Ajax — Donner (1875), OCR review edition Sophocles Johann Jakob Christian Donner OCR cleanup, verse reconstruction, source collation and reference-card alignment; further proofreading required Editorial processing with Codex

Perseus Multitext, 2026. Review edition.

Sophokles. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift von J. J. C. Donner. Achte Auflage. Leipzig und Heidelberg: C. F. Winter, 1875.Independent 1875 scan 1875 eighth edition, Cornell OCR; copy text. 1889 eleventh edition, University of California OCR; corroborating later witness, not assumed identical. 1850 third newly revised edition, Illinois OCR in two volumes; earlier edition, kept separately.

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Athene. Odysseus. (aus einer schwebenden Wolke) Athene. Zu jeder Stunde treff' ich dich, Laertes' Sohn,OCR review edition. D. numbers are Donner’s own citations; u suffixes mark unresolved verse division. Correspondence is to containing Storr passages. Source comparisons, repairs, numbering review and unattributed notes Wie du, den Feind zu greifen, seine Fährt' erspürst; Auch nun gewahr' ich, wie du hier am Schiffsgezelt[OCR transcription; compare the scan.] Die griechische Flotte vor Troja lag längs dem Meergestade, so daß am rechten Flügel, nach dem Vorgebirge Sigeion hin, Zelte und Schiffe des Ajas zu äußerst standen, am linken die Schiffe des Achilleus gegen das Vorgebirge Rhoiteion hin; die Mitte nahmen die Schiffe des Odysseus ein. Ajas, der Sohn des Telamon, galt nach Achilleus für den ersten der griechischen Heerführer. Printed p. 154 Des Ajas, der des Lagers lezte Reihe hält, Schon lange schleichst und lauerst und von seinem Tritt Die frischgeprägten Spuren prüfst, um auszuspäh'n, Ob innen er, ob außen: glücklich führt dich auch Dein Schritt an's Ziel, scharfwitternd, gleich dem Sparterhund.[OCR transcription; compare the scan.] Die Hunde der spartischen Jäger und Hirten auf dem Taygetos waren ihrer Spürkraft wegen geschäzt. Printed p. 154 Denn eben ist er innen, und von Schweiße triest Das Haupt des Mannes und die mordbewehrte Hand. Und nöthig hast du weiter nicht, am Thore hier Hineinzulauschen; aber sprich, warum du so Voll Eifer spähtest, gerne geb' ich dir Bescheid. Odysseus. O Stimm' Athene's, Göttin, mir vor allen lieb! Denn deutlich tönt mir, sieht dich auch mein Auge nicht, Dein Ruf; mein Herz ergreift er, gleich tyrrhenischer[OCR transcription; compare the scan.] Der zuerst von den kunstfertigen Tyrrhenern (Etruskern) gefertigten Erzdrommeten bediente man sich ihres starken Klanges wegen vornehmlich im Kriege. Printed p. 154 Drommeten Schalle, welcher tönt aus Erzesmund. Auch jezt (du sahest richtig) kreist um einen Feind[OCR transcription; compare the scan.] Durch seinen gewaltigen Schild, wegen dessen Ajas vorzugsweise der Schildbewehrte (σακεςφόρος) heißt, wird er von dem schnellfüßigen Ajas, dem Sohn des Dileus, unterschieden. Hom. Jl. 7, 219: Ajas nahte sich ihm mit dem sicbenhäntigen Stierschild, Den, thurmähnlich und ehern, des Tychios Kunst ihm gefertigt, Welcher in Hylä wohnte, der trefflichste Lederbereiter, Der ihm den leuchtenden Schild aus sieben gemästeter Stiere Häuten erschuf und zum achten mit eherner Decke bezogen. Donner. Printed p. 154 Mein Schritt, um Ajas, den der Riesenschild bedeckt; Nach ihm, und keinem Andern, spür' ich lange schon. Er hat ein unerhörtes Werk in dieser Nacht An uns vollendet, ward von ihm die That verübt; Denn nichts Gewisses wissen wir und schwanken noch; Ich übernahm freiwillig diesen Späherdienst. Denn hingeschlachtet finden wir jezt eben erst Die Beuteheerden allzumal, von frevler Hand Gemordet samt den Hütern auf der Weide dort, Und Alle wälzen diese Schuld dem Ajas zu. Auch hat ein Augenzeuge, der das Feld hindurch Allein mit blutgetränktem Stahl ihn rennen sah, Es mir gesagt und offenbart; ich eile flugs Des Mannes Spur nach, finde bald ein Zeichen auf, Bald steh' ich zweifelnd, und gewiß erkenn' ich Nichts. Du kommst mir recht gelegen; denn in Allem ja, Wie früher, so auch künftig, lenkt mich deine Hand. Athene. Ich weiß, Odysseus, und ich ging dir lange schon, Ein treuer Schuz, auf deinem Späherpfade nach. Odysseus. Doch, traute Herrin, müh' ich auch mich nicht umsonst? Athene. Wohl sind die Thaten, glaube mir, des Mannes Werk. Odysseus. Warum so sinnlos unerhört tobt seine Faust? Athene. Ihn quält der Unmuth um Achilleus' Waffenschmuck. Odysseus. Warum in Heerden fällt er denn so feindlich ein? Athene. In eurem Blut zu röthen wähnt er seine Hand. Odysseus. So war der Anschlag Argos' Heere zugedacht? Athene. Er hätt' ihn auch vollendet, wenn ich ſäumig war. Odysseus. Durch welches Wagniß, welchen Troz des kühnen Sinus? Athene. Nachts überfällt er euch allein mit arger List. Odysseus. Und stand er nahe, kam er schon zu seinem Ziel? Athene. An beide Feldherrnthore war er schon gelangt.[OCR transcription; compare the scan.] An die Thore der beiden Atriden, des Agamemnon und Menelaos. Printed p. 154 Odysseus. Was hielt er denn die mordbegierige Hand zurück? Athene. Ich lenkt' ihn ab von seiner grausam tollen Lust, Indem ich Wahngestalten ihm um's Auge warf, Und auf die Heerden trieb ich ihn, auf Beutevieh,[OCR transcription; compare the scan.] Die Heerden bezeichnen das Vieh, das zur Nahrung des Heeres gehalten ward, das Beutevieh die Thiere, die auf Beutezügen gewonnen und noch unvertheilt auf der Weide waren. Printed p. 154 Das mit den Heerden unvertheilt gehütet ward. Hier eingefallen, schlachtet er in großer Zahl Hornvieh nach allen Seiten hin, und wähnte, bald Die zween Atriden mord' er euch mit seiner Hand, Bald hier und dorthin stürzend andre Häuptlinge. Ich aber war es, die den Mann in kranker Wuth Umtrieb, den Wahnsinntrunk'nen warf in schnöden Kampf.[OCR transcription; compare the scan.] Ich lese mit Hermann: ἔριν κακήν. Printed p. 154 Und als er endlich ruhte von des Mordes Werk, So band er alle Stiere, die noch lebten, band Die Widder alle, schleppte sie zu seinem Zelt, Als ob er Männer führe, nicht gehörnten Raub, Und angebunden peitscht er sie zu Hause nun. Ich zeige dir auch diese Tollheit offenbar, Auf daß du, was du sahest, allem Volk bezeugst. Getrost erwart' ihn, fürchte nicht, daß Leid von ihm Dich treffe; denn ich werde seiner Augen Strahl Ablenken, daß er deinen Blick nicht schauen soll. (nach dem Zelte hinrufend:) Du, der die Hände seiner Kriegsgefangenen Einzwängt in Fesseln, komm heran, ich rufe dich : Dich ruf' ich, Ajas, tritt hervor aus deinem Zelt! Odysseus. Was thust du, Pallas? Nimmermehr ruf' ihn heraus - Athene. harre schweigend! Hüte dich vor feiger Furcht! Odysseus. Bei'm Himmel, laß ihn! Besser, wenn er innen bleibt! Athene. Was kannst du fürchten? War er nicht auch sonst ein Mann? Odysseus. Mein Feind, o Herrin, war er stets, und ist es noch. Athene. Ist, einen Feind verhöhnen, nicht ein süßer Hohn? Odysseus. Mir dünkt es besser, wenn der Mann im Zelte bleibt. Athene. Den Mann im Wahnsinn scheust du dich sichtbar zu sehn? Odysseus. Wär' er bei Sinnen, scheut' ich nicht vor ihm zurück. Athene. Er soll auch jezt nicht sehen, daß du nahe bist. Odysseus. Wie, wenn er noch mit gleichen Augen sicht, wie sonst? Athene. Ich hüll' ein sehend Auge selbst in Dunkel ein. Odysseus. Wohl gibt's, wo Götter schaffen, nichts Unmögliches. Athene. So harre still und bleibe stehen, wie du bist. Odysseus. Ich bleibe; freilich wünscht' ich weit von hier zu sein. Athene. Auf, Ajas, auf! Zum andernmale ruf' ich dir; Was achtest du so wenig deiner Helferin? (Ajas tritt aus dem Zelte, mit einem Riemen in der Hand.) Ajas. Die Vorigen. Ajas. Heil, Athene, Heil dir, Zeusgebornes Kind! Du halfest mir so treulich, und ich kränze denn Mit goldner Siegesbeute dich für diesen Fang. Athene. Ganz wohl gesprochen; aber das bedeute mir: Du hast in's Heer von Argos recht dein Schwert getaucht? Ajas. Ich darf mich dessen rühmen und verleugn' es nicht. Athene. Und färbt' an Atreus' Söhnen auch dein Arm sich roth? Ajas. Daß Ajas nie mehr ihren Hohn erfahren wird. Athene. Todt sind die Männer, wenn ich recht dein Wort gefaßt. Ajas. Todt laß sie jezt mir meinen Waffenschmuck entzieh'n! Athene. Gut; welches Schicksal aber traf Laertes' Sohn? Was thatst du diesem? Oder ist er dir entfloh'n? Ajas. Nach jenem schlau durchtriebnen Fuchse fragst du mich? Athene. Ja wohl; Odysseus mein' ich, der dein Gegner iſt. Ajas. Der sizt, o Herrin, drinnen, gar ein süßer Fang, Gebunden: sterben soll er mir noch nicht so schnell. Athene. Was willst du schaffen, was gewinnen noch zuvor? Ajas. Ich will ihn fesseln an die Säul' in meinem Zelt - Athene. Und welches Uebel willst du da dem Armen thun? Ajas. Vom Geißeln roth den Rücken, soll er sterben dort! Athene. nicht so grausam schalte mit dem armen Mann! Ajas. Gern' stell' ich alles Andre dir, o Pallas, heim; Doch also büßt der seine Schuld, und anders nicht! Athene. Nun, wenn du Wohlgefallen hast an solchem Thun, Brauch deinen Arm, thu' Alles, wie du's ausgedacht! Ajas. Ich geh' an's Werk, doch Eines bitt' ich noch von dir: Wie heute, sei mir allezeit hülfreich gesellt! Athene. Odysseus. (ab in das Zelt.) Athene. Du siehst, Odysseus, wie der Götter Macht so groß: Wer ward erfunden weiser einst, als dieser Mann, Volführte besser, was der Augenblick gebot? Odysseus. Ich wüßte keinen Andern, und mich jammert sein, Des Armen, ob mich feindlich auch sein Haß verfolgt, Daß ihn die grausam herbe Noth gebunden hält. Denn mehr auf ihn nicht schau' ich, als auf mein Geschick. Wir alle, die wir leben, sind nichts Anderes, Als Scheingestalten, als ein flüchtig Schattenbild. Athene. Auf solches achtend, rede denn niemals ein Wort Des Uebermuthes wider uns Unsterbliche, Noch blähe dich voll Dünkel, wenn du mehr an Kraft, An goldnen Schäzen mehr gewannst als Andere. Ein kurzer Tag senkt nieder alles Menschenwerk, Und hebt es wieder; aber nur dem frommen Mann Sind hold die Götter, und den Bösen hassen sie. (Athene verschwindet; Odysseus geht ab; der Chor tritt auf.) Der Chor. Telamonischer Sohn, der Salamis' Höh'nDonner’s metrical appendix: all 4 page facsimiles Am ringsumwogten Gestade beherrscht, Ich freue mich, lächelt das Glück dir. Doch wann Zeus' Groll und ein zorniges Wort Aus Danaermunde dich feindlich betraf, Da faßt mich die Angst, ich erbebe vor Furcht, Wie das Auge des flatternden Täubchens.