, Als deine Leitung, wenn du stets mich weise führſt. Kreon. Ja, so bestellt sein muß es, Sohn, in deiner Brust, Dir muß des Vaters Wille mehr denn Alles sein. Denn darum fleh'n die Väter, daß ein folgsames Geschlecht von Kindern mög' erblüh'n in ihrem Haus, Damit sie, Böses rächend, hier dem Feinde steh'n, Und dort den Freund hoch ehren, wie der Vater selbst. Wer eine Saat mißrath'ner Kinder auferzieht, Was zieht er anders als sich selbst die Sorge groß, Und seinem Feinde reichen Stoff zu bitterm Hohn? Drum werde weisem Sinne nicht aus arger Lust Des Weibes wegen ungetreu, bedenke, Sohn, Welch kaltes Liebumfangen dir bereitet ist In eines schnöden Weibes Arm! Denn welcher Schmerz Kann tiefer uns verwunden als ein böser Freund? Nein, fleuch mit Abscheu dieses Weib als deinen Feind, Daß ihr im Hades Gatte werd' ein Anderer! Denn weil ich sie betroffen, wie sie meinem Spruch, Allein von Allen, offnen Troz geboten hat; So will ich nicht als Lügner vor dem Volke steh'n, Nein, will sie tödten! Ruse sie dann nur zu Zeus, Dem Gott der Sippschaft! Heg' ich bei dem eignen Stamm[OCR transcription; compare the scan.] Antigone, meint Kreon, solle den Zeus als Vorsteher des Hauses und der Familie und als Rächer der beleidigten Verwandtschaft beschwören, ihr beizustehen. Printed p. 266 Den Ungehorsam, wie bezähm' ich Fremde dann? Denn wer im eignen Hause sich als rechten Herrn Bewährte, wohl erscheint er auch im Staat gerecht. Und zuversichtlich glaub' ich, daß ein solcher Mann Gut herrschen und dem Herrscher willig folgen wird, Und daß im Lanzensturme vorn' im Schlachtgewühl Er tapfer aushält, ein bewährter Kampfgenoß. Doch wer gewaltsam übertritt Gesez und Recht, Wer denen, die gebieten, vorzuschreiben denkt, Den acht' ich keines Lobes werth aus meinem Mund. Nein, wen das Volk einsezte, dem gehorche man In Kleinem und Gerechtem und im Gegentheil. Der Uebel größtes ist die Zügellosigkeit: Sie rottet aus die Städte, wandelt Wohnungen In Wüsteneien, bricht zu jäher Flucht hinaus Im Lanzenkampfe: wo die Reih'n geordnet steh'n, Bewahrt Gehorsam tausend Leben vor Gefahr. So müssen wir beschirmen, was gesezlich ist, Und einem Weibe werde nie der Sieg gegönnt. Denn gilt es, besser fallen wir durch Manneshand, Und nimmer soll man sagen, daß uns Frau'n besiegt. Der Chor. Uns dünkt, wofern uns Alter nicht den Sinn berückt, Mit viel Verstand gesprochen, was du sprichst, o Herr. Hämon. Die Götter pflanzen weisen Sinn den Menschen ein, Von allen Gütern, welche sind, das trefflichste. Daß ohne Grund sei, Vater, was du eben sprachst, Versteh' ich nicht zu sagen, will's auch nie verstehn; Doch auch ein Andrer fände wohl das Richtige. Dir kann es nie gelingen, Alles auszuspäh'n, Wie Jeder spricht und handelt, was er tadeln mag. Dein Auge schreckt die Männer aus dem Volk zurück, Ein Wort zu sagen, welches dir mißfällig klingt. Ich aber kann's wohl hören im Verborgenen, Wie um die Jungfrau Klag' erhebt die ganze Stadt, Daß sie, so schuldlos, wie der Frauen keine sonst, Des schlimmsten Todes sterbe für die schönste That: „Sie, die den eignen Bruder, der in blut'gem Kampf Gefallen, unbestattet nicht der rohen Gier Der Hunde, nicht den Vögeln ihn zum Raube ließ, Wie sollte sie nicht goldner Ehren würdig sein?" Solch dunkle Rede wandelt still im Volk umher. Doch ist von allen Gütern mir das theuerste, Wenn dir, o Vater, ungetrübt die Freude lacht. Was ist den Kindern höh're Lust, als Ruhm und Glück Des Vaters, was dem Vater mehr, als Kindeswohl? Nur den Gedanken hege nicht allein in dir, Daß deine Meinung, keine sonst, die rechte sei. Denn Mancher, der sich selbst allein der Weise dünkt, Mit Sprache, wie kein Andrer, und mit Geist begabt, Hat, sich enthüllend, seine Leerheit offenbart. Nein, selbst dem weisen Manne bringt es keine Schmach, Manchmal zu lernen und nicht allzustarr zu sein. Du siehst's am hochgeschwollnen Strom: die Bäume, die Sich schmiegen, steh'n an ihren Zweigen unversehrt, Und, die sich sträuben, kommen samt der Wurzel um. So, wer im Fahrzeug allzustraff das Segeltau Spannt, ohne nachzulassen, der wirst um und treibt Fortan dahin auf umgekehrtem Rudersiz. Gib also nach, laß ab von deinem Ungestüm.[OCR transcription; compare the scan.] Σ. ἀλλ᾽ εἶκε, θυμῷ καὶ μετάστασιν δίδου. Printed p. 266 Denn wenn Erkenntniß irgend auch mir Jüngeren Inwohnt, eracht' ich jenen als den besten Mann, Der von Natur in aller Einsicht Fülle blüht: Fehlt diese, dorthin neigt es sich nicht immer gern So ziemt es, den zu hören, der verständig spricht. Der Chor. Ihn hörst du billig, wenn er treffend spricht, o Herr, Und du den Vater; sprachet ihr doch beide gut. Kreon. So soll ich gar in meinem Alter noch Verstand Von Einem lernen, der so jung an Sahren ist? Hämon. Nichts, was verwerflich wäre! Wenn ich Jüngling bin, So muß man auf die Sache, nicht auf's Alter sehn. Kreon. Die Sache? Daß ich Ungehorsam ehren soll? Hämon. Ich spreche niemals Ehre für die Schlechten an. Kreon. Ist diese denn nicht solchen Frevels überführt? Hämon. Das widerspricht dir alles Volk in Thebe's Stadt. Kreon. Soll denn die Stadt mir sagen, was ich ordnen soll? Hämon. Sieh da, du sprachst doch eben allzu jugendlich! Kreon. Für wen gebiet' ich, als für mich, in diesem Land?[OCR transcription; compare the scan.] Σ. ἄλλῳ γὰρ ἢ ἐμοὶ χρή με τῆσδ᾽ ἄρχειν χθονός; Printed p. 266 Hämon. Das ist ja kein Staat, welcher Einem Mann gehört. Kreon. Nennt nicht der Staat sich dessen, der in ihm gebeut? Hämon. Schön herrschtest du denn ganz allein im öden Land. Kreon. Er kämpft im Bunde mit dem Weib, ich seh' es wohl. Hämon. Wenn du das Weib bist: sorg' ich doch allein für dich. Kreon. Und rechtest mit dem Vater, du Nichtswürdiger? Hämon. Weil ich vom rechten Pfade dich abirren sah. Kreon. Ich irre, wenn mein Herrscherrecht mir heilig gilt? Hämon. Nicht heilig gilt dir's, wenn du Götterrecht verhöhnst. Kreon. Schmachvolle Denkart, die dem Weib sich unterwirst! Hämon. Mich sollst du niemals unterthan der Schande seh'n! Kreon. Doch deine ganze Nede kämpft für jene nur. Hämon. Für dich und mich auch und die Todesgötter dort.