Electra — Donner (1875), OCR review edition Sophocles Johann Jakob Christian Donner OCR cleanup, verse reconstruction, source collation and reference-card alignment; further proofreading required Editorial processing with Codex

Perseus Multitext, 2026. Review edition.

Sophokles. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift von J. J. C. Donner. Achte Auflage. Leipzig und Heidelberg: C. F. Winter, 1875.Independent 1875 scan 1875 eighth edition, Cornell OCR; copy text. 1889 eleventh edition, University of California OCR; corroborating later witness, not assumed identical. 1850 third newly revised edition, Illinois OCR in two volumes; earlier edition, kept separately.

The 1875 Cornell OCR is the copy text. Historical wording and spelling are retained. Wrapped endings, displaced replies and OCR labels are repaired where supported. The linked audit records repairs and corroborated token substitutions. Unresolved OCR remains in the transcription. The 1850 text is an earlier edition, not an interchangeable repair witness; its pagewise text is preserved in the review. The 1889 copy has many truncated beginnings. This is not a fully proofread edition.

Each l/@n belongs to Donner’s own citation scheme. Numbers are interpolated only where verse counts agree between printed anchors. Unresolved intervals receive explicit editorial suffixes (for example 620u1), not guessed printed numbers. Shared verses retain the same citation with I/F parts. corresp identifies the containing Storr reference card, not exact line-by-line equivalence. Reference-card boundaries were reviewed at speech, stanza and clause openings; nearest complete Donner verse boundaries are used. Further fine alignment remains possible.

Notes are attached only when their printed labels agree in both later OCR copies and resolve to a Donner citation. Note wording and extraction boundaries still require proofreading. Unattributed entries and complete appendix OCR are retained in the review inventory. Notes split across pages are joined, retaining their source-page list. Metrical notation is supplied as facsimiles, not speculative OCR.

Native Donner citations; suffix u explicitly identifies unresolved verse division.

Prepared and installed OCR review edition with source comparisons, note inventory, native citations, Storr cards and metrical facsimiles.
Volume 2, printed page 73; PDF page 444. Original PDF Volume 2, printed page 74; PDF page 445. Original PDF Volume 2, printed page 75; PDF page 446. Original PDF Volume 2, printed page 76; PDF page 447. Original PDF
Orestes. Pylades. Der Pfleger des Orestes. Der Pfleger. O Sohn des Feldherrn, der in Troas einst gebot,OCR review edition. D. numbers are Donner’s own citations; u suffixes mark unresolved verse division. Correspondence is to containing Storr passages. Source comparisons, repairs, numbering review and unattributed notes Des Agamemnon, endlich ist es dir vergönnt, Zu schaun mit Augen, was zu schaun dich stets verlangt. Dein graues Argos, deiner Sehnsucht Land, ist hier,[OCR transcription; compare the scan.] Das Land Argos heißt der Hain, d. i. das geheiligte Gebiet der Inachide, (der Tochter des Inachos,) Jo, die dort göttlich verehrt ward. Jo wurde von Zeus geliebt, und, um sie vor der verfolgenden Here zu sichern, in eine Kuh verwandelt. Aber Here erforschte sie, und sandte ihr eine Bremse, von welcher sie wüthend gemacht die ganze Erde durchfloh, bis sie zulezt in Aegypten Ruhe fand und einen Sohn gebar. Der Pfleger zeigt dem Orestes zuerst das Land, (das Beiwort für die Stadt, „alt, grau", wird hier auf das Land übergetragen,) dann die Stadt Argos, in welcher der lykeiische Markt berühmt war (von Apollon Lykeios vgl. zu König Oedipus V. 204), dann den Tempel der Here, der zwischen Argos und Mykenä lag, sofort Mykenä selbst, die goldreiche Stadt schon bei Homer, und endlich den väterlichen Palast des Orestes, den er als das Haus der Pelopiden bezeichnet. Printed p. 77 Der wuthgeschlagnen Inachid' uralter Hain; Das dort, Orestes, ist der Markt des Lykiers, Des wolferlegenden Gottes, und zur Liuken hier Der Hera stolzer Tempel: wo wir hingelangt, Schaust du Mykenä's Veste, reich an goldnem Schaz, Und hier der Pelopsenkel unheilschwangres Haus, Wo nach des Vaters grausem Tod ich ehedem Von deiner Schwester dich empfing und weiter trug Und rettet' und zu solcher Jugendblüte dich Aufzog, dereinst zu rächen deines Vaters Mord. Nun denn, Orestes, und o du, mein Pylades, Der Freunde liebster, was zu thun, berathet schnell: Denn schon erweckt der Sonne strahlenvoller Glanz Der Vögel Morgenstimmen uns zu hellem Schall; Die schwarze Nacht der Sterne schwand in's Dunkel hin. Drum eh' ein Mann aus dieses Hauses Pforte tritt, Beredet euch zusammen; denn wir stehen da, Wo's nimmer gilt zu säumen, wo's der That bedarf. Orestes. bester Diener, liebster Mann, wie legst du mir Der Treue Zeichen gegen uns so deutlich dar! Denn wie das Noß aus edler Art, obschon betagt, In keiner Schreckniß und Gefahr den Muth verliert, Nein, stolz das Ohr aufrichtet: also du, der uns Zum Kampfe treibt und selbst der Ersten Einer folgt. Drum will ich offenbaren, was ich ausgedacht; Doch du vergönne meinem Wort ein scharfes Ohr, Und traf ich nicht das Rechte, gib mir andern Rath. Nachdem ich angekommen war bei'm pythischen Orakel, dort zu fragen, wie des Vaters Tod Ich rächen mög' an jenen, die ihn mordeten, Gebot mir Phöbos also, wie du gleich vernimmst: Den Streich gerechter Rache mit geheimer List Allein zu führen, nicht bewehrt mit Schild und Heer. Nun, da mir solcher Gottesspruch verkündet ward, Tritt du, sobald die Stunde dich gelegen führt, Zu diesem Haus ein, auszuspäh'n, was hier geschieht, Auf daß du klar uns meldest, was du wohl erforscht. Unkenntlich schuf dich Alter und die lange Zeit, Und vor Verdacht bewahrt dich dieser Blumenschmuck.[OCR transcription; compare the scan.] Wer eine fröhliche Botschaft zu bringen hatte, erschien mit Blumen bekränzt.. Printed p. 77 Doch also sprich zu jenen, daß ein Fremdling du, Ein Phoker seiest, abgesandt von Phanoteus;[OCR transcription; compare the scan.] Pylades war der Sohn des Strophios, Königs von Krisa in Phokis, südlich unter Delphi, in der Nähe einer tiefen Bucht des korinthischen Meeres, in weiter, fruchtbarer Ebene; seine Mutter war Anaxibia, die Schwester Agamemnons. Krisos, der Vater des Strophios, lebte in größter Feindschaft mit seinem Bruder Phanoteus, König in Phanoteus oder Panopeus, nordöstlich von Delphi, und so ist dieser der natürliche Freund von Aegisthos und Klytämnestra, weßhalb er ihnen auch am wahrscheinlichsten die frohe Nachricht von Orestes' Tode schicken kann; seine Asche dagegen sendet der Pflegevater Strophios durch dieselben Männer, durch welche er den Körper hat verbrennen lassen (743). Thudichum. Printed p. 77 Denn dieser Mann ist ihres Hauses bester Freund. Mit Eid betheuernd, melde dann, Orestes sei Dahingeschieden durch ein unerbittlich Loos, Bei Kämpfen Pytho's aus dem raschhinrollenden[OCR transcription; compare the scan.] Pytho, der alte Name von Delphi. Die pythischen Spiele, die in der Nähe von Krisa gefeiert worden, waren dem Apollon heilig. Printed p. 78 Rennwagen stürzend. Also sei der Rede Sinn. Wir aber kränzen, wie der Gott befahl, zuerst Mit Spenden und des Hauptes abgeschnitt'ner Zier[OCR transcription; compare the scan.] Spenden (Trankopfer) und Haarlocken von dem eigenen Haupte wurden den Verstorbenen geopfert. Printed p. 78 Des Vaters Hügel, kehren dann hieher zurück, Den erzgeformten Aschenkrug in meinem Arm, Den ich im Busch verborgen, wie dir wohlbekannt, Auf daß, in Worten täuschend, wir den Argen hier Die frohe Botschaft bringen, wie mein Körper schon Verbrannt zur Asche, schon in Staub zerfallen sei. Was kann mich's härmen, wenn ich, todt dem Worte nach,[OCR transcription; compare the scan.] Orestes beseitigt das Unheimliche und Ominöse, was die Nachricht von seinem Tode haben könnte, durch die Erinnerung an berühmte Beispiele. Welche der Dichter hier namentlich vor Augen habe, ist nicht zu bestimmen; daß aber gar mancher ausgezeichnete Mann, der, wie Solon, auf weite Reisen ging, oder, wie Vielen geschah, in der Verbannung lebte, todt gesagt, und deßwegen bei seiner Rückkehr um so ehrenvoller aufgenommen wurde, ist natürlich. Man versteht es auch von Pythagoras, von dem erzählt wird, daß er sich eine Zeit lang verborgen gehalten und für todt ausgegeben habe. Die vernachlässigte Chronologie kommt natürlich dabei nicht in Betrachtung. Thudichum. Printed p. 78 In Thaten lebe, strahlend in des Ruhmes Glanz? Kein Wort ja dünkt mir übel, wenn es Nuzen bringt. Auch weise Männer hört' ich durch ein falsch Gerücht Schon oft als todt verkünden; wenn sie dann zurück Nach Hause kehrten, waren sie noch mehr geehrt. So hoff' ich auch nach dieser Botschaft lebend noch Gleich einem Stern zu leuchten vor den Feinden dort. Vatererd' und meiner Heimat Götter ihr, Empfanget segenbringet mich auf diesem Pfad, Und meiner Ahnen Schwelle du: dich komm' ich ja Zu rächen, dich zu sühnen, durch den Gott erweckt: Stoßt nicht, bedeckt mit Schande, mich aus diesem Land, Nein, laßt des Vaters Macht und Haus mich neu erbau'n! Nun sagt' ich Alles; du bereite dich sofort Zu geh'n und deines Amtes treu zu wahren, Greis. (zu Pylades) Wir zieh'n hinaus; die mächtige Stunde fordert uns, Die ordnend über jede That der Menschen wacht. weh, weh mir! (im Hause) Der Pfleger. Horch! Innerhalb des Hauses wähnt' ich jammernde Wehklagen einer Dienerin zu hören, Kind. Orestes. War's nicht Elektra? Meinst du nicht, wir sollten noch Verweilen hier und lauschen ihrem Klageruf? Der Pfleger. Mit nichten. Nichts geschehe, bis wir Loxias'[OCR transcription; compare the scan.] Ueber Loxias f. z. König Dedipus V. 411. Printed p. 78 Gebot erfüllten und zuerst dem Vater dort Sein Todtenopfer brachten; denn das sichert uns Den Sieg, verleiht uns hohe Kraft zur schweren That. Oheiliges LichtDonner’s metrical appendix: all 4 page facsimiles (Sie gehen ab. Elektra tritt aus dem Palaste.) (allein) Elektra. Und erdumströmende Luft, o wie oft Habt ihr mein gramvoll Klaglied, Wie oft es gehört, da verzweifelnd Ich die blutende Brust mit den Händen zerschlug, Wenn finstere Nacht von der Erde verschwand! Und den nächtlichen Gram dann, ach, ihn kennt Mein düstres Gemach in dem Unglückshaus, Sieht weinen mich oft um des Vaters Geschick, Dem nicht in des Fremdlings fernem Gebiet Gott Ares erschloß sein blutiges Haus, Nein, dem sein Weib und der Buhle mit ihr, Aegisthos, so wie Holzhauer den Baum, Mit mordendem Beil hier spalten das Haupt. Und Klagen erhebt kein anderes Weib, Als ich, mein Vater, um dich, der so Schmachvoll und kläglich dahinstarb. Nein, niemals hemm' ich die Stimme des Grams Und den finsteren Harm, So lang ich schaue der Sterne Weitstrahlenden Glanz und den Tag hier, Daß, wie Philomel' um des Kindes Verlust, Ich den Ruf an der Thür des Gemordeten hier Nicht jammernd erhöb' und von Allen gehört. Ach, Aïdes' Haus, Persephone's Haus! Du Hermes drunten! O Fluchgöttin,[OCR transcription; compare the scan.] Hermes, der die Todten zur Unterwelt führt, hat auch den Agamemnon geleitet. Die mit griechischem Namen Ara genannte Göttin des Fluches, den Agamemnon über seine Gemahlin ausgesprochen hat, ist Begleiterin der Erinnyen, die bei Aeschylos auch sich selbst Fluchgöttinnen (Arä) nennen. Printed p. 78 Und Erinnyen ihr, ein göttlich Geschlecht, Die heimlichen Ehbruch strafen und