[OCR transcription; compare the scan.] Die Angst der scheuen Taube verräth sich zunächst im Auge. Printed p. 155 So hat von der jüngst entschwundenen Nacht Uns mächtiger Schreck und Entsezen erfüllt Bei dem schmähenden Ruf, du hab'st in der Au, In der Rosse Gefild' einstürmend, dem Heer Das erbeutete Vieh, Das übrig allein von dem Raube noch war, Mit flammendem Eisen gemordet. Solch höhnende Reden ersinnt uns keck, Und zischelt Odysseus Allen in's Ohr, Und sie glauben ihm leicht; denn er meldet von dir, Was gerne man glaubt, und wer es vernimmt, Der freut sich noch mehr, denn der es erzählt, Treibt Spott mit deiner Bedrängniß. Denn send' auf mächtige Geister den Pfeil, Nie fehlst du das Ziel; wer aber von uns Solch Arges erzählt, dem glauben sie nicht. Stets kriecht ja der Neid an die Großen heran. Und dennoch sind, von den Großen getrennt, Die Geringen der Burg ein betrüglicher Schuz; Mit dem Großen ja hebt der Geringe sich leicht, Und der Große, gestüzt von dem Kleinen, empor. Doch ist es unmöglich, der Thoren Geschlecht Von diesem Gesez zu belehren. Solch alberner Männer Geschrei stürmt, Herr, Auf dich, und uns ward nimmer die Kraft, Dawider zu steh'n, so gesondert von dir. Denn, flohen sie dir aus den Blicken hinweg, Dann tosen sie laut, wie Vögel im Schwarm; Doch bebten sie scheu vor dem mächtigen Aar, Und verkröchen, sobald du plözlich erschienst, Sich alsbald schweigend und lautlos. Strophe. Trieb dich die Tochter des Zeus, die Vertilgerin, Artemis, schweres Gerücht, Quelle bitt'rer Schande mir! Auf unsres Volkes Gut, in die weidenden Rinder, Wohl wegen eines ohne Dank erkämpften Siegs,[OCR transcription; compare the scan.] Artemis zürnt dir vielleicht, weil sie für den Sieg, den sie dir erkämpfen half, nicht das schuldige Dankopfer von dir erhielt, indem sie sich entweder bei den Geschenken von der Kriegsbeute oder bei der Jagd betrogen sah. Printed p. 155 Sei es um Gaben getäuscht Von stolzer Rüstung oder um Beuten der Sagd? Wie? Oder zürnt dir Ares im ehernen Kleid, Hat, weil mit Undank ihm du die Hülfe gelohnt, Dich gestraft mit nächtlichem Blendwerk? Gegenstrophe. Nie doch in früherer Zeit, Telamonier, Hast du dich also verirrt, wider Heerden loszugeh'n; Dir schlugen wohl die Götter den Geist: doch es halte Das üble Volksgerede Zeus und Phöbos fern! Wenn im Geheimen indeß Die Lüg' ersann der mächtigen Könige Groll[OCR transcription; compare the scan.] Die „mächtigen Könige“ sind die Atriden, der „arge Sproſſe von Sisyphos' Blut“ ist Odysseus: vgl. zu Philoktet. V. 378. Printed p. 155 Und jener arge Sprosse von Sisyphos' Blut: Nicht länger birg dich, Herr, in den Zelten am Meer, Nicht den Ruf, den schmähenden, wecke! Schlußgesang. Raffe dich auf von dem Size, wo du schon so lang Meidend Werke des Krieges, hingefesselt ruhst, Daß dein Jammer zum Himmel flammt! Hier toben die Feinde keck, ohne Zittern, In säuselnden Thalbuchten, Und ringsher zischen um dich Hohnlachende Zungen; Doch zehrender Gram quält uns. Tekmessa (tritt aus dem Zelte). Der Chor. Tekmessa. Ihr Führer von Ajas' Schiffe, gezeugt Aus Erechtheus' Stamm, den die Erde gebar![OCR transcription; compare the scan.] Um die Insel Salamis, welche den Athenern gegenüber lag, hatten diese mit den Megarern in früherer Zeit Kriege geführt; später ward sie mit ihnen vereinigt. In unserer Stelle werden die Salaminer geradezu als Ureinwohner von Attika bezeichnet; Erechtheus, einer der ältesten Könige Athens, war ein Sohn der Erde: Hom. Jl. 2, 548. Printed p. 155 Wohl jammern wir laut, wir, liebend und treu Um Telamons Haus in der Ferne besorgt; Denn Ajas, der Held, groß, riesiger Kraft, Liegt niedergebeugt Von dem Sturm wildwühlenden Wahnsinns. Der Chor. Wie hat sich des Tages Geschick in der Nacht So bitter gewandt? O sage, des Phrygers Teleutas Kind! Du, welche der Held mit dem Speer sich errang, Zur Geliebten erkor, du kannst es gewiß, Dir ist es bekannt, mir verkünden. Tekmessa. Wie sprech' ich es aus, das unsägliche Wort? Ihr vernehmet ein Schicksal, schwer wie der Tod. Denn in Rasen verfiel uns Ajas, der Held, Hat nächtlich (o Graun!) mit Schmach sich befleckt. So könnt ihr es anschau'n, drinnen im Zelt Von den Händen zerfleischt und gebadet in Blut, Die geschlachteten Opfer des Mannes. Strophe. Der Chor. Ha, welchen Ruf offenbarst du, Frau, von dem grimmigen Mann, Ha, schrecklich, unentrinnbar! Ruchtbar gemacht von den Fürsten des Danaerheers, Mehrt ihn die stets wachsende Sage. Bang ahn' ich, bang, was mir herannaht! Vor den Augen Aller Erschlägt ihn auch die wahnsinnige Hand, die eben Mit bluttriefendem Stahle die Heerden mordet' und die Hirten. Tekmessa. Weh! Dorther, dorther kam er zu uns, Und führte die Heerd' in gefesseltem Zug; Und die einen erwürgt' er am Boden im Zelt, Und die anderen hieb er mitten entzwei, Griff zween weißfüßige Widder sodann, Mäht' einem das Haupt und die Zunge herab, Und warf sie hinweg; Und den anderen band er am Pfeiler empor, Und faßte den Roßzaum doppelt und schwang Und geißelte, daß hell schwirrte der Schlag, Schmachworte zugleich ausschüttend, die nur Ein Gott, kein Mensch, ihm gelehrt hat. Gegenstrophe. Der Chor. Nun ist es Zeit, unser Haupt in bergende Hüllen versteckt,[OCR transcription; compare the scan.] Bei großem Leide, so wie bei der Annäherung des Todes, verhüllte man sich das Haupt. Printed p. 155 Verstohlen fortzuflüchten, Oder gewandt zu den Rudern, in Eile des meer- wandelnden Schiffs Bande zu lösen. Mit solchen Drohworten bestürmt uns das Atridenpaar hier, Die Trozvollen: mir bangt, ach, vom erhobnen Steine Erreicht, muß ich verderben, wie er, den grauses Leiden fesselt. Tekmessa. Nicht mehr! Er ruht nun, schnell wie der Süd, Der ohne den Bliz aufstürmte, sich legt.[OCR transcription; compare the scan.] Nach der Ansicht der Alten hörten Stürme, die ohne Bliz und Ungewitter entstanden waren, bald wieder auf. Printed p. 155 Den Genesenen quält jezt anderes Leid; Denn zu sehen das Unheil, das du dir selbst, Kein Anderer sonst mitwirkend erschuf, Das weckt unsägliche Schmerzen. Der Chor. Nun, wich die Krankheit, acht' ich's wohl für großes Glück; Des schon entschwundnen Leides denkt man weniger. Tekmessa. Was nähmst du lieber, gönnte man dir freie Wahl: Dem Freund zum Kummer, dich zu freu'n in eignem Glück, Oder in der gleichen Trauer ihm gesellt zu sein? Der Chor. Ein doppelt Unglück wäre, Frau, das härtere. Tekmessa. So wären wir jezt leidend, ohne krank zu sein. Der Chor. Wie meinst du dieses? Was du sagst, versteh' ich nicht. Tekmessa. Der Mann, so lang ihn seine Wuth gebunden hielt, War frohes Muths im Leide, das ihn fesselte; Doch uns Gesunde quält' es, ihn so krank zu sehn. Nun, da die Krankheit rastet und er sich erholt, Wird er von bösem Kummer ganz umhergestürmt, Und wir ingleichen, nicht geringer als zuvor. Ward so die Noth nicht doppelt, die nur Eine war? Der Chor. Recht hast du wahrlich, und mir bangt, ihn traf ein Schlag Von Göttern: kann es anders sein, wenn Ajas, nun Die Wuth von ihm gewichen, sich nicht heitrer fühlt? Tekmessa. Und wohl verhält sich's also, daran zweifle nicht. Der Chor. Wie kam der Anfang dieser Noth herangestürmt? Erzähl' es uns; wir theilen alles Leid mit dir. Tekmessa. Vernehmen sollt ihr Alles, weil ihr Freunde seid. In tiefer Nachtzeit, als die Abendleuchten schon Erloschen waren, nahm er sein zweischneidig Schwert, Und sann in unnüz eitlen Kampf hinauszuziehn. Ich schelte laut und rufe: was beginnst du, Herr? Was stürmst du nichtgerufen jezt ins Feld hinaus, Wo keine Boten riefen, kein Drommetenschall Dich weckte? Ruht im Schlummer doch das ganze Heer. Da stimmt' er kurz das stetsgesungne Lied mir an: Weib, des Weibervolkes Schmuck ist Schweigen mur. Dies hörend, schwieg ich, und er stürmt' allein hinaus; Doch nicht zu sagen weiß ich, was sich dort begab. Zurückgekommen, trieb er angefesselt heim Der Hirten Hunde, Ninder und gehörnten Raub. Und diese köpft er, jene würgt und schlachtet er Am aufgebognen Halse, die mißhandelt er Gebunden: so wie Männer, fiel er Heerden an. Am Ende rannt' er durch die Thür, und schwazte viel Mit einem Schatten, schalt des Atreus Söhne, schalt Den Sohn Laertens; oft in Lachen brach er aus, Mit welcher Schmach er diese strafend heimgesucht. Nach diesem rannt' er wiederum in's Haus zurück, Und kehrte mühsam endlich zur Besonnenheit. Und als er voll von Gräuel sein Gemach erblickt, Da schlug er brüllend sich das Haupt, und stürzte sich Auf todter Widder blutumströmte Trümmer hin, Und krallt' in seine Locken wild die Nägel ein. Und also saß er ohne Laut geraume Zeit: Dann droht' er mir mit grauenvollem Wort den Tod, Enthüll' ich ihm nicht Alles, was mit ihm geschehn, Und fragte, was jezt über ihn das Loos verhängt. Und ich in Angst, o Freunde, sagt' ihm Alles an, Was mir von seinen Thaten kund geworden war. Da brach er schnell in jammervolles Winseln aus, Das ich zuvor aus seinem Munde nie gehört. Denn sonst erklärt' er immer, nur des Feigen Art Sei solche Klage, zieme nur dem schwachen Geist, Und leise stöhnt' er, ohne lautes Wehgeschrei, In rauhem, dumpfem Tone nur, dem Stiere gleich. Nun sizt der Mann, in solches herbe Leid versenkt, Die Speise missend, ohne Trank, in stiller Ruh Inmitten jener Heerden, die sein Eisen traf. Und offenbar ist's, daß er sinnt auf arge That; Denn völlig also redet er, so jammert er. Nun kommt, o Freunde, denn ich kam deßhalb heraus In's Zelt, gewährt mir Hülfe, wenn ihr helfen könnt; Denn Freundeswort nur überwindet solchen Sinn. Der Chor. Teleutas' Kind, Tekmessa, Grauses sagst du mir