[OCR transcription; compare the scan.] Meine Rede, will Hämon sagen, kämpft allerdings für sie, zugleich aber für dich, damit du dich nicht an mir und den Göttern der Unterwelt versündigst. Printed p. 266 Kreon. Sie wird dir nie mehr angetraut als Lebende. So stirbt sie denn und tödtet sterbend Andere. Tollkühner, auch noch drohend trittst du mir daher? Hämon. Das wäre Drohung, red' ich gegen leeren Wahn? Kreon. Zu deinem Unheil lehrst du mich, selbst leer an Sinn! Hämon. So willst du reden, aber hören willst du Nichts? Kreon. Knecht eines Weibes, spare dir dein glatt Geschwäz! Hämon. Dich nennt' ich thöricht, wenn du nicht mein Vater wärst. Kreon. Wahrhaftig? Bei'm Olympos, nicht zur Freude dir, Das sei versichert, höhnst du mich mit frechem Wort. (zu den Begleitern:) Führt her das Scheusal, daß sie gleich im Angesicht Des Bräutigams an seiner Seite sterbe hier!. Hämon. Nie soll sie wahrlich, wähne das doch nimmermehr, An meiner Seite sterben, noch wirst du hinfort Mich je mit Augen wiederseh'n: dann rase nur Vor deinen Freunden, welchen dies gefallen mag![OCR transcription; compare the scan.] D. i. vor deinen Freunden, welche bereit sind, sich deine Raserei gefallen zu lassen. Printed p. 266 Kreon. Der Chor. Der Chor. Der Mann, o König, eilte rasch im Zorne fort: Wohl Schweres brütet schmerzempört so junger Sinn. (ab.) Kreon. Er geh' und thue, sinne mehr als Menschliches; Doch diese Jungfrau'n soll er nicht dem Tod entziehn. Der Chor. Den Beiden also hast du gar den Tod bestimmt? Kreon. Der nicht, die Nichts verbrochen. Wohl ermahnst du mich. Der Chor. Und welche Todesstrafe denkst du jener zu? Kreon. Wo keines Menschen Tritte geh'n, am öden Ort, Berg' ich in tiefem Felsengrab die Lebende,[OCR transcription; compare the scan.] Das Lebendigbegraben, als Sühn- und Todtenopfer bei Persern und Römern angewandt, ist auch eine in die christliche Kirche übergegangene Todesstrafe des Alterthums, besonders der Vestalinnen. Aber furchtbar ist der Hunger (Odyss. 7, 216. 12, 341. 17, 286.). Um daher der Versündigung zu entgehen und den Verurtheilten nicht unmittelbar dem Hunger zu überliefern, wurde ihm etwas Speise und Trank mitgegeben, den Vestalinnen ein Bett, eine Lampe, ein wenig Brod, Wasser, Milch, Del, zu kurzer Fristung des geweihten Leibes. Derselbe Gebrauch, wie er in die Klöster überging, ist auch dem Morgenlande nicht unbekannt. Kreon wählt diese Todesart, um sich nicht verwandten Blutes schuldig zu machen (V. 878); so glaubten auch Jakobs Söhne sich weniger zu versündigen, wenn sie Joseph verhungern ließen (1 Mos. 37, 22.). Thudichum. Printed p. 266 Printed p. 267 An Speise nur darreichend, was die Sühne heischt, Daß vor Befleckung sicher sei die ganze Stadt. Und dort zum Gotte, welchen sie allein verehrt, Zum Hades flehend, mag sie wohl dem Tod entgeh'n; Wo nicht, erkennt sie endlich doch, daß unbelohnt Sich mühe, wer verehre, was im Hades ist. (ab in den Palast. Der Chor bleibt allein zurück.) Erste Strophe. Der Chor. Eros, Allsieger im Kampf! Du, der bestürmt, wen er bezwungen, Der Nachts auf schlummernder Jungfrau'n Zartblühenden Wangen webet: Hin über's Meer schweisst du, besuchst Hirtliche Wohnstätten; Und kein ewiger Gott kann dir entrinnen, Kein sterblicher Mensch, des Tages Sohn; Und ergriffen rast er. Erste Gegenstrophe. Du lockst auch unschuldigen Sinn In böse Schuld, ihn zu verderben; Du hast auch eben die Zwietracht Des Vaters und Sohns entzündet. Im Blick der holdseligen Braut Leuchtet der Sehnsucht Macht Siegreich, thronend im Rath hoher Geseze;[OCR transcription; compare the scan.] Die Sehnsucht thront im Rath hoher Geseze (wörtlich: ist Beisizerin der großen Sazungen), da neben den sittlichen Gesezen, die von den Göttern stammen (Kön. Oedipus 850), auch die Liebe auf das Beginnen der Menschen großen Einfluß äußert. Sie waltet siegreich, nachdem sie den Streit zwischen Vater und Sohn entzündet und die Pietät gegen den Vater überwunden hat. Printed p. 267 Denn nimmerbezwingbar übt ihr Spiel Aphrodite's Gottheit. (Antigone wird herbeigeführt. Nun führt auch mich, was ich anseh'n muß,[OCR transcription; compare the scan.] Wie den Hämon die Liebe, so führt den Chor das Mitleid „über die Bahn des Gesezes hinaus", indem er, aus seiner unparteilichen Ruhe heraustretend, einer von dem Könige Verurtheilten Thränen der Theilnahme weiht. Printed p. 267 Schon über die Bahn des Gesezes hinaus; Nicht länger bezwing' ich der Thränen Erguß, Da in Hades' Gemach, das Alle verschlingt, Ich hinabgeh'n sehe die Jungfrau. Antigone. Der Chor. Zweite Strophe. Antigone. seht mich, seht, Bürger der Väterheimat, Wie ich den lezten Weg Dahinwandle, den lezten Strahl Sehen soll von Helios' Glanz, Und nie wieder! Lebend entführt Hades, All' aufnehmend in Ruh, Mich zu dem Ufer Acheron's; Hymenäen Empfing ich nicht, kein bräutliches Lied Feierte mich mit Fest- klängen; Acheron führt als Braut mich heim. Der Chor. So wandelst du dorthin, würdig des Ruhms Und mit Ehren gekrönt, in der Todten Gemach; Nicht zehrende Krankheit raffte dich hin, Noch traf dich ein Schwert, das Nache gezückt; Nach eigener Wahl, und lebend, wie sonst Kein Sterblicher, wallst du zum Hades. Zweite Gegenstrophe. Antigone. Ich hörte, wie Tantalos' Tochter, jene[OCR transcription; compare the scan.] Das Wort des Chores, Antigone,gehe, wie sonst kein Sterblicher, lebend in den Hades", weckt in ihr die Erinnerung an eine Ahnfrau ihres Geschlechtes. Niobe, die Tochter des phrygischen Königs Tantalos, Gemahlin Amphions in Thebä und Mutter vieler Kinder, rühmte sich deßhalb gegen Leto, die nur zwei, den Apollon und die Artemis, geboren habe. Zur Strafe dafür tödtete Apollon die Söhne, Artemis die Töchter der Niobe. Erstarrt blieb die unglückliche Mutter bei den blutigen Leichen, die erst am zehnten Tage beerdigt werden konnten; endlich wurde sie von Zeus in einen Fels am