schau'n, Wen tückischer Mord unschuldig verdarb, Kommt helfend heran: O rächet den Mord, an dem Vater verübt, Und zum Beistand führt mir den Bruder zurück! Denn nimmer zu tragen vermag ich allein Das Gewicht in der Schale des Unglücks. (Der Chor, von der Stadtseite kommend, ordnet sich vor dem Palaste.) Elektra. Der Chor. Erste Strophe. Der Chor. Ha, Kind, Kind des entsezlichen Weibs, Was, Elektra, strömest du stets Niegesättigte Klagen aus um ihu, Den schon lange die Mutter, die Frevlerin, Trüglich verstrickt in dem Neze der Täuschungen, Mit schnöder Hand erschlagen? Sterbe, wer die That Vollbracht, wenn mir ein solches Wort ziemt! Elektra. Töchter der edelsten Väter, Mich in dem Leide zu trösten erschienet ihr: Deutlich erkenn' ich, versteh' ich und fühl ich es; Aber ich lasse nicht ab, zu bejammern ihu, Meinen gemordeten Vater, den Armen. O, Die ihr jegliche Liebe mit freundlichem Sinn mir erwidertet, laßt mich also trauern: Ach, ach, ich fleh' euch! Erste Gegenstrophe. Der Chor. Doch ihn, den der Hades empfing, Nuft vom allaufnehmenden Schlund Nie dein Jammern empor noch dein Gebet; Nein, aus erträglichem Leid in unendliche Trauer versenkt dich die stete Bekümmerniß. Wo keine Rettung aus der Noth, kein Trost sich beut, Warum nachhängen solchem Harme? Elektra. Thörichter, wer die geschied'nen Eltern vergißt, die so kläglich gemordeten! Aber im Innersten lieb' ich die klagende, Ewig den Itys, den Itys bejammernde,[OCR transcription; compare the scan.] Nach altattischer Sage vermählte sich Tereus, König von Daulia in Phokis, mit Prokne, der Tochter des attischen Königs Pandion, die ihm den Itys gebar. Später that er ihrer Schwester Philomele Gewalt an, und schnitt ihr die Zunge aus, damit sie ihn nicht verrathen könne; worauf Beide dem Tereus den geschlachteten Sohn Itys zum Mahle vorsezten. Als der Vater, die Ueberbleibsel des Sohnes erkennend, an den Frauen Rache üben wollte, wurden sie auf ihr Flehen in Vögel verwandelt: Prokne ward zur Nachtigall, die daher „Ity“ ruft, Philomele zur Schwalbe, Tereus zum Wiedehopf. Printed p. 78 Bang umflatternde Botin des Frühlinges. Ha, schmerzreichste der Mütter, du bist mir Göttin, o Niobe,[OCR transcription; compare the scan.] Ueber Niobe f. z. Antigone V. 815. Printed p. 78 Die stets im Felsengrabmal Noch Thränen ausströmt! Zweite Strophe. Der Chor. Nicht dir, o Tochter, allein ward Auf Erden Leid verhängt, Um das du mehr klagst als jene drinnen, Die dir verwandt sind durch Blut und Ursprung, Wie Chrysothemis hier, wie hier lebt Iphianassa, Und trauernd in stiller Jugend, Doch glücklich, wann einst ihn Das stolze Land Argos Feiernd empfängt und mit Huld der Olympier Zurück in diese Gauen führt, - Orestes. Elektra. Ich harre sein, ich Arme, nicht ermattend, Und wandle hin, ohne Kind und Gatten, Ewig in Thränen mich badend, dem ewigen Jammer zum Raub; doch Alles vergaß er mir, Unsere Lieb' und die Kunden von uns. Stets Täuschend erscholl mir das Wort der Verkündigung; Denn Sehnsucht treibt ihn stets; Doch sehnsuchtvoll, erscheint er niemals. Zweite Gegenstrophe. Der Chor. Nur muthig, o Kind, nur muthig! Noch lebt im Himmel Zeus, Der große, der Alles sieht und ordnet: Dem Gott befiehl deines Grolles Schmerzen, Nicht der Gehaßten vergessend und nicht zu sehr sie befeindend. Allwaltend herrscht der Zeitgott, Und weder auf Krisa's[OCR transcription; compare the scan.] Krisa, Stadt in Phokis, nahe bei Delphi. Sie hatte den Namen von ihrem Gründer Krisos, dem Vater des Strophios und Bruder des Phanoteus. Vgl. zu V. 45. Printed p. 79 Stierweiden säumt ewig, Nimmer zu kehren, der Sohn Agamemnons, Noch Hades, der am Acheron gebietet. Elektra. Doch mir zerrann schon lange sonder Hoffnung Mein Leben hülflos, nicht länger trag' ich's: Eine verlassene Waise, verzehr' ich mich, Nicht von dem liebenden Gatten vertheidiget, Nein, wie die Fremde, verhöhnt und erniedriget, Fröhn' ich im Vaterpalast als Schaffnerin In solch armsel'gem Kleid, Muß darbend steh'n an leeren Tischen. Dritte Strophe. Der Chor. Wehruf scholl, als er zurückkam, Wehruf scholl, als auf gastlichem Pfühl Scharfzielend auf ihn einstürmte der Schlag, Von dem ehernen Beile geschwungen. Arglist sann's aus, Lust übte den Mord, Und sie zeugten vereint graunvolle Gestalt Graunvoll an das Licht, ob ein Gott, ob ein Mensch Solche That verübt hat. Elektra. Overhaßtester Tag, der jemals mir Von feindlichen Tagen erschienen! Weh, Nacht voll Grau'n und des gräßlichen Mahls Unnennbares Leid, Wo er den Tod der Schmach, Mein Vater, geseh'n von den Händen der Zwei, Die schnöde mein Leben auch Mir Verrath'nen mordeten! O send' Olympos' großer Gott Der Nache Fluch auf sie herab! Nimmer bekränze das Glück und die Freude ſie, Die solchen Frevel übten! Dritte Gegenstrophe. Der Chor. Halt' ein, halt' ein! Nicht weiter! Sieht nicht dein Herz, daß also nur Von den Höhen des Glücks in entehrende Schmach Dein heftiger Sinn dich hinabstürzt? Denn größeres Leid noch schufest du dir, Weil rastlos dein mißmuthiger Geist Sich Fehden gebar: mit den Mächtigen, Kind, Darfst du so nicht hadern. Elektra. Mein Unheil zwang, mein Unheil mich: Das weiß ich, ich kenne den Unmuth. Doch wird in dem Unheil niemals auch Mein Klaglied ruh'n, Während ich leb' im Licht. Wer böte mir denn, ihr Geliebten, ein Wort Zum Frommen auch, weisen Rath, Wer, begabt mit klugem Sinn? Schont mein, o Trösterinnen, schont! Des Grames Bande lös' ich nie; Nimmer beschwichtiget sich die Bekümmerniß, Und nie versiegt die Zähre. Schlußgesang. Der Chor. Ich red' aus freundlichem Antheil, Wie die treuvorsorgende Mutter: Zeug' Unheil nicht aus Unheil! Elektra. Hat denn der Sammer ein Maß, der unendliche? Und zu vergessen der Todten, geziemt es mir? Wer artet in diese Gesinnung aus? Nie werde mir Ruhm von Solchen zum Lohn! Nie will ich, erblüht mir irgend ein Glück, Es in Ruhe genießen, wofern ich, zur Schmach Den Geschiedenen, je kalt hemme den Flug Jammernden Klagerufs! Wenn der Geliebte todt unten im Erdenschooß Ruht, ein vergess'nes Nichts, Und die Rache nicht Sie, Mord fordernd um Mord, ereilt; Ist alle Scham hin, Hin alle Götterfurcht der Menschen. Der Chor. Ich bin gekommen, Tochter, um dein Wohl zugleich Und meins bekümmert. Sprech' ich denn das Rechte nicht, So möge dein Wort gelten; denn dir folgen wir. Elektra. Erröthen muß ich, Frauen, schein' ich euch zu sehr Von meines Jammers Uebermaß bewältiget. Doch weil Gewaltthat also mich zu handeln zwingt, Vergebt mir: denn wie möchte wohl ein edles Weib Des Hauses Unglück sehen und nicht also thun? Und dieses muß ich jeden Tag und jede Nacht In neuer Fülle mehr erblüh'n als welken sehn. Mir wird von meiner Mutter, ihr, die mich gebar, Gelohnt mit bitterm Hasse nur; im eignen Haus Wohn' ich mit ihnen, die den Vater mordeten, Zusammen, ihnen unterthan, und sie allein Bestimmen, ob ich darben, ob empfangen soll. Und welche Tage glaubet ihr, verleb' ich wohl, Wenn ich Aegisthos sizen seh' auf jenem Thron, Dem Thron des Vaters, sehe mit Gewanden ihn, Die dieser trug, bekleidet, und am Hausaltar Trankopfer spenden, wo er ihn ermordete? Und wenn ich dann der Frevel höchsten sehen muß, Im Lager meines Vaters ihn, den Mörder selbst, Mit meiner Unglücksmutter, darf ich Mutter noch Die Freche nennen, die mit ihm das Lager theilt, Die sonder Scham dem fluchbeladnen Manne sich Verband, von keiner Rachegöttin Zorn geschreckt, Nein, wie zum Hohne dessen, was sie frevelte, Bei jenes Tages Wiederkehr, an welchem einst[OCR transcription; compare the scan.] Jährlich, wenn der Monatstag der Ermordung wiederkehrt, feierte sie ihn mit einem Mahle, das sie mit Anspielung auf das Mahl, bei welchem sie ihn erschlug, als er von Troja zurückkehrte, das Agamemnonsmahl nennt, Printed p. 79 Sie meinen Vater tückevoll gemordet hat, Festreigentänze feiert und den rettenden Gottheiten Lämmer jeden Mond als Opfer weiht. Ich Kind des Unglücks, muß ich das im Hause seh'n, Vergehe, weine, schluchze laut zu diesem Mahl Des Jammers, das sie meines Vaters Mahl benennt, Allein für mich; denn auch zu weinen ist mir nicht So viel vergönnt, als meines Herzens Drang genügt. Denn diese nach dem Namen hochgesinnte Frau[OCR transcription; compare the scan.] Hindeutung auf den Namen Klytämnestra, d. i. Adeltraut. Printed p. 79 Rust höhnend dann mir diese bösen Worte zu: Gottloses Scheusal, ist der Vater dir allein Gestorben? Trauert außer dir kein Mensch um ihn? Stirb hin in Elend, und von diesem Fammer soll Dich auch der Todesgötter Macht niemals befrein![OCR transcription; compare the scan.] Die Gottheit, die ein Leiden schickt, hebt es auch wieder; so können hier die unterirdischen Götter, welche Elektra durch den Tod ihres Vaters in Trauer versezt haben, sie wieder beruhigen, den Schmerz von ihr nehmen. Sehr nachdrucksvoll wünscht ihr Klytämnestra, von der Trauer, der sie jezt mit Vorsaz nachhängt, niemals befreit zu werden. Thudichum. Printed p. 79 So ruft sie trozend. Aber hört sie dann einmal, Orestes komme, rennt sie flugs auf mich daher, Und schreit und wüthet: dir allein, dir dank' ich das! Es war ja dein Werk; hast du doch aus meinem Arm Entwandt Oresten, und geheim ihn fortgeschafft! Doch wisse: büßen sollst du mir verdienten Lohn! So bellt sie tobend, und an ihrer Seite reizt Ihr hochgerühmter Buhle sie noch mehr dazu, Der überall feigherzig Allverderbliche, Der im Verein mit Frauen seine Schlachten schlägt. Ich, ewig harrend, daß Orestes mein Geschick Zu wenden komme, schwinde hin in meinem Gram. Denn ewig zaudernd hat er meine Hoffnungen, Die nahen, wie die fernen, mir in Nichts verkehrt. In solcher Noth, ihr Lieben, wer mag Mäßigung, Wer fromme Tugend üben? Traun, im Uebel drängt Es uns gewaltsam, auch zu thun, was übel ist. Der Chor. Auf, sage, weilt Aegisthos hier, indeß du so Mir redest, oder ging er aus dem Hause fort? Elektra. Ja freilich. Wär' er nahe, traun, ich würde nicht Hier außen umgeh'n! Nein, er ging auf's Feld hinaus. Der Chor. So darf auch ich beherzter, darf mich freier wohl Mit dir ergeh'n in Reden, wenn es also steht. Elektra. Sezt ist er ferne; frage denn, was dir beliebt. Der Chor. Nun wohl, ich frage: was du mir vom Bruder sagst, Ob er zurückkehrt oder säumt, das wüßt' ich gern. Elektra. Er sagt es, aber was er sagt, vollbringt er nicht. Der Chor. Zu säumen liebt ja, wer ein großes Werk beginnt, Elektra. Und ich gerettet hab' ich ihn und säume nicht. Der Chor. Sei ruhig; edel denkt er, hilft den Seinen gern. Elektra. Ich glaub' es; denn ich lebte sonst nicht lange mehr. Der Chor. Nun rede mir nicht weiter: denn Chrysothemis Tritt aus dem Hause, seh' ich, die vom Vater und Der Mutter deine Schwester ist, in ihrer Hand Die Grabesopfer, wie man sie den Schatten weiht. Chrysothemis. Die Vorigen. Chrysothemis. Geliebte Schwester, was erhebst du wiederum, Zum Thor des Hofes kommend, solchen Klageruf? Und willst du noch nicht lernen in der langen Zeit, Machtlosem Unmuth nicht umsonst zu huldigen? Wohl fühl ich selbst auch dieses Leid, das uns betraf, Bin tief davon ergriffen, und, o würde mir Die Macht, ich zeigte, wie gesinnt ich ihnen sei! Nun aber zieh' ich in der Noth die Segel ein, Vor Schein mich hütend, wo die Macht zu schaden fehlt,[OCR transcription; compare the scan.] Ich hüte mich vor dem Scheine, als führte ich Etwas im Schilde, wo ich nicht die Macht habe, es auszuführen. Printed p. 79 Und wünsche, Schwester, daß du selbst ein Gleiches thust. Zwar immer sei das Rechte nicht wo mir's gefällt, Nein dort, wo du dich hingewandt; doch wenn ich frei Soll