Vom schweren Unheil, das ihn warf in Naserei. weh, weh mir! (hinter der Scene im Zelt) Tekmessa. Bald, scheint es, mehr noch! Oder habt ihr nicht gehört, Wie mächtig Ajas' Stimme jezt im Zelte scholl? weh, weh mir! Der Chor. Krank ist der Mann noch, scheint es, oder weckte wohl Der alten Krankheit Nachgefühl den Schmerz in ihm. weh, Sohn, Sohn! Tekmessa. Ich Arme, weh! Dich rust er, dich, Eurysakes. Was sinnt er doch? Wo bist du? Weh, ich armes Weib! Teukros! Ajas. Wo ist Teukros? Will er ewig nur Nach Beute jagen? Aber ich vergehe hier. Der Chor. Bei Sinnen ist er, scheint es; also schließet auf! Vielleicht bewältigt ihn die Scham, erblickt er uns. (das Zelt öffnend) Tekmessa. Seht her, ich öffne: nun vermögt ihr anzuschau'n Des Mannes Thaten und ihn selbst in seinem Leid. Ajas (im Zelte sizend, von geschlachteten Thieren umgeben). weh! Die Vorigen. Erste Strophe. Ajas. Ihr Schiffsfreunde dort, die ihr mit rechtem Sinn Allein Freunde mir, allein treu verbliebt, seht, in welchen Wogen mich des blutigrothen Sturmes Wuth Wirbelnd im Kreis umherjagt! (leise zu Tekmessa) Der Chor. Weh! Wie wir sehen, zeugtest du nur allzuwahr; Die That belehrt uns, wie besinnungslos er ist. weh! Erste Gegenstrophe. Ajas. Du Volk, das, erprobt in Seefahrerkunst, Das Meerschiff bestieg, die Seeruder schwang, Dich fand ich, ja, nur dich bereit, von mir zu wenden Schmach und Hohn: Morde mich auch zu diesen! Der Chor. Sprich doch bedachtsam, wolle doch das Böse nicht Mit Bösem heilen, mehre nicht den Fluch der Schuld. Zweite Strophe. Ajas. Den Muthvollen sich, den Großherzigen, Den Mann ohne Furcht in graunvoller Schlacht, So kühn kämpft' er wider harmloses Vieh! Weh mir des Hohnes! Welche Schmach bestrickte mich! Tekmessa. Nicht also sprich, Fürst Ajas, ich beschwöre dich! Ajas. Bleib' außen! Wende deinen Fuß sogleich zurück ! Ach, ach, ach, ach! Der Chor. gib, bei allen Göttern, nach und fasse dich! Dritte Strophe. Ajas. Unseliger, daß ich der Hand die Frevler dort entrinnen ließ, Und in gehörnte Rinder und der Ziegen Schaar fallend mit Wuth, Ihr dunkles Blut verströmte! Der Chor. Wie magst du jammern über ein vollbrachtes Werk? Gescheh'nes wird ja nimmer ungescheh'n gemacht. Zweite Gegenstrophe. Ajas. Du stets aller Frevel Werkzeug, o Sohn Laertens, mit dem allezeit wachen Blick, Garstiger Lotterbub' und Ausbund im Heer, Wohl hebst du lautes Lachen an aus Herzenslust! Der Chor. Ein Jeder lacht und jammert, wenn's ein Gott ihm schickt. Ajas. O säh' ich ihn jezt, beugt mich auch solch tiefe Schmach! weh, weh mir! Tekmessa. Sprich nicht vermessen! Siehst du nicht, wie tief du sankst? Dritte Gegenstrophe. Ajas. Zeus, meines Geschlechts Ahnherr! Ach, könnt' ich diesen gleißenden,[OCR transcription; compare the scan.] Ajas, der Sohn des Telamon, war ein Enkel des Aeakos, und dieser ein Sohn des Zeus und der Aegina. Printed p. 155 Schälkischen Feind vertilgen samt den beiden Heerfürsten, und dann Am Ende selbst auch sterben! Tekmessa. Erflehst du dieses, flehe dann für mich zugleich Um Tod: wozu denn leb' ich noch, wenn du mir starbst? Ajas. weh! Vierte Strophe. Dunkel, o du mein Licht![OCR transcription; compare the scan.] Ajas ruft das Dunkel der Unterwelt als sein Licht, die Grabesnacht als seine Sonne an, ihn aufzunehmen. Printed p. 155 Düstere Grabesnacht, leuchtende Sonne mir! Onehmt, o nehmt mich als Bewohner auf, Ia, nehmt mich auf! Ich bin nimmer hinfort würdig, zu schaun Nach schwacher Menschen Hülfe, noch nach eurem Schuz, Götter! Denn die Göttin, Zeus'[OCR transcription; compare the scan.] Die Tochter des Zeus ist Athene. Printed p. 155 Grimme Tochter, lud Tödtliche Qual auf mich. Nun, wohin entflieh'n? Wo wird Ruhe mir, Wenn ich eitle Rach', o Freunde, nahm, Und bei den Opfern blinder Wuth hier liege, wenn, Zwiefach bewehrt, das Heer zu meinem Morde die Hand hebt? Tekmessa. Jammer, daß ein edler Mann so reden mag! Er hätte solcher Worte sich vormals geschämt! Ihr, ach! Vierte Gegenstrophe. Ajas. Die ihr zum Meere rauscht, Ströme, du Hain, und ihr, Grotten am Meeresstrand! So lange, lange Zeit fesselt ihr Mich schon an Troja's Flur; aber hinfort fesselt ihr mich Nicht athmend mehr im Lichte: hör' es, wem der Sinn hell ist! Skamandros' Flut, Nachbarlicher Strom, Hold dem Achäervolk,[OCR transcription; compare the scan.] Ajas faßt das wehmüthige Gefühl, das ihn darüber ergreift, daß der Schauplaz seines Ruhmes wohl noch den anderen Griechen, aber nicht mehr ihm selbst zur Erringung neuer Lorbeeren winke, in das Wort εύφρονες Αργείοις (hold dem Achäervolk) zusammen. Printed p. 155 Nimmer siehst du mehr Mich, (ein stolzes Wort Sprech' ich aus!) den Mann, dem Keiner gleicht Von Allen, welche Troja noch aus Argos' Land Erscheinen sah: und nun so ruhmlos Lieg' ich am Boden! Der Chor. Nicht wehren kann ich deinem Wort, noch kann ich so Dich reden lassen, da du ringst mit solcher Noth. Ah, ah! Ajas. Wer konnte jemals ahnen, daß mein Name so Bedeutsam stimmen würde noch zu meinem Leid? Denn nun geziemt mir's doppelt Ah! zu rufen und Dreifach: ein solcher Jammer hat mich heimgesucht, Mich, dessen Vater aus des Ida Fluren hier, Im Heer von Argos mit des Muthes erstem Preis[OCR transcription; compare the scan.] Telamon erhielt die Tochter des troischen Königs Laomedon, Hesione, des Teukros Mutter, von Herakles als Preis der Tapferkeit zur Gemahlin. Printed p. 155 Geschmückt, nach Hause kehrte, groß durch jeden Ruhm. Und ich, des Helden Sprosse, der zum gleichen Ort Nach Troja ziehend, nicht an Kraft dem Bater weicht, Noch schwäch're Thaten ausgeführt mit diesem Arm, Muß also ruhmlos untergeh'n durch Argos' Volk. Und dieses Einen glaub' ich doch gewiß zu sein: Wenn lebend über seine Wehr Achilles selbst Bestimmte, wer sie nehmen soll als Heldenpreis: Wohl hätte keines Andern Arm sie mir entrückt. Nun wandten Atreus' Söhne sie dem Argen zu, Dem Ränkeschmid, und boten Ajas' Rechten Hohn. Und hätte Geist und Auge nicht in schrecklichem Irrwahn verlassen meinen Sinn: nie hielten sie Ein solch Gericht mehr über einen andern Mann. Nun hat mich Zeus' graunblickend unbezwinglich Kind, Als ich den Arm schon wider sie zur Rach' erhob, Berückt, in tollem Rasen mir den Geist erregt, Daß ich die Hände taucht' in nichtiger Heerden Blut. Und jene lachen meiner, sind davongeflohn, Zwar nicht mit meinem Willen. Doch wenn uns ein Gott Berückt, entrinnt ein Feigling auch dem Tapfern wohl. Nun, was beginn' ich? Zürnen mir doch offenbar Die Götter alle, feindlich grollt mir Argos' Heer, Mich haßt die ganze Troja, mich die Fluren hier. Wie? Soll ich heimwärts segeln durch's Aegäermeer, Verlassen Atreus' Söhne hier am Lagerstrand? Und welches Auge zeig' ich dann dem Vater dort, Dem Telamon? Wie kann er's tragen, mich zu seh'n, Mich, der entblößt von jedem Siegespreis erscheint, Wodurch er selbst des Ruhmes hohen Kranz gewann? Das kann ich nicht ertragen. Oder geh' ich hin Zum Wall der Troer, fall' allein auf sie allein, Und führe Heldenthaten aus und sterbe dann? Doch wohl des Atreus Söhnen macht' ich Freude so. Nicht also sei es! Eine Probe muß ich mir Aussinnen, die dem greisen Vater zeigen soll, Daß nicht entartet, ohne Herz sein Sprosse sei. Denn Schande bringt's, wenn Einer langes Leben wünscht, Der wandellosem Ungemach verfallen ist. Wie kann der Tag erfreuen, der dem Tage folgt? Er nähert doch nur und entfernt des Todes Ziel. Nicht kaufen möcht' ich, auch um keinen Preis, den Mann, Der sein Gemüth an eitler Hoffnungsflamm' erwärmt. Nein, schön zu leben oder schön zu sterben nur Geziemt dem Edlen. Alles hast du nun gehört. Der Chor. Wohl Keiner sagt, Herr, daß ein Wort, fremdher entlehnt, Du mir geredet; nein, es kam aus deiner Brust. Doch laß es gut sein, laß von deiner Freunde Rath Dein Herz bezwingen, und verbanne diesen Gram. Tekmessa. Herrscher Ajas, härter drückt kein andres Leid Die Menschen, als des Knechtes unfreiwillig Loos. Frei war der Vater, welchem ich entsprossen bin, Wie Keiner, reich und mächtig einst im Phrygerland; Nun bin ich Sklavin: so gefiel's den Göttern wohl, Und deiner Hand vor Allem. Drum, seitdem ich, Herr, Dein Lager theile, bin ich dein mit Liebe stets. Und nun beschwör' ich bei dem Zeus des Herdes dich,[OCR transcription; compare the scan.] Zeus heißt der Zeus des Herdes als Vorsteher des Hauses, und Beschüzer des Hausvereines. Printed p. 156 Bei deinem Lager, welches dich mit mir vereint : Von deinen Widersachern laß kein höhnend Wort Jemals mich hören, gib mich nicht in ihre Hand! Denn solltest du mir sterben und im Tode mich Verlassen, ja dann glaube, daß an diesem Tag Auch ich, gewaltsam weggeraubt von Argos' Heer, Das Joch der Knechtschaft dulden muß mit deinem Sohn. Da spricht der Herren mancher wohl ein bittres Wort, Und rust, mich höhnend: Sehet hier das Eheweib Des Ajas, der so mächtig Argos' Heer gebot, Seht, welche Knechtschaft sie getauscht um welches Glück! So redet Mancher. Mich verfolgt ein böser Gott, Dir bringen diese Worte Schmach und deinem Stamm. Nein, scheue deinen Vater, und verlaß ihn nicht Im trüben Alter, scheue fromm die Mutter auch, Die schon so viele Jahre sah und oft um dich Die Götter anfleht, daß du lebend wiederkehrst; Mitleidig denke deines Sohns, der ohne dich, Allein, beraubt der jungen Pflege, schmachten wird In eines Vormunds harter Zucht, welch bittre Noth Du mir und diesem, wenn du stirbst, zum Erbe gibst! Mir blieb ja Nichts, worauf ich hoffend schauen kann, Als du. Die Stadt der Väter hast du mir zerstört, Und Mutter, Vater raffte mir ein andres Loos Hinab in Hades' Todeshaus, zu wohnen dort. Wo fänd' ich anders, als in dir, mein Vaterland? Wo fänd' ich Reichthum? Nur in dir ruht all mein Glück. So denke denn auch meiner! Ziemt's dem Manne doch, Erinnerung zu pflegen, wenn ihm Liebes ward, Und Liebe zeuget allezeit auch Liebe ja. Doch wer Erinn'rung alter Huld zerrinnen läßt, Der ist in keinem Falle mehr ein edler Mann. Der Chor. Ich wollte, Mitleid wohnte dir im Busen, Herr, Wie