Berge Sipylos verwandelt, der auch später noch Thränen ausschwizte. Jl. 24, 602: Denn auch Niobe dachte, die schönumlockte, des Mahles, Als sie daheim im Palaste sogar zwölf Kinder verloren, Sechs liebreizende Töchter und sechs aufblühende Söhne. Zürnend erlegte die Söhne mit silbernem Bogen Apollon, Artemis aber die Töchter, die pfeilaussendende Göttin, Weil sich Niobe prahlend verglich mit der reizenden Leto: Zwei nur habe die Göttin, und sie so viele geboren; Aber obwohl nur zwei, doch tödteten jene sie alle. Also lagen sie todt neun Tage noch; sie zu bestatten, War kein Mensch in der Nähe, nachdem Zeus alle versteinert; Endlich am zehnten Tage begruben sie Götter des Himmels. Dennoch dachte des Mahls die Bekümmerte, müde der Thränen. Nun weilt Niobe fern auf einsamen Bergen, in Felsen, Dort auf Sipylos' Höh'n, wo göttliche Nymphen gelagert, Wie man erzählt, ausruhen vom Tanz um den Strom Acheloos: Dort noch nährt sie versteinert das Leid, das Götter gesendet. Donner. Printed p. 267 Printed p. 268 Phrygerin, grauenvoll Einst an Sipylos' Höhen starb: Gleich des Epheus schlingendem Grün, Rankt' um sie der sprossende Fels; Rastlos zehrt der Regen an ihr, Lautet die Sage, Der Schnee lässet sie niemals, Und badet unter den thränenden Brau'n Ewig den Busen ihr: Also bettet der Tod zur Ruh' auch mich. Der Chor. Ja, sie war Göttin, göttlichen Stamms,[OCR transcription; compare the scan.] Der Niobe Vater, Tantalos, war ein Sohn des Zeus. Printed p. 268 Wir Sterbliche nur und von Menschen gezeugt: Doch groß ist der Ruhm, mit Göttergeschlecht Das Geschick im Tode zu theilen. Dritte Strophe. Antigone. Weh, weh! Du lachst meiner! Götter meiner Väter, Wie kannst du mich lebend höhnen, Ch' ich in's Grab sank? Stadt, und o meiner Stadt Männer, reich an Besizung! Und du, Dirka's Brunnquell, Lusthain du Der wagenumrauschten Thebe! Euch alle beschwör' ich, seid Zeugen, Wie unbeweint von Freunden, kraft welches Spruchs, Ins enge Grabgewölb' hinab der neuen Gruft ich steigen muß! Ich Unselige, weh! Bin fern von Menschen, fern von Todten, Im Leben nicht heimisch noch im Tode! Der Chor. Vorschreitend bis zu des Trozes Ziel, Stießest du an Dike's hohem Thron[OCR transcription; compare the scan.] Du stießest an Dike's Thron an, der Göttin, welche darüber wacht, daß durch Gehorsam gegen die Obrigkeit Recht und Ordnung im Staate bestehe. Printed p. 268 Gewaltig an, verwegnes Kind! Du kämpfst wohl aus den Kampf der Ahnen. Dritte Gegenstrophe. Antigone. Du regst den herzkränkenden Gram mir auf im Busen, Das Jammergeschick des Vaters, Unseres ganzen Stammes berufenes Loos, Edler Labdakossöhne ! Weh, weh! Fluchvoll, schuldvoll Ehbett, wo Dem leiblichen Sohn die Mutter, Ach! unserem Vater beiwohnte, Von welchen ich entsproß, die Unselige, In deren Haus ich unvermählt, von Fluch belastet, wandern muß! weh! Unheil schuf Der Bund, den du, mein Bruder, knüpftest![OCR transcription; compare the scan.] Der Bruder ist Polyneikes, dessen Vermählung mit der Tochter des Adrastos, ohne die der Zug gegen Thebe nicht erfolgt wäre, Antigone als die Quelle ihres Unglücks bezeichnet. Printed p. 268 Ein Todter schon, mordest du mein Leben! Der Chor. Fromm handelt, wer die Todten ehrt; Doch dessen Macht, dem Macht gebührt, Zu verachten, ziemt sich nimmermehr : Ja, dich stürzt' eigner Troz in's Unheil! Schlußgesang. Antigone. Unbetrauert, freundlos, ohne Brautlied, Dahin werd' ich geführt; schon gebahnt ist der Pfad ! Nimmer das heilige Auge der himmlischen Leuchte darf ich schau'n, ich Arme! Meinen Tod ehren die Freunde nicht Mit Thränen, noch mit Klage. Kreon. Antigone. Der Chor. (zu den Knechten) Kreon. Sagt, würde Iemand vor dem Tod mit Weheruf Und Jammern enden, hülfe noch die Klage hier? Auf, eilt mit ihr von hinnen, und verschloßt ihr sie In's düstre Grabgewölbe, wie mein Wort gebot, So laßt sie einsam und allein, sie sterbe nun, Sie wohne lebend dort versenkt im engen Haus; An dieser Jungfrau haben wir ja keine Schuld; Nur mitzuwohnen hier im Licht ist ihr versagt. Antigone. O Grabgemach, Brautkammer, ewigschließendes Wohnhaus in düstrer Höhle, wo hinab ich muß Zu meinen Lieben, deren größte Zahl im Haus Der Todten Persephassa schon empfangen hat,[OCR transcription; compare the scan.] Persephassa oder Persephone, die Tochter der Demeter, die Gemahlin Plutons, des Gottes der Unterwelt. Printed p. 268 Von welchen ich die lezte, weit unseligste, Hinuntergeh'n soll, eh sich schloß mein Lebenstag! Doch, komm' ich dorthin, dieser Hoffnung leb' ich fest, Ich komme, lieb dem Vater, auch willkommen dir, Mutter, dir auch komm' ich lieb, o Bruderhaupt; Denn euch, die Todten, hab' ich selbst mit dieser Hand Gebadet, selber euch geschmückt, auf euer Grab Die Spenden ausgegossen; heute, weil ich dich Bestattet, o Polyneikes, ernt' ich solchen Lohn! Denn daß ich, ehrend Götterrecht, dich hochgeehrt Vor Allen, achtet Kreon als verbrecherisch, Als freches Unterfangen, o mein Bruderhaupt! Und jezt ergreift er mit Gewalt und führt mich fort, Bevor das Brautlied mir ertönt, der Ehe Glück Und zarter Kinder Pflege mir beschieden ward: Freundlos, verlassen, muß ich Unglückselige Lebendig niedersteigen in der Todten Gruft. Und welch Gebot der Götter übertrat ich denn? Wie darf ich Arme noch den Blick nach ihren Höh'n Erheben, wen um Hülfe fleh'n, da Götterfurcht Den Lohn der Gottverächter mir erworben hat? Doch wenn es so den Göttern wohlgefällig ist, So will ich büßend meiner Schuld geständig sein; Sind diese schuldig, möge dann kein größ'res Leid Sie treffen, als sie wider Recht an mir gethan Der Chor. Noch tost, wie zuvor, mit derselben Gewalt Derselbige Sturm in der Jungfrau Brust. Kreon. Dafür wird auch den Geleitenden dort Die Verzögerung bald mit Thränen belohnt! Antigone. Weh mir! Ganz nahe verheißt dies Wort Mir des Todes Geschick. Kreon. Auch tröste dich nicht mit der Hoffnung mehr, Daß nicht das Gebot gleich werde vollführt. Antigone. thebische Burg, o heimisches Land, Götter des