leben, muß ich hören auf die Herrscher mur. Elektra. Schmach dir, des Mannes Tochter, der dir Leben gab, Daß du, vergessend seiner, nur der Mutter denkst! Denn alle Lehren, welche du mir eben gabst, Hat sie dir eingegeben, nicht dein eigner Sinn. Wähl' Eines denn von Zweien, ob du thöricht sein, Ob, klug, der liebsten Freunde nicht gedenken willst. Denn eben sagst du, würde dir die Macht geliehn, Du zeigtest ihnen, welcher Haß dein Herz erfüllt; Mir aber, die den Vater rächen will, versagst Du deine Hülfe, ja verwehrst die Rache mir. Verräthst du hier nur bösen, nicht auch seigen Sinn? Denn lehre du mich, oder lerne du von mir, Was ich gewönne, ſtellt' ich meine Klagen ein. Ich lebe, zwar unglücklich, doch ich lebe ja; Und ihnen thu' ich wehe, daß ich Ehre so Dem Todten zolle, wenn es dort noch Freude gibt. Doch du, sie hassend, hassest nur in Worten sie, Und bist des Vaters Mördern durch die That gesellt. Ich würde niemals, ob man auch in Fülle mir Die Gaben böte, deren Frucht dich üppig labt, Mich ihnen unterwerfen; sei der volle Tisch Dir zubereitet, ström' um dich das Leben reich: Mir sei es einzig Labe, daß ich keine Qual Mir selbst bereite; deines Glücks begehr' ich nicht; Auch du verschmähtest's, wärst du klug. Wohl könntest du Das Kind des besten Vaters heißen, heiße nun Das Kind der Mutter; so erscheinst du Allen schlecht, Den Freunden, wie dem todten Vater, ungetreu. Der Chor: Laß, bei den Göttern, keinem Zorne Naum; es ist Gewinn in Beider Worten, wenn nur ihre du Zu nüzen wüßtest und sie selbst die deinigen. Chrysothemis. Ich bin an ihre Reden, traun, so ziemlich schon Gewöhnt, o Frauen, und ich hätte Nichts erwähnt, Wenn nicht ein großes Uebel sie der Sage nach Bedrohte, das ihr langes Jammern enden soll. Elektra. Auf, nenne mir das Grause; wenn es schlimmer ist, Als meine Leiden, widersprech' ich fürder nicht. Chrysothemis. Ich will dir Alles sagen, was ich selber weiß. Sie wollen, wenn du deinen Klagen nicht entsagst, Dorthin dich senden, wo du nie der Sonne Strahl Mehr schau'n und lebend im gewölbten Felsengrab, Fern diesem Lande, dein Geschick bejammern sollst. Dies denn bedenkend, klage nicht hernach mich an In deinem Unglück. Werde klug, noch ist es Zeit. Elektra. So hätten sie beschlossen, das mir anzuthun? Chrysothemis. Gewiß, sobald Aegisthos wieder heimgekehrt. Elektra. Er komme deßhalb immerhin sogleich zurück! Chrysothemis. Unsel'ge, was erflehst du dir mit diesem Wort? Elektra. Er möge kommen, wenn er so zu thun gedenkt. Chrysothemis. Nach welchem Leid verlangt dich? Wo geräthst du hin? Elektra. In fernste Fernen wünsch' ich wegzuflieh'n von euch. Chrysothemis. Und dieses Leben, das dir blüht, Nichts achtest du's? Elektra. Traun, herrlich ist mein Leben, zum Bewundern schön. Chrysothemis. Wohl wär' es also, kenntest du Besonnenheit. Elektra. Mich lehre nicht, den Meinen ungetreu zu sein. Chrysothemis. Das lehr' ich nicht; doch vor den Mächtigen beuge dich! Elektra. So schmiege du dich; meiner Art ist dieses fremd. Chrysothemis. Doch rus' ich: Heil dir, fällst du nicht durch Unbedacht. Elektra. Den Vater rächend fall' ich, wenn ich fallen muß. Chrysothemis. Der Vater, weiß ich, er vergibt mir dieses wohl. Elektra. Ein solches Wort zu loben, steht nur Feigen an. Chrysothemis. Du willst auf mich nicht hören, ſtimmst nicht ein mit mir? Elektra. Nein, wahrlich! Nimmer sei ich so von Sinne leer! Chrysothemis. So werd' ich gehen, wo ich hingesendet ward. Elektra. Wo gehst du hin? Wem bringst du dieses Opfer hier? Chrysothemis. Des Vaters Grab zu weihen, schickt die Mutter mich. Elektra. Wie sagst du? Solches thäte sie dem ärgsten Feind? Chrysothemis. Ihm, den sie selbst erschlagen: denn dies meinst du doch. Elektra. Durch welches Freundes Nath bestimmt? Wer hieß ihr das? Chrysothemis. Ein nächtlich Graunbild ängstet sie, so scheint es mir. Ihr Ahnengötter, nun gewährt uns Hülfe doch! Hat diese Furcht der Mutter deinen Muth geweckt? Elektra. Erzählst dy, was ihr träumte, dann erklär' ich mich. Chrysothemis. Doch was ich anzugeben weiß, ist wenig nur. Elektra. So sage dies. Wohl haben wenig Worte ja Schon oft erhoben und gestürzt die Sterblichen. Chrysothemis. Es geht die Sage, daß sie deinen Vater und Den meinen, welcher wiederum an's Licht gekehrt, Sich zugesellt sah. Der ergriff den Herrscherstab, Den er geführt einst, aber jezt Aegisthos führt, Und pflanzt' in unsern Herd ihn ein; alsbald entsproß Dem Stab ein üppig blüh'nder Zweig, der über ganz Mykene seinen Schatten weit verbreitete. So hört' ich Einen melden, der zugegen war, Als sie der Sonne diesen Traum verkündete.[OCR transcription; compare the scan.] Klytämnestra offenbart das Traumgesicht dem Helios als dem Gotte der Tageshelle, damit er, der Feind der Nacht, das Böse abwende und den Traum unschädlich mache. Printed p. 79 Doch mehr wie dieses weiß ich nicht, nur daß sie mich Hierher gesendet, aufgeschreckt von dieser Angst. Bei unsers Hauses Göttern fleh' ich nun dich an: Mir folge Schwester, falle nicht durch Unbedacht; Mich jezt verschmähend, suchst du mich im Leid dereinst. Elektra. Von dem, o Traute, was du trägst in deiner Hand, Laß Nichts das Grab berühren! Unrecht wär' es ja, Ja, Frevel wär' es, brächtest du vom Feindesweib Trankopfer oder Grabesweih'n dem Vater dar. Nein, gib's den Winden, oder tief in öden Staub Vergrab' es, wo kein Theil davon zur Ruhestatt Des Vaters je gelange; mög' es aufbewahrt Dort unten bleiben, ihr ein Kleinod, wenn sie stirbt! Ja, wäre sie nicht aller Frauen frechste, traun, Dann kränzte sie mit diesen haßerfüllten Weih'n Niemals die Gruft des Mannes, den sie mordete. Erwäge selbst nur, ob der Todte dort im Grab Von ihr mit Liebe dies Geschenk aufnehmen kann, Die schmählich ihn gemordet und gleich einem Feind Graunvoll verstümmelt, die zur Sühn' an seinem Haupt[OCR transcription; compare the scan.] Der Mörder hieb dem Erschlagenen die äußersten Enden der Glieder ab, und band sie ihm unter die Arme, nachdem er das blutige Schwert an seinem Haupthaar abgetrocknet hatte, theils um sich gegen die Rache des Gemordeten zu sichern, theils um sich von der Blutschuld und der Befleckung zu reinigen, und sie auf das Haupt des Todten zu wälzen. Printed p. 79 Ihr Schwert vom Blut gereinigt! Wähnst du gar vielleicht, Daß solche Spende sühnen mag die Mörderin? Nicht also! Laß dies Opfer sein, und schneide dir Die lezten Spizen von des Hauptes Locken ab Und mir, der Armen; gib ihm dies, zwar Weniges, Doch Alles, was ich habe, dies kunstlose Haar Und meinen Gürtel, nicht geschmückt mit eitlem Prunk, Und niederfallend fleh' ihn an, vom Grabe her Huldreich ein Retter uns zu nah'n vor Feindesmacht, Bis dann Orestes lebend und in Siegeskraft Auf seiner Feinde Nacken tritt mit stolzem Fuß, Damit wir ihm mit vollern Händen künftig einst Das Grab bekränzen, als wir jezt ihm Gaben weih'n. Ich glaube, ja ich glaub' es, ihm lag selbst daran, Zu senden ihr dies grauenvolle Traumgesicht. Gleichwohl, o Schwester, hilf mit solchem Dienst dir selbst Und mir und ihm, dem liebsten aller Sterblichen, Der, uns gemeinsam Vater, ruh in Hades' Haus. Der Chor. Ein frommes Wort wohl, das die Jungfrau sprach, und du Folgst ihrem Rath, o Liebe, wenn du weise bist. Chrysothemis. Ich will es thun. Das Rechte bietet keinen Grund[OCR transcription; compare the scan.] Der Sinn ist: Anstatt sich im Zank um gerechte Sache zu entzweien, ist es vernünftig, zur Ausführung sich die Hand zu reichen. Printed p. 80 Für Zwei, zu streiten, sondern rasch an's Werk zu gehn. Doch wenn ich, theure Frauen, dies versuchen soll, Müßt ihr, um alle Götter, mir verschwiegen sein! Denn hört davon die Mutter, dann wird sicher noch Aus diesem Wagniß bittre Frucht für mich erblüh'n. (Sie schneidet von ihren Haaren ab, empfängt Haar und Gürtel der Elektra, und entfernt sich.) Elektra. Der Chor. Strophe. Der Chor. Wenn weissagender Geist Kunde mir gab, Wahrhaft, voll weiser Besonnenheit: Naht voraus verkündend Das Recht, gerechte Strafgewalt in starker Hand; Es naht heran, Tochter, nicht in ferner Zeit. Muth hebt den Busen mir, Weil ich von Träumen eben hörte, die mich hold umweh'n. Der Schmach vergißt dein Vater niemals, Er, einst Hellas' Fürst, Und nie das alte Beil von Erze, Das zweischneidige, Das frevelnd in arger Wahnsinnsthat den Tod ihm gab. Gegenstrophe. Mit viel Füßen, mit viel Händen erscheint,[OCR transcription; compare the scan.] Die Erinnys, die mit ehernen Schritten einherschreitet, erscheint mit vielen Füßen und Händen", insofern sie schnell, unwiderstehlich und unentfliehbar den Frevler ereilt. Printed p. 80 Chernen Fußtrittes, Erinnys, in Grauser Höhle lauernd. Denn mordbefleckten Ehebunds unkeusche Lust Umstrickte sie, sonder Zucht und sonder Scham. Drum hebt Vertrau'n mein Herz, Nimmer erschein', erschein' uns dieses Zeichen, ohne Fluch Zu künden Thätern und Genossen. Die Graunbilder des Traums Und alle Wort' aus Göttermunde Sind Trug, eitles Nichts, Wenn dieses Gesicht der Nächte nicht das Heil uns bringt. Schlußgesang. Pelops', des Urvaters,[OCR transcription; compare the scan.] Denomaos, König von Elis, verhieß seine einzige Tochter Hippodameia demjenigen ihrer Freier, der ihn und seine Rosse im Wagenlaufe besiegen würde. Pelops, einer derselben, bestach den Wagenlenker des Königs, Myrtilos, daß er den Rädern des Denomaos die Lünsen entzog, wodurch der Wagen desselben bei der Wettfahrt aus einander ging. So wurde Pelops Sieger. Als aber Myrtilos den bedungenen Lohn forderte, warf er ihn von dem goldenen Wagensize in's Meer hinab, und wurde so der Urheber alles Unheils für sich und sein Geschlecht. Printed p. 80 Fluchvoller Roßwettlauf! Wie reich an Leid kamst du Diesem Land! Denn seid im Meergrunde Myrtilos den Tod schmeckte, Der aus dem Goldsize Durch schnöden Trugs Unthat Entſeelt hinabstürzte, Ruhte nie Der Frevel, der fluchvoll Auf diesem Haus lastet. Die Vorigen. Klytämnestra. Du treibst dich, scheint es, wieder los und ledig um. Denn ferne weilt Aegisthos, der dir stets gewehrt, Die Deinen schmähend vor das Thor herauszugehn. Nun dieser fortgegangen, kümmerst du dich Nichts Um mich; und viel doch hast du mich vor Vielen schon Gescholten, daß ich ohne Recht, voll Uebermuth, Hier schalte, dich verhöhnend und was du beginnst. Ich aber übe keinen Hohn, ich schmähe nur Auf dich, nachdem du fort und fort auf mich geschmäht. Dein Vater einen andern Vorwand hast du nie Er sei durch mich gestorben. Ja, durch mich: ich weiß Dies wohl, und nicht abläugnen will ich diese That. Denn Dike hat ihn weggerafft, ich nicht allein;[OCR transcription; compare the scan.] Dike, die göttliche Strasgerechtigkeit, als deren Werkzeug Klytämnestra sich hier betrachtet. Printed p. 80 Ihr hätt'st du helfen sollen, wenn du weise warst, Denn dieser Mann, dein Vater, den du stets beweinst, Ließ herzlos deine Schwester, er allein im Heer, Den Göttern opfern, ob er wohl nicht gleichen Schmerz Sie zeugend fühlte, wie gebärend ich empfand. Wohlan, so laß mich hören, wem zulieb, warum Er sie geopfert: war's vielleicht für Argos' Heer? Mein Kind zu tödten aber stand bei diesen nicht. Doch hätt' er statt des Bruders, statt Menelaos' auch Mein Kind getödtet: büßt' er da mir nicht gerecht? Und hatte nicht Menelaos selbst zwei Kinder, die[OCR transcription; compare the scan.] Außer Hermione, dem einzigen Kinde des Menelaos und der Helena bei Homer, hatte Menelaos nach einer Sage bei Hesiodos (in den Scholien zu dieser Stelle) noch einen Sohn, der Nikoſtratos hieß. Printed p. 80 Zu tödten mehr