mir; gewiß, du lobtest, was dir diese rieth. Ajas. Und sicher wird ihr hohes Lob von mir zu Theil, Wofern sie nur willfährig mein Gebot erfüllt. Tekmessa. In Allem, Ajas, theurer Mann, gehorch' ich dir. Ajas. So bringe meinen Knaben mir, ich will ihn sehn. Tekmessa. In banger Sorge hab' ich ihn hinweggebracht. Ajas. In meinem Leid hier? Oder was besorgtest du? Tekmessa. Er finde, dir begegnend, jammervollen Tod. Ajas. Dazu mich treiben konnte wohl mein böser Geist. Tekmessa. Dies abzuwehren, gab ich ihn in treue Hut. Ajas. Die That, die Vorsicht lob' ich, die du hier geübt. Tekmessa. Und welchen Dienst denn kann ich dir noch weiter thun? Ajas. Laß mich den Sohn anreden, ihm in's Auge seh'n. Tekmessa. Unfern von hier bewahren unsre Diener ihn. Ajas. Was säumt er also, daß er nicht sogleich erscheint? Tekmessa. Mein Sohn, der Vater ruft dich. Bring' ihn uns heran Der Diener, der ihn eben an den Händen führt! Ajas. Erscheint er oder hört er nicht auf deinen Ruf? Tekmessa. Schon bringt ihn hier ein Diener aus der Nähe her. (Eurysakes kommt, von einem Diener geführt, der ihn der Tekmessa übergibt.) Ajas. Erheb' ihn, hierher heb' ihn! Denn erschrecken wird Gewiß der Anblick, dieses frische Blut ihn nicht, Wenn wirklich mein, wenn seines Vaters Sohn er ist. Ja, nach des Vaters rauher Art soll frühe sich Der Knabe tummeln, soll sich ihm verähnlichen. Mein Sohn, beglückter werde, denn dein Vater war, Und sonst ihm ähnlich, und fürwahr, schlecht wirst du nicht! Wiewohl ich jezt schon preisen mag dein glücklich Loos, Daß du von diesen Leiden hier noch Nichts erkennst. Denn unbewußt hinleben ist das Süßeste, Bis daß du lernest, was der Schmerz, was Freude sei. Doch wenn du dahin kamest, dann bewähre dich Des Vaters Feinden, wer du seist und wessen Sohn. Indessen weid' in leichter Luft, und pflege dir Die junge Seele, deiner Mutter hier zur Lust. Traun, kein Achäer, weiß ich, darf mit finsterm Hohn Dich schnöd verlezen, bist du gleich von mir getrennt. Als solchen Wächter laß' ich Teukros dir zurück, Als treuen Pfleger ohne Furcht, obgleich er jezt Entfernt umherschweift, jagend auf der Feinde Spur. Ihr schildbewehrten Männer, meerumwohnend Volk, Euch leg' ich diesen Liebesdienst gemeinsam auf, Und jenem meldet mein Gebot: er führe heim Zu meinem Land den Knaben, und dem Telamon Und meiner Mutter Eriböa zeig' er ihn,[OCR transcription; compare the scan.] Eriböa, die Mutter des Ajas, war eine Tochter des Alkathoos von Megara, welche Landschaft die Athener als uralt attisch betrachteten, indem sie als Theil der alten Jonia dem Theseus unterworfen gewesen sei. Printed p. 156 Damit er ihnen Pfleger einst im Alter sei, Bis drunten sie des Schattengottes Haus empfängt. Und meine Rüstung möge kein Kampfordner je Dem Heer zum Preis aussezen, noch mein Peiniger! Nein, nimm du selbst ihn, Knabe, nimm den breiten Schild,[OCR transcription; compare the scan.] Eurysakes, wie der Sohn des Ajas und der Tekmessa heißt, ist so viel als Breitschild (von εὐρὺς und σάκος). Vgl. zu V. 18. Printed p. 156 Nach dem du heißest, schwing' am bunten Riemen ihn, Den sieben Häute decken, den kein Speer durchbrach: Der andere Wehrschmuck werde mir in's Grab gelegt! (zu Tekmessa:) Nun aber eile, nimm mit dir den Knaben fort, Und schleuß die Wohnung, und erheb' am Zelte kein Wehklagen; Frauen sind zu Thränen gar geneigt. Gleich schleuß die Pforte! Traun, mit Klageruf beschreit Kein weiser Arzt ein Uebel, das den Schnitt verlangt. Der Chor. Voll Bangen hör' ich, was du sinnst in raschem Muth; Denn mir behagt die Schärfe deiner Zunge nicht. Tekmessa. Herrscher Ajas, was gedenkst du denn zu thun? Ajas. Nicht frage mich, nicht forsche: Maß ziemt überall. Tekmessa. Wie bangt mir, ach! Bei deinem Kinde fleh' ich dir Und allen Göttern, o verlaß uns Arme nicht! Ajas. Du quälst mich grausam. Weißt du nicht, daß ich, o Frau, Den Göttern keinen Liebesdienst mehr schuldig bin? Tekmessa. Sprich nicht vermessen! Ajas. Mahne den, der hören will! Tekmessa. Nicht folgen willst du? Ajas. Ich zitt're, König Laß dich erbitten! Viel zu viel schon schwazest du. (zu den Dienern) Eilig schließt die Thüre zu! Aberwizig scheinst du mir, Wofern du jezt noch meinen Sinn zu meistern deukst. (Ajas und Tekmessa mit dem Knaben ab; der Chor bleibt allein zurück.) Erste Strophe. Der Chor. Ruhmvoll thronest du, Salamis, Du von Wogen umspültes Glückseiland, Stets Allen im Glanze sichtbar! Doch ich verweile undenkliche Zeiten, ach! Hier auf des Ida grasüppiger Lämmerau, Von hineilender Jahre Flucht ewig Verzehrt, ledig des Ruhms, Und bang harrend in Furcht, Endlich zu geh'n die Bahn Zum Graunthale des düstern Hades. Erste Gegenstrophe. Ajas, schwer zu beschicken, ist[OCR transcription; compare the scan.] Zu den vielen Kämpfen, die ich bisher bestanden, kommt nun noch ein neuer, schwererer Kampf mit Ajas, dem schwer zu handhabenden, der in Wahnsinn verfallen ist. Schneidewin. Printed p. 156 Mir gesellt, und erneut den Kampf, ach, ach! Durch göttliche Wuth getrieben, Er, den du sandtest einst, als er im Waffensturm So groß war; nun verirrt, schwärmt er auf einsamer Trift, die Freunde mit herber Qual marternd. Was sein tapferer Arm Ehmals herrlich vollbracht, Von der Atriden Haß Verkannt fiel's, von der Thoren Undank. Zweite Strophe. Wohl hebt die Mutter, die alternder Tage Last, Von Alter weiß, hinschleppt, wann sie vernahm die Botschaft Von des Verirrten Wahnsinn, Klagenden, klagenden Wehruf nicht, wie der helljammernde Vogel, Die Unselige, nein, weinen in wildem Schmerzlaut Wird sie, wird mit den Händen Sich zerschlagen die Brüste, Daß es hallt, und das Silberhaar zerraufen. Zweite Gegenstrophe. Denn besser wär's, das Grab schlösse den Kranken ein, Der, edel von Geschlecht, Allen im Heere vorstrahlt Duldender Argossöhne, Und dem ererbten Geist Nicht treubleibend, auf Irrpfaden umherschweist. Vater, wehe dir! Welch bittere Kunde wartet Dein vom schweren Geschick des Sohnes, wie es die Zeiten Keinem Aeakossohne noch erschufen![OCR transcription; compare the scan.] Vgl. zu V. 370. Printed p. 156 (Ajas und Tekmessa kommen aus dem Zelte zurück.) Ajas. Tekmessa. Der Chor. Ajas. Die lange, schrankenlose Zeit deckt Alles auf, Was ruht im Dunkel, und verhüllt das Strahlende. Nichts Unverhofftes gibt es; nein, gebrochen wird Auch hoher Eidschwur, auch der felsenstarre Muth. Auch ich, in rauhem Sinne fest verhärtet einst, Ward, ölgetränktem Eisen gleich, von dieser Frau Erweicht zur Milde; mich betrübt's als Wittwe sie Zu lassen unter Feinden und den Sohn verwaist. Drum eil' ich hin zum Bade nach den grünen Au'n Des Meergestades, ob ich, rein von meiner Schuld Mich waschend, Pallas' schwerem Zorn entrinnen mag; Und fand ich eine Stätte, die kein Fuß betritt, Da berg' ich diese Waffe, mein verhaßtes Schwert, In tiefer Erde, wo sie Niemand sehen soll; Rein, Nacht und Hades nehme sie dort unten auf! Denn seit dem Tag, an welchem meine Hand die Wehr[OCR transcription; compare the scan.] Ajas und Hektor kämpften einzeln mit einander. Nach dem Zweikampfe, welchen die Herolde und die einbrechende Nacht endigten, schenkte Hektor dem Ajas ein Schwert, dieser dem Hektor einen purpurnen Gürtel. Printed p. 156 Von Hektor, diesem schlimmsten Feind, als Gabe nahm, Genoß ich keines Glückes mehr in Argos' Volk. Wohl ist es Wahrheit, was der Spruch der Menschen sagt: Des Feindes Gab' ist keine, bringt uns nie Gewinn. Drum will ich künftig lernen mich der Götter Macht Zu fügen, Atreus' Söhnen stets zu huldigen. Sie sind die Herrscher: ihnen denn gehorche man! Denn selbst das Starke, selbst das Algewaltige Weicht hohen Würden: also macht der Winter ja, Der schneeumhüllte, fruchtbelad'nem Sommer Naum: So weicht der düstre Kreis der Nacht dem leuchtenden Gespann des Tages, daß er strahlt in hellem Glanz; Der wilden Winde leis'rer Hauch besänftiget Des Meeres Toben; auch der Allbezwinger Schlaf Löst, wen er fesselt, und umfängt nicht ewig uns. Wie sollten wir nur weisem Maß nicht huldigen? Ia, deutlich seh' ich eben und erkenne dies: Den Widersacher darf ich so weit hassen nur,[OCR transcription; compare the scan.] Nach Aristoteles gab schon Bias, einer der sieben Weisen, die Lehre, zu lieben, als werde man hassen, und zu hassen, als werde man wieder lieben. # Printed p. 157 Als würd' er noch mich lieben, und dem Freunde will Ich fürder so viel helfen und zu Dienste sein, Als blieb' er mirs nicht immer; denn bei Menschen ist Gar oft der Freundschaft Hafen falsch und trügerisch. Nun, dieses will ich reiflich stets bedenken. Du Geh schnell hinein, Frau, flehe mir die Götter an, Zum guten Ziel zu führen, was mein Herz verlangt! (Tekmessa geht ab in das Zelt.) Und ihr Genossen, ehret ihr auch mein Gebot, Wie diese; deutet, wann er kommt, dem Teukros an, Für uns zu sorgen und zugleich euch hold zu sein. Ich gehe dorthin meinen Pfad, wohin ich muß; Thut ihr nach meinen Worten; bald vernehmt ihr wohl, Daß, leid' ich jezt auch, meine Noth ihr Ende fand. (er geht ab; der Chor bleibt allein zurück.) Strophe. Der Chor. Vor Freude schaudr' ich, hoch in Wonne flieg ich auf. Lust, o Lust! Pan, Pan, Pan, Pan, schreitend das Meer hindurch,[OCR transcription; compare the scan.] Pan ist in Arkadien geboren, wo der Berg Kyllene liegt. Printed p. 157 Vom Felshaupte Kyllene's, dem Schneeumstürmten, herab erschein' uns, Fürst, Anführer der Götterreigen, Tänze, nysische, knosische,[OCR transcription; compare the scan.] Nysische Tänze deuten auf Dionysos. Gemeint sind heitere Tänze, wie sie von Satyrn und Nymphen, auf der Bergflur von Nysa, der Heimat des Dionysos, getanzt wurden. Knossos war eine Stadt auf der Insel Kreta. Dort waren zu Ehren der Ariadne, der Gemahlin des Dionysos, muntere Tänze üblich, deren schon die Ilias erwähnt. Printed p. 157 Selbsterfonnene, mir gesellt, zu schlingen![OCR transcription; compare the scan.] Selbsterfonnene Tänze, die der Chor extemporirte, im Gegensaze gegen die künstlichen Schwenkungen der nysischen und knossischen Tänze. Printed p. 157 Heute gelüstet uns nach Reigen. Schwinge dich über des Ikaros Flut heran, o Fürst Apollon,[OCR transcription; compare the scan.] Die Jusel Delos, wo Apollon geboren wurde, lag in dem Meere, das von dem Sturze des Ikaros das ikarische Meer genannt ward. Printed p. 157 Delier, komm sichtbar! daß du stets gnädig um uns verweiltest! Gegenstrophe. Denn Ares nahm vom Auge mir den finstern Gram.