Stamms![OCR transcription; compare the scan.] Die Götter des Stammes und die ältesten Beschüzer desselben sind Ares und Aphrodite, die Eltern der Harmonia, der Gemahlin des Kadmos. Printed p. 268 Sie führen mich ohne Verzug fort! Und ihr, o Götter von Thebä, seht Von der Könige Stamm mich übrig allein; Seht, was ich erduld' und erdulde von wem, Da mir Heiliges heilig gegolten! Kreon. Der Chor. Erste Strophe. Der Chor. Auch der Danaë Reiz mußte des Himmels (sie wird abgeführt.) Lichtstrahl einst mit der Nacht tauschen im erzdichten Haus und verborgen Im grabähnlichen Ruhgemach wohnen. Und doch war sie, o Kind, Kind, von Geburt edel, Und trug hegend im Schooß goldener Saat Ströme von Zeus. Ja, wohl ist des Geschicks Obergewalt furchtbar; Nie kann der Reichthum, Ares nie,[OCR transcription; compare the scan.] Ares steht hier als Repräsentant der Körperkraft oder der Tapferkeit. Printed p. 269 Nicht Vesten ihr, kein dunkles Schiff Entflieh'n, das rings umbraust die Woge. Erste Gegenstrophe. Dryas' zornigen Sohn, Herrn der Edonen,[OCR transcription; compare the scan.] Lykurgos, Sohn des Dryas, König der Edonen, die am Flusse Strymon in Thrakien wohnten, vertrieb die Bacchantinnen, welche den Dienst des Dionysos in seinem Lande einführen wolten, und wurde dafür in eine Felsenhöhle gesperrt, wo er verhungern mußte. Nach Homer ward er von Zeus der Augen beraubt, und verlor bald auch sein Leben. Jl. 6, 130: Selbst ja des Dryas Sohn, der gewaltige Held Lykoorgos, Hat nicht lange gelebt, nachdem er gekämpft mit den Göttern, Der Dionysos' Ammen, des wahnsinntrunkenen, scheuchte Auf den geheiligten Höh'n des Nyseïon; alle die Frauen Warfen die Weinlaubstäbe hinweg, da der Mörder Lykurgos Frech mit dem Stachel sie schlug. Der geängstigte Gott Dionysos Tauchte hinab in die Woge des Meers, wo Thetis im Schooß ihn Barg, den mächtiger Schrecken erfaßt vor dem Drohen des Mannes. Doch dem Lykurgos zürnten die harmlos lebenden Götter, Und ihn blendete Zeus der Kronid'; auch lebte der Held nicht Lange hinfort, dieweil er den Himmlischen allen verhaßt war. Donner. Printed p. 269 Als er wider den Gott frevelte voll Hohnlust, Band Dionysos, In felsstarrende Kluft ihn einzwängend. So verbrauste des wahnwizigen Grimm's arge Wildaufschäumende Kraft. Sener empfand's, daß er den Gott Mit Hohnworten in wahnsinnigem Muth anfiel. Denn gottentzückter Frauen Schwarm, Des Bacchos Flammen wehrt' er keck, Und reizt' euch, flötenfrohe Musen.[OCR transcription; compare the scan.] Die Musen sind ursprünglich Begleiterinnen Apollons, später, nachdem die Verehrung des Dionysos sich Bahn gebrochen hatte, auch im Gefolge dieses Gottes. Printed p. 269 Zweite Strophe. An der kyanischen Flut des verschwisterten Meeres hin[OCR transcription; compare the scan.] Ueber der Mündung des Bosporos, der Enge von Constantinopel, wo also zwei Meere sich vereinigen, liegen die Kyaneen, zwei Inseln, sonst Felsen und Symplegaden genannt, weil man glaubte, daß sie sich einst periodisch zusammengethan und Durchfliegendes und Durchschiffendes zerdrückt hätten. Von ihnen an rechnet Strabo die wüste Küste von Salmydessos, woselbst ein Tempel des Ares, wie der Scholiast hier sagt, mit räuberischen Anwohnern, benannt von einem Flusse gleiches Namens, in einer Ausdehnung von achtzehn Meilen. Auch eine Stadt Salmydessos gab es, und nächst dem Bosporos die Stadt Phinopolis. Die Geschichte, worauf Sophokles anspielt, ist diese. Boreas raubte am Ilissos bei Athen, oder auf dem Areopag, an windigen Abhängen, Oreithyia, die Tochter des athenischen Königs Erechtheus, der als ein Ureinwohner Autochthon, der Erdgeborne, genannt wurde, worauf auch sein Name zu deuten scheint, führte sie mit sich nach Thrakien in seine Heimat, und zeugte mit ihr zwei Söhne, Zetes und Kalais, und eine Tochter, Kleopatra. Diese wurde an Phineus, König von Thrakien, vermählt, und gebar ihm zwei Söhne, Pandion und Plexippos. Nach Kleopatra's Tode oder Verstoßung nahm Phineus ein zweites Weib, gab ihr auf falsche Anschuldigung Gewalt über die beiden Stiefsöhne, und diese blendete sie, sperrte sie ein, und ließ sie verhungern. Es half der Boreade Kleopatra nicht, daß sie dem hohen Geschlechte der Erechtheiden, dem edelsten in Athen, das sich angeblich bis in spätere Zeiten erhielt, angehörte, noch daß sie das Kind eines Gottes war, auf Bergen erzogen, hurtig wie ihre Brüder, die als Symbol der Schnelligkeit gelten, und deshalb später mit Flügeln gedichtet wurden, sonst auch schnellfüßige Söhne des Boreas heißen, wie dieser selbst ein guter Läufer ist. Thudichum. Printed p. 269 Printed p. 270 Dehnt sich Bosporos' Strand und der Thrakier Salmydessos, Wo Ares, im Land waltend als Gott, An Phineus' zwei Söhnen Schaute die grause Wunde, Nachdem die ruchlose Gattin blendend Der Augen Sterne beiden nicht mit dem Speere, nein, Ergrimmt ausstach mit blut'gen Händen, Mit ihrer Webschiffe scharfen Spizen. Zweite Gegenstrophe. Und es vergingen die Armen im Leid und beweinten ihr Unglück, daß sie der Mutter im Unglücksbund entsprossen, Die doch an dem uralten Geschlecht Des Erechtheus Theil hatte, Und von des Vaters Stürmen Umtost, heranwuchs in fernen Grotten, Die rosseschnelle Boread' auf steilen Höh'n, Ein Gottkind: doch auch sie bestürmte Die Macht der uralten Moira, Tochter! Teiresias, von einem Knaben geleitet. Kreon. Der Chor. Teiresias. Ihr Fürsten Thebä's, Einen Pfad vollendeten Wir Zwei, durch Einen sehend; denn es findet ja Nur so den Weg der Blinde, nur an Führers Hand. Kreon. Was bringst du Neues, hoher Greis Teiresias? Teiresias. Ich will es kundthun, und dem Seher folge du. Kreon. Verschloß ich mich doch früher nie vor deinem Sinn. Teiresias. Deßwegen lenkst du glücklich auch das Schiff der Stadt. Kreon. Ich kann bezeugen und erfuhr, wie mir's gefrommt.