geziemte, denn das meine, weil Von Eltern stammend, derenthalb auszog das Heer? Empfand der Hades größre Lust nach meinem Kind, Zum Mahl es wegzuraffen, als die ihrigen? Und regt' im Unglücksvater denn sich kein Gefühl Für meine Kinder, liebt' er mehr Menelaos' Stamm? Ist solch ein Vater nicht verrückt und schlechtgesinnt? Ich mein' es, red' ich anders auch, als dir's gefällt. Wohl sagt' es auch die Todte, würd' ihr Sprache noch. Ich also kann nicht Reue wegen dieser That Empfinden; wenn dir's aber dünkt, ich irrte mich, Wo ich gerecht urtheilte, schilt auf Andere! Jezt kannst du doch nicht sagen, daß ich dich zuerst Gekränkt und solche Reden dann von dir gehört. Doch wenn du mir's gestattest, sagt' ich gerne wohl Vom Todten und der Schwester dir ein offnes Wort. Und wohl gestatt' ich's. Wenn du so mich allezeit Angingst in Worten, hört' ich ohne Groll dich an. Elektra. Wohlan, so red' ich. Du bekennst des Vaters Mord. Wo gibt's ein grauenvoll'res Wort, als dieses ist, Du möchtest Recht thun oder nicht? Doch sag' ich dir, Es war ein Unrecht, dieser Mord! Dich hat verlockt, Beschwazt der Frevler, dem du jezt als Weib gehörst. Frag' Artemis, die Jägerin, um welche Schuld Sie zürnend aller Winde Macht in Aulis band. Nein, sag' ich's selbst; denn sie zu fragen ziemt sich nicht. Mein Vater (also ward mir kund) erging sich einst Im Hain der Göttin und erjagt' in raschem Lauf Den bunten hochgehörnten Hirsch, und als er ihn Erlegt, entfiel ihm prahlerisch ein stolzes Wort. Drob zürnte Leto's Tochter ihm und hielt zurück[OCR transcription; compare the scan.] Leto's Tochter, Artemis. Printed p. 80 Das Heer Achäa's, bis der Vater als Ersaz Des Wildes ihr die eigne Tochter opferte. So wurde sie das Opfer; Nichts vermochte sonst Heimwärts das Heer zu fördern oder Troja zu. Hiefür, nach vielem Sträuben und gezwungen, gab Er sie zum Opfer, aber für Menelaos nicht. Doch wenn er denn nun red' ich auch in deinem Sinn - Um ihm zu helfen, solches that: verdient' er wohl Deßhalb den Tod von deiner Hand? Nach welchem Recht? Bedenke, wenn du dies Gesez den Menschen gibst, Ob du dir selbst nicht herbes Leid und Reue schaffst. Denn wenn der Mord des Einen büßt des Andern Mord, Stirbst du zuerst wohl, wenn es nach dem Rechte geht. Doch siehe nur: welch eitlen Vorwand schaffst du dir! Denn sage, (wenn es dir gefällt) warum du jezt Der grauenvollsten Thaten dich erkühnen magst, Du, die des Mörders Lager theilt, mit welchem du Verbunden meinen Vater mir vordem erschlugst, Mit dem du Kinder zeugest, und die ächten, einst[OCR transcription; compare the scan.] Von Kindern, die Aegisthos mit Klytämnestra erzeugt hatte, wird eine Tochter Erigone genannt. Printed p. 80 Aus ächter Eh' entspross'nen, ausgetrieben hast. Wie könnt' ich dieses loben? Oder wirst du hier Auch sagen, daß du Rache für die Tochter nahmst? Schmach, es nur zu sagen! Denn nie ziemt es sich, Der Tochter wegen einem Feind sich anzutrau'n. Doch dich zurechtzuweisen ist mir nicht vergönnt; Denn tausendfältig russt du, daß wir ungescheut Die Mutter lästern; freilich dünkt es mich, du seist Viel mehr die Herrin, als die Mutter, gegen uns: In solcher Mühsal leb' ich, so durch deine Schuld Und deines Buhlen duld' ich stets vielfache Noth. So schleppt Orestes, deinen Händen kaum entfloh'n, Auswärts in Jammer ein verlor'nes Leben hin, Er, welchen ich dir, wie du mich schon oft gezieh'n, Als Rachegeist erziehe: traun, vermöcht' ich das, Ich thät' es, sei versichert! So verrufe mich Vor aller Welt denn immerhin als arggesinnt, Als zungenfrech, als ledig alles Schamgefühls. Denn wenn ich dieser Laster wohlerfahren bin, Gereich' ich deinem Stamme doch zur Schande nicht. Der Chor. Ich sehe sie Zorn athmen; aber ob mit Recht Sie zürne, dieses, seh' ich, wird nicht mehr bedacht. Klytämnestra. Und was bedenken soll ich denn bei dieser auch, Die so mit frecher Rede mich, die Mutter, höhnt, Und das in solchem Alter? Hegst du Zweifel noch, Daß die sich schamlos jeder That erdreisten wird? Elektra. So wisse, daß mich solches Thun mit Scham erfüllt, Wenn du daran auch zweifelst; denn ich handle nicht, Wie's mir und meinem Alter ziemt, das fühl ich wohl. Doch dieser Feindeshaß von dir, dein arges Thun, Sie zwingen mich zu solchem Handeln mit Gewalt. An bösen Thaten lernt sich fort die böse That. Klytämnestra. Schamlos Gezücht! Ich freilich und mein Reden und Mein Thun verstatten allzuviel Schmähworte dir. Elektra. Nicht ich, du selber schmähst dich ja; denn du begehst Die That, und Thaten finden ihre Worte dann. Klytämnestra. Ha, bei der Fürstin Artemis, für solchen Troz Entrinnst du nicht der Strafe, kehrt Aegisthos heim! Elektra. Siehst du's? Der Unmuth reißt dich fort! Du gönntest mir Nach Wunsch zu reden, doch zu hören weißt du nicht. Klytämnestra. So wirst du selbst nicht ungestört von bösem Laut Mich opfern lassen, nun ich frei dich reden ließ? Ich duld' es, will es, opfre nur, beschuldige Nicht meinen Mund mehr; denn ich rede weiter nicht. (zu einer von ihren Begleiterinnen) Du hebe denn das Opfer, du die Nächste mir, Die Früchte, daß ich mein Gebet zu diesem Gott Entsende, mich zu retten aus der schweren Angst. (sie tritt vor den Altar des Apollon) Wohl hörst du jezt, o Phöbos, unsers Hauses Hort,[OCR transcription; compare the scan.] Altar und Bildsäule des Phöbos stand vor dem Hause, damit der Gott jegliches Unheil abwende. Printed p. 80 Auf mein verborgnes Beten. Nicht vor Freunden wird's Gesprochen, und nicht Alles darf dem Lichte sich Entfalten, da mir diese nah zur Seite steht, Daß nicht in tausendfachem Ruf aus Tücke sie Ein leer Gered' aussprenge durch die ganze Stadt. Nein, so vernimm mich, sprech' ich's aus in dieser Art. Des Doppeltraumes Bilder, die in dieser Nacht[OCR transcription; compare the scan.] Ein Doppeltraum heißt das Traumgesicht, weil es eine zwiefache Auslegung zuläßt, so daß Klytämnestra nicht weiß, ob es ihr Gutes oder Böses bedeutet. Printed p. 80 An mir vorübergingen, laß, Lykeierfürst, Wofern sie günstig nahten, sich bestätigen, Wenn feindlich, wend' auf unsre Feinde sie zurück! Und nicht gestatt' es, wenn mich Einer ränkevoll Herab von meines Glückes Höh'n zu stürzen sinnt! Nein laß mich also lebend, nie von Gram getrübt, Im Haus des Atreus walten mit dem Herrscherstab, Vereint den Lieben, die mir jezt verbunden sind, In heitern Tagen, und umringt von Kindern, die Kein bittrer Unmuth gegen mich, kein Haß erfüllt! Dies, o Lykeier Phöbos, hör' in Gnaden an, Und dies gewähr' uns allen, wie wir's fleh'n von dir; Doch alles Andre, hüllt es auch mein Schweigen ein, Das ist, eracht' ich, dir dem Gott nicht unbekannt: Denn die von Zeus sind, müssen wohl allsehend sein. Der Pfleger des Orestes. Die Vorigen. Der Pfleger. Ihr fremden Frauen, ich vernähme gern von euch, Ob dies das Haus Aegisthos', eures Herrschers, ist. Der Chor. Das ist es, Fremdling: recht gerathen hast du selbst. Der Pfleger. Und rath' ich recht auch: steht sie hier, des Königes Gemahl? Ihr Anblick kündet ja die Herrin an. Der Chor. Du trasst es richtig: eben sie erblickst du hier. Der Pfleger. Heil dir, o Fürstin! Frohe Kunden bring' ich dir Und auch Aegisthen, abgesandt von einem Freund. Klytämnestra. Willkommen sei die Rede; doch vor Allem laß Mich erst erfahren, welcher Mann dich uns gesandt. Der Pfleger. Euch schickt der Phoker Phanoteus ein großes Wort. Klytämnestra. Was ist es, Fremdling? Rede! Denn vom Freund gesandt, Das weiß ich, bringst du sicher mir ein freundlich Wort. Der Pfleger. Todt ist Orestes; kurzgefaßt verkünd' ich es. Elektra. Weh mir! Des Todes bin ich, ach, an diesem Tag! Klytämnestra. Wie sagst du, Freund, was sagst du? Hör' auf diese nicht. Der Pfleger. Todt ist Orestes, sag' ich jezt, und sagt' ich schon. Elektra. Ich Arme bin verloren, ach, ich bin dahin! Klytämnestra. Du treibe nur das Deine; mir indeß, o Freund, Sag' an die Wahrheit: wie ereilt' ihn sein Geschick? Der Pfleger. Dazu bin ich gesendet; Alles meld' ich denn. Er war gekommen zu der stolzen Feste Glanz[OCR transcription; compare the scan.] Es folge hier eine erklärende Darstellung von dem Berichte des Pflegers. Zu den pythischen Spielen, bei denen der Preis ein Lorbeerkranz ist, fand sich auch Orestes ein, und bei dem ersten Kampfe, der zur Entscheidung kommt, dem Wettlauf, entsprach das Ende vollkommen der Erwartung, welche seine ausgezeichnete Gestalt erregt hatte, er trug den Sieg davon. Ueberhaupt in allen Kampfarten, die ohne Pferde ausgeführt werden, als dem Laufe, dessen schon gedacht ist, der Zwiebahn oder dem Doppellauf, wo man an's Ziel, und auf der anderen Seite der Bahn wieder zu den Schranken läuft, und dann dem Pentathlon oder Fünfkampf, bestehend in Laufen, Springen, Ringen, Scheibenwurf und Speerwurf, in allen diesen gewann er ebenfalls den Preis und wurde als Sieger, nach der Sitte, mit Nennung seines Namens, Vaters und Vaterlandes ausgerufen. Nun folgte an einem andern Tage das Wagenrennen. Zu neun anderen Kämpfern, einem Achäer, einem Sparter, zwei Libyern aus Kyrene, dem griechischen Afrika, deren Einer aus der Stadt Barke, einem Aetolier, einem Magnesier, einem Bewohner der makedonischen Stadt Ainia, einem Athener und einem Böotier, zu diesen ist Orestes der zehnte, mit thessalischen; also Rossen der besten Art fahrend. Sobald das die Schranken bildende Seil vor den Wagen, die nach einer durch das Loos bestimmten Folge in Linie stehen, niedergelassen ist, fahren sie zugleich ab, und im ersten Anblick scheinen Alle nur auf schnellstes Vorwärtskommen bedacht, daher, indem sie sehr bald nicht mehr Linie halten, die Zurückgebliebenen den Vorgefahrenen doch wenigstens dicht nachfolgen, so daß der Hauch ihrer Pferde die Rücken und die Räder ihrer Vormänner trifft und beschäumt; denn die Wagen sind klein, zweirädrig, hinten offen, wo der Fahrende eintritt und stehend die vier neben einander gespannten Rosse lenkt. Bald jedoch zeigt sich, nachdem der erste Drang vorüber ist, Orestes als höchst gewandt und erfahren, indem er, die Bahnen der innerhalb von ihm Fahrenden durchschneidend, nach der Endsäule lenkt, an welcher er nun bei jedem Umlauf, mit geübter Hand das linke Leinroß (Seitenpferd) anhaltend und dem rechten den Zügel lassend, wodurch bei der Kreuzung der Riemen alle vier, Nebenwie Deichselrosse, links gehen, dicht vorbeistreicht. Diese Endsäule und eine gleiche am Anfang bilden die beiden Spizen eines Grats, der die 1200 Fuß lange und halb Sophokles v. Donner. II. 8. Aufl. so breite Rennbahn in der Mitte durchzieht und zwölfmal links umfahren wird. Der Vortheil der Pläze bei der Abfahrt ist an sich ziemlich gleich; denn je größer der Bogen beim Wenden, desto schneller kann man fahren, dagegen die kürzere Wendung in gemäßigter Schnelligkeit gemacht werden muß und mit mehr Gefahr, nicht allein des Anstoßens an die Säule, sondern auch des Umwerfens durch den Schwung verbunden ist. Noch in einem andern Punkte zeigt Orestes seine Erfahrung: er schont die Pferde, um für die lezten Umläufe ihre Kräfte zu sparen, und läßt daher die Anderen vorausstürmen. Das. hat nun seinen guten Fortgang bis zur Mitte der Wettfahrt, wo bei der Wendung, um vom vollendeten sechsten den siebenten Umlauf anzufangen, dem Ainianer die Pferde durchgehen und, geradaus laufend, wider den Wagen des im Wenden begriffenen Barkaiers rennen, wodurch dann Einer nach dem Andern, da Jeder die Gewalt über sein Fuhrwerk verliert, stoßend und gestoßen, von der Verwirrung ergriffen und durch Umwerfen oder Beschädigung seines Wagens zur