[OCR transcription; compare the scan.] Ares ist der Urheber jedes Unheils. Das Uebel aber, das ein Gott sendet, wehrt er auch ab. Printed p. 157 Lust, o Lust! Nun darf, Nun darf wieder, o Zeus, das Licht Glanzvoll strahlender Tage den Meerdurcheilenden Schiffen nahen, Weil, der Qualen vergessend, Ajas Wieder würdige Opfer bringt, Nach altheiligem Brauch die Götter ehrend. Alles verzehrt die Macht der Zeiten; Und Nichts nenn' ich hinfort unerhört, da wider Hoffen Ajas Sich wandte vom Groll, vom Streit, Der ihn entflammt wider den Stamm des Atreus. Ein Bote. Der Chor. Der Bote. Ihr Männer, erst die frohe Kunde meld' ich euch: So eben langte Teukros an von Mysia's Felshöhen. Als er mitten hin zum Lager kam, Verhöhnten alle Krieger ihn aus Einem Mund. Denn als sie fern ihn kommen sah'n, umstanden ihn Die Kecken rings in Kreisen, überhäuften ihn Von allen Seiten allzumal mit Schmähungen, Den Bruder ihn des Tollen, der dem Freundesheer Nachstelle, scheltend; Nichts verhind're, riefen sie, Daß er zerschellt von Steinen sterb' in grausem Tod, So kam es dahin endlich, daß in ihrer Hand Die nackten Schwerter blizend aus der Scheide floh'n. Doch ward der Hader, angelangt am Aeußersten, Besänftigt durch der Greise mild versöhnend Wort. Wo treff' ich Ajas aber, ihm das kundzuthun? Denn Alles muß den Herren doch gemeldet sein. Der Chor. Du findest ihn nicht innen; eben ging er fort; Denn neue Plane gab ihm ein der neue Sinn. Leid, o Leid! Der Bote. Zu säumig hat uns also, der uns dieses Wegs Herschickt, gesendet, oder ich war säumig wohl. Der Chor. Was ist verloren, das zu thun hier nöthig war? Der Bote. Den Mann gebietet Teukros aus dem Zelte nicht Herauszulassen, eh' er selbst zur Stelle sei. Der Chor. Fort aber ist er, umgewandt zum heilsamsten Entschluß: zu sühnen trachtet er der Götter Zorn. Der Bote. Voll arger Thorheit sind die Worte, die du sprichst, Wenn anders Kalchas wohlbedacht Wahrheit enthüllt.[OCR transcription; compare the scan.] Kalchas, Thestors Sohn, der Seher im Heere der Griechen, ist schon aus der Ilias bekannt. Printed p. 157 Der Chor. Was sagte dieser? Was vernahmst du selbst davon? Der Bote. So viel vernahm ich, und befand mich selber dort. Vom Kreis der Fürsten, der vereint im Rathe saß, Ging Kalchas seitwärts und von Atreus' Söhnen fern; Er fügte freundlich seine Hand in Teukros' Hand, Und mahnte dringend, daß er noch an diesem Tag, Der heute leuchtet, im Gezelt mit aller List Zurück den Ajas halte, daß er nicht heraus Ihn lasse, woll' er fürder ihn noch lebend schaun. Denn heut, an diesem Tage nur verfolgt den Mann Der Zorn der hohen Pallas, wie der Seher spricht. Denn ungeschlachte Leiber, übermüthige, Stürzt eine Gottheit schwer hinab in Mißgeschick, (So sprach der Weise,) wenn ein Mensch, in menschlicher Natur erschaffen, höher als ein Mensch sich dünkt. Doch er bewies sich aus der Heimat ziehend schon Als unverständig bei des Vaters weisem Wort. Denn dieser rief ihm warnend zu: Sohn, strebe mir Im Kampfe Sieger, aber stets mit Gott, zu sein! Und er versezte prahlerisch voll Unverstand: Mit Göttern, Vater, mag sogar der Nichtige Den Sieg erringen, aber ich vertraue fest: Erstreiten werd' ich diesen Ruhm auch ohne sie. So prahlt er übermüthig. Dann ein andermal, Als ihn die hohe Pallas einst ermunterte, Die blut'ge Hand zu wenden auf des Feindes Haupt, Erwidert er das unerhörte kühne Wort: Den Andern, Herrin, bleibe nah' in Argos' Heer; Niemals, wo wir steh'n, bricht hindurch der Sturm der Schlacht. Durch solche Reden weckt' er sich den schweren Zorn Der Göttin, weil er Höh'res sann als Menschen ziemt. Doch, bleibt er lebend diesen Tag, dann möchten wir Vielleicht mit Götterhülfe noch ihm Netter sein. So sprach der Seher, und sogleich vom Rath hinweg Schickt Teukros mich mit dieser Weisung her zu dir, Sein wohl zu wahren. Aber wenn der Mann entwich,[OCR transcription; compare the scan.] Wörtlich: „aber fehlt' ich meines Ziels" (vgl. die zweite Auflage dieser Uebersezung), d. h. wenn ich zu spät anlangte und Ajas bereits entwich, so daß die Weisung des Teukros nichtig ist. Printed p. 157 Dann ist's um ihn geschehen, spricht der Seher wahr. Der Chor. Tekmessa, Kind des Schmerzens, Unglückselige, O komm und sich den Boten, was uns dieser sagt! Das schneidet tief in's Leben, daß die Freude flieht. Tekmessa. Die Vorigen. Tekmessa. Was störet ihr mich Arme, die sich kaum erholt Vom schweren Leide, wieder auf von meinem Siz? Der Chor. Vernimm von diesem Manne, welch ein neues Leid Er uns von Ajas meldet, das mich tief betrübt. Tekmessa. Weh mir, o Mann, was bringst du? Wär's um uns gescheh'n? Der Bote. Ich weiß von deinem Leide Nichts; um Ajas nur, Wofern er außen weilet, muß mir bange sein. Tekmessa. Wohl ist er außen; Schmerz erweckt mir, was du sagst. Der Bote. Befehlen läßt euch Teukros, daß ihr ihn im Raum Des Zeltes halten, nicht allein fortlassen sollt. Tekmessa. Wo weilet Teukros? Und wozu gebot er dies? Der Bote. Bald wird er hier erscheinen; doch befürchtet er, Daß dieser Gang dem Ajas unheilbringend sei. Tekmessa. Ich Arme, weh mir! Und von wem erfuhr er das? Der Bote. Vom Seher, Thestors Sohne, der ihm offenbart,[OCR transcription; compare the scan.] Thestors Sohn, Kalchas. Hom. Jl. 1, 69. Printed p. 157 Daß dieser Tag ihm Leben oder Tod verhängt. Tekmessa. Weh, Freunde! Wendet solchen Drang der Noth mir ab, Und eilet, ihr, daß Teukros ungesäumt erscheint; Ihr nach des Ostes Thälern, ihr zum Niedergang Gewandt, erspäht mir Ajas' unheilvollen Pfad! Denn nun erkenn' ich, daß er mich getäuscht, der Mann, Aus seiner alten Liebe mich verstoßen hat. Weh, was beginn' ich, Knabe? Rasten darf ich nicht; Nein, selber will ich gehen auch, wohin ich kann! Fort, eilet, seid nicht müssig; Zeit ist nicht, zu ruh'n, Wer einen Mann will retten, der zu sterben eilt! Der Chor. Ich bin bereit, und nicht im Worte zeig' ich's nur: Die rasche That folgt, und der Fuß stürmt fort im Flug. (Alle ab. Die Scene verändert sich. Einsame, waldige Gegend am Meer- gestade. Ajas tritt auf, und steckt sein Schwert mit dem Griffe in die Erde.) Ajas. Da steht der Mordstahl, meine Brust am sichersten Zu treffen, wenn mir Muße noch zum Prüfen blieb, Die Gabe Hektors, der im Fremdlingsvolke mir Verhaßt vor Allen und zu seh'n ein Gräuel war. In Feindeserde steht er hier, im Troerland, Am Steine frischgeschliffen, der das Eisen schärft: Wohl zugerichtet hab' ich ihn und eingebohrt, Den treusten Helfer meiner Brust zu jähem Tod. So wär' ich wohlbereitet! Und nun leihe du, Zeus, vor Allen Hülfe mir, wie's billig ist! Doch nicht um große Gaben fleh' ich, Herr, dich an: Nur einen Boten sende, der das Trauerwort Zu Teukros bringe, daß er mich zuerst erhebt, Nachdem ich sank in dieses blutgetränkte Schwert, Auf daß der Feinde keiner mich zuvor erspäht, Und Vögeln oder Hunden hin zum Raybe wirft. Nur dieses Eine fleh' ich, Zeus! Auch ruf' ich dir, Dem Todtenführer Hermes, bette du mich sanft, Nachdem ich, raschen Sprunges, ohne Zuckungen, Den Mörderstahl in meine Seiten eingebohrt. Als Helferinnen ruf' ich an die ewigen Jungfrau'n, die ewig alle Noth der Erde schaun, Die hehren Nachgöttinnen, die weitschreitend nah'n, Zu seh'n, wie Atreus' Söhne schnöd mich mordeten! mögt ihr schlimm die Schlimmen, Allverderblichen, Mit euch entraffen! Wie sie mich vom eignen Schwert Hinsinken sehen, mögen sie gemordet selbst Von ihres eignen Stammes Hand zu Grunde gehn! Ja, kommt, Erinnen, racheschwer, mit schnellem Schritt, Uebt keine Schonung, sättigt euch am ganzen Heer! Du, der am hohen Himmel hin den Wagen führt, Erblickst du meiner Ahnen Land, o Helios, So ziehe schnell die goldgesäumten Zügel an, Und meine Qualen melde dort und meinen Tod Dem greisen Vater und der armen Pflegerin! Die Jammervolle, wenn sie diese Kunde hört, Füllt wohl mit lautem Klageruf die ganze Stadt. Doch gilt es nicht ein thatenloses Trauern hier; Nein, angegriffen sei das Werk in raschem Muth! O Tod, o Tod, erscheine, wend' auf mich den Blick! Doch dich begrüß' ich drunten noch, mit dir vereint. Dich aber, lichten Tages Glanz, der heute strahlt, Und Helios, den Wagenlenker, ruf' ich an Zum leztenmale, künftighin nie wieder mehr! Licht, o Heimaterde, dich, geweihtes Land Von Salamis, o meines Vaterherdes Siz, Dich, Burg Athene's, dich Geschlecht, mit mir genährt, Euch Flüsse hier und Quellen, euch, ihr troischen Gefilde, ruf' ich, meine Pfleger, lebet wohl! Dies Wort, sein allerleztes, rust euch Ajas zu; Das Andre sag' ich jenen dort in Hades' Haus. (er tritt hinter das Gebüsch und stürzt sich in sein Schwert.) (er tritt nach einander in zwei Halbchören von zwei entgegengesezten Seiten ein.) Der erste Halbchor. Der Mühe schafft die Mühe Müh! Wo, wo, Wo betrat ich nicht den Pfad? Und nirgendwo beut sichre Kunde mir ein Ort. Vernimm! Wieder hör' ich einen Schall. Wir sind es, wir Genossen eurer Meeresfahrt. Wie steht es! (eintretend) Der zweite Halbchor. Des Lagers Abendseite hab' ich ganz durchspäht. Der erste Halbchor. Und fandst du -? Der zweite Halbchor. Mühsal die Menge, für das Auge weiter Nichts. Der erste Halbchor. Auch mir, gewendet Hat sich von Ajas nirgend eine Spur gezeigt. nach der Morgensonne Bahu, wer thut es kund? Strophe. Der ganze Chor. Ist es ein Fischer, der Sich, mühselig härmt bei schlaflosem Fang, Ist es der Göttinnen Eine von Olympos' Höhn,[OCR transcription; compare the scan.] Gemeint sind die Nymphen des mysischen Olympos, welchen die Tragiker mit dem troischen Idagebirge identificiren, wie Strabo klagt X., 186. Printed