[OCR transcription; compare the scan.] Kreon rettete den Staat, indem er nach dem Rathe des Sehers Teiresias seinen Sohn Megareus zum Opfer gab. Printed p. 270 Teiresias. Bedenk' es, auf der Spize schwebt dir jezt das Glück. Kreon. Was ist es? Schauder faßt mich an bei deinem Wort. Teiresias. Erkennen wirst du's aus den Zeichen meiner Kunst. Ich war gelagert auf dem alten Schauersiz, Wohin mir jeder Vogel zugeflogen kam; Da hör' ich unbekannten Laut von Vögeln, die Wahnsinnig krächzten und in wild verworrnem Ton; Ich merkte, wie sie mit den Klau'n sich mörderisch Zerfleischten; denn ganz deutlich scholl der Flügel Schlag. Erschrocken prüft' ich ungesäumt den Opferbrand Auf ringsentflammten Herden; doch es glänzte nicht[OCR transcription; compare the scan.] Das Opfer des Teiresias besteht aus den doppelt in Talg eingewickelten Schenkelknochen, wozu man später noch Galle, wie hier, Blase und Abschnizel that. Wahrzeichen entnahm man aus der heller oder minder hell brennenden Flamme und deren Formen, wie aus Beschaffenheit und Farbe der Eingeweide. Da das Feuer hier nicht aufbrennt, so fallen die Knochen aus der zergehenden Fettumhüllung, die Galle aber bläht sich und zerspringt. Printed p. 270 Vom Opfer auf die Flamme, nein, der Schenkel Saft Schmolz auf der Asche mir hinweg in feuchtem Sud, Und qualmte fort und sprühte; hoch in Lüften flog Die Galle ſprüzend, und die Schenkel lagen da, Herabgeschmolzen, aus des Fettes Hüll' entblößt. Von diesem Knaben weiß ich, daß in solcher Art Das Opfer böse Zeichen gab und nichtig war; Denn dieser ist mein Führer, wie ich's Andern bin. Und also leidet unsre Stadt durch deinen Sinn. Denn alle Feuerstätten und Altäre sind Durch Hund' entweiht und Vögel, die sich sättigten An Dedipus' unselig hingesunk'nem Sohn. So wollen denn die Götter unser Opferfleh'n Nicht mehr von uns annehmen noch der Schenkel Brand, Noch tönt ein frohes Zeichen uns des Vogels Ruf, Der satt vom fetten Blute sich des Todten trank. Dies nun, o Sohn, bedenke! Denn Verfehlungen Sind zwar gemeinsam allen Erdgeborenen : Wer aber sich verfehlte, der ist nimmermehr Von Rath und Glück verlassen, wenn er nach dem Fall Ausgleicht das Uebel, nicht verharrt in seinem Sinn. Man zeiht des Unverstandes nur den starren Troz. Gib also nach dem Todten, stich nach Leichen nicht; Den Todten nochmals tödten, welch ein Heldenmuth! Gutmeinend rath' ich Gutes dir; man hört ja doch Auf guten Rath am liebsten, wenn er Nuzen bringt. Kreon. Greis, ihr alle zielet nach dem Einen Mann, Wie nach dem Ziel der Schüze, ja versucht an mir Sogar die Seherkunde; doch von dem Geschlecht Bin ich verhandelt und vertauscht seit lange schon. Treibt Wucher, handelnd schafft herbei das sardische Elektron, wenn's euch lüstet, und den indischen Goldsand: im Grabe bergt ihr jenen nimmermehr; Ja, wollten auch Zeus' Adler ihn zum Mahle sich Wegraffen, und ihn tragen an des Gottes Thron: Ich werde dann auch, unbesorgt um diesen Gräul, Nicht dulden, daß man ihn begräbt; die Götter ja, Das weiß ich, kann doch nimmermehr ein Mensch entweih'n. Auch vielbegabte Männer, Greis Teiresias, Sie stürzen tief und schimpflich, wenn sie schimpflichen Anschlägen edle Worte leih'n aus Eigennuz. Weh! Teiresias. Weiß wohl der Menschen Einer, überlegt er wohl Kreon. Und was? Von welchem Allgemeinen sprichst du da? Teiresias. Daß aller Güter höchstes sei Besonnenheit? Kreon. So, wie die Thorheit mir der Uebel größtes dünkt. Teiresias. Von dieser Krankheit eben bist du selbst erfüllt. Kreon. Mit Schmäh'n erwidern will ich gern dem Seher nicht. Teiresias. Wohl schmähst du, wenn du Lüge nennst mein Seherwort. Kreon. Geizt doch der Seher ganzes Volk nach Golde nur. Teiresias. Und schnöder Habsucht fröhnt das Volk der Könige. Kreon. Bedenkst du, daß du, was du sagst, dem Herrscher sagst? Teiresias. Wohl; denn durch mich nur hast du Stadt und Thron bewahrt. Kreon. Du bist ein kluger Seher, doch dem Bösen hold. Teiresias. Aufregen wirst du, was mir still im Busen ruht. Kreon. Enthüll' es, aber rede nur nicht um Gewinn. Teiresias. So glaub' ich wahrlich jezt zu thun zu deinem nur. Kreon. Das wisse, nicht erkaufen wirst du meinen Sinn. Teiresias. So wisse denn auch sicher, daß nicht viele mehr Der raschen Sonnenkreise du vollenden wirst, Bis aus dem eignen Blute du den Leichnamen Selbst einen Leichnam als Ersaz darbringen mußt, Weil du, in Nacht verstoßend, was dem Licht gehört, Ein Leben schmachvoll banntest in des Grabes Haus, Hier oben aber, unbestattet, ungeweiht, Den Todesgöttern vorenthältst den todten Leib, An dem ein Theil dir weder, noch den oberen Gottheiten zukommt; ihnen zwingst du diesen auf. Drum lauern unheilsinnend und verderbenschwer Des Hades und der Götter Straferinnyen, Verstricken bald in gleiches Ungemach dich selbst. Nun magst du sehen, ob ich als Bestochener[OCR transcription; compare the scan.] Elektron, ein Metall, aus Gold und Silber gemischt, künstlich und natürlich nach Plinius 33, 23. Die Schäze von Sardes und Indien, dessen Goldreichthum in Hellas früh bekannt war, wie es ja Goldsand an Persien stenerte, werden auch sonst gerne verbunden. Printed p. 270 So spreche: zeigen wird es dir nach kurzer Frist Der Frau'n, der Männer Klageruf in deinem Haus. Und alle Städte raffen sich feindselig auf, Worin zeriss'ne Leichen hier ein Hund entweiht, Raubthiere dort, ein raschbeschwingter Vogel hier, Der nach der Heimat Herde trägt den Graungeruch. Sieh, solche Pfeile sandt' ich (denn tief kränkst du mich!) Im Zorne dir, dem Bogenschüzen gleich, in's Herz: Sie treffen tödtlich, ihrem Brand entrinnst du nicht! Du, Knabe, führ' uns wiederum nach Haus zurück, Daß der entlade seinen Zorn auf Jüngere, Und seine Zunge zähmen lern' in klugem Rath, Und weiser denken lerne, denn er jezo denkt. Kreon. Der Chor. (ab mit dem Knaben.) Der Chor. Der Mann, o König, eilte Graun verkündend fort. Ich aber weiß, so lange dieses weiße Haar Anstatt der schwarzen Locken mir das Haupt umwallt, Sprach der noch niemals Lügen aus vor dieser Stadt. Kreon. Ich weiß es selbst auch, und den Sinn erschüttert's mir. Schwer ist es nachzugeben, und bei Widerstand Zerschellt an schwerem Schlage leicht der