Fortsezung der Fahrt unfähig gemacht wird. Nur der Athener, der auf seiner Hut gewesen, nimmt es noch früh genug wahr, um alsbald anzuhalten, auf die Seite zu lenken und den Knäul vorüberzulassen, bis man mit Sicherheit weiter fahren kann. Er sieht sich um, wie die Wettrenner zu thun pflegen, und bemerkt, daß er an Orestes, der hinter den Anderen fährt, noch den einzigen Nebenbuhler hat. Damit beginnt denn ein angestrengter Wettlauf der Beiden, links Orestes, rechts der Andere, mit so gleichen Kräften, daß kaum die Spizen der Fuhrwerke abwechselnd voraus sind. So machen sie ohne Unfall alle noch übrigen Umläufe bis zum lezten, wo Orestes bei der Wendung, im Augenblick, wo er dem linken Pferde Luft gibt, unversehens an die Säule anprallt, die Achse bricht, und er, in die Riemen verwickelt, von den scheu gewordenen, wild durch die Bahn hinstürmenden Rossen geschleift wird. Zur Unkenntlichkeit zerfleischt wird er von den übrigen Wettrennern befreit, deßhalb sogleich verbrannt und die Asche seiner Mutter überschickt, so daß Alles ganz kürzlich geschehen ist, und die Ueberreste des Umgekommenen zugleich mit der ersten Nachricht von seinem Schicksal eintreffen. Thudichum. Printed p. 80 Printed p. 81 Printed p. 82 Printed p. 83 Von Hellas, kühn zu ringen um den Delpherpreis; Und als er Heroldsrufe nun mit hellem Schall Zum Laufe rufen hörte, der den Kampf beginnt: Da trat er strahlend, Allen dort ein Wunder, ein. Drauf als er stolzen Fluges stolz erreicht das Ziel, Verließ er, hoch mit Siegesruhm gekrönt, die Bahu. Und bei so Vielem sag' ich dir nur Weniges: Nie sah ich solches Mannes Kraft und Thaten noch. In allen fünf Wettkämpfen auf der Doppelbahn, (Dies Eine meld' ich,) die das Kampfgericht entbot, In allen trug er jeden Siegespreis davon: Man pries ihn selig, rief ihn als Argeier aus, Genannt Orestes, Agamemnons Heldensohn, Der einst Achäa's stolzes Heer versammelte. So war der Anfang: aber wenn Unglück ein Gott Verhängt, entrinnen mag ihm auch der Starke nicht. Des andern Tages, als begann der Rosse Kampf, Der raschen Renner, mit der Sonne frühstem Strahl, Trat jener auch mit vielen Wagenführern ein. Es kam ein Sparter, Einer aus Achäa, Zwei, Im Wagenrennen wohlgeübt, aus Libya; Er unter ihnen folgte mit thessalischem Gespann, der fünfte; sechstens ein Aetolier Mit braunen Füllen; siebtens ein Magnesier; Sodann mit weißen Rossen kam ein Aenier; Der neunte war aus Pallas' gotterbauter Stadt,[OCR transcription; compare the scan.] Aus Pallas' gotterbauter Stadt, Athen. Printed p. 83 Und ein Böoter schloß den Zug im zehnten Siz. Und als sie standen, wie des Kampfes Richter dort Die Loose schwangen und die Wagen ordneten, Da schmettert' Erzdrommetenschall, fort stürmten sie, Befeu'rten ihrer Rosse Muth, und schüttelten Die Zügel; weithin füllte da den ganzen Plan Der Wagen dumpfes Nasseln; hochauf wölkte sich Der Staub, und alle rannten durch einander hin, Und schonten nicht der Geißeln, an des Andern Rad Und schnaubend wildem Roßgespann vorbeizufliehn. Denn wie der Männer Schultern, so der Räder Spur Benezte dampfend Schaum und Hauch der Rosse rings. Schon lenkt' Orestes um die lezte Säul' herum, Ließ stets die Nabe streifen, und dem rechten Roß Den Zügel laffend, zog er mehr sein linkes an. Anfänglich fuhren regelrecht die Wagen all, Bis jene Renner Aenia's mit hartem Maul In Sturmeseil' ausrissen, und rechtshin gewandt, Den sechsten Lauf vollendend und den siebenten, Die Stirne ranmuten auf die Wagen Libya's. Und nun zerschmettert' einer durch den Einen Fehl Den andern, stürzte nieder, und zerbrochener Rennwagen Trümmer deckten rings das Phokerfeld. Das nimmt Athens gewandter Zügellenker wahr; Drum lenkt er auswärts, hemmt der Rosse Lauf, und läßt Vorbei der Wagen Strudel, der die Bahn durchwogt. Am lezten fuhr Orestes, der wohlkundig sein Gespann zurückhielt, banend auf des Kampfes Schluß. Als aber jener ihn allein noch übrig sah, Da jagt' er, hell aufdröhnend traf sein Ruf das Ohr Der schnellen Renner; Soch an Soch, in gleichem Schritt, Flog hin das Paar, nun Einer, nun der Andere Der Wagenrosse stolzes Haupt vorangestreckt. Und aller andern Bahnen Lauf vollendete Der Arme sonder Fährde, fest auf festem Siz: Da ließ er nach den Zügel, als das linke Roß Sich wendend umbog, und den Rand der Säule traf Er unversehens; mitten brach die Nabe durch; Er glitt vom Kranz des Wagens und verwirrte sich Im langen Riemzeug; als er dann zu Boden sank, Floh'n seine Nosse durch die Bahn in wilder Flucht. Und wie das Volk den Jüngling so vom Wagensiz Herabgestürzt sah, schrie es jammernd auf um ihn, Der, solcher Thaten Meister, solches Leid erfuhr, Am Boden bald hinschleifend, bald zum Himmel hoch Die Füße kehrend, bis die Wagenführer selbst, Kaum hemmend seiner Rosse Lauf, ablösten ihn, Den so mit Blut bedeckten, daß kein Freund ihn mehr Erkennen mochte, wenn er sah die Schmerzgestalt. Die Glut verzehrt' ihn schleunig, und es bringen nun In kleinem Erz des großen Körpers Aschenrest Erles'ne Männer aus dem Phokervolk hieher, Auf daß in seiner Väter Land ihm werd' ein Grab. So hat sich das begeben, selbst in Worten schon Betrübend, doch für Alle, die's mit angeseh'n, Wie wir, der Uebel größtes, das mein Auge sah. Der Chor. Ach! Also liegt denn unsrer Fürsten alter Stamm, So scheint es, ganz, mit allen Wurzeln ausgetilgt! Klytämnestra. Zeus! Was soll ich sagen? Nenn' ich dies ein Glück, Neun' ich's ein Unglück, doch Gewinn? Wie schmerzlich ist's, Wenn mir das Leben retten soll mein eignes Leid! Der Pfleger. Warum, o Fürstin, zagst du so bei diesem Wort? Klytämnestra, Der Mutter Lieb' ist mächtig; wenn ihr Böses auch Geschah, sie kann nicht hassen, den ihr Schooß gebar. Der Pfleger. So kamen wir denn, wie es scheint, vergeblich her! Klytämnestra. Nein, nicht vergeblich! Denn warum vergeblich auch, Wenn du von dessen Tode mir untrügliche Wahrzeichen bringst, der, meinem Leben einst entstammt, Sich meinen Brüsten, meiner Pfleg' entfremdete, Zur Ferne fliehend, und nachdem er dieses Land Verlassen, nie mich wiedersah, der mir den Mord Des Vaters stets vorrückend grause Nache schwur, Daß nie zur Nachtzeit oder Tags ein süßer Schlaf Mein Aug' umhüllte, sondern daß als Sterbende Ich meiner nächsten Stunde stets entgegenging? Doch jezo, denn an diesem Tage ward ich frei Der Furcht vor ihr und jenem; noch ein größrer Fluch Im Hause war mir diese, die mein lauteres Herzblut mir austrank: jezo kann ich ohne Harm, Vor ihrem Drohen sicher, mich des Lebens freun. Weh, weh mir Armen! Jezt, Crestes, muß ich wohl Dein Mißgeschick bejammern, da bei solchem Loos Dich noch verhöhnt die Mutter. Ist so recht geschehn? Dir nicht; dem Andern, wie's geschah, ist recht geschehu. Elektra. höre, du, des kaum Verblich'nen Nemesis![OCR transcription; compare the scan.] Elektra ruft die Nemesis des Orestes an, daß sie, als Göttin der Vergeltung, die ihm widerfahrene Unbill rächen solle. Printed p. 83 Klytämnestra. Sie hörte, wen sie mußte: recht hat sie's gefügt. Elektra. Nun, spotte! Denn jezt bist du ja die Glückliche. Klytämnestra. Und du und dein Orestes wehrt nicht unser Glück. Elektra. luns ist gewehrt schon, daß wir dir nicht wehren mehr. Klytämnestra. Freund, wehrtest du dem ungestümen Lästermund, Du hättest durch dein Kommen großen Dank verdient. Der Pfleger. So kann ich weiter gehen, ist's hier wohl bestellt. Klytämnestra. Mit nichten: also würd'st du mein nicht Würdiges Erfahren, noch des Freundes, der dich mir gesandt. Nein, tritt in's Haus ein; diese laß hier außen schrei'n, Ihr Leid bejammernd und das Leid der Ihrigen! (sie geht mit dem Pfleger in's Hans.) Elektra. Der Chor. Elektra. Dünkt euch, o Frauen, daß das unheilvolle Weib, Von Schmerz erfüllt, wie eine trostlos trauernde, Den Sohn bejammre, der so kläglich unterging? Nein, lachend ging sie weiter! Ich Unselige! O mein Orestes, sterbend gabst du mir den Tod! Denn weggerissen aus der Brust entführst du mir Die lezte Hoffnung, welche noch mir Armen blieb, Du würdest lebend kommen einst, des Vaters Tod Und mich zu rächen. Nun - wohin flieh'n soll ich nun? Denn einsam steh' ich und allein, bin dein beraubt, Beraubt des Vaters. Sklavin muß ich wieder sein Von diesen Menschen, die mein Herz vor Allen haßt, Des Vaters Mördern. Wäre mir das recht gescheh'n? Doch wahrlich fortan will ich nicht in Einem Haus Mit ihnen wohnen, nein, hinaus vor dieses Thor Mich werfend, schmacht' ich ohne Freund mein Leben hin. Dann möge mich ermorden, wer im Hause sich Hievon beschwert hält: Wonne wird der Tod mir sein, Wie Qual das Leben; beut es mir doch keine Lust. Erste Strophe. Der Chor. Wo sind des Zeus Donner und du, strahlender Gott, Helios, wenn solches ihr schaut und Langmüthig verberget? Elektra. Ach, ach, weh, weh! Der Chor. Was weinst Du, o Jungfrau? Elektra. Ho! Der Chor. Nicht höhne die Götter! Schont mein! Wie? Elektra. Wenn hoffen du mich heißest auf die, Die mir der Tod sichtbar entrafft: drückst du mich noch tiefer hinab, Mich, die der Gram aufzehrt. Erste Gegenstrophe. Der Chor. Vom goldnen Halsbande, der Frau Nezen bestrickt,[OCR transcription; compare the scan.] Die Worte, die Elektra V. 816 von Orestes gebraucht, bezieht der Chor auf Agamemnon, den er mit dem Seher Amphiaraos vergleicht. Wie dieser lebend in die Erde versenkt mit vollem Bewußtsein fortherrscht, ebenso waltet Agamemnon auch im Hades noch als Herrscher, und wird seine Macht gebrauchen, um an den Frevlern Rache zu nehmen. - Amphiaraos wollte, weil er seinen Tod voraussah, in den Krieg wider Thebe nicht mitziehen, und verbarg sich. Aber seine Gattin Eriphyle ließ sich von Polyneikes, dem Urheber des Zuges, durch ein goldnes Halsband bestechen, ihn zu verrathen; er war genöthigt zu folgen, und wurde vor Thebe lebendig von der Erde verschlungen. Nachher rächte sein Sohn Alkmäon diesen Verrath durch die Ermordung seiner Mutter Eriphyle. Printed p. 83 Wandelt' hinab Amphiaraos: Jezt wohnend im Hades, - Elektra. Ach, ach, o, o! Der Chor. Voll Leben gebeut er. Elektra. Weh! Der Chor. Ja, wehe! Die Arge Elektra. Sie erlag? Der Chor. Ja. Elektra. Ich weiß: dem betrübt harrenden kam Rächend ein Freund; aber für mich ist er dahin; der es mir war, Weg mir gerafft schied er! Zweite Strophe. Der Chor. Schwer, ja schwer liegt auf dir das Leid. Elektra. Wohl, zu wohl lehrte mich selbst auch dies Mein Leben, auf das endlos, zahllos Der Verhängnisse Graun sich gelagert. Der Chor. Was du beklagst, sah'n wir. Elektra. Suche denn nicht mehr mit Trost Mich zu berücken; denn Der Chor. Wie so? Elektra. Hin ist die Hoffnung auf den erwarteten Schuz Helfender Bruderhände. Zweite Gegenstrophe. Der Chor. Aller Erdsöhne harrt der Tod. So war es verhängt auch, gleichwie dort Es dem Armen erging, bei'm Roßwettlauf Elektra. In den Zaum des Gespannes zu stürzen? Der Chor. Nimmer erhörtes Leid! Elektra. Ach, gewiß, wenn er, uns Fern, in dem fremden Land Weh, weh! Versunken, ohne daß er ein Grab sich errang, Oder von uns beweint ward! Chrysothemis. Die Vorigen. Chrysothemis. Von Freude hergetrieben, komm' ich, Theuerste, Nicht auf den Anstand achtend, hier in raschem Lauf. Denn Freuden bring' ich und Erlösung aus dem Leid, Mit dem du rangst, um das du bittre Klag' erhobst. Elektra. Wo fändest du für meinen Sammer Hülfe mir, Für welchen Heilung nirgend auszuspähen ist? Chrysothemis. Orestes ist gekommen, (dies vernimm von mir, Und glaub' es,) wahrhaft, wie du mich vor dir erblickst. Elektra. Hat dich der Wahnsinn übermannt, Unselige, Und treibst du Spott mit deinem und mit