p. 157 Oder ein flutender Bosporosstrom, Die wo den unmuthschweren Mann Irren geseh'n? Ach, wer sagt es uns? Traurig wohl, Daß ich, in langen Müh'n umherschweifend, ihn Nirgend fand, glücklichen Lauses froh, Und nirgend sah des sinnberaubten Mannes Spur! (hinter der Scene) Tekmessa. weh, weh mir! Der Chor. Ha, wessen Nuf, so nahe, schallt vom Haine her? Tekmessa. Ich Unselige! Der Chor. Es ist die arme, mit dem Speer errungne Braut, Tekmessa, die versunken klagt in solchem Leid. (hervortretend) Tekmessa. Ich bin dahin, verloren, bin des Todes Naub! Was ist es? Hier liegt er, eben erst entfeelt, in seinem Blut, Ajas, in's tiefverborgne Schwert hineingestürzt. Der Chor. Weh mir der Heimfahrt, weh! Weh, weh mir, du mordetest, Herrscher, Deinen Schiffsfreund, Unseliger! Weh dir, unglücklich Weib! Tekmessa. Wohl ziemt es, Ach zu rufen bei so bitt'rem Leid. Mit wessen Hand that's der Unglückselige? Mit eignen Händen: offenbar! Ihn zeiht der That Das Schwert, in das er stürzte, das im Boden starrt. Der Chor. Wehe mein Irrwahn, weh! Allein saukst du hin,[OCR transcription; compare the scan.] Für οἷος Ι. οἷος. Printed p. 157 Vom Freund unbewacht![OCR transcription; compare the scan.] Mann unseligen Namens": vgl. zu V. 409. Printed p. 157 Und ich, so ganz verblendet, so ganz wie betäubt, Versäumte dich! Wo liegst du, wo, Du mit dem eisernen Sinne, der Mann unseliges Namens? Tekmessa. Kein Auge schau' ihn; nein, in dies umhüllende Gewand verbergen will ich ihn, weil Keiner, auch Der Freunde keiner, diesen Anblick trüge, wie Zum Haupt empor aus dunkler Wunde, die er selbst Sich mörderisch geschlagen, strömt das schwarze Blut. Weh, was beginn' ich? Welcher Freund erhebt dich? Wo Ist Teukros? Käm' er eben heim, er käme recht, Daß er den todten Bruder mit bestattete. Ach, armer Ajas, welch ein Held! Welch herbes Loos Fiel dir, der lauten Klagen selbst des Feindes werth! Gegenstrophe. Der Chor. Verhängt also war's, verhängt, Armer, dir, Mann mit dem starren Sinn, endlich das grause Loos Ewiger Müh'n zu vollenden, ach! Solches Leid Hast du mit Seufzen mir stets geklagt, Bei Tag und Nacht, in wildem Muth, Grollend des Atreus Stamm, schweren Ingrimmes voll. Ja, maßloses Unheil regt' auf mit Macht Jener Tag, als die Gewaltigen Den Streit erhoben um Achilleus' goldne Wehr. weh, weh mir! Zum Herzen tief, ich weiß es, dringt ein großer Schmerz. weh, weh mir! Mich wundert nicht dein wiederholter Weheruf, Nachdem dir eben solcher Freund entrissen wird. Tekmessa. Du kannst den Schmerz begreifen; ich empfind' ihn schwer. Wir glauben's. Ach! Welchem Sklavenjoche gehen wir, o Kind, Entgegen? Welche Späher sezt man uns zur Hut? Der Chor. Wehe! Der zwei Feldherrn Unnennbaren Frevel berührst du, Die gefühllos dies Leiden schaun! Doch ein Gott wend' es ab! Tekmessa. Nicht also stünd' es, wollten's so die Götter nicht. Der Chor. Wohl überschwer häuften sie des Jammers Last. Tekmessa. Ja, solchen Fluch hat Pallas ausgesät, des Zeus Graunvolle Tochter, um Odysseus' willen nur. Der Chor. Düsteren Ingrimms voll, Alles zu wagen kühn, Verlacht dieser, ha! Mit lautem Hohngelächter den wüthenden Schmerz Des Mannes, und mit ihm, weh! Freuen sich, hören sie das, die Söhne des Atreus. Tekmessa. Sie mögen lachen, mögen sich an seinem Leid Erfreuen! Weckt' er lebend auch ihr Sehnen nicht, Den Todten ruft wohl ihre Klag' in Kampfesnoth. Nie mag ein Gut ja, welches er in Händen hält, Der Thor erkennen, bis es ihm entwunden ist. Mir ist sein Scheiden bitter, ihnen süße Lust, Ihm selbst erfreulich; denn wonach er sich gesehnt, Er hat's errungen, seiner Wünsche Ziel, den Tod. Was also mag sich über ihn ihr Spott ergeh'n? Den Göttern starb er, ihnen nimmer, nimmermehr![OCR transcription; compare the scan.] Den Göttern ist er gestorben", insofern er ihnen seine Ueberhebung büßen mußte; nicht den Feinden", deren " Unrecht ihn nicht dahin getrieben hatte. Athene hatte ihn ja zu entehrender That verleitet, in Folge welcher er sich tödtete. Schneidewin. Printed p. 157 Printed p. 158 Drum höhn' Odysseus immerhin mit eitlem Hohn! Denn keinen Ajas gibt es mehr für sie; doch mir, Mir ließ er scheidend Jammer nur und Gram zurück. (hinter der Scene) Teukros. O weh, weh mir! Der Chor. Halt ein! Mir dünkt, ich hörte Teukros' Stimme da Mit lauter Klage, wie sie stimmt zu diesem Leid. Teutros. Die Vorigen. Teukros. Geliebter Ajas, Auge, mir so nah verwandt! So hast du denn vollendet, wie die Sage herrscht? Der Chor. Er hat geendet, Teukros, zweifle nicht daran. Teukros. Dann wehe, weh mir Armen um mein schweres Loos! Der Chor. Bei solchen Schrecken - Teukros. Ach, ich Unglückseliger! Der Chor. Ziemt herbe Klage. Teukros. Weh, verhängnißschweres Leid! Der Chor. Zu schwer, o Teukros! Teukros. Wehe mir! Doch sagt mir an: Sein Knabe, wo weilt dieser mir im Troerland? Der Chor. Verlassen bei den Zelten. (zu Tekmessa) Teukros. Führ' ihn ungesäumt Hieher, den Armen, daß der Feinde keiner ihn Wegraube, wie der fernen Löwin junge Brut! Auf, eile, sei nicht lässig! Der Gestorbenen Nach ihrem Fall zu spotten, liebt ein Jeglicher. (Tekmessa ab.) Teukros. Der Chor. Der Chor. Und lebend noch, o Teukros, hat der Mann für ihn Zu sorgen dir empfohlen, wie du jezo thust. (den verhüllten Leichnam erblickend) Teukros. Oschwerer Anblick, mir der unglückseligste Von allen, die mein Auge je zuvor gesehn! O Weg, von allen Wegen mir am schmerzlichsten Die Brust beklemmend, welchen ich jezt eben ging, Geliebter Ajas, als ich dein Geschick erfuhr, Und deine Spuren rasch verfolgt' und spähend fand! Denn eine jähe Kunde, wie von einem Gott, Durchscholl Achäa's weites Heer, du seist dahin. Ich, das vernehmend, seufzte still, obwohl entfernt, Ich Armer; nun erblick ich's und vergeh' in Gram. Weh, weh! O komm, enthüll' ihn, laß mich seh'n mein ganzes Leid! (ein Diener enthüllt den Leichnam.) Anblick des wilden Grausens, kühn verwegne That! Welch bittern Kummer säst du mir durch deinen Tod! Denn nun, wohin, zu welchen Menschen kann ich fliehn, Nachdem ich dir im Leide niemals Hülfe bot? Wird Telamon, dein Vater wie der meine, mich Mit holdem Auge liebevoll empfangen, wenn Ich ohne dich erscheine? Was? Er, dessen Blick Sich auch im Glücke nie verklärt zur Heiterkeit? Was wird er bergen, welchen Hohn verschweigt er mir? Ich sei der Bastard, aus der Feindesbeut' erzielt, Der dich dahingegeben, feig, aus zager Furcht, Vielleicht aus Arglist, theurer Ajas, daß dereinst Dein Haus, des Todten, deine Macht mein Erbe sei! So schilt der Alte, mürrisch durch der Jahre Last, Der leicht erzürnte, der um Nichts in Streit entbrennt. Zulezt verstoßen, muß ich aus dem Lande fliehn,[OCR transcription; compare the scan.] Was Teukros hier befürchtet, traf wirklich ein. Vellej. Paterc. 1, 1. Teucer, non receptus a patre Telamone ob segnitiam non vindicatae fratris injuriae, Cyprum adpulsus cognominem patriae suae Salamina constituit. Printed p. 158 Und Sklave heiß' ich, der ich sonst ein Freier hieß. Dies wartet mein zu Hause; hier vor Troja sind Mir Viele feindlich, Wenig, was mir Hülfe bringt. Und dieses Alles wurde mir durch deinen Tod. Weh, was beginn' ich? Wie entreiß' ich deiner Brust Dies blanke, scharfe, bittre Schwert, den Mörder, der Dir, ach! den Tod gegeben? Sieh, so mußte noch Zulezt, im Tode, Hektor dein Verderber sein![OCR transcription; compare the scan.] S. zu V. 628. Hom. Jl. 7, 304: Hektor rief's und gab ihm ein Schwert voll silberner Buckeln, Bot ihm die Scheide zugleich und das zierliche Riemengehenk dar; Ajas. gab ihm dagegen den purpurschimmernden Leibgurt. Printed p. 158 (der Leichnam ist indessen von dem Schwerte abgezogen, auf die Bühne gebracht und das Schwert neben ihn hingelegt worden.) Erwägt, bei allen Göttern, beider Menschen Loos! Mit jenem Gurte, welchen Ajas ihm geschenkt, Ward Hektor einst am Wagenbuge festgeschnürt Und fortgerissen, bis das Leben ihm entfloh: Und Ajas, der von Hektor diese Gab' empfing, Liegt nun von ihr in mörderischem Sturz entſeelt. Hat nicht Erinnys dieses Schwert aus Erz geformt,[OCR transcription; compare the scan.] Die Erinnys und Hades haben die verderblichen Werkzeuge gefertigt, wie in den Trachinerinnen V. 1029 das dem Herakles tödtliche Gewand. Printed p. 158 Nicht Hades' grause Künstlerhand den Gurt gewebt? Drum sag' ich, daß, wie dieses, so auch Alles sonst Der Götter Rath stets wirke für die Sterblichen. Wem aber dies in seinem Sinne nicht gefällt, Der bleibe seinem Glauben treu, ich glaube dies. Der Chor. Nicht säume länger; sinne, wie den Todten du Im Grabe bergen, was du schnell erwiedern willst. Denn einen Feind erblick' ich, und er kommt vielleicht, Um unsrer Noth zu spotten, als ein arger Mann. Teukros. Wer ist der Mann vom Heere, den du kommen siehst? Der Chor. Menelaos, dem zuliebe wir hierhergeschifft. Teukros. Ich seh's; er ist schon nahe, leicht erkennt man ihn. Menelaos. Die Vorigen. Menelaos. Du, dir gebiet' ich, daß du nicht den Todten hier Zur Gruft bestattest, liegen laß ihn, wie er liegt! Teukros. Was treibt dich, aufzuwenden solch vermess'nes Wort? Menelaos. Ich will es so, so will es, der dem Heer gebeut. Teukros. So wirst du sagen, welcher Grund dich solches heißt! Menelaos. Weil wir, im Wahne, daß wir ihn den Danaern Als Freund und Helfer zugeführt, ihn schlimmer noch, Nach Schlimm'rem trachtend fanden, als die Phryger selbst,[OCR transcription; compare the scan.] Ε. ζητοῦντ᾽ ἔτ᾽ ἐχθίω Φρυγῶν. Printed p. 158 Ihn, der den Tod zudachte Hellas' ganzem Heer, Und Nachts mit mordbewehrtem Stahl uns überfiel. Und hätt' ein Gott nicht solches Sturmes Glut gelöscht, Traf uns dasselbe Mißgeschick, das ihn ereilt: Schmachvollsten Todes lägen wir dahingestreckt, Er aber lebte; jezo hat's ein Gott gewandt, Daß wider Schaf' und Kinder ging der Nasende. Drum ist im Heere Keiner hier so groß an Macht, Der seinen Leichnam ehrenvoll bestattete; Nein, hingeworfen auf den gelben Ufersand, Des Meeres Vögeln lieg' er da zu süßem Raub! Nicht grolle denn