kecke Muth. Der Chor. O Sohn Menökeus', hier bedarf es weisen Rath. Kreon. Was soll ich also? Rede du, ich folge dir. Der Chor. Geh hin, entlaß sie aus dem unterirdischen Gemach und gib dem hingeworfnen Mann ein Grab. Kreon. Und dieses räthst du, wähnest, daß ich weichen soll? Der Chor. So schnell, o Fürst, als möglich; denn mit raschem Schritt Ereilt der Götter Strafgericht den Unverstand. Kreon. Weh! Kaum vermag ich's; doch ich breche meinen Sinn: Der Noth gehorchend, lass' ich ab von eitlem Kampf. Der Chor. Auf, thu' es eilend, bürd' es nicht auf Andere. Kreon. So wie ich hier bin, geh' ich: auf, ihr Diener, auf, Ihr, die ihr nah seid oder fern, nehmt Axt und Beil Zur Hand und eilt dem weitgesch'nen Orte zu![OCR transcription; compare the scan.] Der weitgesehene Ort“, das hohe Feld, wo die Leiche des Polyneikes lag. V. 1162. Printed p. 271 Ich aber, mun sich mein Entschluß hierher gewandt, Selbst hab' ich sie gebunden, und selbst lös' ich sie. Denn bange zweifl' ich, ob es nicht das Beste sei, Besteh'ndes Recht zu schirmen all sein Leben lang. (Kreon mit den Begleitern ab. Der Chor bleibt allein zurüď.) Erste Strophe. Der Chor. Vielnamiger, wonnige Zier der Kadmosjungfrau,[OCR transcription; compare the scan.] Die „Kadmosjungfrau," Semele, die Tochter des Kadmos, Mutter des Dionysos. Printed p. 271The 1875 appendix reprints the original 1839 version of the Bacchus hymn, labelled verses 1100–1137. It is a variant appendix, not a continuation of the main text. Variant transcription and source pages Und des hochherdonnernden Zeus Geschlecht! Du, der Italia's[OCR transcription; compare the scan.] Italia noch bei Platon das von Griechen bevölkerte Großgriechenland, zumal Campanien, wo nach Florus 1, 16 Bacchi Cererisque certamen, und dessen Getreide Sophokles im Triptolemos rühmte. Es zeichnete sich durch Weinkultur und in Folge deren durch Bacchosdienst aus, wie vor allen Tarent und die Umgegend. Die Athener mochten sich hierbei zunächst an das jüngst von ihnen gegründete Thurii erinnern, wo Dionysoscult nach Diodor. 12, 10 nicht gefehlt zu haben scheint. Die Legende leitet den seit alter Zeit in Unteritalien heimischen Weinbau von Bacchos' Zuge gegen die Tyrrhener her, wo ein Theil seiner Begleiter zurückgeblieben und Italien weinreich gemacht. Schneidewin. Printed p. 271 Herrliche Gauen schirmt und Ueber Deo's gastliche Flur[OCR transcription; compare the scan.] Deo, ein andrer Name der Demeter. An den Mysterien in Eleusis, die vorzugsweise der Demeter und Persephone gewidmet waren, nahm auch Dionysos unter dem Namen Jacchos Theil. Gastlich heißt Eleusis, weil es viele Fremde an den Festen aufnahm. Printed p. 271 In Eleusis waltet! O Baccheus, hier in bacchischer Frau'n Ursiz, Thebä, wohnend am hellen Strom Ismenos, Wo die Saat aussproß des wilden Drachen![OCR transcription; compare the scan.] Die Saat des wilden Drachen, die Theber. S. zu Dedip. auf Kol. V. 1516. Printed p. 271 Erste Gegenstrophe. Dich sieht von dem doppelten Felshaupt hell erblizend[OCR transcription; compare the scan.] Der doppelhauptige Parnassos in Phokis, an dessen Fuß die kastalische Quelle floß, war dem Apollon und dem Dionysos heilig. Auf seinem Gipfel glaubte man mitunter Flammen zu sehen, die man von den im Geleite seiner göttlichen Begleitung angestellten Festzügen bei Fackelschein herleitete. Printed p. 271 Feuer, wo korykische Nymphen sich[OCR transcription; compare the scan.] Die Nymphen, die am Fuße des Parnassos die korykische Höhle beloohnten, die auch von Pan und Dionysos gerne besucht ward. Printed p. 271 In Jubelreih'n ergeh'n, Dich der Kastalia Quellborn; Dich geleiten nysischer Berg'[OCR transcription; compare the scan.] Den Namen Nysa führen mehrere Gebirge: so wird erwähnt ein Nysa in Indien, in Arabien, in Phokis, in Euböa. Die epheuumrankten Höhen gehen auf die euböische Nysa, wo eine Wunderrebe Morgens junge Frucht, am Mittag Herlinge, am Abend reife Trauben trug. Von hier aus oder vom Parnassos, wo gleichfalls ein solcher Weinstock seine Früchte trieb, besucht Dionysos, über die brausende Meerenge daherkommend, Theben an Festtagen. Printed p. 272 Anhöh'n voll Epheu's; Ihr grünes Ufer, traubenumkränzt, feiert, Und gottvolle Gesänge schallen festlich, Wenn du Thebä's Gassen fröhlich heimsuchst, Zweite Strophe. Der Stadt, die du weit höher ehrst als jegliche Stadt, Samt der Mutter, die des Zeus[OCR transcription; compare the scan.] Semele, die Mutter des Dionysos, bat auf Veranlassung der eifersüchtigen Here den Zeus, daß er ihr in eben der Herrlichkeit, wie seiner Gemahlin, in Donner und Bliz, erscheinen möchte. Zeus willfahrte ihr; aber die Sterbliche wurde verzehrt in der Umarmung des Donnergottes. Printed p. 272 Donner traf! Auch nun komm, Da gewaltig schwere Noth über das ganze Land Einstürmte, rettend über des Parnassos Höh'n Daher, oder über die wilde Meerfurt! Zweite Gegenstrophe. Wohlauf, du, glutaussprüh'nder Sterne Führer, o Herr[OCR transcription; compare the scan.] Die „glutaussprühenden Sterne" bezeichnen das Himmelsgewölbe, das gleichsam im Gefolge des Gottes, der Nachts bei'm Glanze der Sterne seinen Thiasos anführt, den Feiertanz mitbegeht. Printed p. 272 Nächtlich frohen Jubelschalls, Zeusentspross'ner Knabe! O erscheine, rings vom Chor naxischer Frau'n umschwärmt,[OCR transcription; compare the scan.] Naxos, ein Eiland des ägäischen Meeres, auch ein Hauptsiz des Bacchosdienstes, wo der Gott die von Theseus verlassene Ariadne fand und sich mit ihr vermählte. Printed p. 272 Der Thyien, die dich Nächte hindurch wildentzückt[OCR transcription; compare the scan.] Thyien, oder Thyaden, die sonst Mänaden, Bacchen, Bacchantinnen heißen. Printed p. 272 Im Rheih'ntanze feiern, den Freudeſpender! Ein Bote. Der Chor. Der Bote. Ihr, die ihr Kadmos' und Amphions Haus umwohnt! Kein Menschenleben gibt es, wie's auch stehen mag, Das ich hinfort je preisen oder schelten will. Erhöht das Glück doch, stürzt doch allezeit das Glück Den