meinem Leid? Chrysothemis. Bei'm heiligen Herd der Väter, nein, ich sag' es nicht Zum Hohne: nein, Orestes ist wahrhaftig hier. Elektra. Ich Arme, weh mir! Und von welchem Sterblichen Vernahmst du's, daß du solchem Wort so kühn vertraust? Chrysothemis. Von mir, von keiner Andern ward mir Kunde: weil Ich klare Zeichen schaute, glaub' ich diesem Wort. Elektra. Und welches Merkmal sahst du? Was, Unsinnige, Hat solches Wahnes tolle Glut in dir entflammt? Chrysothemis. So höre, bei den Göttern, daß, vernahmst du mich, Du mich hinfort klug oder thöricht nennen kannst. Elektra. Nun, rede, wenn das Reden dir Vergnügen macht. Chrysothemis. Ich melde dir denn Alles, was ich dort gesehın. Sobald ich ankam bei des Vaters Ahnengruft, Da sah ich frischergossen hoch vom Hügel her Milchbäche rinnen und im Kreis umher bekränzt Mit allen Blumen, welche blüh'n, des Vaters Grab. Und das erblickend, staunt' ich hoch und späh' umher, Ob nicht ein Mensch uns nahe sich herangedrängt. Doch als ich weithin ruhig sah den ganzen Ort, Trat ich dem Hügel näher und gewahre hier Frischabgeschnittne Locken auf des Grabes Rand. Kaum daß ich's Arme sehe, steigt vor meinem Geist Ein trautes Bild auf, und ich ahn' ein Zeichen hier Vom liebsten aller Menschen, von Orestes' Hand. Ich heb' es auf, verstummend hemm' ich jeden Laut; Doch schnell mit Wonnethränen füllt mein Auge sich. Und jezt erscheint mir's noch gewiß, wie dazumal : Von ihm, von keinem Andern kam der Todtenschmuck. Denn wem geziemte solches, außer mir und dir? Ich brachte nicht die Spende, dieses weiß ich doch, Noch brachtest du sie, die du ja zu Göttern selbst Nicht ungestraft aus diesem Hause gehen darfst. Wohl nimmer liebt auch, so zu thun, der Mutter Sinn, Und that's die Mutter, blieb es doch nicht unbemerkt. So hat Orestes dargebracht den Grabesschmuck. Drum fasse Muth, o Theure! Nicht Denselben mag Dieselbe Gottheit immerdar zur Seite steh'n. Uns war sie früher feindlich; doch der heut'ge Tag Wird uns vielleicht vielfachen Glückes Quelle noch. Elektra. Weh, deine Thorheit, lange schon beklag' ich sie! Chrysothemis. Was hast du? Sagt' ich dieses nicht zur Freude dir? Elektra. Nicht weißt du, weder wo du bist, noch was du denkst. Chrysothemis. Wie sollt' ich denn nicht wissen, was ich deutlich sah? Elektra. Todt ist er, Arme, und für dich sein rettender Beistand entschwunden; richte nicht auf ihn den Blick! Chrysothemis. Ich Arme, weh mir! Und von wem vernahmst du dies? Elektra. Von Einem, der's gesehen, als er unterging. Chrysothemis. Und dieser, wo verweilt er? Staunen faßt mich au. Elektra. Im Haus, der Mutter angenehm, nicht lästig ihr. Chrysothemis. Ich Arme, weh mir! Doch von wem auf Erden sind Die reichen Todtenspenden auf des Vaters Grab? Elektra. Das Wahre scheint mir, daß den hingeschiedenen Orestes Jemand ehren will mit diesem Mal? Chrysothemis. Ach, Armer! Und ich eilte flugs in frohem Muth Mit solcher Botschaft her zu dir und wußte nicht Um unser Unglück; aber nun, nachdem ich kam, Das alte find' ich und dazu dies andre Leid. Elektra. So steht's mit uns hier; aber folgst du meinem Wort, So lösest du des neuen Leides schwere Last. Chrysothemis. Kann ich die Todten wecken aus des Grabes Nacht? Elektra. Nicht also meint' ich's; so verstandlos bin ich nicht. Chrysothemis. Und was verlangst du, das zu thun ich fähig sei? Elektra. Du sollst es wagen, keck zu thun nach meinem Rath. Chrysothemis. Nun, kann es irgend frommen, weis' ich's nicht zurück. Elektra. Bedenke: sonder Mühe lacht uns nie das Glück. Chrysothemis. Ich weiß es, helfen will ich dir, so weit ich kann. Elektra. Wohlan, so höre, was zu thun ich Willens bin. Du weißt es selbst, auf keine Hülfe dürfen wir Von unsern Freunden hoffen, denn entführt, geraubt Hat sie der Hades, und allein sind wir zurück. Ich wohl, so lang ich hörte, daß der Bruder noch Im Leben blühe, nährte mich mit Hoffnungen, Er werde kommen, fordern einst des Vaters Blut. Nun er dahingeschieden, blick ich nur zu dir: Du sollst den Mörder, der den Vater uns erschlug, Aegisthos, alsbald tödten im Verein mit mir, Der Schwester: denn Nichts werde dir fortan verhehlt! Was säumst du noch langmüthig? Wo vertraust du noch Auf sichre Hoffnung? Seufzer nur sind dir vergönnt, Daß dir der Ahnen reiches Erb' entrissen ward, Vergönnt, zu jammern, daß du schon so lange Zeit Als Unvermählte liebelos hinaltern mußt. Und hoffe nicht mehr, daß dir Eh' und Liebe noch Erblühen werde; denn so ganz des Rathes bloß Ist nicht Aegisthos, daß er dein und mein Geschlecht Je Keime treiben ließe, sich zu sich'rem Fluch. Indeß wofern du meinen Rath befolgen willst, So trägst du frommer Liebe Dank vorerst davon Bei'm todten Vater drunten und beim Bruder auch; Dann, wie du frei erwuchsest, also wirst du frei Fortan genannt sein, und beglückt in würdigem Ehbunde. Gern sieht Jeder auf das Edle ja. Und siehst du nicht auch, welches Ruhms erhabnen Preis Du dir und mir erringest, folgst du meinem Rath? Denn wo erblickt ein Bürger, wo ein Fremdling uns, Der uns mit solchem Lobe nicht willkommen heißt: 955, Freunde, schauet diese zwei Geschwister hier, Die ihres Vaters hohes Haus erretteten, Die seinen Widersachern auf des Glückes Bahu, Ihr Leben wagend, grausen Tod bereiteten! Sie liebe Jeder, sie zu scheu'n ist Aller Pflicht; Sie muß an Festen, oder wo das Volk der Stadt Sich sammelt, ehren alle Welt für ihren Muth!" So werden All' uns preisen, und im Leben nicht, Und nicht im Tode schwindet unser Ruhm dahin. Drum folge mir, Geliebte, steh dem Vater bei, Hilf deinem Bruder, rette mich aus dieser Noth, Und rette dich auch, eingedenk des Einen, daß In Schmach zu leben eine Schmach dem Edeln ist. Der Chor. In solchen Dingen muß ein wohlbedachter Sinn Dem Sprecher, wie dem Hörer, stets zur Seite sein. Chrysothemis. Wohl, theure Frauen, dächte sie nicht ganz verkehrt, Sie hätte wahrlich, ehe sie gesprochen, sich Bewahrt die Vorsicht, wie sie nun sie nicht bewahrt. Worauf vertrauend wagst du mit so keckem Muth Dich selbst zu waffnen und verlangst auch meinen Arm? Bedenke doch: du bist ein Weib nur, nicht ein Mann, Bist ohne Macht, bist schwächer als die Feinde sind; Auch lächelt ihnen Tag für Tag des Glückes Huld; Uns ist das Glück entschwunden und zerrinnt in Nichts. Wer also, wenn er solchen Mann zu stürzen sinnt, Wird unverlezt dem Untergange sich entziehn? Sieh, daß wir, Schweres tragend, nicht noch Schwereres Uns schaffen, wenn ein Andrer so dich reden hört! Denn nicht ersprießlich kann es uns noch dienlich sein, Wenn wir, gekrönt mit Nuhme, schmählich untergehn. Denn nicht den Tod eracht' ich als das Schrecklichste, Nein, wenn man selbst ihn suchend ihn nicht finden kann. Drum bitt' ich, fleh' ich, ehe wir in schnödem Tod Ganz untergehen und das Haus zur Dede wird: Laß ab, zu grollen! Was ich auch von dir gehört, Bewahr' ich ohne Fährde dir und ungesagt. Doch lerne selber endlich nach so langer Zeit Der Macht dich beugen, die du selbst unmächtig bist. Der Chor. Folg' ihrem Rath; für Menschen ist der edelste Gewinn die Vorsicht und ein klugbedachter Sinn. Elektra. Ich war gefaßt auf deine Reden, wußte wohl, Wegwerfen würd'st du, was ich jezt wohlmeinend rieth. So muß mit eignen Händen ich allein die That Vollbringen; denn nicht unvollendet lass' ich sie. Chrysothemis. Weh! O daß du solches Sinnes, als der Vater starb, Gewesen wärest! Alles hätt'st du durchgesezt. Elektra. Des Sinnes war ich, nur an Einsicht noch zu schwach. Chrysothemis. An solcher Einsicht halte treu dein Lebenlang. Elektra. Du mahnst mich also, weil du nicht mithandeln willst. Chrysothemis. Ein böses Unternehmen führt zu bösem Ziel. Elektra. Als klug bewundr' ich, aber hass' als feige dich. Chrysothemis. Gleichgültig hör' ich's, wenn du mich auch loben magst. Elektra. Lob wird dir wahrlich nimmermehr von mir zu Theil. Chrysothemis. Noch lang, um hier zu richten, ist die Folgezeit. Elektra. Geh hin! In dir erblüht mir keine Hülfe mehr. Chrysothemis. Doch! Sie zu müzen, mangelt dir der weise Sinn. Elektra. Geh nur, berichte deiner Mutter alles dies. Chrysothemis. Mit solchem Grolle groll' ich dir, o Schwester, nicht. Doch sich, zu welcher Schande du mich niederziehst. Zur Schande niemals, aber zur Besonnenheit. Elektra. So muß ich dem nur folgen, was dir recht erscheint? Chrysothemis. Wenn du die Weis're bist, so gehst du mir voran. Elektra. Wie Schade, recht zu reden und doch fehlzugehn! Chrysothemis. Du gibst das Uebel richtig an, das dich befiel. Elektra. Wie meinst du? Sagt' ich dieses nicht mit vollem Recht? Chrysothemis. Doch gibt es Fälle, wo das Recht auch Schaden bringt. Elektra. Nach solcher Sazung richt' ich nie mein Leben ein. Chrysothemis. Doch wirst du mich noch loben, wenn du dieses thust.[OCR transcription; compare the scan.] Wenn du dieses thust", d. i. wenn du deinen Plan, den Aegisthos zu tödten, ausführst, und dich dadurch unglücklich machst. Printed p. 83 Elektra. Gewiß, ich thu' es, nicht zurückgeschreckt von dir. Chrysothemis. Und das in Wahrheit? Denkst du nicht auf andern Rath? Elektra. Den Rath der Feigheit, über Alles hass' ich ihn. Chrysothemis. Nichts achtest du, so scheint es, was ich sagen mag. Elektra. Schon lange, nicht erst heute, war dies mein Entschluß. Chrysothemis. So will ich gehen; du gewinnst es nie von dir, Mein Wort zu loben, noch belob' ich deinen Sinn. Elektra. Ja, gehe nur: ich folge niemals deinem Pfad, Und wenn du noch so dringend mich bestürmst; es zeugt Von großer Thorheit auch die Jagd um Nichtiges. Chrysothemis. Nun, wenn du selbst in stolzem Wahne klug dich dünkst, Sei klug in solcher Weise! Wenn das Ungemach Dereinst dich heimsucht, lobst du meine Worte noch. Elektra. Der Chor. Erste Strophe. Der Chor. Wir sehen wohl sinnige Vögel droben sich Treulich um jener Pflege müh'n, Denen sie Leben, denen sie Nahrung verdanken: sollten wir Menschen das Gleiche zu thun verschmähen? Doch, bei'm Donnergeschoß des Zeus, Bei der himmlischen Themis, nicht Lange säumt die Vergeltung![OCR transcription; compare the scan.] Nicht lange säumt die Vergeltung", die Strafe, welche die Götter über den Menschen verhängen, der die heilige Pflicht der Pietät gegen die Eltern versäumt. Printed p. 83 Die du das Grab hinunter dringst, Phama, den Jammerruf hinab[OCR transcription; compare the scan.] Nach dem Glauben der Alten gelangen Nachrichten von den Dingen der Oberwelt auch zu den Todten. Hier soll die Sage (Phama) als Gottheit in die Unterwelt hinabdringen und dem Agamemnon die traurige Botschaft von dem unversöhnlichen Zwiespalt der Schwestern verkündigen, daß er Elektra, die nun allein steht, im Werk der Rache unterstüze. 