in ungestümem Zornesmuth! Denn konnten wir ihn lebend auch nicht bändigen, Des Todten sind wir sicher Herr, ja, dir zum Troz, Wird unser Arm ihn zwingen; denn im Leben lieh Er meinen Worten nimmerdar ein willig Ohr. Doch ist ein schlechter Bürger, wer als Bürger es Verschmäht, zu hören auf das Wort der Herrschenden. Denn weder mag im Staate je Gesez und Recht In Kraft bestehen, wo die Furcht es nicht beschützt, Noch wird ein Kriegsheer je gelenkt in weiser Zucht, Hält nicht der Schrecken und die Scheu das Böse fern. Der Mann, und wär' er riesengroß, bedenke ſtets, Den Fall bereiten könn' ihm auch ein kleines Weh. Denn wessen Brust inwohnen Furcht und Scham zugleich, Von diesem wisse, daß er wallt auf sichrer Bahn. Doch wo die Hoffart waltet und die böse Lust, Die Stadt versinkt einst, ob ihr auch ein guter Wind Die Segel schwellte, doch zulezt im Meeresgrund. Nein, etwas Furcht auch hege man zu rechter Zeit: Und wähne Niemand, thut er was ihm Freude bringt, Nicht auch zu büßen wieder, was ihm Schmerzen bringt. So geh'n die Dinge wechselnd: erst war Ajas' Geist Entflammt in Hoffart, nun bin ich voll hohen Muths. Und dir bedeut' ich, daß du nicht den Mann begräbst; Denn, ihn begrabend, gräbst du dir das eigne Grab. Der Chor. Menelaos, hast du weise Lehren aufgestellt, Dann übe selbst an Todten keinen Uebermuth. Teukros. Nie, Männer, wundr' ich über einen Mann mich mehr, Der, niedrer Art entsprossen, sich durch Sünd' entweiht, Wenn, die sich rühmen edler Art entstammt zu sein, So schwer in ihren Worten sich versündigen. Wohlan, noch Einmal sag' es: hast du wirklich ihn Dem Argosheer als Kampfgenossen zugeführt? Sprich: zog er nicht freiwillig als sein eigner Herr? Wo warest du sein Führer? Wo gebührte dir Des Volkes Herrschaft, welches ihm von Haus gefolgt? Als Herrscher Sparta's kamst du, nicht als unser Fürst: Dir wurde nirgend über ihn ein größ'res Recht Der Oberherrschaft, als es ihm ward über dich. Ja, pflichtig Andern zogst du her, nicht Oberherr Des Ganzen, daß dir Ajas unterworfen sei. Beherrsche, deren Herr du bist, und strafe sie Mit stolzen Worten: diesen Mann, wehrst du's mir auch, Wehrt's auch der andre Führer, werd' ich nach Gebühr Im Grabe bergen, ohne Scheu vor deinem Wort. Denn deiner Frau zuliebe zog er nicht zu Feld, Gleich Abenteurern, die sich vielgeschäftig müh'n; Ihn trieb der Eidschwur, welchem er verpflichtet war,[OCR transcription; compare the scan.] Tyndaros hatte die sämtlichen Freier seiner Tochter Helena schwören lassen, denjenigen von ihnen, welchen sie zum Gemahle wählen würde, vereint im Besize seiner Gattin zu schüzen. Durch diesen Eid waren alle gebunden, gegen Troja zu ziehen, als Helena dem Menelaos geraubt ward. Printed p. 158 Du nicht; er ehrte nimmerdar den schwachen Mann. Deshalb enteile, rufe mehr Herolde noch, Laß selbst den Feldherrn kommen; denn mich kümmert nicht Dein eitler Lärm, so lang du bleibest, der du bist! Der Chor. Auch solche Sprache lieb' ich nicht im Ungemach; Das harte Wort schmerzt immer, sei's auch ganz gerecht. Menelaos. Der Bogenschüze, seh' ich, denkt nicht klein von sich. Teukros. Kein schmuzig Handwerk üb' ich auch als meine Kunst. Menelaos. Groß würd'st du prahlen, wäre dir ein Schild gegönnt. Teukros. Auch ohne Rüstung troz' ich dir in deiner Wehr. Menelaos. Ja, deine Zunge hegt erstaunlich hohen Muth. Teukros. Groß darf ja denken, wem das Recht zur Seite steht. Menelaos. Recht wäre, daß es meinem Mörder wohlergeht? Teukros. Dein Mörder? Welches Wunder! Du bist todt und lebst! Menelaos. Mich hat ein Gott gerettet; doch ihm bin ich todt. Teukros. So höhne nicht die Götter, die dich retteten. Menelaos. Ich lästre wohl der Götter hohe Sazungen? Teukros. Ja, wenn du herkommst und ein Grab den Todten wehrst. Menelaos. Wohl wehr' ich's meinem Feinde; denn ihm ziemt es nicht. Teukros. Trat Ajas jemals wider dich als Feind heran? Menelaos. Er haßte mich, ich wieder ihn: das weißt du ja. Teukros. Als Stimmenfälscher wurdest du von ihm erkannt. Menelaos. Dies war die Schuld der Richter, nicht die meinige.[OCR transcription; compare the scan.] Menelaos lehnt den schweren Vorwurf ab, daß er als Stimmenfälscher, als Betrüger bei'm Zählen der Stimmsteine, welche die Kampfrichter zu seinen (des Ajas) Gunsten abgegeben hätten, erfunden worden sei, indem er bemerkt, an den Richtern liege die angebliche Schuld, daß Ajas die Waffen nicht erhalten habe, insofern sie gegen ihn entschieden. Darauf Teukros, die Abstimmung möge wohl nicht so ganz richtig gewesen sein; Menelaos möge wohl für den Ausfall der Abstimmung im Voraus heimlich gearbeitet haben. Printed p. 158 Teukros. Du magst mit Arglist heimlich wohl viel Arges thun. Menelaos. Dies Wort bereitet Einem noch Bekümmerniß. Teukros. Nicht größre, denk' ich, als ich selbst bereiten kann. Menelaos. Dir sag' ich Eines: diesem wird kein Grab gewährt! Teukros. Und du vernimm dagegen: er erhält ein Grab! Menelaos. Einst hab' ich einen Mann geseh'n, von Zunge kühn, Der seine Schiffer bei dem Sturm zu segeln zwang, Doch keinen Laut vorbrachte, wie des Sturmes Wuth Ihn mächtig fortriß, nein, im Mantel eingehüllt, Von jedem Schiffsmann ungescheut sich treten ließ. So dürfte dir und deinem ungestümen Mund Ein großer Sturm, aus kleiner Wolke hergesandt, In kurzem brausend löschen dies vermess'ne Schrein. Teukros. Ich aber sah jüngst einen Mann voll Albernheit, Der stolz in seines Nächsten Noth sich brüstete; Und ihn gewahrt' ein Andrer, der mir ähnlich war Und gleiches Sinnes, - dieser rief das Wort ihm zu: Mensch, daß du keinen Frevel an den Todten übst! Denn thust du dies, so wisse, daß Unheil dir droht. So trat er warnend an den armen Mann heran. Und diesen seh' ich, und es ist, ich glaube so, Kein Andrer als du selber. Sprach ich räthselhaft? Menelaos. Ich gehe: Schmach ja wäre mir's, erführe man's, Wollt' ich mit Worten strafen, wenn ich zwingen kann. Teukros. Ia, gehe: mir auch wäre das die höchste Schmach, Des Thoren Wort zu achten, der so nichtig schwazt. Teukros. Der Chor. (Menelaos geht ab.) Der Chor. Von gewaltiger Zwietracht hebt sich ein Streit. Auf, spute dich, Teukros, wie du vermagst, Ein hohles Gewölb' ihm zu rüsten, worin Als ewiges Mal zum Gedächtniß der Welt Das geräumige Grab ihn umschließe. Tekmessa mit Eurysakes. Die Vorigen. Teukros. Und sich, zu rechter Stunde sind schon nahe dort Des hingeschiednen Mannes Sohn und sein Gemahl, Des Todten Grab, des jammervollen, einzuweihn. Komm her, o Knabe, näher tritt, als Flehender Berühre deinen Vater, der dir Leben gab; Siz' hier in seinem Schuze, nimm in deine Hand Mein Haar und deiner Mutter Haar und deines auch,[OCR transcription; compare the scan.] Das Abschneiden der Haare ist ein Zeichen der Trauer. Wie Flehende sonst auf einen Altar sich niedersezen, den Zweig in den Händen; so, in Ermangelung dessen, sizt der Knabe hier neben dem Todten, ihn anfassend, und hält das abgeschnittene Haar in den Händen. Thudichum. Printed p. 158 Printed p. 159 Als Pfand der frommen Bitte! Wenn ein Mann des Heers Von diesem Todten mit Gewalt dich reißen will, Er sterbe schlimm, der Schlimme, grablos, fern verbannt, Mit allen Wurzeln seines Stamms hinweggemäht, So, wie ich eben dieses Haar herunterschnitt! Ihn, Söhnchen, fasse, halte fest, und Keiner soll Dich hier vertreiben, schmieg' an ihn dich knieend an. Ihr aber, steht nicht, Weibern gleich, zur Seite dort; Als Männer schirmt ihn, bis ich wiederkomm' und ihm Ein Grab gerüstet, läßt es auch kein Mensch mir zu. (Teukros geht ab. Tekmessa und Eurysakes sizen zu beiden Seiten der Leiche.) Tekmessa. Der Chor. Endet es nie? I wann Erste Strophe. Der Chor. Schließen sich uns endlich der langirrenden Jahre Reihen, Die mit niemals rastenden Müh'n Im Lanzengewühl allzeit Uns treiben umher, Im öden, düsteren Troerland, Unselige Schmach dem Volk Hellas'! Erste Gegenstrophe. Wär' er in Luft verweht, Wär' er in allbergendes Grabdunkel hinab versunken, Jener Mann, der Hellas der all- vertilgenden Wehr furchtbar'n Brauch lehrte zuerst! Mühen gebärende Mühen, ach! Er schuf ja den Menschen Unheil nur. Zweite Strophe. Ja, keinen blühenden Kranz, Nimmer die Lust voller Pokal' hat er gegönnt uns zu genießen, Noch lieblicher Festflöten Getön, (Wehe dem Mann!) noch den Genuß Nächtlicher Minne: Die Liebe, Die Lieb' hat er mir, ach, entführt, Und ich liege verlassen hier, Und von reichlichem Thaue stets Trieft mir das Haar, ein Mal von dir, Traurige Troja! Zweite Gegenstrophe. Wohl wider nächtliches Graun, Wider den Sturm feindlicher Wehr war mir ein Schirm Ajas, der Held, einst; Nun hat ihn ein Gott grausam entrafft! Wo mir, o wo wird mir hinfort Lächeln die Freude? könnt' ich Hin, wo waldig des Berges Haupt, Von Meerwogen umspült, sich hebt, Unter Sunions hohen Fels, Heilige Stadt Athene's, dir Grüße zu senden! Teukros (zurückkommend). Agamemnon. Die Vorigen. Teukros. Wohl kam ich eilend, weil ich Agamemnon hier, Den Heeresfürsten, gegen uns herschreiten sah; Und sicher löst er seinen Mund in schnödem Wort. Agamemnon. Du wagst es, hör' ich, solch vermess'ne Reden hier Ausschüttend, straflos wider uns dich aufzublähn? Dich mein' ich, Sohn des kriegsgefangnen Weibes, dich! Traun, hätte dich ein edler Mutterschooß gepflegt, Groß würd'st du prahlen, auf der Zehen Spize gehn, Nun du, so nichtig, für ein Nichts, den Todten, dich Voll Trozes hobst und schwurest, nicht des Heeres, nicht Der Flotte Fürsten, noch die deinen, wären wir: Nein, selbst ein Heerfürst, wie du prahlst, zog Ajas, aus. Von Sklaven das zu hören, ist's nicht arge Schmach? Von welchem Manne sprichst du so voll Uebermuth? Wo ging er oder stand er, da nicht ich erschien? Hat Argos' Heer denn keine Männer außer ihm? Ein Kampf des Unheils war es, den wir dazumal Dem Volk entboten um Achilleus' Waffenschmuck, Wenn Teukros seitdem überall uns Frevler schilt, Und ihr, auch überwunden, euch nie fügen wollt Dem, was der Richter größre Zahl für recht erkannt, Nein, immer schmähend