Reichbegabten und den Unglückseligen, Und was bevorsteht, kündet uns kein Seher an. Auch Kreon, dünkt mich, war beneidenswerth zuvor, Er, der vom Feind befreite dies Kadmeiervolk, Hierauf des Landes ungetheilte Macht empfing Und herrschte, von der Kinder edler Saat umblüht. Und nun dahin ist Alles. Wenn die Freude sich Treulos dem Menschen abgewandt, so glaub' ich nicht, Er lebe, lebend acht' ich ihn des Todes Raub. Denn hab' im Hause, wenn du willst, der Güter viel, Und leb' in stolzem Herrscherglanz: wenn dir dabei Die Freude mangelt, kauf' ich dir das Andere Nicht um des Rauches Schatten ab für frohen Muth. Der Chor. Welch neues Leid der Herrscher kommst du kundzuthun? Der Bote. Todt sind sie; Schuld am Tode sind die Lebenden. Der Chor. Wer ist der Mörder? Wer gefallen? Sage mir! Der Bote. Todt lieget Hämon, liegt entſeelt in seinem Blut. Der Chor. Todt durch des Vaters oder durch die eigne Hand? Der Bote. Dem Vater grollend um den Mord, volführt' er's selbst. Der Chor. Seher, welch ein wahres Wort enthülltest du! Der Bote. In solchem Unheil fordert Rath das Uebrige. Der Chor. Dort seh' ich eben traurig nah'n Eurydike, Kreon's Gemahlin: aus dem Hause tritt sie, sei's, Daß sie's gehört vom Sohne, sei's von ungefähr. Eurydike. Die Vorigen. Eurydike. Ihr Bürger alle, welches Wort vernahm ich doch, Als ich zum Ausgang eilte, hülfesuchend mich Der Göttin Pallas mit Gelübd' und Fleh'n zu nah'n? Gerade wollt' ich an dem wohlverschloss'nen Thor Die Riegel öffnen, als der Ruf von meinem Leid Das Ohr mir traf; voll Grauen sank ich hinter mich Zurück in meiner Frauen Arm, von Schreck betäubt. Doch wie die Kunde lautet, sagt nochmals mir an: Denn nicht in Leiden ungeübt vernehm' ich sie. Der Bote. Ich war zugegen, theure Frau, und melde dir's, Und vorenthalten werd' ich kein wahrhaftes Wort. Wozu dir's mildern, daß hernach als Lügner ich Erfunden würde? Stets besteht das Wahre nur. Ich folgte deinem Ehgemahl als Führer hin Zum hochgeleg'nen Felde, wo, grausam zerfleischt Von Hunden, Polyneikes' Leib noch immer lag. Und als wir hier der Wege Göttin angefleht[OCR transcription; compare the scan.] Der Wege Göttin ist Hekate, so genannt, weil man auf den Dreiwegen ihr Opfer brachte. Printed p. 272 Und Pluton, huldreich uns zu sein, so wuschen wir Ihn erst in heiligem Wasser, und verbrannten dann Auf frischgebrochnen Zweigen, was noch übrig war.[OCR transcription; compare the scan.] Die Zweige sind Olivenzweige, die bei'm Verbrennen der Leichen üblich waren. Printed p. 272 Drauf als von heimischer Erde wir ein hohes Grab Ihm aufgeworfen, gingen wir zum steinernen, Gewölbten Todesbrautgemach des Mädchens hin. Und einer Stimme lauten Klageruf vernimmt Von fern ein, Diener vor der opferlosen Gruft, Und hinterbringt es Kreon, unserm Herrn, sofort. Doch den umtönt, indeß er näher schreitet, rings Ein dunkler Laut des Schmerzes, und wehklagend ruft Er aus das thränenschwere Wort: „ich Armer, ach! Bin ich ein Seher? Geh' ich hier den traurigsten Von allen Pfaden, die ich je gegangen bin? Des Sohnes Stimme ruft mich! Auf, ihr Diener, auf! Geht eilig näher, tretet an die Grust hinan, Und durch des Grabmals aufgeriss'nes Mauerwerk Zur innern Wölbung dringend, späht, ob Hämons Laut Ich jezt vernommen, oder ob ein Gott mich täuscht!" Und wie der Herrscher zagend uns geboten, geh'n Wir hin, zu spähen, und im Hintergrunde tief Sah'n wir die Jungfrau schweben, die den Hals sich fest Zum Tod umschlungen mit des Schleiers zartem Band, Und sah'n den Jüngling, der die Braut umfangen hielt, Ihr Loos bejammernd, die hinab geschwunden ihm, Des Vaters Unthat und den unheilvollen Bund. Doch Kreon, ihn erblickend, stöhnt schmerzvoll und geht Zum Sohn hinein und ruft ihm lautaufweinend zu: „Ha, was begannst du? Welcher Geist, Unseliger, Ergriff dich? Welches Mißgeschick verderbte dich? O komm heraus, Kind! Auf den Knie'n beschwör' ich dich!" Mit wildem Auge starrt der Sohn den Vater an, Voll Hohn im Antliz, und erwidert nichts, und zieht Des Schwertes Doppelschneide; doch der Vater stürzt Hinaus und flicht; er fehlt ihn; dann, auf sich ergrimmt, Stößt, wie er war, der Arme, drüber hingebeugt, Das Schwert sich mitten durch die Brust; hierauf umschlingt Er, noch bei Sinnen, seine Braut mit mattem Arm, Und schneller athmend strömt er ihr den scharfen Hauch Blutrother Tropfen auf die bleichen Wangen aus. So liegt er eine Leiche bei der Leiche, weh! Empfängt der Ehe Weihen in des Todes Haus, Und zeigt den Menschen, daß die Unbesonnenheit Der Uebel allergrößtes sei für Sterbliche. (Eurydike geht schnell ab.) Der Chor. Der Bote. Der Chor. Wie willst du das dir deuten? Rasch von hinnen ging Die Frau, bevor sie Gutes oder Böses sprach. Der Bote. Ich staune selbst auch, doch ermannt mich dieser Trost: Des Sohnes Unglück hörend, will sie nicht vor uns Die Klag' erheben, nein, daheim in stillem Schmerz Vor ihren Frau'n beweinen, was ihr Haus betraf. Denn nicht so sinnlos ist sie, daß sie frevelte. Der Chor. Wer weiß es? Mir dünkt allzutiefes Schweigen auch Unheilbedeutend, wie der thöricht laute Schmerz. Der Bote. Ich will es bald erfahren, ob sie nicht geheim Verhalt'nes Leid in wildempörter Brust verbirgt; Ich geh' hinan zum Hause; denn wahr sagtest du: Wohl allzutiefes Schweigen auch droht schweres Leid. (der Bote geht ab. Kreon erscheint, die Leiche des Sohnes tragend, mit Gefolge.) Der Chor. Hier kommt er ja selbst, der Gebieter, heran, In den Armen das lautredende Denkmal Nicht fremden Vergeh'ns, nein, eigener Schuld, Wenn mir es zu sagen vergönnt ist. Kreon. Der Chor. Erste Strophe. Kreon. O wehe, sinnlosen Sinnes, todbringender, Starrer Verirrungen Frucht! Weh! Ihr seht den Mörder, seht Auch den Erschlag'nen hier: sie sind Eines Stamms! Weh über meines Rathes Unseligkeit! weh, Sohn, Sohn! Früh sinkend, ach, frühem Tod, (Weh, weh, weh, weh!) Schiedst du vom Sonnenlicht! Die Frucht meines Wahnes, nicht deine Schuld! Der Chor. Weh, weh, du solltest allzuspät das Rechte seh'n! Weh