6* Printed p. 83 Dröhne, des Atreus Söhnen dort Meldend die Schmach und die bittre Trauer: Erste Gegenstrophe. Daß dieses Haus immer in schwerem Leide noch Krankt, und der beiden Kinder Streit Nimmer sich noch zu trauter Huld (geht ab.) Freundlichem Bund verglichen hat. Aber Elektra, verlassen, einsam, Wallt vom Schicksal umhergestürmt, Gleich der klagenden. Nachtigall, Stets den Vater bejammernd. Nicht vor dem Tode zittert sie, Scheidet vom Lichte freudenvoll, Wenn sie vertilgt den Bund des Fluchs. Liebte so innig ein Kind den Vater? Zweite Strophe. Wohl kein Edler, o Kind,[OCR transcription; compare the scan.] Kein Edelgeborener läßt sich durch das Unglück verleiten, zu thun, was seinen Namen schändet. So hat auch Elektra lieber ein niedriges, ihrer Geburt unwürdiges Loos erkoren, um ihren Ruhm zu retten." Printed p. 84 Wählt sich Unglück, daß hinfort ruhmlos in Nacht Schwinde des Namens Glanz: So wählst auch du, Kind, ein gramvolles, niedres Leben, Du rufst die Schmach zum Kampfe, nimmst den Doppelpreis in Einem Wort: Das weise Kind seist du, wie das frömmste. Zweite Gegenstrophe. Siegreich über den Feind Leb' in Macht fortan und Reichthum, wie du jezt Seiner Gewalt dich beugst. Obwohl ein unselig Loos über dir gewaltet, Doch fand ich, wie du dir den Preis errangst, den höchster Pflichten treu, Indem du Zeus fromme Scheu bewiesest. Orestes. Pylades. Diener, die eine Urne tragen. Die Vorigen. Orestes. Ihr Frauen, sagt uns, haben wir auch recht gehört, Sind wir auf rechtem Wege hier nach unserm Ziel? Der Chor. Was willst du wissen, welch Verlangen führt dich her? Orestes. Wo hier Aegisthos wohne, forsch' ich lange schon. Der Chor. Recht gingst du: der dir's sagte, hat dich nicht getäuscht. Orestes. Wer unter euch wohl kündet dort im Haus es an, Daß wir zusammen, längstersehnt, gekommen sind? (auf Elektra deutend) Der Chor. Hier diese, wenn's die Nächstverwandte melden soll. Orestes. Frau, geh' hinein und sage, daß hier Einige Den König suchen, Männer aus dem Phokerland. Elektra. Ihr kommt doch nicht, die Sage, die wir hörten, ach! Mit klaren, sichern Zeichen uns bekräftigend? Orestes. Ich weiß von deiner Sache nicht; mit Kunden von Orestes hat mich Strophios, der Greis, gesandt. Elektra. Was ist es, Fremdling? Wie die Furcht mich übermannt! Orestes. In kleiner Urne bringen wir vom Todten hier Die kleinen Ueberreste, wie du siehst, o Frau. Elektra. Ich Arme, weh! Das ist es: sichtbar seh' ich jezt Vor meinen Augen, scheint es, diese Schmerzenslast! Orestes. Wenn deine Klag' Orestes' herbem Loose gilt, So wisse: dieses Erzgefäß birgt seinen Leib. Gib denn, o Fremdling, wenn die Urne hier ihn birgt, Gib, bei den Göttern, das Gefäß in meine Hand, Auf daß ich mich und meinen ganzen Stamm zugleich Mit dieser Asche weinen und betrauern mag. (zu den Dienern) Gebt, wer sie sein mag, bringt es ihr; denn sicher nicht Als eine Feindin bittet sie sich solches aus, Nein, als die Freundin, oder ihm durch Blut verwandt. (die Urne umfassend) Elektra. Denkmal des liebsten Menschen, das mir übrig blieb Von seinem Leben, wie so ganz mit anderen Hoffnungen, als ich dich entließ, empfang' ich dich! Nun Staub geworden trag' ich dich in meiner Hand, Und sandte dich so blühend, Kind, von Haus himveg! hätte diesem Leben mich ein Gott entrückt, Bevor mit diesen Händen ich dich raubte, dich Hinsandt' in fremde Fernen und dem Mord entriß! Dann lagst du jenes Tages todt als Leiche da, Am Grab des Vaters hättest du dein Theil mit ihm. Nun starbst du, fern von Hause, fern in fremdes Land Gebannt, in Elend, und der Schwesterlieb' entrückt, Und nicht in treuen Händen hab' ich Arme dich Geschmückt, gebadet, und aus flammenvoller Glut Dich arme Last erhoben, wie mir's wohl gebührt. Beschickt in fremden Händen, Unglückseliger, Ein kleiner Umfang nahst du mir in kleinem Raum. Ich Arme, weh mir! Also war die Pflege denn Unnüz, verloren, die ich einst an dich so oft Gewandt mit süßer Mühe! Denn nie warest du So heiß von unsrer Mutter, als von mir, geliebt; Nicht unsre Hausgenossen, ich nur pflegte dich, lud mich, die Schwester, sprachest du beständig an. Nun ist an Einem Tage dies entschwunden, ist Mit dir gestorben: Alles ja, dem Sturme gleich, Mit dir entraffend, schiedest du. Der Vater starb, Ich bin gestorben und du selbst dahin und todt: Die Feinde lachen, und es tobt in wilder Lust Die schnöde Mutter, der du selbst ein Nächer einst Erscheinen wolltest, wie du mir durch Boten oft Geheim verkünden ließest. Nun hat alles dies Dein böser Dämon und der meine mir entrückt, Der also dich mir sandte, statt der theuersten Gestalt, ein nichtig Schattenbild und Asche nur. Ach, weh, weh! klägliches Bild! Weh, weh! Auf Pfaden des Grau'ns (Weh, weh mir!) Gesendet, o mein Trauter, gabst du mir den Tod, Sa, gabst den Tod mir, mein geliebtes Bruderhaupt! So nimm mich auf in dieses enge Haus zu dir, Zum Staub die Staubgewordne, daß ich drunten dir Fortan gesellt sei! Als du noch hier oben warst, Da theilt' ich gleiches Loos mit dir; mun drängt es mich, Im Tode nicht von deinem Grabe fern zu sein. Denn nur die Todten, seh' ich, rührt kein Kummer mehr. Der Chor. Bedenk', Elektra: sterblich war, der dich gezeugt, Orestes sterblich; jammre denn nicht allzusehr. Orestes. Was sag' ich? Weh mir! Wo verirrt mein zweifelnd Wort Sich hin? Gebieten kann ich nicht der Zunge mehr. Elektra. Was schmerzt dich also? Was bedeutet dieses Wort? Orestes. Du wärst Elektra? Wäre dies dein edles Bild? Wohl ist es dieses, und ein unglückseliges. Weh! Wie so graunvoll faßte dich dies Ungemach! Elektra. Doch nicht um mich, o Fremdling, rufst du solches Weh? Orestes. Ha, dieser gottlos frevelhaft entstellte Leib! Elektra. Mir, Fremdling, keiner Andern, gilt dein Klageruf. Orestes. Weh, daß in Elend ehelos dein Leben schwand! Elektra. Was blickst du, Fremdling, so mich an, was jammerst du? Orestes. So hatt' ich also Nichts gewußt von meinem Leid. Elektra. Und welche meiner Reden hat es dir enthült? Orestes. Mir sagt's des Jammers Uebermaß, das dich umringt. Elektra. Und meiner Leiden siehst du doch nur wenige. Orestes. Und wie vermöcht' ich schlimm're noch, als die, zu schaun? Den Mördern leb' ich zugesellt in Einem Haus. Wie? Wessen Mördern? Welcher That gedenkst du da? Elektra. Des Vaters: und bei diesen muß ich Sklavin sein. Orestes. Doch wer auf Erden bürdet solchen Zwang dir auf? Elektra. Sie nennt sich Mutter; doch der Mutter gleicht sie nicht. Orestes. Wie? Zwingt sie dich durch Mangel oder durch Gewalt? Elektra. Durch Mangel zwingt sie, durch Gewalt und jede Noth. Orestes. Ist nicht ein Helfer, Keiner da, der solches wehrt? Elektra. Nein; der's gewesen, dessen Asche bringst du mir. Orestes. Ach Arme, lange fühl ich schon Mitleid mit dir! Elektra. Allein auf Erden fühltest du Mitleid mit mir. Orestes. Allein auch komm' ich schmerzerfüllt von gleicher Noth. Elektra. Doch nicht verwandt uns kommst du her aus fernem Land? Orestes. Ich werd' es sagen, sind die Frau'n hier wohlgesinnt. Elektra. Wohl sind sie das: zu Trenergebnen redest du. Orestes. So seze weg die Urne, daß du Alles hörst. Elektra. Um alle Götter, thue das mir nicht, o Freund. (die Urne umfassend) Orestes. O folge meinem Worte nur: dann fehlst du nie. Elektra. Bei deinem Antliz, nimm mir nicht mein Theuerstes! Ich lass' es niemals. (die Urne nehmend) Weh mir Armen ohne dich, Orestes! Auch von deiner Urne trennt man mich. Orestes. Sprich gute Worte; denn du seufzest ohne Grund. Elektra. Was? Um den todten Bruder seufz' ich ohne Grund? Orestes. Den Namen ihm zu geben ziemt dir nimmermehr. Elektra. So sehr verschmäht der hingeschiedne Bruder mich? Orestes. Niemand verschmäht dich! aber dies berührt dich nicht. Elektra. Doch, wenn Orestes' Asche ruht in meiner Hand! Orestes. Das ist Orestes' Asche ja zum Scheine nur. Elektra. Wo ist die Gruft denn dieses Unglückseligen? Orestes. Gar nirgend: hat doch keine Grust ein Lebender, Elektra. Wie sagst du, Jüngling? Orestes. Keine Lüge sag' ich dir. Elektra. So lebt Orestes? Orestes. Wenn ich selbst am Leben bin. Elektra. Du bist es selber? Orestes. Sieh des Vaters Siegel hier An meiner Hand, zum Zeichen, daß ich Wahres sprach. Elektra. schönster Tag! Orestes. schönster also sag' auch ich! Elektra. Du kamst? Stimme! Orestes. Hör' es nicht von Andern mehr! Elektra. Du bist in meinen Armen? Orestes. Bleib' es immer so! Elektra. Geliebte Frau'n, ihr Bürgerinnen dieser Stadt, Seht hier Orestes, welcher erst durch schlaue List Gestorben, nun durch schlaue List erhalten blieb! Der Chor. Wir sehen ihn, o Tochter, und die Thräne rinnt Bei solcher Fügung freudig aus dem Auge mir. Otheurer Sproß, Strophe. Elektra. Sproß jenes uns, ach, so geliebten Manns, Du kamst endlich, ja, Du kamest, fandest, sahest, die dein Herz ersehnt! Orestes. Ich bin gekommen; aber schweigend harre noch. Warum das? Wohl ziemt zu schweigen, eh man uns im Haus vernimmt. Elektra. Nein, bei der ewig unbezwungnen Artemis![OCR transcription; compare the scan.] Die Jungfrau ruft die jungfräuliche Göttin an, weil sie als Jungfrau unter der besonderen Obhut derselben steht. - 1224. Orestes will die Besprechung des Mordes die der Dichter den Zuschauern nicht noch einmal bieten mochte, und durch welche er den Orestes nicht zu irgend welchem Bedenken veranlassen wollte auf passende Zeit verschoben wissen. Printed p. 84 Wahrlich, ich fürchte nicht die nuzlose Last, Dies Volk der Weiber mehr, das im Haus stets sich umtreibt. Orestes. Doch sei behutsam, auch in Weiberseelen glüht Kampfmuth: du weißt es; denn Erfahrung lehrte dich's. Elektra. Oweh, o Graun, o Graun! Du nennst unverhüllt das unvertilgbare, In der Erinnerung nie zu verschmerzende, Das Leid, das ich litt! Orestes. Wohl weiß ich das; doch dieses Jammers mußt du mir Dann erst gedenken, wann die rechte Zeit erscheint. Zu jeder Zeit, Gegenstrophe. Elektra. Ja wohl jeder Zeit geziemt's uns mit Fug Sein zu gedenken, Kind; Denn kaum gewann ich eben erst die Zunge frei. Orestes. Das mein' ich selbst auch; schüze dir denn solches Gut. Wie soll ich das? Wo nicht die Zeit ist, fasse dich in Neden kurz. Elektra. Wer mag mit Recht, o Bruder, nun du mir erschienst, Hemmen der Worte Strom, scheu zu verstummen hier? Denn plözlich, ungeahnt, unverhofft, kamst du wieder. Orestes. Du sahst mich, als zu kommen mir ein Gott gebot. Elektra. Noch größ're Freude, denn zuvor, Kündest du' da mir an, wenn dich in unser Haus Himmlische Götter gesendet: ein göttliches Walten erkenn' ich hier. Orestes. Zwar deiner Freude wehren will ich nicht; indeß Ich fürchte, daß die Freude dich zu sehr beherrscht. Schlußgesang. Elektra. Du, der mich seines Anblickes würdigend, Auf langersehntem Pfade mir erschienen, O, weil du so mich siehst in Noth, Orestes. Was soll ich? Elektra. Naube mir doch nicht die Wonne, An deinem Anblick, Trauter, mich zu weiden! Orestes. Selbst Andern zürnt' ich, gönnten sie dir solches nicht. Elektra. Du gönnst mir's? Orestes. Warum nicht? Elektra. Eben ward mir eine Kunde, Die ich nie geahnt, ihr Theuren: Alles Leid ertrug ich lautlos, Sonder Angstausruf es hörend. Jezo hab' ich dich; du kamest, Zeigtest mir dein theures Antliz, Das ich auch im Leide nie vergäße.[OCR transcription; compare the scan.] Auch im Leide", wenn unser Unternehmen mißlingen sollte, werde ich nie des Gliückes vergessen, dem Bruder in's Auge geschaut zu haben. Printed p. 84 Orestes. Des überflüssig eitlen Worts enthalte dich, Und weder sag' uns, wie die Mutter Frevel übt, Noch wie des Hauses Ahnengut Aegisthos uns Erschöpft, hinauswirft und gedankenlos verstreut: Das Reden raubt die wohlgelegne Stunde dir.