uns verfolgt, und ingeheim Auf uns den Stachel zucket, weil ihr unterlagt. Auf solchen Wegen aber wird wohl nimmermehr Der weisen Sazung Dauer und Bestand gewährt, Wenn wir verstoßen wollen, die mit Recht gesiegt, Und dem den Vortritt gönnen, der dahinten blieb. Dem muß man wehren! Nicht die breiten Schultern, nicht Die breiten Rücken schreiten hin auf sichrer Bahn; Die Klugen nur erringen überall den Sieg. Der Stier mit starken Seiten geht, wenn auch gelenkt Von schwacher Geißel, seinen Weg aufrecht dahin; Und dieses Zaubermittel seh' ich bald an dich Herangelangen, wenn du nicht Weisheit erwählst, Du, der um einen Todten, um den Schatten sich So muthig aufbläht und so frei die Zunge rührt! Nie wirst du klüger? Weißt du nicht, woher du stammst, Und führst du nicht uns einen freien Mann daher, Der hier vor uns in deinem Namen Rede steht? Denn deine Reden hör' ich nun nicht länger an; Der Fremdlingszunge hab' ich nie mein Ohr geliehn. Der Chor. lerntet ihr doch beide weisen Sinnes sein! Nichts Andres kann ich rathen, das euch besser sei. Teukros. Weh! Wie zerrinnt dem Todten doch bei Sterblichen Der Dank so flüchtig und bewährt sich ungetreu, Wenn dieser Mann hier deiner auch in kurzem Wort Nicht mehr gedenkt, mein Ajas, er, für den du oft Dein Leben bietend mühevoll im Kampfe rangst! Zerstoben, weggeworfen schwand dies Alles nun! Du, der du jezt so vieles unnüz Eitle sprachst, Gedenkst du daran nimmermehr, wie dieser euch, Als ihr im Wall des Lagers eingeschlossen wart Und schon vernichtet alle nach verlorner Schlacht, Allein erschien als Retter, da die Glut bereits Auf hohen Ruderbänken um die Schiffe rings In Flammen aufschlug, und hindurch die Gräben schon Sich Hektor hoch auf eure Schiffsverdecke schwang? Wer wehrte dieses? That es nicht derselbe Mann, Der, sagst du, nirgends dir gesellt zum Kampfe schritt? Und dünkte solches, als er's that, euch nicht gerecht? Dann als mit Hektor er allein den Kampf bestand,[OCR transcription; compare the scan.] Als Hektor den Tapfersten von den Achäern zum Zweikampfe herausforderte, schwiegen erst Alle; so furchtbar war auch für den Stärksten dieser Gegner, bis sich dann, nach Nestors Rede, neun Helden zugleich erhoben, unter welchen das Loos für Ajas entschied, den auch das Heer gewünscht hatte, und der den Kampf mit Freuden annahm und ruhmvoll bestand. „Die Loose waren, wie es scheint, von an der Sonne getrockneter Erde, mit dem Namen des Einwerfenden bezeichnet. Je trockener nun ein Loos war, desto eher mußte es bei dem Schwingen des Helmes herausfliegen, da hingegen das Anfeuchten des Looses ein Mittel war, daß es sizen blieb.“ Thudichum. vor. Printed p. 159 Vom Loos erkoren, nicht von euch dazu bestellt; Da warf er nicht ein trügerisches Loos hinein, Den feuchten Erdkloß, nein, ein Loos, das gleich zuerst Aus buschigem Helme springen sollt' in leichtem Sprung. Er war es, der euch dieses that, und ich mit ihm, Der Knecht, entsprossen aus der fremden Mutter Schooß. Mit welcher Stirne rufst du das, Unseliger? Denn weißt du nicht, daß deines Vaters Vater auch, Der alte Pelops, ein Barbar, ein Phryger war? Daß dessen Sohn, dein Vater Atreus, Bösewicht, Als Mahl dem Bruder seine Kinder vorgesezt? Du selber sprossest aus dem Schooß der Kreterin, Die dort der eigne Vater, der bei'm Buhlen sie Betraf, den stummen Fischen hin zum Kaube warf. Solch Einer, schmähst du solchen Stamm, dem ich entsproß? Ich bin des edlen Vaters Sohn, des Telamon, Dem, als der erste Siegeslohn in Argos' Heer, Sich meine Mutter anvermählt, Laomedons,[OCR transcription; compare the scan.] Ueber die Mutter des Teukros s. zu V. 414. Printed p. 160 Des Königs, ächte Tochter; ihm gewährte sie Alkmene's Sohn als auserles'nen Kriegesdank. Solch edler Art von edlem Paare stamm' ich her, Und sollte schänden lassen mein verwandtes Blut, Ihn, den du jezt, in solche bittre Noth versenkt, Grablos hinauswirfst, und es ohne Scham bekennst? Nein, sei versichert, werset ihr den Mann hinaus, So werft ihr uns auch, drei zugleich, hinaus mit ihm! Denn offenbar ruhmvoller ist es mir, für ihn In heißem Kampf zu fallen, als für deine Frau Zu sterben oder (mein' ich) für Menelaos' Weib. Bedenke denn dein Bestes, nicht das meinige: Denn so du mich verlezest, wirst du lieber feig Dereinst erscheinen wollen, als beherzt an mir. Odysseus. Die Vorigen. Der Chor. O Fürst Odysseus, recht zur Zeit erscheinst du hier, Wenn du den Streit versöhnen, nicht entflammen willst. Odysseus. Was ist es, Männer? Denn entfernt vernahm ich schon Das Schrei'n der Feldherrn bei des Helden Leiche hier. Agamemnon. Und mußt' ich denn nicht eben Schmach der schnödsten Art, O Fürst Odysseus, hören von dem Manne da? Odysseus. Und welche? Nachsicht hab' ich wohl für einen Mann, Der schlimmer Rede böses Wort entgegensezt. Agamemnon. Er hörte Schnödes; denn er that mir Schnödes an. Odysseus. Und was begann er Arges, das dir kränkend war? Agamemnon. Nicht lassen will er ohne Grab den Todten dort, Nein, mir zum Troze, sagt er, ihn beerdigen. Odysseus. Vergönnst du wohl dem Freunde, wenn er Wahres spricht, Nicht minder dein Genosse, denn zuvor, zu sein? Agamemnon. Sprich immer; thöricht wär' ich sonst und achte ja Als meiner Freunde besten dich in Argos' Heer. Odysseus. So höre denn. Bei allen Göttern, laß den Mann Nicht ohne Grab himwerfen so fühllosen Sinns; Auch laß dich niemals durch die Macht bewältigen Zu solchem Hasse, daß du kühn das Recht zertrittst. Auch mich vor Allen haßt' er einst in Argos' Heer, Seitdem Achilleus' Waffen ich als Preis gewann; Und dennoch möcht' ich, war er auch mein bittrer Feind, Ihn also nicht beschimpfen, daß ich läugnete, Daß unter Allen, die geschifft vor Ilion, Er, außer Peleus' großem Sohn, der beste war. Drum wär' es unrecht, würd' er jezt von dir beschimpft. Du würdest ihn nicht, aber wohl der Götter Recht In ihm verlezen; Frevel ist's, den edlen Mann Zu schmäh'n im Tode, wenn wir ihn auch einst gehaßt. Agamemnon. Und du, Odysseus, streitest so für den mit mir? Odysseus. Gewiß; ich haßt' ihn, als der Haß noch schicklich war. Agamemnon. Nicht auch dem todten Manne noch gebührt dein Hohn? Atride, nicht unedlen Vortheils freue dich. Wohl ist dem König, fromm zu sein, nicht eben leicht. Odysseus. Doch leicht, des Freundes weisem Rath zu huldigen. Agamemnon. Der edle Mann muß hören auf der Herrscher Wort. Odysseus. Laß ab: du herrschest, wenn du dich dem Freunde fügst. Agamemnon. Bedenke, welchem Manne du die Gunst erzeigst. Odysseus. Mein Gegner war er, aber sonst ein edler Mann. Agamemnon. Was muß ich hören? Ehrst du so den todten Feind? Odysseus. Weit höher steht die Tugend als der Haß bei mir. Agamemnon. Wer so gesinnt ist, heißt den Menschen wandelbar. Odysseus. Traun, Viele, heut befreundet, sind uns morgen feind. Agamemnon. Und solche Freunde lobst du, gehst nach ihnen aus? Ich lobe nie den unversöhnlich starren Sinn. Uns beide stellst du heute noch als Feige dar. Odysseus. Nein, als gerechte Männer vor dem ganzen Volk. Agamemnon. Ich soll gestatten, willst du, daß man ihn begräbt? Odysseus. Sa wahrlich; denn ich komme selbst an dieses Ziel. Agamemnon. Wohl wirkt ein Jeder immer, was ihm selber frommt. Odysseus. Für wen zu wirken, als für mich, geziemt mir mehr? Agamemnon. So werde dein denn diese That, nicht mein, genannt. Odysseus. Stets wirst du edel heißen, handle, wie du willst. Agamemnon. Wohlan, so sei versichert, ich erwiese dir Wohl größre Liebesdienste noch, als diese Gunst: Doch jener sei dort oder hier, ich werd' ihn stets Gleich bitter hassen. Thue du, was dir gefällt. (ab mit seinen Begleitern.) Odysseus. Teukros. Der Chor. Der Chor. Wer sagt', Odysseus, daß in dir kein weiser Geist Bei solcher Denkart wohne, wär' ein arger Thor. Odysseus. Und jezt erklär' ich, Teukros, dir: so sehr ich sonst Sein Feind gewesen, bin ich nun des Mannes Freund. Mit euch bestatten will ich seine Leiche, will Mit euch die Arbeit theilen und versäume Nichts, Womit die Besten ehren muß der Sterbliche. Teukros. Ich kann, Odysseus, bester Mann, in Allem dich Nur loben; was ich nie gehofft, erfüllst du mir. Du warst des Mannes größter Feind in Argos' Heer, Und jezt allein sein Helser, der nicht duldete, Dem Todten lebend nahe, daß ihm Schmach geschah, Als dieser Feldherr, dieser sinnberaubte Mann, Herkam mit seinem Bruder und Gelüsten trug, Ihn hinzuwerfen ohne Grab zu Schimpf und Hohn. Drum mög' Olympos' alter Gott, Erinnys auch, Die ewigwache, Dike, die den Fluch erfüllt, Die Schlimmen schlimm vertilgen, wie sie diesen Mann Hinauszuwerfen dachten voll unwürd'ger Schmach. Doch wenn ich dir gestatte, Sohn des Lartios,[OCR transcription; compare the scan.] Lartios, andere Form des Namens Laertes. Printed p. 160 Des greisen Vaters, daß du rührst an seine Gruft, Bangt mir, dem Todten möchte das zuwider sein. Im Andern sei mir Helfer, und wenn Einen du Vom Heere mitbringst, uns geschieht kein Leid damit. Für alles Andre sorg' ich selbst; du, glaube mir, Hast dich an uns als einen edlen Mann bewährt. Odysseus. Ich hülfe willig; aber wenn dir unser Dienst Nicht angenehm ist, geh' ich, wie dein Wort gebeut. Teukros. Der Chor. Teukros. Nun g'nug! Denn schon hat lange die Zeit Sich gedehnt! Ihr denn, grabt eilig die Gruft, Aufwühlend den Grund; ihr, lasset die Glut Am erhabenen Dreifuß lodern empor Zu dem heiligen Bad; ihr Anderen dann Bringt aus dem Gezelt, der unter dem Schild Ihn umhüllte, den Schmuck. (zu Eurysakes:) Und du, Sohn, schmiege, so weit dein Arm Es vermag, liebreich an den Vater dich an, Und erheb' ihn mit mir; warm sprudelt ja noch Ihm das dunkele Blut von den Adern empor. Auf, wer hier immer des Ajas Freund (ab.) Sich bekennt, er eil', er trete daher, Sich im Dienste zu mühn um den edelsten Mann; Denn edler erschien kein Sterblicher noch, Als Ajas, so lang er im Licht war. Der Chor. Wohl viel mag schau'n und im Schauen der Mensch Ausspäh'n; doch eh' er geschaut, weissagt Kein Mensch die Geschicke der Zukunft.