mir! Zweite Strophe. Kreon. Ich hab's erkannt, ich Armer: ja, auf dieses Haupt Hereinstürmend traf ein Gott, schwer ergrimmt, Mit schwerem Schlag; in wilde Bahnen stieß er mich, weh, niederstürzend mein zertret'nes Glück! Ach, ach, weh, des Menschen mühvolle Müh'n! Ein Diener (kommt aus dem Palaste.) Die Vorigen. Der Diener. Als wärst du recht im Vollbesize jedes Leids, Herr, trägst du dies im Arme: das im Hause weilt, Das andre Leiden wirst du bald mit Augen sehn. Kreon. Was gibt es wieder? Schlimm'res als das Schlimme noch? Der Diener. Dein Weib, die treue Mutter dieses Todten hier, Starb eben, ach! an frischgeschlagnen Wunden hin. Erste Gegenstrophe. Kreon. Oweh! Warum, unversöhnlich Reich, Hades' Schlund, Mordest du mich, o warum? Welches Wort sprachst du aus, du, der mir schweren Leids Kunde bringt? Weh, weh! Dem Todten gibst du nochmals den Tod! O was sprichst du? Welch grauses Wort sagst du mir? (Weh, weh, weh, weh!) Mein Weib, ach! entseelt, Vom Sohn mitgerissen in graunvollen Tod? Der Chor. Du kannst es sehen; nicht im Hause birgt sich's mehr. (Im Hintergrunde der Scene wird die Leiche der Königin sichtbar.) Weh mir! Zweite Gegenstrophe. Kreon. Das andre zweite Leiden seh' ich Armer hier! welch Schicksal, welches harrt meiner noch? In meinen Armen halt' ich noch mein theures Kind, Und dort muß ich, ach! den andern Todten sehn. Ach, ach, arme Mutter! Ach, armes Kind! Der Diener. Am Hausaltare sank sie schwergetroffen hin, Da brach in Nacht ihr Auge; noch beweinte sie Des erst entschwundnen Megareus ruhmvolles Loos,[OCR transcription; compare the scan.] Megareus, ein Sohn des Kreon und der Eurydike, derselbe, den Euripides Menökeus nennt. S. zu V. 969. Ich lese λάχος (τ. λέχος. Printed p. 272 Und wieder diesen, und zulezt auf dich herab, Den Kindesmörder, fluchte sie graunvollen Fluch. Dritte Strophe. Kreon. Weh, weh, weh, weh! Mich schreckt Angst empor! Warum bohrt kein Freund Mir vorn durch die Brust ein zweischneidig Schwert? Ach, ich Unglückseliger! In qualvolles Leid versenkt, schwind' ich hin. Der Diener. Wohl hat die Schuld von diesem, wie von jenem Tod, Die Todte noch im Sterben dir auf's Haupt gewälzt. Kreon. Und welche Todesweise löst' ihr Leben auf? Der Diener. Sie senkte selbst in ihre Brust den Stahl, sobald Sie hier des Sohnes tiefbeweintes Loos vernahm. Vierte Strophe. Kreon. weh, weh! Der Menschen sonst keiner nimmt Auf sich diese Schuld, es ist meine Schuld. Denn ich war es nur, ich Elender gab, Ia ich, dir den Tod! O kommt, Diener, kommt, Führt mich geschwind hinweg, führt mich von hinnen fort! Denn nichts Andres bin ich mehr, als ein Nichts. Der Chor. Gewinn verlangst du, wenn's Gewinn im Leide gibt; Wohl ist's am besten, währt das Leid nur kurze Zeit. komm, o komm, Kreon. Erschein' endlich mir, mein glorreichstes Loos, Und führe mir herauf den endigenden Tag! Nahe nur, gewünschtes Ziel, Und laß keinen andern Tag mehr mich schau'n! Der Chor. Das bringt die Zukunft; hier gebeut die Gegenwart;[OCR transcription; compare the scan.] Die Gegenwart verlangt, daß man die Todten begrabe und die Stadt entsündige; für die Zukunft sorgen die Götter. Printed p. 272 Für jene sorgt ja, wem dafür zu sorgen ziemt. Kreon. Wonach ich schmachte, dies allein erfleht' ich mir. Der Chor. Erflehe Nichts, Herr; gibt es doch für Sterbliche Niemals Erlösung aus der vorbestimmten Noth. Vierte Gegenstrophe. Kreon. So führt mich hinweg, den unsel'gen Mann, Der dir nicht mit Willen den Tod gab, o Sohn, Noch dir, Gattin! Weh! Ich weiß nicht, wohin Ich schau'n soll zuerst. Es wankt Alles, wankt, Was mir zu Händen, was über dem Haupte mir: Auf mich brach das Schicksal graunvoll herein. (Kreon wird abgeführt.) Der Chor. Am ersprießlichsten ist, um glücklich zu sein, Der besonnene Sinn: nie frevle darum An der Götter Gesez! Der Vermessene büßt Das vermessene Wort mit schwerem Gericht; Dann lernt er zulezt Noch weise zu werden im Alter.
Bacchus hymn: 1839 wording reprinted in the 1875 appendix Anhang zur Antigone. In der ersten Auflage dieser Uebersezung des Sophokles, die im Jahre 1839 erschien, und nach welcher die Chorgesänge der Antigone von Mendelssohn-Bartholdy für die Aufführung in Potsdam und Berlin componirt wurden *, lautet der Hymnos an Bacchos (Vers 1100-1137) so: 1100 Vielnamiger! Wonn' und Stolz Der Kadmosjungfrau, du, des stark Erdonnernden Zeus Geschlecht! Du Schuz der herrlichen Italia, des gemeinsamen 1105 Meerbusens Herrscher am Strand, Wo auch Deo thront! Hör' uns, Baccheus, in Thebe, der Bacchanten Stadt, wohnend an Is= menos' feuchtem Gewässer, vereint 1110 Der Saat des wilden Drachen! Erste Gegenstrophe. Auf dem Felsen mit dopplem Haupt Sieht dich des Blizes Flamme, wo *Wie die Antigone zu Berlin und auf anderen deutschen Bühnen, so wurden später auch König Dedipus (die Chorgesänge mit der Composition von Lachner) und Dedipus auf Kolonos (die Chöre mit der Musik von Mendelssohn) auf der Hofbühne zu München nach der Uebersezung Donners aufgeführt. Ueber die Aufführung der Antigone zu Berlin s. m. auch die Schrift: Deutsche Uebersezerkunst von D. F. Gruppe (Hannover bei C. Rümpler. 1859) S. 211 f. Anhang zur Antigone. 255 Korykische Mädchen froh Der Bacchen Tanz begeh'n; 1115 Dich sieht der Born Kastalia's; Dich feiern nysischer Berg' Anhöh'n, Epheu's voll; Dir singt grüner Strand, traubenbekränzt, Dich grüßt Mit festlichem Hall 1120 Ein Chor heiliger Lieder, so oft Du Thebe's Gassen heimsuchst, Zweite Strophe. Der Stadt, die Du stets hoch Vor allen Städten verehrst Samt der Mutter, die im Bliz 1125 Dich empfing: auch nun, da So gewaltig schwere Noth Die gesamte Stadt ergriff, Komm rettend über des Parnassos Höh'n Daher, oder durch das Gestöhn des Meeres! Zweite Gegenstrophe. 1130 du, glutaussprüh'nder Gestirn' Anführer, der Nacht Jubeltönen vorgesezt, Zeusentspross'ner Knabe! Im Gefolg der naxischen, 1135 Der entzückten Frauen komm, Die ganz die Nächte hindurch schwärmend, dich Im Chortanz, den Herrscher Jacchos, feiern!