[OCR transcription; compare the scan.] Die wohlgelegene Stunde, d. i. den rechten Zeitpunkt des Handelns. Printed p. 84 Nur was in diesem Augenblick mir dienlich sei, Erkläre, wo, verborgen oder offen, ich Der Feinde Jubel hemmen mag auf diesem Gang. Doch daß am heitern Blicke nicht die Mutter, was Du sinnst, erkenne, traten wir in's Haus hinein; Nein, jammre, wie betroffen durch das Mißgeschick, Von dem die falsche Sage sprach: gelang das Wert, Daun steh'n dir ohne Schranke Lust und Lachen frei. Elektra. Ja, theurer Bruder, so wie dir genehm es ist, So sei es mir auch: hab' ich doch die Freude nur Durch dich empfangen, nicht ich selbst errang sie mir. Die kleinste Kränkung auch an dir ich möchte nicht Um großen Lohn sie kaufen; denn ich diente dann Nicht würdig jenem Gotte, der uns jezt beschirmt. Doch wie es hier steht, weißt du ja; du hörtest doch, Aegisthos weile nicht im Haus, wohl aber sei Die Mutter innen; diese wird das fürchte nicht! Niemals von Freude mein Gesicht erheitert sehu. Denn tief in meinem Herzen lebt der alte Haß, Und seit ich dich erblickte, rinnt mein Auge stets Von Wonnethränen. Wie versiegten diese mir, Nachdem ich todt und lebend dich auf Einem Gang Geseh'n? Du thatest, was ich nie geahnt, an mir; Ja, wenn der Vater lebend käm', ich achtet' es Nicht mehr für Blendwerk, sondern glaubt' ihn selbst zu seh'n. Und nun du dieses Weges uns gekommen bist, Geh selbst voran nach deinem Sinn! Blieb ich allein, Errang ich Eins von Zweien wohl: ich hätte mich Ruhmvoll gerettet, oder fand ruhmvoll den Tod. Orestes. Sei still, ich bitte; denn heran zur Pforte naht Jemand von innen. (sich verstellend) Elektra. Geht hinein, ihr Fremdlinge, Zumal ihr bringet, was im Hause Keiner wohl Verschmähend abweist, noch empfängt in frohem Muth. Der Pfleger. Die Vorigen. Der Pfleger. Ihr argen Thoren, ihr an Sinn Verblendeten! Drängt euch um euer Leben nicht die Sorge mehr? Wie? Oder lebt kein angeborner Geist in euch, Daß ihr dem Leid nicht nahe, nein, im Leide selbst, Dem größten, euch befindet, und es nicht erkennt? Hätt' ich an dieser Pforte nicht schon lang gewacht, So wären eure Plane wohl im Hause dort Ruchbar geworden, eh' ihr selbst hineingelangt: Ich habe dies durch meine Vorsicht abgewandt. Und mun erspart die langen Reden euch und laßt Von diesem Freudenlärme, der nicht enden will, Und tretet ein, da Zaudern unheilbringend ist Bei solchen Dingen und die Zeit zum Ende drängt. Orestes. Wie steht es aber, wenn ich eingetreten dort? Der Pfleger. Sehr wohl; das Schicksal fügt es, das Niemand dich kennt. Orestes. Du brachtest, denk' ich, Kunde wohl von meinem Tod? Der Pfleger. Ein Mann des Todes, wisse, bist du jenen dort. Orestes. Sie freu'n sich wohl darüber? Nun, was sagen sie? Der Pfleger. Nachdem's gethan ist, red' ich: wie die Sachen steh'lu, Geht Alles gut mit ihnen, auch was übel ist. Elektra. Wer ist der Mann hier, Bruder? Bei den Göttern, sprich! Orestes. Ihn kennst du nicht mehr? Elektra. Nicht entsinnen kann ich mich. Orestes. So weißt du nimmer, wem du mich einst übergabst? Elektra. Wem? Was erwähnst du? Orestes. Dessen Arm mich ehedem, Dank deiner Vorsicht, ingeheim nach Phokis trug. Elektra. Wie? Sener ist es, welchen ich aus Vielen einst Allein getreu erfunden bei des Vaters Tod? Orestes. Der ist es: aber frage nun nicht weiter mehr. Elektra. schönster Tag! Des Vaterhauses einziger Erretter! Wie nur kamst du? Bist du wirklich der, Der ihn und mich gerettet aus so vielem Leid? Ihr theuren Hände! Du getreuer, süßer Dienst Der Füße! Wie nur warst du mir so lange nah, Und warst mir doch verborgen und vernichtetest Durch Worte mich, indeß du Wonnethaten bringst? Heil, Vater! Denn den Vater, dünkt mir, seh' ich hier: Heil! Wisse, daß ich unter allen Menschen dich Gehaßt am meisten und geliebt an Einem Tag! Der Pfleger. Nun scheint's genug mir. Wohl, Elektra, werden ja Sich viele Tag' und Nächte noch im Kreise dreh'n, Die dir getreu verkünden, was indeß geschah. Euch Beiden sag' ich, die ihr hier noch steht: es ist Zum Handeln Zeit; die Tochter Tyndars ist allein, Der Männer keiner innen! Wenn ihr säumen wollt, So wißt: ihr müßt mit diesen und mit anderen Zahlreichern und Geschicktern noch den Kampf besteh'n. Orestes. Zu langen Reden haben wir, o Pylades, Jezt keine Zeit mehr; nein, es gilt nur ungesäumt Hineinzutreten und der Götter altes Bild Zu grüßen, die hier walten auf des Hauses Flur. (Sie knieen vor dem Altar des Apollon nieder, und gehen dann in den Palast.) Elektra. O Fürst Apollon, höre sie voll Gnaden an, Und mich mit ihnen, die ich dir so Vieles schon, Was ich vermochte, dargebracht mit voller Hand! Auch nun, Lykeier Phöbos, wie ich's jezt vermag, Beschwör' ich, knieend ruf' ich dich: willfährig sei Ein Helfer uns bei dieser wohlerwognen That, Und zeige du den Menschen, welch gerechten Lohn Ruchlosigkeit aus hoher Götter Hand empfängt! Seht ihn, seht Ares, wie (allein.) Strophe. (sie folgt ihnen.) Der Chor. Er Blut schnaubend hin zum Kampf stürmt voll Wuth! Des Fluches Hunde drangen schon in's Haus hinein, Die an die Sohle sich hesten der Gräuelthat, Die Unentfliehbaren; Und schwebend auf Entscheidung harrt, Was träumend ahnte meinem Geist, nicht lange mehr. Gegenstrophe. Denu der Bluträcher trat Im Haus eben ein mit trugvollem Schritt, Zu seines Vaters altem goldnem Herrschersiz, Und in den Händen trägt er Mord, blutigroth. Es führt Hermes ihu, Der Maja Sohn, zum Ziel hinan, Den Trug in Nacht einhüllend, säumt nicht länger mehr. Elektra (eilig zurückkommend). Der Chor. Elektra. O liebe, theure Frauen, gleich vollenden nun Das Werk die Männer: also harrt ihr schweigend noch! Der Chor. Wie? Was beginnen jene? Elektra. Sie bereitet jezt Zum Grab die Urne, nahe steh'n die Beiden ihr.[OCR transcription; compare the scan.] Sie bereitet die Urne zum Grabe", sie schmückt die Todtenurne zur feierlichen Beisezung und dem daran sich schließenden Leichenmahle. Printed p. 84 Der Chor. Und du, was eiltest du heraus? Elektra. Zu wachen, daß Aegisthos uns nicht unbemerkt das Haus betritt. (im Hause) Klytämnestra. Ach, ach, o Graun! Das Haus Ist öde rings von Freunden, und von Mördern voll. Elektra. Es jammert innen. Hört ihr nicht, o Freundinnen? Der Chor. Wohl hört' ich Wehklageruf, daß mir Armen schaudert. Klytämnestra. Ich Arme, weh! Aegisthos, ach, wo bist du doch? Elektra. Schon wieder klagt es: hört ihr? Klytämnestra. Sohn, geliebter Sohn, Erbarme dich der Mutter! Elektra. Auch bei dir ja fand Er kein Erbarmen, wie der Mann, der ihn gezeugt. Der Chor. Weh dir, o Stadt, o Geschlecht der Herrscher! Heute Rafft dich hinab das Geschick, du sinkst, du sinkst! Klytämnestra. Weh, weh! Verwundet Elektra. Triff noch Einmal, wenn du kannst! Klytämnestra. Schon wieder weh mir! Elektra. Träfst du doch Aegisthos auch! Der Chor. Erfüllt der Fluch! Die das Grab drunten barg, leben jezt! Denn Blut in reichen Strömen, Blut entzieh'n die längst Gestorb'nen Rächend ihren Mördern. Orestes. Pylades. Der Pfleger. Die Vorigen. Da sind sie wieder: roth vom Blute triest die Hand, Von Ares' Opfer; aber tadeln kann ich's nicht.[OCR transcription; compare the scan.] Σ. οὐδ᾽ ἔχω ψέγειν. Printed p. 84 Elektra. Wie steht's, Orestes? Orestes. Dort im Hause steht es wohl, Wenn mir's Apollons Sprüche wohl verkündigten. Elektra. Todt ist die Unheilvolle? Orestes. Nimmer fürchte mehr, Daß dich der Mutter stolzer Hohn entwürdige! Der Chor. Seid stille; dort sch' ich ganz deutlich nah'n Aegisthen. (zu Drestes und Pylades) Elektra. In's Haus zurück, o Kinder! Orestes. Wo gewahret ihr Den Mann? Elektra. Von draußen kommend Er schreitet freudig dort auf uns heran, Der Chor. Hinter die Thore zurück mit schnellen Schritten! Nun ihr das Erste vollbracht, vollbringt auch dies! Orestes. Getrost! Wir enden's. Elektra. Schon geh' ich weiter. Eile denn, wohin dich's treibt! Mir gebührt zu walten hier. (Orestes, Pylades und der Pfleger ab.) Der Chor. Nun flüstre (das frommt gewiß) diesem Mann hier in's Ohr Nur wenig Worte sanft und still, damit er sonder Ahnung Zum Kampf der Rache stürze! Aegisthos. Elektra. Der Chor. Aegisthos. Wer unter euch weiß, wo die Phokergäste sind, Die, heißt es, uns verkünden, daß Orestes jüngst Im Wagenkampfe scheitert' und das Leben ließ? (zu Elektra) Dich, dich, ja dich befrag' ich, die du früher stets So trozig warest: dich am ersten kümmert's wohl; So, denk' ich, weißt du's auch am ersten kundzuthun. Elektra. Ich weiß es; wie denn sollt' ich nicht? Fremd wär' ich sonst Dem Loos der Meinen, welche mir so theuer sind. Aegisthos. Wo sind sie denn, die Gäste? Das bedeute mir. Elektra. Im Hause, bei der lieben Wirthin eingeführt. Aegisthos. Und daß er todt sei, melden sie unzweifelhaft? Elektra. Und gaben auch Beweise, nicht durch Worte nur. Aegisthos. So steht mir frei, mit eignen Augen es zu seh'n? Elektra. Frei steht der Anblick; doch er ist kein lieblicher. Aegisthos. Du sagst mir viel zur Freude, wie du nie gepflegt. Elektra. Wohl, freue du dich, wenn es dir erfreulich ist. Aegisthos. Nun still, gebiet' ich; thut des Hauses Pforten auf; Denn ganz Mykene soll es, Argos soll es schaun, Daß Jeder, der sich etwa sonst auf diesen Mann Mit eitler Hoffnung wiegte, todt ihn schaue nun, Und mein Gebiß annehme, wenn nicht meine Zucht Vorher gewaltsam zur Vernunft ihn bringen soll. Elektra. Ich thue schon das Meine; denn mich hat die Zeit Gelehrt, zu folgen, wenn gebeut ein Stärkerer. (Sie öffnet die Thür; man erblickt die verhüllte Leiche Klytämnestra's.) Orestes. Pylades. Der Pfleger. Die Vorigen. Aegisthos. Zeus! Ein Opfer, hingestreckt durch Götterzorn, Erblick' ich! Doch ich schweige, wenn ich Sünde sprach. Löst ganz die Hülle meinem Blick, daß auch von mir Dem Anverwandten sei gebracht der Thränen Zoll! Orestes. Selbst hebe du sie; mir ja nicht, nur dir gebührt's, Zu seh'n und hold zu grüßen, was die Hülle birgt. Aegisthos. Du räthst mir wohl, ich folge deinem Rath, und du Berufe Klytämnestra, wenn sie drinnen weilt. Orestes. Sie hast du nahe: suche nicht mehr anderwärts. (hebt die Decke auf) Aegisthos. Weh! Was erblick' ich? Orestes. Wer erschreckt, wer irrt dich hier? Aegisthos. In welcher Männer Neze, ha! bin ich gestürzt, Ich Sohn des Unglücks? Orestes. Merkst du nicht schon lange, daß Du, wie mit Abgeschiednen, sprichst mit Lebenden? Aegisthos. Weh mir! Das Wort versteh' ich: denn kein Andrer war's, Es war Orestes, welcher eben sprach zu mir. Orestes. Du, Seher ohne Gleichen, warst so lange blind? Aegisthos. Verloren bin ich Armer! Doch vergönne mir Ein kurzes Wort noch. Elektra. Dulde nicht, bei'm Himmel, daß Er weiter spricht, o Bruder, und viel Worte macht! Ein Mensch, umringt von Leiden und dem Tode nah, Was hülf' es diesem, wenn der Tod noch zögerte? Nein, ohne Säumen tödt' ihn, und den Todten gib Den Todtengräbern, welchen er mit Recht verfällt, Von unserm Anblick ferne: dies allein genügt Als Sühne mir für dieses alte lange Leid. (zu Aegisthos) Orestes. Auf, geh' hinein und säume nicht! Denn traun, es gilt Jezt keinen Kampf um Worte, nein, dein Leben gilt's. Aegisthos. Warum in's Haus mich führen? Ist dein Thun gerecht,[OCR transcription; compare the scan.] Den Todtengräbern, d. i. den Vögeln und den Hunden, welchen er als Missethäter todt hingeworfen werden soll. Auch bei Aeschylos (in den Sieben vor Thebä) heißt es von Polyneikes V. 965: So nehm' er denn von räuberischer Vögel Brut Ehrlos bestattet seinen Ehrenlohn dahin. Printed p. 84 Wozu bedarf's des Dunkels? Gleich hier tödte mich! Orestes. Befiehl du nicht! Hin, wo du meinen Vater schlugst, Entweiche, daß du sterbest an derselben Statt! Aegisthos. So wär' es also diesem Haus verhängt, zu schau'n Der Pelopiden jezig und zukünftig Leid? Orestes. Das deine sicher: ganz bestimmt weissag' ich dir's. Aegisthos. Nicht als ererbt vom Vater rühmst du diese Kunst. Orestes. Viel Gegenreden; doch der Gang verzögert sich! Hinein! Ich folge. Nein, du selbst gehst mir voran! Um nicht zu fliehen? Nein, um nicht nach deinem Wunsch Zu sterben: dieses Bittre sei dir noch bewahrt! träfe Jeden ungesäumt dies Strafgericht, Der wider Ordnung und Gesez zu thun gedenkt : Der Tod! Der Frevel wären nicht so viele dann. Der Chor. Atreus' Stamm, wie drangst du so schwer Durch zahllos Leid zu der Freiheit durch, Die nun dies Werk dir errungen! (Alle ab in's Haus.)